»Ich wünsche mir, dass die Kirche die Kraft findet, in die Gesellschaft hineinzuwirken«

Foto: EKM/Andreas Hultsch

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Interview: Im Gespräch mit Landesbischof Christoph Kähler anlässlich seines Abschieds aus Thüringen

Acht Jahre stand er an der Spitze der Thüringer Landeskirche und zuletzt der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).Am 1. Juni wird Christoph Kähler aus dem Amt verabschiedet. Über seine Zeit in Thüringen sprach Martin Hanusch mit dem Landesbischof.

Herr Landesbischof, am Pfingstmontag werden Sie aus Ihrem Amt verabschiedet. Fällt Ihnen der Abschied schwer?
Kähler: Also, ich gehe nicht leichten Herzens aus Eisenach weg. Ich war gerne Landesbischof in Thüringen. Es fällt mir schwer, die Reihe der Eisenacher Bischöfe zu schließen, also der letzte Bischof hier gewesen zu sein. Ich habe die Aufgabe damals gerne übernommen und gut mit den Mitarbeitern zusammengearbeitet. Diese Gemeinschaft und das Miteinander im Landeskirchenrat zu verlieren, das fällt mir nicht leicht.

Werden Sie etwas vermissen?
Kähler: Vor allem werde ich die Möglichkeit vermissen, in den Bergen wandern zu gehen. Auch das liebenswerte Kleinstadtflair Eisenachs dürfte mir fehlen. Schließlich: Die Wartburg zu sehen und zu wissen, jetzt komme ich nach Hause, ist schon etwas ganz Besonderes gewesen.

Was hat Sie an der Thüringer Kirche besonders beeindruckt?
Kähler: Ich hab an dieser Kirche stets die starke Landessynode geschätzt. Sie hat Maßstäbe gesetzt und dem Landeskirchenrat auch Vorgaben gemacht, verbunden mit klaren geistlichen Schwerpunktsetzungen. Das entsprach meinem synodalen Verständnis von Kirche. Dazu gehörte auch ein Schuss Pragmatismus, dass einmal getroffene Entscheidungen nicht immer wieder infrage gestellt werden. Wirklich überrascht hat mich das Elisabethjahr. Wir konnten hier über anderthalb Jahre ein positives Thema setzen. Dass das so gut laufen würde, hätte ich selber nicht für möglich
gehalten.

In den letzten Monaten sind Sie bewusst viel in den Gemeinden gewesen. Was nehmen Sie hier mit?
Kähler: Aufgefallen ist mir noch einmal die Vielfalt an regionalen Traditionen mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein der Kirchenältesten und der landschaftliche Reichtum. Dazu kommt die unglaubliche Fülle von Kirchen und der Stolz auf die Heimat. Das hat allerdings auch eine Kehrseite: Wenn die eigene Kirche renoviert ist, besteht für viele kein Grund, mal in die Nachbarkirche zu schauen.

Die Zusammenarbeit mit der Kirchenprovinz bis hin zur Fusion hat die Arbeit der letzten Jahre stark geprägt. Wie sehen Sie im Rückblick das Ergebnis?
Kähler:
Wir haben in den vergangenen Jahren die Schienen gelegt, damit der Zug fahren kann. Es gibt aus meiner Sicht Anzeichen dafür, dass unser Konzept aufgeht. Zusammen sind wir in der EKM deutlich erfolgreicher, als das mit halber Kraft möglich gewesen wäre. Der Umbau von zwei Landeskirchen zu einer entspricht dabei den Zusammenlegungen, die auch die Gemeinden erleben. Der Versuch, Kräfte zu bündeln, muss auch im großen Maßstab klappen, damit wir die Qualität einer Landeskirche auf Dauer aufrecht erhalten können. Ich möchte jedenfalls, dass eine solche Intensität und Professionalität auch weiter in Mitteldeutschland vorhanden ist.

Es gab zum Teil heftige Kritik an diesem Weg. Ein Vorwurf lautete, die Kirche verliere an regionalem Profil. Ist das so?
Kähler:
Ich denke, dass es hier auch neue Anknüpfungspunkte gibt. Wenn es uns gelingt, die Verbundenheit mit den Thüringer Regionen zusammenzubringen mit der starken Stellung der Kirchenkreise in der Kirchenprovinz, bringt das die EKM insgesamt voran. Im Übrigen hatten wir uns auch in Thüringen die Stärkung der mittleren Ebene auf die Fahnen geschrieben. Wenn wir dies mit der gesamtkirchlichen Solidarität verknüpfen können,dann ist die EKM auf gutem Weg.

Was hat Thüringen durch die Fusion gewonnen?
Kähler:
Zum einen können wir Wege verkürzen. Schon als Thüringer Landeskirche haben wir gemerkt, dass manche Veranstaltung besser in Neudietendorf oder Erfurt angesiedelt ist als in dem etwas am Rande gelegenen Eisenach. Und das evangelische Thüringen gewinnt an Bedeutung, weil die EKM insgesamt im politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Kontext eine stabile und anerkannte Größe ist und bleibt.

Als Bischof waren Sie stets bemüht, die Stimme der Kirche in die öffentliche Debatte einzubringen. Warum?
Kähler:
Der Berliner Streit um den Religionsunterricht hat noch einmal deutlich gezeigt, dass die alten antikirchlichen Vorurteile noch weit verbreitet sind. Darauf müssen wir uns einstellen, und das kann man nur mit Hilfe einer entschlossenen und selbstbewussten Öffentlichkeitsarbeit bewirken.
Die evangelische Kirche ist nach wie vor die gesellschaftliche Institution mit der weitaus größten Mitgliederzahl und dem größten Anteil an Ehrenamtlichen. Unsere Gesellschaft wäre nicht nur ärmer, sondern sie wäre bettelarm, wenn es die Kirche und ihre Diakonie nicht gäbe. Wir können der Politik sicher keine Vorgaben machen. Aber wir haben den Vorzug, dass wir mit Gottvertrauen nach den besten Wegen suchen können, ohne dass das auf eine Parteipolitik zu verrechnen wäre. Das Zweite ist: Alles, was man nach außen tut, wirkt sich auch nach innen aus. Alles, was man innen tut, strahlt auch nach außen.

Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen?
Kähler:
Wir müssen beobachten, wie die soziale Entwicklung in Thüringen und Sachsen-Anhalt verläuft. An der Hartz-IV-Debatte können wir begreifen, dass Menschen sich abgewertet vorkommen und fürchten müssen, an den Rand gedrängt zu werden. Diese Entwicklung darf nicht aus dem Blick geraten. Hier müssen wir im Sinne der Option für die Schwachen geschlossen dagegen angehen.

Welche Wünsche möchten Sie der EKM mit auf den Weg geben?
Kähler:
Ich hoffe natürlich, dass die Gemeinsamkeit weiter wächst. Die neue Synode zeigt, dass die Lagerbildung abnimmt. Und ich wünsche mir, dass die Kirche die Kraft findet, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Die Menschen sollen sehen: Wir setzen uns ein und helfen im Vertrauen auf Gottes Hilfe.

Haben Sie konkrete Pläne für Ihren Ruhestand?
Kähler:
Meine Frau und ich kehren nach Leipzig zurück. Im Ruhestand möchte ich intensiver im Deutschen Ethikrat mitarbeiten. Außerdem habe ich als Professor die Möglichkeit, weiter zu lehren. Ich werde sehen, wo ich nützlich sein kann. Und außerdem will ich mich stärker um meine Enkel kümmern und die Familienforschung fortsetzen, wie es schon mein Großvater getan hat.

Gottesdienst zur Verabschiedung von Landesbischof Christoph Kähler am Pfingstmontag, 1. Juni, 14 Uhr, in der Georgenkirche zu Eisenach

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