Glaubensfest auf dem Todesstreifen

25. Juni 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Titelseite

Kirchentag: Zum thüringisch-bayrischen Christentreffen kamen tausende Besucher an die einstige innerdeutsche Grenze

Drei Tage lang war die »Kalte Küche« am Rennsteig bei Spechtsbrunn Schauplatz des ersten länderübergreifenden Kirchentages zwischen Thüringen und Bayern. Das Motto des Treffens vom 19. bis 21. Juni lautete ganz programmatisch ­»Grenzenlos glauben«.

Beim Chortreffen blieben angesichts des regnerischen Wetters einige Plätze frei.	Foto: Norbert Kleinteich

Beim Chortreffen blieben angesichts des regnerischen Wetters einige Plätze frei. Foto: Norbert Kleinteich

Es ist die erste Gelegenheit, dass sich Christen diesseits und jenseits der einstigen innerdeutschen Grenze bei einem solchen Kirchentag zusammenfinden.« Gerd Bauer vom Thüringerwaldverein aus Neuhaus am Rennweg hat sich mit ­einer 30-köpfigen Gruppe zum Rennsteigkirchentag aufgemacht. Jetzt steht er mit seinem Vereinswimpel im großen Festzelt, in dem sich Gemeinden, Gruppen und Initiativen präsentieren. Kirche sei ja nicht nur für den Gottesdienst am Sonntag da, findet der 66-Jährige und freut sich über das vielfältige Angebot.

In einer Art Sternwanderung haben sich die Teilnehmer aus Thüringen und Franken nach Spechtsbrunn auf den Weg gemacht. Zum Auftakt des Programms am Sonnabend stellen sich die Gemeindegruppen aus der Region zwischen Ludwigstadt und ­Rudolstadt den Kirchentagsbesuchern vor. Alle haben etwas Symbolisches dabei, vom Maßkrug aus dem fränkischen Tettau über den Schiefer bis zur Glasprinzessin Lisa I. aus Lauscha. »Wir freuen uns, dass wir seit 20 Jahren erreichbar sind, ohne Stacheldraht und Kontrollen«, sagt Werner Söllner, Vorsitzender des Gemeindekirchen­rates aus Lichtenhain. Tatsächlich ist die ehemalige innerdeutsche Grenze beim thüringisch-fränkischen Christentreffen emotional allgegenwärtig.

Ganz bewusst haben die Veranstalter des Kirchentages, das Dekanat Ludwigstadt aus Bayern und die thüringischen Kirchenkreise Sonneberg sowie Rudolstadt-Saalfeld, an einen symbolträchtigen Ort eingeladen. Die »Kalte Küche« ist bis zum Herbst 1989 Sperrgebiet gewesen. »Genau hier«, erklärt Bürgermeister Wolfgang Wiegand von der Gemeinde Oberland am Rennsteig, »ist früher die Grenze verlaufen.«

Auch bei den thematischen Angeboten dominiert die Grenzerfahrung. Im Polittalk zum Thema »20 Jahre Mauerfall« erinnern die Protagonisten noch einmal an die dramatische Zeit im Herbst 1989. »Ich war dabei, als die Grenze am Falkenstein fiel«, erzählt der ehemalige Dekan Friedrich Wiedemann. Nur der Einwurf des Rudolstädter Intendanten Steffen Mensching, die Vergangenheit nicht zu verklären, sorgt für eine kurze Kontroverse. Aktuell wird es erst am Ende, als Dekan Martin Voß aus Ludwigstadt die Kirche auffordert, wieder stärker ihr Wächteramt in der Gesellschaft wahrzunehmen. Sie, ergänzt der Geraer Propst Hans Mikosch, müsse das Salz in der Suppe bleiben. Der thüringische Kultusminister Bernward Müller (CDU) bekennt sich zum Religionsunterricht in den Schulen. Und Oberfrankens Regierungsvizepräsidentin Petra Platzgummer-Martin weist darauf hin, dass ihre Region 20 Jahre nach Grenzöffnung vor ähn­lichen Problemen stehe wie die östlichen Bundesländer, die von hoher ­ Arbeitslosigkeit und Abwanderung bedroht seien.

Für die jüngeren Kirchentagsbesucher spielt die Vergangenheit ohnehin keine so große Rolle mehr. Sie empfinden das Programm eher als zu geschichtslastig und »langatmig«. Ihr fehle ein geistlicher Impuls, moniert Esther Sydow, Jugendreferentin aus Ludwigstadt, am Sonnabend. Dagegen schätzt sie den Markt der Möglichkeit und das Programm für Kinder.

Gut angekommen ist bei jung und alt auch die Aufführung des Musicals »David – Grenzgänger Gottes« zum Auftakt des Kirchentages am Freitag. »Das war einfach große Klasse«, meint Elisabeth Schmidt aus Spechtsbrunn zum Auftritt der Sängerinnen und Sänger aus Franken und Thüringen.

Einen eindrücklichen Höhepunkt erlebt der Kirchentag schließlich am Abend des 20. Juni an der Schildwiese. Hier weihen die thüringischen und bayrischen Kirchenvertreter ein gemeinsames Mahnmal aus Resten der ehemaligen Grenze ein. Ein vier Meter hohes Kreuz aus Streckmetall soll an die tödliche Linie zwischen Ost und West erinnern. Der danebenstehende Gedenkstein trägt die Aufschrift »Den Opfern von Mauer und Stacheldraht«. Und damit es keine abstrakte Mahnung bleibt, werden auf der anderen Seite des Steines die zwölf Menschen genannt, die in diesem Grenzabschnitt ums Leben gekommen sind. Das Denkmal solle nun zu einer Stätte der Heilung, der Versöhnung und des Segnens werden, wünscht Regionalbischöfin Dorothea Greiner aus Bayreuth. Zugleich dankt sie für das gewaltfreie Ende der tödlichen Grenze und für die 20 Jahre des friedlichen Zusammenlebens.

Martin Hanusch

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