Glockenklang als Zukunftsmusik
25. Juni 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
Abgelegt unter Mitteldeutschland
Collegiatsstift will wieder Leben auf den Erfurter Petersberg bringen.

Im Dornröschenschlaf: Auf dem Erfurter Petersberg soll nach dem Willen von Cornelia Seidel und Dietrich Koller, dem Leitungsduo des Collegiatsstiftes, wieder christliches Leben einziehen. Derzeit steht die zwischen 1828 und 1831 über den Kellern des alten Petersklosters errichtete Kaserne leer und wartet auf eine neue Nutzung. Foto: Axel Heyder
Auf dem Erfurter Petersberg läuten die Glocken. Aus dem mittleren Eingang der einstigen Kaserne in unmittelbarer Nachbarschaft von St. Peter und Paul strömen Frauen und Männer mit hopsenden Kindern, ein paar Touristen mit vorgehaltenen Kameras und in gemächlicherem Schritt einige ältere Herrschaften. Hell und freundlich grüßt das wuchtige, fast ein wenig einschüchternde Riesengebäude, das sie alle beherbergt. Die Blumen in den Fenstern vertreiben auch den letzten Eindruck von Drill und Düsternis, der noch vor wenigen Jahren von diesem Haus ausging …
Schnitt – zurück in die Gegenwart: Noch schläft die Defensionskaserne ihren Dornröschenschlaf. Cornelia Seidel und Dietrich Koller aber gehören als das für ein Jahr berufene Leitungsduo des Collegiatsstifts St. Peter und Paul (CPP) zu jenem Kreis, der sich seit einem dreiviertel Jahr mit Vorstellungen von einem gemeinsamen christlichen Leben und Arbeiten dort und den notwendigen Schritten dazu befasst. »Nein, keine Kommune«, erklärt die einstige Katechetin Cornelia Seidel gleich eingangs: Vorstellbar sei vielmehr, dass 40 oder 70 Menschen als ganz normale Mieter in der Kaserne wohnen, für die im Moment noch die Landesentwicklungsgesellschaft die Schlüssel besitzt. »Keine Gütergemeinschaft, aber Privateigentum, das der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt wird«, fasst es Dietrich Koller zusammen. Gemeinschaftsräume soll es geben und einen kleinen, von der Öffentlichkeit etwas abgeschotteten Bereich der Stille.
Außerdem ist an diverse Bildungsangebote im Haus gedacht, vielleicht ein Familienhotel, vielleicht ein Slow-Food-Restaurant, das fair gehandelte und regionale Produkte auf seiner Speisekarte führt. »Vor allem aber wollen wir, wie Bonhoeffer es schon formulierte, Kirche für andere sein«, bringt der einstige Pfarrer Koller ein ganz wesentliches Anliegen des Collegiats auf den Punkt. »In der benachbarten Peterskirche wieder regelmäßig zu singen und zu beten, das ist schon eine große Vision«, bekennt auch Cornelia Seidel.
Kloster, Stadtkrone und Dachgarten
Offizielle Stellen reagierten bislang zumeist wohlwollend: »Schöne Idee, jetzt möchte ich noch die Menschen sehen, die da mitmachen«, lächelte vor einigen Monaten ein skeptischer Bischof Christoph Kähler. Stadt, Landtag und Parteien kennen das Konzept und begrüßen es vor allem deshalb, weil es gleich zwei Gebäude des altehrwürdigen und bislang so schwer belebbaren Petersberges im Auge hat statt bisheriger isolierter Nutzungsideen. »Was wir brauchen, sind nun natürlich verbindliche Entscheidungen dazu«, visiert Cornelia Seidel die nächsten Ziele an, bei dem profunde Partner aus der Stadt wie die Tourismus GmbH Erfurt durchaus mit an einem Strang ziehen. Vielleicht klappt es ja mit einem Baubeginn 2010 …?
»Wir haben bereits jede Menge positiver Überraschungen erlebt«, begründet Dietrich Koller seine Zuversicht: Gerade zu der Zeit, als sich die Baugruppe innerhalb des Vereins fragte, woher denn das Geld für eine bauliche Vorstudie aufzutreiben wäre, stellte sich bei einem Vereins-Besuch der Freunde der Zitadelle heraus, dass diese Studie längst vorlag.
Der Petersberg – Stadtkrone und Dachgarten von Erfurt war er einstmals, besiedelt zuallererst von Mönchen. Nun ist er eingebettet in eine einzigartige Zitadellenanlage. Zeiten bemessen sich hier nicht nach Tagen und Wochen. Und so haben die Mitstreiter im Collegiatsstift auch nicht wirklich Eile. Dietrich Koller: »Schon jetzt gehen Türen auf, von denen wir vorher gar nicht wussten, dass es sie gibt. Und überhaupt: Das wichtigste sind doch die Menschen – nicht die Steine.« Ganz in diesem Sinne dürfen sich Neugierige zu einer ersten offiziellen Veranstaltung des Collegiatsstifts für den 29. Juni, dem Peter-und-Paulstag, 18.30 Uhr herzlich in die Peterskirche auf den gleichnamigen Berg eingeladen fühlen.
Kathrin Schanze




