Aschekreuz auf der Stirn

2. März 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Thüringen

Comments Off

Am Aschermittwoch ist nicht alles vorbei, denn da beginnt eine wichtige Zeit im Kirchenjahr.

Mir ist das bewusste Erleben des Kirchenjahres wichtig«, bekennt die in Thüringen aufgewachsene Pfarrerstochter Uta Krauße-Lerm (66). Seit 2000 lebt sie in Erfurt und versäumt kein Jahr den Aschermittwochsgottesdienst der Schwestern der Communität Casteller Ring (CCR) in der Augustinerkirche. Zeichen seien immer wieder Vergewisserungen. »Wir können das Kreuz Christi nicht tragen, aber wir erinnern uns mit dem Aschekreuz an seinen Weg für uns«, erläutert Uta Krauße-Lerm ihre Motivation. Ihr gibt das »Wandern mit den Evangelien im Kirchenjahr« die Gewissheit, dass der Tod von der österlichen Hoffnung überstrahlt ist.
Dass Aschekreuz oder Sich-Bekreuzigen etwas Katholisches seien, hört Schwester Katharina Schridde, Leiterin der CCR Erfurt, nicht gern. Es seien Zeichen, die vielen Protestanten verloren gegangen seien. Die CCR möchte diese Glaubenszeichen im Rahmen der evangelischen Tradition erhalten. Dazu gehöre auch das Aschekreuz. Drei Aspekte sieht sie in diesem Zeichen: Das erste sei der Ausdruck des Vergänglichen.

Das andere sei unmittelbar damit verbunden: Aus dem Weizenkorn, das in die Erde fällt und vergeht, wächst etwas Neues. »Durch den Tod entsteht Leben. Das ist das größte Geheimnis, das wir feiern.« In der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation sieht Katharina Schridde den dritten Aspekt: Der Anspruch, immer schneller, höher, weiter, der funktioniere nicht. »Es muss auch eine Zeit der Ruhe sein, damit etwas wachsen kann.« Damit sei auch das Sterben verbunden.

Seit 1997 pflegen die Schwestern die Rituale der Passionszeit in Erfurt. Die junge Tradition des Aschekreuzes hier hat jedoch eine lange Geschichte. Bereits seit Ende des elften Jahrhunderts wurde den Gläubigen ein Kreuz aus Asche auf die Stirn gezeichnet. In der alten Kirche legten Christen, die eine schwere Schuld büßen mussten, ein Bußgewand an und wurden mit Asche bestreut. Bis heute erinnern Ausdrücke wie »In Sack und Asche gehen« und »Asche auf mein Haupt« an dieses Ritual.
Auch in der Thüringer Karnevalshochburg Wasungen hat der Aschermittwochsgottesdienst inzwischen seinen festen Platz im Kalender von Gemeinde und Elferrat.

Seit drei Jahren bietet Pfarrer Stefan Kunze ihn an. Am vergangenen Mittwoch stand der Gottesdienst unter dem Motto »Feste feiern – feste Fasten«. Der Brauch kommt nicht von ungefähr. Kaum in einer anderen Stadt auf dem Gebiet der mitteldeutschen Kirche ist die Karnevalstradition so groß wie in Wasungen. Doch bis 2007 sei am Aschermittwoch nichts mehr gewesen, berichtet Kunze. Bewusst habe er deshalb ein geistliches Angebot unterbreiten wollen und sich dabei auf den alten Brauch besonnen. Der Erfolg gibt ihm heute Recht. Jedes Jahr sei die Kirche am Aschermittwoch mit mehr als 180 Besuchern voll besetzt, unter ihnen Elferrat und Karnevalsprinz. Mit den Worten »Kehr um und glaube an das Evangelium« wird am Ausgang jedem Gottesdienstbesucher, der will, ein Aschekreuz auf die Stirn gezeichnet. Im vergangenen Jahr hätten 90 Prozent der Besucher davon Gebrauch gemacht. Nach seiner Beobachtung betrachteten die Menschen das Aschekreuz tatsächlich als Zeichen des Neuanfangs. »Heute ist es so, als ob diese Tradition schon immer dazugehört hätte.«

Dagegen bieten die Domgemeinde in Merseburg und die Trinitatiskirche in Gera in diesem Jahr zum ersten Mal einen Aschermittwochsgottesdienst mit der Möglichkeit des Aschekreuzes an. Bisher hatte es in Merseburg lediglich eine schmucklose Abendmahlsfeier in der Krypta gegeben. Für das neue Angebot hat Dompfarrer Michael Lehmann extra Palmwedel gesammelt, die vor dem Gottesdienst verbrannt werden. »Wir müssen erst sehen, wie das angenommen wird«, erklärt der Theologe. Nach seinen Erfahrungen sind die Menschen hier nicht so vertraut mit den alten Riten. Dennoch findet er es wichtig, einen bewussten Anfangspunkt in der Passionszeit zu setzen. »Schließlich geht es hier um einen wichtigen Abschnitt des Kirchenjahres.«

In Gera predigte Pfarrer Michael Kleim über die Asche als Symbol für Umkehr, Vergebung und Hoffnung auf Leben. Superintendentin Gabriele Schaller verweist auch auf einen äußeren Grund, den Aschermittwoch zu begehen: Es sei der Ärger gewesen, dass in Schulen und Kindergärten auch nach dem Aschermittwoch noch Fasching gefeiert wurde. Die Gemeinde wollte deshalb sichtbar ein Zeichen setzen.

(mkz)

Missgriff

2. März 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

Foto: scol22, sxc.hu

Foto: scol22, sxc.hu

Gut gemeint ist mitunter das Gegenteil von gut. Das muss derzeit der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, am eigenen Leib erfahren. Es mag ein ehrenwertes Ziel sein, dafür sorgen zu wollen, dass die staatliche Unterstützung auch tatsächlich bei bedürftigen Kindern ankommt. Ob das allerdings mit dem pauschalen Vorwurf an die Adresse der Hartz-IV-Empfänger funktioniert, die Erhöhung der Regelsätze sei allenfalls ein »Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie«, darf getrost bezweifelt werden.
Verständlich, dass die Wogen hochschlagen und die Empörung auch in den eigenen Reihen groß ist.

Doch mit einem hat Mißfelder tatsächlich Recht: Nicht bei jeder politischen Diskussion darf ein Thema sofort tabuisiert werden. Dass Handlungsbedarf besteht, zeigt etwa die Unterstützung durch die Deutsche Kinderhilfe. Nach deren Angaben leben heute 2,1 Millionen Kinder in Haushalten von Alkoholikern. Fraglich bleibt jedoch, ob der CDU-Politiker sein Ziel durch einen solchen gezielten Tabubruch erreicht. Wohl kaum. Mit seinem verbalen Missgriff hat er lediglich bewirkt, dass weite Teile der Politik und die Sozialverbände auf Distanz gehen. Zudem ist es nicht das erste Mal, dass der JU-Chef böse übers Ziel hinausschießt. Vor fünf Jahren befand er, angeblich um eine Debatte über die Generationengerechtigkeit anzustoßen, dass 85-Jährige kein künstliches Hüftgelenk mehr bräuchten. Der Aufschrei des Entsetzens war entsprechend groß.

Gelernt hat er scheinbar nichts daraus. Doch wenn es dem Politiker tatsächlich ernst damit ist, am Schicksal vieler Kinder von Hartz-IV-Empfängern etwas zu ändern, hätte er besser eine andere Form gewählt, als die Betroffenen über einen Kamm zu scheren. Denn das Thema Kinderarmut und eine fehlende gesellschaftliche Teilhabe gibt es ja tatsächlich. Diakonie und Kirchen mahnen hier seit Jahren mehr Gerechtigkeit an. Nicht das Thema ist also der Skandal, sondern die Tatsache, dass ein aufstrebender Politiker sich auf Kosten anderer profilieren will.

Martin Hanusch

« vorherige Seite