Sorge um den freien Sonntag

18. März 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Foto: Hilde Vanstraelen (SXC)Foto: Hilde Vanstraelen (SXC)

Aktion christlicher Gemeinden, der Caritas und der Diakonie

Er wird in den nächsten Tagen viel Post bekommen, Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus. 175 Postkarten sind es, die von Einwohnern und Besuchern der Stadt Hildburghausen ausgefüllt und an die Thüringer Staatskanzlei adressiert wurden. Sie bitten den Landesvater darin, sich für einen arbeitsfreien Sonntag einzusetzen.

»Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, viele Menschen in Thüringen sorgen sich um die Zukunft des freien Sonntags. Die Sonntagsarbeit nimmt stetig zu; viele sind schon heute im Freistaat davon betroffen. Deshalb fordere ich die Regierung des Freistaates Thüringen auf, den Ladenschluss zu erhalten, Sonderöffnungen im Handel zu stoppen und die Höchstzahl verkaufsoffener Sonntage pro Kommune auf zwei im Jahr zu senken.« Außerdem sollten die immer zahlreicher werdenden Ausnahmegenehmigungen auch in anderen Branchen zurückgesetzt werden.

Die Allianz für den Sonntag ist eine Initiative der Kirchen und Gewerkschaften, die von zahlreichen Organisationen – auch aus anderen gesellschaftlichen Bereichen – unterstützt wird.

»Der Sonntag ist für den Menschen da – und nicht für die Wirtschaft!« lautet das Motto der Aktion, die einst im Freistaat Bayern gestartet worden ist, heute aber bundesweit immer mehr Anhänger findet. Unruhig werden, um die Ruhe zu bewahren, haben sie sich auf ihre Fahnen geschrieben und für ihre Aktion »zwölf Argumente für den freien Sonntag« zusammengetragen, die sie möglichst vielen Menschen nahebringen wollen, damit auch sie sich der Aktion anschließen.

Superintendent Dr. Michael Kühne und Oberpfarrer Christoph Victor gehörten zu denen, die in der vorigen Woche auf dem Marktplatz der südthüringischen Kreisstadt Hildburghausen einen Stand aufgebaut hatten und immer wieder mit den Passanten das Gespräch suchten. Aber auch Vertreter der katholischen Kirchengemeinde, der Diakonie und der Caritas unterstützten aktiv diese Aktion.
Aus theologischer Sicht huldigt der freie Sonntag der Schöpfung und ist das Zeichen, dass Gott der Herr der Schöpfung ist. Die Feier des Sonntags erinnert an die Auferstehung Christi.

Aber auch aus anderen Sichtweisen gibt es viele Argumente für den freien Sonntag: Er ermöglicht die ­Balance von Arbeit und Ruhe, er erneuert die Leistungsfähigkeit der Arbeitenden und ist kreative Schöpfungspause. Er lädt ein zum Innehalten und zur Reflexion, er trennt das Gewesene vom Kommenden und ­ermöglicht so den Blick auf Wesentliches und auf uns selbst. Denn – der arbeitsfreie Sonntag ist das Symbol dafür, dass Leben mehr ist als Arbeit.

Von Wolfgang Swietek

Mit offenen Herzen empfangen

18. März 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Titelseite

Comments Off

Foto: M. Nota (SXC)

Foto: M. Nota (SXC)

Integration: Wenn jetzt die ersten irakische Flüchtlingen ankommen, sind auch die Gemeinden gefragt

Lange haben sich die Kirchen dafür eingesetzt, dass irakische Christen nach Deutschland kommen können. Nun treffen die ersten Flüchtlinge im Durchgangslager Friedland ein. Auch Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen bereiten sich auf die Ankunft vor.

Der Countdown läuft. »In den nächsten Tagen«, sagt Petra Albert, Ausländerbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), »erwarten wir die Ankunft der ersten irakischen Flüchtlinge.« Insgesamt 2500 Flüchtlinge, darunter auch viele Christen, sollen in Deutschland eine neue Heimat finden. Erste Station sei zunächst das Durchgangslager Friedland in Niedersachsen, von dort aus gehe die Reise dann in die einzelnen Bundesländer, so die Ausländerbeauftragte.

Lange war um die Einreise der Flüchtlinge gestritten worden, ehe sich die EU-Innenminister im November 2008 darauf geeinigt hatten, rund 10000 besonders schutzbedürftige Menschen aufzunehmen. Sie gehören zu den zwei Millionen Irakern, die derzeit unter zum Teil katastrophalen Bedingungen in Syrien oder Jordanien leben. Was die Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in der Bundesrepublik zunächst benötigten, seien medizinische Hilfe, Deutschkurse und die Unterstützung bei der Integration, betont die Ausländerbeauftragte. Bei letzterem könnten auch die Kirchengemeinden behilflich sein. Schließlich handelt es sich bei den Ankömmlingen zu einem beträchtlichen Teil um Christen oder Angehörige anderer religiöser Minderheiten, für deren Aufnahme sich Deutschland von Anfang an stark gemacht hat.

Das Verteilungsverfahren ist inzwischen jedenfalls geklärt. Grundlage ist der sogenannte Königsteiner Schlüssel, nach dem auch die Asylbewerber im Land untergebacht werden. Demnach kommen jeweils 75 Flüchtlinge nach Sachsen-Anhalt und Thüringen, 131 nach Sachsen und 84 nach Brandenburg. Hauptaufnahmeländer sind Nordrhein-Westfalen und Bayern, wo bereits chaldäische und assyrische Gemeinden existieren und es auch familiäre Bande gibt.

Trotz der vergleichsweise geringen Zahl der Flüchtlinge, die nach Mitteldeutschland kommen, sieht die Ausländerbeauftragte hier eine wichtige Aufgabe für die Gemeinden. »Die Menschen brauchen unsere Unterstützung bei der geistlichen Beheimatung.« Auch reichten die staatlichen Integrationsprogramme allein nicht aus, um den Menschen den Start in einer fremden Umgebung zu erleichtern. Häufig fehlten anfangs die soziale Kontakte, die jedoch die Gemeinden herstellen könnten. »Wir müssen«, empfiehlt sie, »mit offenen Herzen ein Gespür für die Menschen entwickeln.«

Zufrieden zeigt sich Petra Albert, dass die Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt und Thüringen bereits nach 14 Tagen im Durchgangslager in den größeren Städten untergebracht werden sollen. Im Gespräch seien hier Erfurt, Eise-nach und Weimar sowie Magdeburg, Dessau und Halle. Dagegen wird Sachsen einen anderen Weg wählen. Hier müssten die Flüchtlinge zunächst drei Monate in Friedland bleiben und dort einen Deutschkurs absolvieren, ehe sie den Landkreisen und kreisfreien Städten zugeteilt werden.

Die Diskussion, ob die Christen aus dem Irak nicht eher im Nahen Osten bleiben sollten, wo ihre Wurzeln liegen, hält die Ausländerbeauftragte indes für müßig. »Die meisten hängen in den Flüchtlingslagern fest und können auch nicht in ihre alte Heimat zurück«, ist sie überzeugt. Zudem habe das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) die Fälle geprüft und nach klar umrissenen Kriterien entschieden. So sollen vor allem Angehörige religiöser Minderheiten, alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern sowie Schwerkranke nach Deutschland kommen. Allein in Syrien und Jordanien seien 60000 Flüchtlinge als »besonders schutzbedürftig« eingestuft worden, so Petra Albert.

Vor diesem Hintergrund nehmen sich die 2500 Flüchtlinge, denen Deutschland eine neue Heimat bieten will, fast bescheiden aus. Nun hofft die Ausländerbeauftragte, dass die Aufnahme ein erster Schritt ist und weitere Flüchtlingen folgen. »Sehr viel«, glaubt sie, »wird jedoch davon abhängen, wie die Erfahrungen jetzt sind.«

Kontakt: Petra Albert, Tel. (0391) 5346-493, E-Mail <petra.albert@ekmd.de>

Von Martin Hanusch

Jetzt oder nie – Klare Entscheidung gefragt

18. März 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Comments Off

Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Lukas 9, Vers 62

Foto: Andrew Beierle (SXC)

Foto: Andrew Beierle (SXC)

Das Leben muss ja weitergehen!«, so sagte mir vor kurzem jemand, der um einen Angehörigen trauert. »Du musst nach vorne schauen!«, so ­raten einem Freunde und Bekannte, wenn sie nach der Trauerfeier nach Worten ringen. Jesus würde uns vielleicht etwas anderes sagen: »Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht ­geschickt für das Reich Gottes!«

Wenn wir mitten im Leben stehen, wenn wir uns neu orientieren müssen, dann sind wir oft auf der Suche nach existenziellen Antworten. In diesem Abschnitt im Lukasevangelium möchte ein Mann mit Jesus unterwegs sein. Er möchte ihm nachfolgen und erleben, wie Jesus lebt und wirkt. Aber bevor er mit ihm losgeht, möchte er Abschied nehmen von seiner Familie und vor allem noch seinen Vater beerdigen. Aber Jesus macht ihm deutlich: Jetzt oder nie! Er signalisiert: Du hast nicht viel Zeit. Jesus lässt nicht locker: »Du musst dich entscheiden!«

Diese Dringlichkeit tut diesem Mann in seiner ­Situation gar nicht gut. Ich würde ihm eher raten: »Mache einen Schritt nach dem anderen, nimm ­Abschied, beerdige deinen Vater und dann komm mit mir!«

Wenn Jesus hier gar nicht locker lässt, dann will er darauf aufmerksam machen: Du musst wissen, was du willst. Du musst dich entscheiden. Das ist auch gut so. Oft wollen wir alles auf einmal. Und ­genau das geht schief. Weniger ist mehr. Es tut gut, sich auf das Wichtige zu konzentrieren.

Das Wesentliche vom Unwichtigen zu unterscheiden ist eine Lebenskunst, die immer wieder geübt werden will. So viel wird erwartet, so viel möchten wir tun, für unsere ­Familien, für unsere Kollegen, für unsere Freunde, und immer stellen wir fest: Wir müssen uns konzentrieren. Alles geht nicht.

Mitten in der Fastenzeit macht Jesus uns Mut: So ein Pflug braucht eine konzentrierte Hand, denn sonst wird die Furche schief.

Bettina Reinefeld-Wiegel, Pfarrerin in Weimar

Eine Frage des Gewissens

18. März 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

Foto: Aleksandra P. (Sxc.hu)

Foto: Aleksandra P. (Sxc.hu)

Die lange Unsicherheit scheint vorbei. Seit Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus in der vergangenen Woche nach seiner Verurteilung angekündigt hat, als Spitzenkandidat der CDU in die Politik zurückzukehren, schlagen die Wellen wieder einmal hoch. Die Thüringer Union sieht sich in ihrer Ansicht bestärkt, auf Althaus zu setzen. Die Opposition hält sich zum Glück mit einer parteipolitischen Ausschlachtung des tragischen Skiunfalls am Neujahrstag zurück. Und doch bleibt eine Unsicherheit bestehen. Darf ein Politiker, durch dessen Verschulden ein Mensch ums Leben kam, einfach so weitermachen? Kann er die physischen und psychischen Folgen des Unfalls einfach wegstecken? Und nicht zuletzt steht die Frage, wie Althaus selbst mit dem Wissen umgeht, ein Menschenleben auf dem Gewissen zu haben.

Das wird der Ministerpräsident zunächst mit sich selbst auszumachen haben. Spurlos wird das gewiss nicht an ihm vorübergehen. Wir Christen wissen um Sünde und Schuld, und wir hoffen auf Vergebung. In der Politik sind das zwar in der Regel keine Kategorien, die als Maßstab des Handelns gelten. Dennoch bleiben Verfehlungen hier normalerweise nicht lange ohne Folgen. Irgendwann ziehen die Betroffenen die Konsequenzen. Bei Althaus ist das bislang anders. Er steht zu seiner Verantwortung gegenüber den Hinterbliebenen und sucht zugleich den Weg zurück in die Politik. Dabei hat der Ministerpräsident nie versucht, seine Schuld abzustreiten oder sich herauszureden.

Das ehrt ihn und kommt bei den meisten Menschen gut an. Selbst die politischen Gegner schonen den noch nicht wieder genesenen Ministerpräsidenten der­zeit. Doch das wird vermutlich nicht so bleiben. Althaus muss damit rechnen, dass es – je näher der Wahltermin rückt – auch zu harten Auseinandersetzungen kommen kann. Die Frage, ob er es will, hat er beantwortet, die Antwort auf die Frage, ob er das auch aushält, steht noch aus.

Martin Hanusch

Jetzt ist die Zeit aufzustehen

18. März 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Comments Off

Am 19. und 20. September ist Kirchentag in Weimar – Geschäftsstelle eröffnet

3thu1109Als Ehrenmitglied des Kirchentags-Landesausschusses gratulierte Altpropst Heino Falcke zum »Geburtstag« und wünschte, dass der erste Kirchentag der neuen Landeskirche auch weit im Norden ankommen möge. Der »Großvater der Kirchentage in Thüringen«, wie er sich bezeichnete, sprach zur Eröffnung der Geschäftsstelle des 1. Mitteldeutschen Kirchentags am 10. März in Weimar.

Er erinnerte an die lange Tradition der Thüringer Kirchentage, die schon landeskirchliche Grenzen überschritten, bevor es eine EKM gab. Das Thema »Jetzt ist die Zeit …« erinnert an die friedliche Revolution vor 20 Jahren und schließe das Heute ein, sagte Falcke. Denn »es ist noch längst nicht alles abgegolten, was in jenem Herbst aufgebrochen ist«. Damals habe die Demokratisierung der Gesellschaft auf der Tagesordnung gestanden, heutige Aufgabe sei die Demokratisierung des Wirtschaftsgeschehens.

Der 1. Mitteldeutsche Kirchentag wird am 19. und 20. September in Weimar stattfinden. Wolfgang Musigmann, Vorsitzender des Landesausschusses, eröffnete am Dienstag im Beisein von Presse und Gästen das Kirchentagsbüro am Herderplatz 7. Dort werden ab sofort Mirjam Rylke und Katharina Leib die Ansprechpartnerinnen sein. »Mit dem heutigen Tag ist der Kirchentag in der Stadt präsent«, sagte Musigmann.

Der erste EKM-Kirchentag möge auch zur Identitätsstiftung in der neuen Landeskirche beitragen. »Jetzt ist die Zeit aufzustehen, unsere Geschichte zu lenken und unsere Sache in die Hand zu nehmen. Wenn wir das tun, ist Gott mit uns«, motivierte Musigmann die Mitarbeiter des Kirchentages ebenso wie die Engagierten in den Gemeinden, sich zu aktiv zu beteiligen. Geschäftsführerin Claudia Rühlemann dankte der Stadt und dem Kirchenkreis für die offene Aufnahme. Weimar hatte bei einer Ausschreibung den Zuschlag für die Großveranstaltung erhalten.

Weimars Oberbürgermeister Stefan Wolf wies in seinem Grußwort darauf hin, dass der Kirchentag im Jahr des 90. Jubiläums der Nationalversammlung und der Weimarer Verfassung stattfinde. »Deshalb passt der Kirchentag gut hierher.« Superintendent Henrich Herbst hieß die Organisatoren herzlich willkommen. »Ab jetzt wird zwischen Kirchenkreis und Kirchentag kein Blatt Papier passen«, umschrieb er den Wunsch nach intensiver und konstruktiver Zusammenarbeit.

www.mitteldeutscher-kirchentag.de

Chancen der Vielfalt nutzen

18. März 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Comments Off

Im Gespräch: Die beiden Bischofskandidaten über ihre Visionen von Kirche, eine EKM und Ost-West-Vorbehalte

2thu1109In einer Woche hat die EKM-Landessynode die Wahl. Dann bestimmt das Kirchenparlament den neuen Bischof/die neue Bischöfin. Im Vorfeld befragte die Kirchenzeitung die Kandidaten: Ilse Junkermann, Personaldezernentin im Stuttgarter Oberkirchenrat, und Thomas Zippert, Leiter der Akademie für soziale Berufe im hessischen Diakoniezentrum Hephata in Schwalmstadt.

Welche Visionen haben Sie für die Kirche, und wo sehen Sie in den nächsten zehn Jahren die besonderen Herausforderungen für die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM)?

Junkermann: Meine Visionen: dass die EKM, dass die Kirchengemeinden ihren Auftrag fröhlich und unerschrocken tun im Zeugnis von Jesus Christus und im Dienst für die Menschen. Das kann gut gelingen, wenn sie gelassen »ein- und ausatmen« (Eberhard Jüngel bei der EKD-Synode zum Thema Mission, Leipzig 1999) und nicht versuchen, gesellschaftlichen oder auch kirchlichen Trends hinterherzuhecheln. Ein solches Einatmen geschieht in Gottesdienst und Andacht, in Seelsorge, auch in Bildung, ein solches Ausatmen geschieht in Verkündigung und Diakonie, in missionarischem und gesellschaftlich-politischem Engagement.
Eine Kirche, die um ihren Auftrag mehr besorgt ist als um sich selbst; eine Kirche, die immer wieder mit ihrem Tun aufhören kann, damit sie aufhorcht auf Gottes Wort.

Die besonderen Herausforderungen sehe ich im (gelassenen) Umgang mit der demografischen Entwicklung, verstärkt durch weitere Abwanderungen; mit dem Traditionsabbruch, der in den östlichen Bundesländern durch die zweite Diktatur noch elementarer ist als in manchen westlichen; im Zusammenwachsen der verschiedenen Regionen und Kulturen in der fusionierten Kirche; darin, die neuen Strukturen mit geistlichem Leben zu füllen; darin, dass jeder Teil jeweils für das Ganze und seinen Beitrag für das Ganze denkt und sorgt; darin, die noch ausstehenden Entscheidungen einvernehmlich zu treffen (Finanz- und Stellenplanungsgesetz).

Zippert: Meine Vision: An möglichst vielen Orten und Kirchen der EKM versammeln sich Christenmenschen zu Gebet und Gottesdienst, um sich an Gottes Wort und Sakrament für ihren Alltag in Familie, Beruf und Gemeinwesen zu stärken. Sie teilen miteinander Glauben und Zweifel und bringen Freude und Leid vor Gott. Sie haben ein Herz für die, die Unterstützung brauchen, und sind offen für Menschen guten Willens im Gemeinwesen. Sie sind gewiss: Gott ist immer schon vor uns da.

Aufgrund dieser Vision plädiere ich dafür, Gemeinde in ihren vielfältigen Formen neu zu denken und zu leben. Die Demografie stellt die Menschen in Mitteldeutschland (auch die EKM) vor die enorme diakonische Herausforderung, mit immer weniger Ressourcen für immer mehr einsame alte und oft auch kranke und pflegebedürftige Menschen zu sorgen. Zugleich ist es ihr Auftrag, mit guter Projekt-, Bildungs- und Missionsarbeit Menschen neu für Kirche bzw. neue Menschen für Kirche zu gewinnen.

Die Gemeindegliederzahlen gehen zurück, Pfarrbereiche werden größer. Kann die Kirche ihre Präsenz in der Fläche aufrechterhalten oder muss sie Schwerpunkte setzen und Zentren schaffen?

Junkermann: Diese Frage steht sicher in den nächsten Jahren für manche Regionen zur Entscheidung an. Sie kann und sollte meines Erachtens ihre Präsenz in der Fläche aufrechterhalten, indem sie engagierte Christenmenschen verstärkt darin unterstützt, in der Fläche zu Andacht und Gebet und Gemeinschaft zusammenzukommen – und zugleich Begegnungen vieler zu Schwerpunkttagen (zum Beispiel Kirchenkreis- oder Regionstage, Konficamp u. ä.) zur Ermutigung und Stärkung ermöglicht.

Zippert: »Seine« Kirche ist immer schon da, aber die Organisation Kirche muss beides immer neu in Balance bringen. Schwerpunkte erzeugen sowieso ein Gravitationsfeld. Für angemessene Präsenz in der Fläche bedarf es neuer Ideen, kreativer Fantasie. Ehrenamtliche wie Hauptamtliche brauchen Freiraum für Experimente und Seinen Segen zum Gelingen. Anknüpfungspunkte sind für mich die vielen Orte in der Fläche, wo sich Menschen sowieso versammeln, z. B. Schulen, Krankenhäuser, Märkte.

Wie wollen Sie dafür sorgen, dass in den beiden bisherigen Teilkirchen mit ihren unterschiedlichen Traditionen ein gemeinsames Bewusstsein wächst, in einer Kirche zu Hause zu sein?

Junkermann: Immer wieder daran erinnern, dass Christus für seine Kirche sorgt und ihr Identität gibt; als Bischöfin viel unterwegs sein und die alte Stärke der Kirche(n) in Mitteldeutschland – das dichte Kommunikationsnetz – weiter gut pflegen; mit dafür sorgen, dass die Gemeinden vonein-ander erfahren und aufeinander hören; die Freude an der Vielfalt und Unterschiedlichkeit stärken; an die gemeinsamen Aufgaben und Herausforderungen und Chancen erinnern: Eine wichtige Aufgabe ist, das kommende Reformationsjubiläum als geistlich-theologische Herausforderung gemeinsam aufzunehmen; eine andere wichtige Aufgabe ist, die in den vielen schönen Kirchengebäuden steckenden Glaubenszeugnisse unserer früheren Brüder und Schwestern für uns und interessierte Menschen heute sprechen zu lassen – und mit ihnen ins Gespräch kommen.

Zippert: Das ist eine gemeinsame Aufgabe aller! Wer wirklich »in einer Kirche zu Hause« ist, der weiß, dass auch in anderen Kirchen Christenmenschen zu Hause sind, wir alle also »in einer Kirche«, nämlich Seiner zu Hause sind.
Aber auch Gemeinden sollten sich gegenseitig besuchen und darstellen, wie sie ihren Glauben leben, wofür sie beten und sich stark machen, woran sie leiden und wo sie Hilfe brauchen.

Die Gesamtorganisation EKM wird mit der Zeit durch die Güte ihrer Dienste und Dienstleistungen für ein Zusammenwachsen sorgen. Dazu wird sie das Internet viel interaktiver nutzen. Bei Kirchentagen wird sich die Kirche in ihrer Lebendigkeit und Vielfalt zeigen. Aufgabe aller Leitungsverantwortlichen wird es sein, die neue Kirche im öffentlichen Leben zu repräsentieren. In diese eine Kirche und aus ihr heraus wird auch der Bischof Brücken zu bauen haben.

Es gibt Vorbehalte gegen zwei Bischofskandidaten aus Westdeutschland, nicht zuletzt bei einigen Lesern der Kirchenzeitung. Was setzen Sie solcher Kritik entgegen?

Junkermann: Hinter dieser Kritik lese ich die Befürchtung: Wird er oder sie unsere eigene, besondere Geschichte auch ernst nehmen und je verstehen können? Wird er bzw. sie Respekt haben vor diesen besonderen Erfahrungen? Für mich wäre es im Bischofsamt sehr wichtig, viel zu hören, zuhören zu können und darauf zu schauen, dass die jeweiligen Erfahrungen einfließen können in Gegenwarts- und Zukunftsgestaltung und nicht durch Programme von außen überlagert werden.

Zippert: Mich berühren die hinter diesen Vorbehalten spürbaren Ängste, nicht gehört und nicht verstanden zu werden. Aus vielen Begegnungen zwischen Ost und West weiß ich, wie gut es tut, wenn sich beide gegenseitig ihre Geschichte und ihre Geschichten erzählen – das ist wohl immer noch nötig und nach der Wahl, egal wie sie ausgeht, erst recht. Nach so viel Wegzug in den Westen darf es nach 20 Jahren auch mal die umgekehrte Richtung sein.

Beim Fusionsprozess spielten auch Bekenntnisfragen eine Rolle. Ist die EKM nun eher eine lutherische oder eher eine unierte Kirche?

Junkermann: Die Verfassung der EKM gibt die Antwort, die ich selbst nicht besser geben kann: »Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland ist eine Kirche der lutherischen Reformation und hat ihren besonderen Charakter in der kirchlichen Gemeinschaft mit den reformierten Gemeinden in ihrem Bereich« (Artikel 4 der Präambel).

Zippert: Sie ist eine evangelische Kirche, in der sich lutherische, reformierte und unierte Bekenntnisse gegenseitig befruchten und gemeinsam geschichtliche Herausforderungen bestanden haben (z. B. Barmer Theologische Erklärung). Im Kernland der Reformation sollte das gemeinsame Erbe in seiner Vielfalt im Mittelpunkt stehen. Diese Vielfalt der Traditionen ist ein Reichtum – wir sollten einander unsere Früchte zeigen.

Stichwort: Verfahren bei der Bischofswahl
Das Bischofswahlgesetz der EKM regelt die genauen Modalitäten der Wahl. Demnach stellen sich die Kandidaten zunächst der Landessynode vor und beantworten Fragen. Die Synodalen beraten über den Vorschlag in ­geschlossener Sitzung. Die eigentliche Wahl erfolgt dann frühestens am ­darauffolgenden Verhandlungstag ohne erneute Aussprache in geheimer Abstimmung. Der Landesbischof/die Landesbischöfin muss von der Synode mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit gewählt werden.

Ist ein Kandidat gewählt, teilt der Präses der Landessynode ihm/ihr das ­Ergebnis mit. Mit der Annahme der Wahl ist der oder die Gewählte durch die Landessynode zum Bischof/zur Bischöfin berufen. Die Einführung erfolgt dann am 29. August in einem Gottesdienst im Magdeburger Dom.
(mkz)

Geschichte aus der Tiefe

18. März 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Comments Off

arch_thArchäologen sind die ­Fährtensucher verschütteter Geschichte. Werden Erde oder Bauschutt bewegt, ­bietet sich die einmalige Chance, Spuren vergangener Zeiten zu verfolgen.

Vergrabene Schätze, unterirdische Gänge und geheimnisumwitterte Grüfte – um so manche Kirche ranken sich Geschichten, die gern weitererzählt werden. Verborgenes regt die Fantasie besonders an. Wenn dann irgendwann der Fußboden erneuert, Außenmauern trockengelegt oder eine Schwammsanierung erfolgt, ist es möglich, tiefer in die ­Geschichte einzutauchen – vorausgesetzt, Fachleute greifen in das Geschehen ein.

In Berka an der Werra, Kirchenkreis Eisenach-Gerstungen, ahnte die Gemeinde nicht, dass sie in der Stadtkirche St. Laurentius einen kleinen Schatz mit Füßen trat. Im Rahmen von Sanierungsarbeiten fanden Archäologen 2002 nur wenige Zentimeter unter dem Fußboden eine silberne Trinkschale und eine silberne Hostiendose, vergoldet und mit über 500 kleinen Perlen und Bruchstückchen gefüllt. Die Dose ist eine Rarität und konnte in das beginnende 15. Jahrhundert datiert werden. Wahrscheinlich sind die Gegenstände nach dem Umbau der Kirche 1616 an diese Stelle gelangt. Das Warum bleibt ihr Geheimnis.

In den vergangenen Jahren kamen viele Thüringer Kirchen in die Kur. Der große Sanierungsstau, den es noch vor 20 Jahren gab, ist fast abgetragen. »Es hat sich viel bewegt«, sagt Ines Spazier, Gebietsreferentin Archäologische Denkmalpflege des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie, und denkt dabei nicht nur an Kubikmeter Erde. Eine archäologische Tagung, die speziell die Kirchen Thüringens in den Mittelpunkt stellt, sei jetzt fällig gewesen, zumal die Materialfülle beständig wachse, betont die promovierte Archäologin.

Dass diese Einschätzung richtig ist, zeigt das große Interesse an der Tagung »Archäologie und bauhistorische Untersuchungen an und in Kirchen Thüringens«, zu der am 16. und 17. März gemeinsam mit der Archäologischen Gesellschaft in Thüringen nach Weimar eingeladen wird. Mit etwa 250 bereits erfolgten Anmeldungen sei man sehr zufrieden, so die Organisatoren.

An den beiden Tagen erwarten die Teilnehmer Vorträge zu Methodik und Deutung bei Kirchengrabungen, neueste Forschungsergebnisse und Beispiele der letzten zehn Jahre. Kirchenoberbaurat Bernd Rüttinger wird einen Vortrag zum Umgang mit archäologischen und bauhistorischen Befunden in der Praxis halten. »Neben der liturgischen Bedeutung stellt jede Kirche ja auch ein Ortsgedächtnis und ein Geschichtsarchiv der besonderen Art dar. Je mehr eine Gemeinde über ihre Kirche und deren Vergangenheit weiß, desto mehr Wertschätzung erfahre das Gebäude«, konnte er feststellen.

Neugieriges Fußpublikum und Aha-Effekte sind die Archäologen gewohnt. »Wenn wir vor Ort tätig werden, stoßen wir auf sehr viel Interesse sowie Angebote zur Mithilfe und Unterstützung, die wir dankbar annehmen«, sagt Ines Spazier. Bei aller Hoffnung auf einen sensationellen Fund gibt es bei Kirchengemeinden auch Vorbehalte und die Sorge, dass sich die Baumaßnahmen durch die Tätigkeit der Archäologen verzögern könnten. Ines Spazier möchte hier ihre ­guten Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit den Gemeinden und der kirchlichen Verwaltung dagegensetzen. Bis 2006 betreute sie den Südthüringer Bereich und ist jetzt für Ostthüringen zuständig. Erst kürzlich hat sie wieder ein Abstimmungsgespräch mit Wolfgang Panzer, Baureferent des Kreiskirchenamtes Gera, geführt.

Thema war dabei auch die geplante Freiflächengestaltung im Kloster Thalbürgel, Kirchenkreis Eisenberg. Noch in diesem Frühjahr soll mit Hilfe modernster Verfahren das »Archäologische Bodendenkmal Kloster Bürgel« abgegrenzt werden, um auf dieser Basis eine Grabungsentscheidung treffen zu können. Interessante Funde würden später in die Gestaltung des Außenraums einbezogen werden. »Eine derartig langfristige Planung ist für alle Beteiligten ein Idealfall und auch bei kleineren Vorhaben wünschenswert«, so die Archäologin.

Kirchen sind ortstreu. Veränderungen, Erweiterungen oder Neubauten erfolgten meist am selben Standort und schlossen vorhandene Bausubstanz ein. Auch wenn eine Grabung nur selten einen Fund wie in Berka/Werra zutage fördert, das Geschichtswissen konkretisiert und erweitert sie auf jeden Fall, und manchmal wird aus Geschichten Geschichte.

Von Uta Schäfer

»Kirche leer – was dann?«

2. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Comments Off

Tagung über neue Nutzungskonzepte in Mühlhausen

Die Frage der Um- oder Weiternutzung von Kirchen beschäftigt nicht nur die Kirchen selbst, sondern ist ein in der bundesdeutschen Öffentlichkeit viel diskutiertes Thema, zu dem auch die Denkmalpflege wichtige Aspekte beizutragen hat. Diese Diskussion wollen die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit hochkarätigen Referenten gemeinsam auf einer Tagung unter dem Motto »Kirche leer – was dann? Neue Nutzungskonzepte für alte Kirchen« vom 2. bis 4. April in Mühlhausen führen. Ziel der Tagung ist es, das Phänomen der funktionslos werdenden Kirchen bundesweit aus denkmalpflegerischer Perspektive zu beleuchten.

Kirchengebäude haben als Orientierungspunkte im Stadtbild schon immer eine große öffentliche Bedeutung. Wie aber lässt sich die demografische Entwicklung mit dem Wunsch nach dem Erhalt der Kirchengebäude vereinbaren? Welche neuen Nutzungen sind einer Kirche würdig und werden dem Denkmal gerecht? Welche nicht? Welche Kompromisse sind nötig, um die Gebäude auch in Zukunft als wichtige Bestandteile unseres baukulturellen Erbes zu sichern?

Mühlhausen bietet sich als Tagungsort an: Als ehemals freie Reichsstadt verfügt sie mit ihren knapp 40000 Einwohnern über 14 Kirchen, von denen sechs seit der Reformation funktionslos wurden. Inzwischen dienen sie als Bibliothek, Jugendherberge, Atelier, Tagungsraum und Museum und sind auf diese Weise fest in das Alltagsleben der Stadt eingebunden. Das Beispiel Mühlhausen zeigt, dass das Phänomen der Umnutzung von Kirchen so alt ist wie die Kirchen selbst.

(mkz)

Gott zeigt, es geht auch anders

2. März 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Comments Off

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.
1. Johannes 3, Vers 8b

Foto: Mateusz Stachowski (SXC)

Foto: Mateusz Stachowski (SXC)

Höher, schneller, weiter, und wenn es nicht weiter geht, helfen unerlaubte Mittelchen. Der Mensch möchte noch besser sein, noch schneller, noch stärker. Die Leistung zählt. Wenn die Leistung nicht mehr reicht – wird nachgeholfen. Im Sport erfahren wir immer wieder davon. Aber auch in der sonstigen Welt hören wir von diesen Dingen: In der Finanzkrise sind Banker weiter gegangen, als es ­eigentlich richtig war, und dann platzte die Blase. Mehr Leistung – mehr Gewinne.
Alles andere wird ausgeblendet: die Verluste, die Menschen, die nichts mehr leisten, die Kranken, die Sterbenden, der Tod. Bitte schnell aus meinem Leben – ich zähle nicht dazu – ich bin erfolgreich! Wohin führt dieser Weg? Wohin gehen die Menschen?
Gott geht einen anderen Weg. Er wendet sich den Verlorenen und Vergessenen zu. Er zerstört die Illusionen der Menschen, sie könnten alles schaffen. Gott ist in unsere Welt gekommen, in Jesus Christus, um diese Selbstüberschätzung zu zerstören. Er kommt nicht gewaltig, sondern schwach in einem kleinen Kind, das auf Hilfe angewiesen ist.
Gott will zeigen, es geht auch anders. Sein Weg ist die Zuwendung zum Anderen, das Mitleiden mit den Leidenden, das Tragen der Schwachen, das Trösten der Sterbenden. Folgen wir diesem Weg, kann die Welt verändert werden. Nicht mit noch mehr Leistung oder mit noch mehr Gewalt, sondern in Liebe, Barmherzigkeit und Geduld. Dies ermöglicht den Menschen, einen neuen Weg zu gehen – dem Strom entgegen. Und wir können im Glauben erleben: Diese Schwachheit, diese Leistungslosigkeit, dieses Sterben sind stärker, leistungsfähiger, ­lebendiger als alle menschlichen Möglichkeiten. Wenn wir so auf Gott in Christus blicken, können wir vielleicht nicht jede Mode mitmachen. Aber wir werden mehr Geduld aufbringen mit den Menschen, die mit uns leben, mehr Hoffnung haben für die Welt. Gott hat in seiner sterbenden Schwachheit, sogar die größte Grenze des Menschen besiegt – den Tod.

Klaus-Peter Bregas, Pfarrer in Bad Liebenstein

Jeden Sonntag Gottesdienst

2. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Comments Off

Wie die Kirchengemeinde Gräfentonna die Vakanzzeit überbrückt hat

Der Kirchenälteste Wolf-Dieter Fichtelmann legt Hand an.

Der Kirchenälteste Wolf-Dieter Fichtelmann legt Hand an.

Jeden Sonntag Gottesdienst. Wolf-Dieter Fichtelmann und Reinhard Lohrengel lassen keinen Zweifel ,daran: Das ist das Wichtigste. Auch während all der Jahre, in denen es ­keinen Pfarrer in ihrer Gemeinde gab. Fichtelmann ist Vorsitzender des Gemeindekirchenrats von Gräfentonna im Kirchenkreis Gotha, Lohrengel einer seiner Stellvertreter. Jeden Sonntag Gottesdienst: »Das war unser Anspruch«, unterstreicht Fichtelmann. Lohrengel fügt hinzu: »Gräfentonna ist schließlich zentraler Ort der Umgebung. Und die Kirche mit dem größten Holzschnitzaltar Mitteldeutschlands lockt auch Touristen an.« Von den 2000 Einwohnern gehören 400 der evangelischen Kirche an.

Sicher, manchmal hat die Gemeinde den Gottesdienst schon am Samstagabend oder erst am Sonntagnachmittag gefeiert. »Da mussten wir flexibel sein.« Zu den großen Festen predigten Pfarrer im Ruhestand oder aus den Nachbargemeinden. Oft aber gestalteten Lektoren aus der eigenen Gemeinde einen Lesegottesdienst. Damit das auch ohne eigenen Pfarrer jeden Sonntag klappte, musste genau geplant werden, Monate im Voraus.

In den vergangenen zehn Jahren stand das Pfarrhaus in Gräfentonna, gleich neben der Peter und Paul-Kirche, immer wieder leer. Mal für ein halbes Jahr oder ein Jahr, oder, wie jetzt, seit über zwei Jahren. Deshalb war der Gemeindekirchenrat gefragt. Aufgaben wurden verteilt, von der ­Öffentlichkeitsarbeit bis zum Kindergarten, von der Organisation der Gottesdienste bis zu Bauaufgaben. Jeder in dem achtköpfigen Gremium krempelte die Ärmel hoch und übernahm etwas, Reinhard Lohrengel zum Beispiel oft den Orgeldienst. Immer wieder sprachen die Kirchenältesten auch andere Gemeindeglieder an und bewegten sie zum Mitmachen.
»Man muss sich ständig umhören«, sagt Lohrengel.

Bei der Kreissynode, der politischen Gemeinde, auf Ämtern und Behörden nachfragen. So ­erfahre man, wo es Hilfe gibt, wie man eine ABM-Stelle bekommt oder wo ein Geld-Topf für die eigene Gemeinde angezapft werden kann. »Das war keine absolut dramatische Zeit, weil eine Gemeinde auch zu sich findet und Stärken ausprägt«, bilanziert Wolf-Dieter Fichtelmann. »Gott lässt uns nicht allein – das haben wir gespürt.«

Aber es gab auch Lücken in den Zeiten der Vakanz. Gelitten hat zum Beispiel die Kinder- und Jugendarbeit, wie die beiden Ältesten feststellen. Zwar gibt es in Gräfentonna wie im benachbarten Burgtonna einen evangelischen Kindergarten. Für etwas größere Kinder und für Jugendliche war es jedoch schwierig, ein regelmäßiges Angebot aufrechtzuerhalten. Deshalb hoffen sie, dass mit dem neuen Pfarrer Rainer Hoffmann auch die Kinder- und Jugendarbeit wieder auflebt. Hoffmann kommt aus der früheren Kirchenprovinz Sachsen nach Thüringen und wird am 28. Februar um 16 Uhr in sein Amt eingeführt. »Es ist ein schönes Gefühl, wenn ins Pfarrhaus wieder Leben einzieht«, sagt Fichtelmann.

Weil der neue Pfarrer auch für die Gemeinden Burgtonna, Aschara, Eckardtsleben, Illeben und Wiegleben zuständig ist, wissen Wolf-Dieter Fichtelmann und Reinhard Lohrengel, dass es auch künftig Absprachen mit den Nachbarn geben muss, »sonst zerreißen wir den Pfarrer«. Und die Ältesten und andere Gemeindeglieder werden sich auch künftig einbringen müssen. Eine Idee wäre zum Beispiel, gemeinsam mit den Nachbarorten ­einen Kirchbrief herauszugeben.

Nach den vergangenen zehn Jahren mit langen Zeiten der Vakanz steht für Fichtelmann und Lohrengel fest, dass sie jemanden brauchen, »bei dem die Fäden zusammenlaufen«. Und nicht nur viele ältere Menschen benötigen »ihren« Pfarrer – jemanden, vor dem sie Respekt und zu dem sie Vertrauen haben.

Markus Wetterauer

nächste Seite »