»Gott ächtet die Sünde und achtet den Sünder«

27. Mai 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen

Hosea Heckert hat eine Pfarrstelle im Knast – als Gefangenenseelsorger

Will Impulse setzen und Nachdenken auslösen: Pfarrer Hosea Heckert ist Gefängnisseelsorger und zuständig für die Justizvollzugsanstalten in Ichtershausen, Gera und Hohenleuben. Foto: Karsten Schaarschmidt

Will Impulse setzen und Nachdenken auslösen: Pfarrer Hosea Heckert ist Gefängnisseelsorger und zuständig für die Justizvollzugsanstalten in Ichtershausen, Gera und Hohenleuben. Foto: Karsten Schaarschmidt

Der sonnendurchflutete, warme Maimorgen lockt ins Freie. Eine Selbstverständlichkeit, die den Menschen, die Pfarrer Hosea Heckert betreut, verwehrt bleibt. Hosea Heckert ist Gefängnisseelsorger. Er ist zuständig für die thüringischen Justizvollzuganstalten (JVA) Ichtershausen, Gera und Hohenleuben. Es ist eine »Begleitung für eine bestimmte Zeit«, die der 40-Jährige den Gefangenen in Einzelgesprächen, Gottesdiensten, Bibelstunden anbietet. »Gott ächtet die Sünde und achtet den Sünder«, sagt er und weiß von der Gratwanderung, den Menschen und die von ihm begangene Straftat zu trennen. Wir sitzen im Freien vor der Kirche im ostthüringischen Hohenleuben. Gleich dahinter der Knast. Gebäude mit vergitterten Fenstern, umschlossen von Stacheldraht bewehrten Mauern, Wachtürme. Hosea Heckert, orangefarbenes T-Shirt, Cordhose, kurze blonde Haare, Dreitagebart, ein sportlicher Typ, dem man den Pfarrer nicht ansieht.

Er strahlt Ruhe aus. Aber er sei nicht der Seelsorger, der nur zuhört und mit dem Kopf nickt, sagt er. »Ich konfrontiere die Leute schon mit den Emotionen, die ihre Geschichten in mir auslösen«, sagt er und erinnert sich, als ein Gefangener ihm grinsend berichtete, dass er seinem Opfer ein Messer in den Mund legte, um ihn zum Schweigen zu zwingen. »Mir wird kotzübel, habe ich dem gesagt, wenn ich höre, was Sie mir hier erzählen.« Heckert will nicht Lehrer oder Erzieher sein, aber er will Impulse setzen, Nachdenken auslösen, vor allem aber will er Partner sein, dem Gefangenen die Möglichkeit geben, sich auszusprechen mit jemandem, der nicht unmittelbar mit der Haftanstalt verwoben ist. Ein Angebot, das angenommen wird. Allein in Hohenleuben gebe es pro Woche acht bis zehn Anfragen von Gefangenen nach einem Gesprächstermin mit ihm, erzählt Heckert. Dann wird er mit der gesamten Bandbreite des Strafgesetzbuches konfrontiert, vom Schwarzfahren über Drogenhandel bis hin zu Sexualdelikten und Mord. Es sind banale Sorgen der Gefangenen, wie der Wunsch nach einer Kaffeemaschine, die in den Gesprächen zum Thema werden, aber auch viel Ernsthaftes, wie psychische Probleme, Ärger mit Zelleninsassen, Ängste um die eigene Zukunft, die Familie oder um die Freundin, die Schluss machen will. Mitunter dauere es, bis mit den meist konfessionell nicht gebundenen Gefangenen eine ehrliche Gesprächsbasis aufgebaut ist, bis über die Straftat vorbehaltlos gesprochen wird. Danach aber ist der Pfarrer oft mehr als nur Seelsorger, er ist Vertrauensperson, soll den Gefangenen zum Prozess begleiten oder bei Besuchsterminen dabei sein. Hosea Heckert nahm im Mai 2008 die Herausforderung des hauptberuflichen Gefängnisseelsorgers an.

Zuvor war er zwei Jahre ehrenamtlich in der JVA Ichtershausen tätig, absolvierte zeitgleich eine Fachausbildung in Bielefeld. Schuld und Sühne haben ihn jedoch schon beim Theologiestudium in Jena beschäftigt. »Haftstrafen «, sagt er, »sind die ohnmächtige Reaktion der Gesellschaft auf jene ihrer Mitglieder, die sich nicht gesellschaftskonform verhalten.« Kritik schwingt in diesem Satz mit, wenngleich er weiß, dass es ohne Freiheitsstrafen nicht geht und sie für manchen die »notwendige Denkpause sind, den bisherigen Lebensweg zu korrigieren«. Allerdings stört ihn, dass der eine oder andere Justizbeamte glaubt, er sei der bessere Mensch und das die Gefangenen spüren lasse. »Da kann einiges kräftig verbessert werden «, sagt er. Die Maisonne heizt den Tag auf. Hosea Heckert schaut auf den Marktplatz. Ja, er habe mit seiner Arbeit das Leben in Freiheit mehr schätzen gelernt, wisse, welches hohe Gut es ist. Die Schicksale und Geschichten aus dem Knast versucht er auf der Fahrt zwischen den Haftanstalten und seinem Wohnort bei Jena zu verarbeiten. Auch eine Supervision gebe es. Doch kann eine solcher Job Freude machen? »Es hört sich komisch an, aber es macht große Freude, einem Menschen unmittelbar zu helfen.

Es ist, als wäre man bei einer Heilung dabei «, sagt er. Auch davon will er in den Gemeinden erzählen, die in ihrer Nachbarschaft eine Justizvollzuganstalt haben. »Und vielleicht finden sich so ehrenamtliche Helfer, die mich in meiner Arbeit, vor allem aber die Gefangenen möglicherweise auch nach Verbüßung ihrer Strafe unterstützen.«

Karsten Schaarschmidt

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “»Gott ächtet die Sünde und achtet den Sünder«”
  1. Peter Heckert sagt:

    Es ist erfreulich,daß “Glaube ud Heimat” dieses wenig beachtete Thema einmal aufgreift. Überhaupt ist “Glaube und Heimat” im Vergleich zu anderen Kirchenzeitungen sehr lesenswert.