Ehrenamt: Am Ende gewinnen alle

18. Juni 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Sie fahren als Helfer mit zu Konfi-Freizeiten, sind bei den Pfadfindern dabei oder betreuen jede Woche eine Kindergruppe: die »Juleicas«, Jugendliche, die sich für die Ehrenamtsarbeit qualifizieren.

Malte zündet eine Kerze an. Bastian, Pauline, Kira und die anderen rutschen ungeduldig auf ihren Sitzhockern. Doch das Ritual muss sein und der Spruch »Ich freue mich, dass ihr alle da seid …« ebenso wie der Dank an Gott. Im Kinderkirchenladen Nordhausen (Kirchenkreis Südharz) warten an jedem Dienstag acht bis zwölf Kinder auf Jonathan, André und Laura. Die jungen Leute betreuen eine der vier Gruppen. Das Besondere: Ihre Gruppe, die »Chicken Wings«, wird ausnahmslos von ehrenamtlichen Jugendlichen geleitet.

Gemeindepädagoge Frank Tuschy, der für den Kinderkirchenladen (KiLa) und die drei anderen Gruppen zuständig ist, hätte keine weitere anbieten können. Aber wenn sie das selbstständig übernehmen, hätte er nichts dagegen, erzählt André Ludwig. Die Bedingung war, dass ein über 18-Jähriger dabei sein muss. André und Jonathan sind volljährig. André lernt Erzieher und bringt von daher gute Voraussetzungen mit. Jonathan hat in den Osterferien seine Jugendleitercard erworben, ein bundesweit anerkannter Nachweis, dass sich die Inhaber pädagogische, rechtliche und praktische Grundkenntnisse für die Leitung von Kinder- und Jugendgruppen angeeignet haben. Mit 18 anderen Jugendlichen aus den Kirchenkreisen Erfurt, Mühlhausen und Südharz opferte er sechs Ferientage.

Die Handpuppen Heidi und Heinz sind mit von der Partie im KiLa Nordhausen. Jonathan (Mitte) hat die Rolle von Heinz übernommen, Laura ist Heidi und André schlichtet als Vater »salomonisch« den Streit.	Foto: Marcus Wiethoff

Die Handpuppen Heidi und Heinz sind mit von der Partie im KiLa Nordhausen. Jonathan (Mitte) hat die Rolle von Heinz übernommen, Laura ist Heidi und André schlichtet als Vater »salomonisch« den Streit. Foto: Marcus Wiethoff

Jonathan Bufe geht in die elfte Klasse. Als der Achtzehnjährige die Gruppenleitung mit André Ludwig übernahm, fühlte er sich unsicher. »Es gibt zwei ›Problemkinder‹, die die Gruppe immer wieder aufgemischt haben. Da bin ich schnell an meine Grenzen gekommen.« Seit der Ausbildung fühlt er sich besser vorbereitet. Er hat eine Menge Ideen mitgebracht, kann einschätzen, wann er eine Geschichte unterbrechen und zum Spiel übergehen muss.

Jonathan, in einer christlichen Familie aufgewachsen, ging als Kind selbst gern in den Kinderkirchenladen. Dort arbeiten zwischen 15 bis 20 Ehrenamtliche, auch die 15-jährige Laura. Vielleicht wird sie die Jugendleitercard ablegen. Aber dafür muss sie mindestens 16 Jahre alt sein.

Das Zertifikat gilt drei Jahre. Danach muss ein Wiederholungskurs gemacht werden, informiert Matthias Sengewald vom Bund Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland (bejm). Die bundeseinheitliche Regelung sei im Jahr 2000 eingeführt worden. Innerhalb der mitteldeutschen Kirche (EKM) und der anhaltischen Landeskirche wird sie von verschiedenen Einrichtungen angeboten, zum Beispiel dem Christlichen Verein Junger Menschen, Bildungshäusern für evangelische Jugendarbeit, wie dem Neulandhaus Eisenach, oder den Jugendpfarrämtern. Die Ehrenamtlichen lernen im Kurs neben pädagogischen Ansätzen auch, wie man eine Andacht hält. Glaubensfragen und theologische Inhalte und wie man Gespräche zu diesen Themen führt, stehen ebenso auf dem Programm.

Im Bereich der EKM gibt es rund 500 »Juleicas«, wie die Ehrenamtlichen kurz genannt werden, in der Landeskirche Anhalt etwa 60. Bundesweit, so Sengewald, wurden mehr als 300000 Jugendleitercards ausgestellt. Eine genaue Zahl zu ermitteln, sei jedoch schwierig.

Der 19-jährige Sebastian Köhn aus Dessau ist jedenfalls froh, dass er eine gute Gelegenheit für die Ausbildung hatte. Bisher habe er nie die Zeit gefunden, doch jetzt ist er im Rahmen seines Zivildienstes beim Kinder- und Jugendpfarramt Anhalts. Als Posaunenbläser will er sich in der Jungbläserausbildung engagieren. Mit der Jugendleitercard hat er nicht nur eine rechtliche Absicherung. »Wir haben Methoden gelernt, wie wir mit Kindern arbeiten, zum Beispiel wie Vertrauen in der Gruppe wachsen kann oder wie Projekte geplant werden«, sagt er. Mit elf jungen Leuten aus Anhalt und zwölf aus der EKM war Sebastian im April zum Kurs in Zethlingen (Kirchenkreis Salzwedel).
Die Nordhäuser »Chicken Wings« sind inzwischen beim Spiel auf dem Blasii-Kirchplatz. Eifrig suchen sie Fellstücke, für die Plus- oder Minuspunkte verteilt werden. »Am Ende«, sagt André Ludwig, »gibt es garantiert Gleichstand.« Denn im »KiLa« gewinnen am Ende alle.


Von Dietlind Steinhöfel

Ein Köfferchen voll Hoffnung

11. Juni 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Spendenaktion: Diakonie Mitteldeutschland will bedürftigen Kindern wieder unbeschwerte Ferientage ermöglichen

Manchmal reichen schon 15 Euro zum Glück. Weil sich viele Familien in Mitteldeutschland einen Urlaub nicht leisten können, gibt es die Aktion »Kindern Urlaub schenken«. In diesem Jahr warten 50000 Euro darauf, verdoppelt zu werden.

Auch Kinder aus sozial benachteiligten Familien sollen sorglos die Ferien genießen können.	Foto: Bilderbox.com

Auch Kinder aus sozial benachteiligten Familien sollen sorglos die Ferien genießen können. Foto: Bilderbox.com

Es dauert nicht mehr lange, dann heißt es wieder: Endlich Urlaub! Endlich raus aus der täglichen Tretmühle! Frische Luft, andere Gesichter – wer kennt es nicht, dieses wunderbare Gefühl, wenn man den Alltag mal für ein paar Tage getrost hinter sich lassen kann?

Die 12-jährige Vanessa* zum Beispiel. Sie kennt es ebenso wenig wie ihre fünf Geschwister und ihre Mutter. Die Hälfte ihres noch jungen Lebens verbrachte die Schülerin in sogenannten Übergangswohnungen. In Häuserblöcken, in denen über die Maßen viel Resignation, Ratlosigkeit und Minderwertigkeitsgefühle wohnen – und mithin auf Schritt und Tritt auch Alkohol und Aggressivität. Das Mädchen aus Rudolstadt gehört zu jenen Kindern, deren Eltern scheinbar aussichtslos in der Hartz-IV-Falle stecken und denen damit pro Kind am Tag gerade mal 2,60 Euro für Essen und Trinken bleiben. Urlaub – wie, bitte …?

Beispielsweise durch Spenden. »Vor vier Jahren waren wir noch eine recht kleine Runde, die sich fragte, was wir tun könnten«, schildert Erziehungswissenschaftler Roland Merten die Anfänge der Spendenaktion »Kindern Urlaub schenken«. Und obwohl die Akteure der Diakonie Mitteldeutschland mit ihrem Hinweis auf die wachsende Kinderarmut im reichen Deutschland keineswegs überall ernst genommen wurden, spendeten mitfühlende und wache Menschen gleich im ersten Jahr 5000 Euro – und damit schon weit über 300 Tage Urlaub!

Aus dem Pflänzchen sei inzwischen eine wirklich hilfreiche Aktion geworden, bilanzierte dieser Tage Diakoniechef Eberhard Grüneberg. Und verwies auf über tausend Kinder aus problematischen Verhältnissen, die dank dieser Aktion im vergangenen Jahr eine Handvoll sorgenfreier Ferientage erleben konnten.
Matthias Weiß von der Offenen Arbeit Erfurt gehört zu den Anbietern solcher Tage. Von Wanderungen durch die Wälder rund um das Freizeitheim Reinsfeld bei Arnstadt erzählt er, von Musik, von Lagerfeuer. »Und es ist schon erstaunlich«, registriert er immer wieder, »wie schnell beim gemeinsamen Essen, Malen oder Spielen finanzielle Unterschiede zwischen den Elternhäusern einfach unwichtig werden.« Eine Atmosphäre, wie sie sich Michael Klingner vom Jugendhilfebüro Eisenach auch für Christian* wünscht.

Der 13-Jährige wohnt mit seinen kleinen Brüdern bei seinem Vater. »Christian ist wirklich sozial, lieb und hilfsbereit. Aber er ist völlig überfordert und sich selbst überlassen.« Er kennt keine Geburtstagsgeschenke, und die Welt seines Erlebens erschöpft sich in erträumten Rollen am PC- und am Fernsehbildschirm. »Ich würde ihm gern ein Tor zur Welt öffnen«, wünscht sich Michael Klingner.

Eine Tour durch den Hainich schwebt dem Sozialarbeiter vor, auf der sich Christian und natürlich noch andere Jungen einmal wirklich selbst entdecken lernen: Wo sie Hütten bauen und darin schlafen, Kanu fahren, mit Karte und Kompass schauen, ob sie noch auf dem richtigen Weg sind.

Dass dem Problem Kinderarmut so nicht grundsätzlich beizukommen ist, darüber sind sich die Initiatoren von »Kindern Urlaub schenken« völlig im Klaren. Und so geht diese Spendenaktion auch weiterhin einher mit unmissverständlichen Forderungen der Diakonie nach einem dritten Arbeitsmarkt und anderen strukturellen Veränderungen auf politischer Ebene. »Wenn aber inzwischen jedes vierte Kind in Mitteldeutschland in Armut lebt, dann geht uns das einfach alle an!«, findet Spendenratssprecher Roland Merten.

Eine Botschaft, die im vergangenen Jahr auch die Share-Value-Stiftung schon mit verbreitete: Und so legte sie auf jede Einzelspende 2008 noch einmal genau die gleiche Summe »drauf«. In diesem Jahr nun gesellt sich mit dem gleichen Vorhaben noch die Bethe-Stiftung hinzu, so dass nicht weniger als insgesamt 50000 Euro darauf warten, verdoppelt zu werden. Das sind wie viele Urlaubstage für wie viele Kinder …?
Fest steht – die Menge an Glückskörnchen, die daraus erwächst, ist unberechenbar.

Und mit 15 Euro für einen Urlaubstag holt man quasi nicht nur sich selbst aus dem Alltag, sondern nimmt einfach noch jemanden mit – dank Spendenscheck im Gepäck. Vielleicht sind es ja Christian und Vanessa.
*) Namen der Kinder geändert

Spenden an: Diakonie Mitteldeutschland, Konto 2002000 bei der Evangelischen Kreditgenossenschaft (BLZ 52060410) oder der KD Bank Magdeburg (BLZ 35060190), Kennwort: Urlaub schenken

www.urlaubschenken.de

Humorvoll und nahe bei den Menschen

11. Juni 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Bischof Axel Noack wurde aus dem Amt verabschiedet.

Festgottesdienst im Magdeburger Dom: Abschied von Bischof Axel Noack (vorn rechts).	Foto: Klaus-Peter Voigt

Festgottesdienst im Magdeburger Dom: Abschied von Bischof Axel Noack (vorn rechts). Foto: Klaus-Peter Voigt

Er war Bischof uns mit frohem Mut«, schallt es durch den Domgarten. Die Superintendenten der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen verabschieden sich sehr zur Freude der Zuhörer auf ihre Weise von Bischof Axel Noack – mit einem besonderen Ständchen in Form einer Liturgie. Die, so Superintendent Michael Bornschein aus Nordhausen, solle zwar zum Schmunzeln anregen, sei aber durchaus ernst gemeint.

Dass es am vergangenen Sonntag nicht nur ernst zuging, obwohl der Abschied von Bischof Axel Noack anstand, ist auch seiner Person geschuldet. Denn humorvoll versah er häufig sein Amt in den vergangenen zwölf Jahren. Dem Neuanfang der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wollte der 59-Jährige nicht im Weg stehen und hatte deshalb frühzeitig seinen Rücktritt erklärt. Nach der Verabschiedung seines Thüringer Amtskollegen Christoph Kähler am Pfingstmontag galt es nun, dem anderen EKM-Bischof Lebewohl zu sagen. Und das tat eine große Gemeinde im mehr als gut gefüllten Dom, darunter zahlreiche Gäste aus Kirche, Politik und Gesellschaft.

In seiner Abschiedspredigt rief Noack die Christen noch einmal dazu auf, dabei zu helfen, ein Grundwissen über den Glauben zu vermitteln und den Menschen den Schritt in die Kirche zu erleichtern. »Wir sollten«, sagte der Bischof, »auch die Zögernden lieben.« Denen wiederum schrieb er ins Stammbuch: »Suchen ist toll, aber man muss auch mal finden!«

Für diese augenzwinkernde Art war der Bischof, zuvor Gemeindepfarrer in Wolfen und Studentenpfarrer in Merseburg, allseits geschätzt. Sein Humor, so der badische Landesbischof Ulrich Fischer bei der offiziellen Entpflichtung und Rückgabe des Amtskreuzes, sei letztlich »Ausdruck einer tief gegründeten Glaubensgewissheit«.

Gerade bei schwierigen Entscheidungen habe Noack durch dieses »frohe Gottvertrauen« das lösende Wort gefunden. Seine Verdienste beim Zusammenschluss der Kirchen in Ost und West würdigte schließlich auch der EKD-Ratsvorsitzende, der Berliner Bischof Wolfgang Huber. Auch das Zustandekommen der EKM habe er maßgeblich mitbestimmt. Zudem erinnerte Huber an Noacks Nähe zu den Menschen, seine Arbeit in den verschiedenen Synoden, angefangen 1968 als Jugendsynodaler in der Kirchenprovinz Sachsen, und seine Rolle während der friedlichen Revolution.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) dankte dem Bischof für sein Engagement und das, was er im Land bewirkt habe. Noacks Entscheidung, freiwillig aus dem Amt zu scheiden, sei ein Zeichen, dass er die Strukturentscheidung für die EKM mit herbeigeführt und dies auch über seine Freude am Bischofsamt gestellt habe, so Böhmer.

Auch der katholische Amtskollege Gerhard Feige griff Noacks Humor und Elan auf. Mit Herz und Verstand habe er dazu beigetragen, das Verhältnis zwischen den Kirchen zu gestalten. Damit habe er »ökumenisches Gesicht« gezeigt. Zugleich habe er von ihm habe gelernt, was es heiße, fröhlich kleiner zu werden.

Fröhlich ging es aber auch sonst beim Empfang im Domgarten zu. Schließlich bleibt Noack, nun Bischof a. D., der Kirche in anderer Funktion erhalten. Er übernimmt im Juli einen Lehrauftrag an der Theologischen Fakultät in Halle. Hier kann er neben der Liebe zu Luther-Zitaten auch seiner zweiten Leidenschaft nachgehen: der Kirchengeschichte.

Martin Hanusch

Wo Luther einst studierte

11. Juni 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Archäologen fanden Fundament des einstigen Philosophischen Hauses der Erfurter Uni.

Der Fachfrau erzählen die Steine ­Geschichten. 	Foto: Lutz Edelhoff

Der Fachfrau erzählen die Steine ­Geschichten. Foto: Lutz Edelhoff

Steine, Löcher und unterschiedliche Farben im Boden. Mehr sieht der Laie nicht. Wenn Karin Sczech jedoch erläutert, erschließt sich eine vergangene Welt. Zurzeit sind die Archäologen auf dem Gelände des Collegium maius in Erfurt tätig, wo das Kirchenamt der mitteldeutschen Landeskirche (EKM) gebaut werden soll. Die promovierte Archäologin erklärt einer interessierten Gruppe die unterirdischen Zeugen der alten Stadt. Dort, wo Löcher im Erdboden zu sehen sind, standen einst große und kleinere Pfosten von mittelalterlichen Wohnhäusern. Ein Archäologe ist gerade dabei, die Brandstellen zu zeichnen. Denn diese Häuser waren durch einen Brand zerstört worden.

Die Besiedlung hier sei über Jahrhunderte gegangen, informiert Karin Sczech. Von der Universität, die Martin Luther einst besuchte, sei allerdings nicht sehr viel zu finden gewesen. Die Grundmauern des Philosophischen Hauses konnten jedoch freigelegt werden, ebenso die Pflasterflächen eines Hofes. Die obere sei mindestens bis Ende des 18. Jahrhunderts genutzt worden, was eine Münze von 1770 belege, die sie auf der oberen Pflasterschicht entdeckten. Darunter befand sich ein zweites, älteres Pflaster, über das Martin Luther mit Sicherheit gegangen sei. Das Philosophische Haus wurde erst im 19. Jahrhundert abgebrochen.

Um mehr über die Nutzung zu sagen, dazu fehlten Abfallgruben und Latrinen. Auf die Grundmauern des Philosophischen Hauses wurde 1945 eine Bude gesetzt, in der Steine vom Haus in der Michaelisstraße 41, dem Haus »zum Christoffel«, verbaut wurden. Die Steine lassen sich zuordnen, weil sie zum Teil lateinische Inschriften tragen.

Interessant sei eine sehr große Holzkelleranlage aus dem 13. Jahrhundert. Die Holzkeller hätten manchmal kleinere Steinkeller ersetzt. »Im Zusammenhang mit Beobachtungen von anderen Grabungsstätten in Erfurt lässt das auf eine völlige Neustrukturierung der Stadt im 13. Jahrhundert schließen«, sagt Karin Sczech. »Spannend wird es im Kontext.« Es ist daran gedacht, die Funde, ­Fotos, Zeichnungen und schriftlichen Berichte im Collegium maius auszustellen. Erst wenn die Archäologen ihre Arbeit beendet haben, können die Bauarbeiten am Kirchenamt beginnen.

Dietlind Steinhöfel

Botschaft zum Weitersagen – bis heute

11. Juni 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Christus spricht zu seinen Jüngern: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich. Lukas 10, Vers 16

Foto: scol22 (sxc.hu)

Foto: scol22 (sxc.hu)

Was sind Worte wert? Diese, die Sie jetzt lesen, oder die Worte, die Sie im Rundfunk oder Fernsehen vor wenigen Minuten gehört haben. Wir haben es gelernt, Worte zu bewerten und zu interpretieren. Manchmal gelingt es uns in unserer Mediensprache, das zu verstehen, was mit den Worten gemeint ist.

Früher war es eine Kunst, zwischen den Worten eine bestimmte Botschaft zu hören, die offen nicht ausgesprochen werden durfte. Oft genug sind es heute aber nur Wortblasen, es wird viel geredet und nichts gesagt. Was uns tagtäglich in der Politik begegnet, wo mancher nur sich selbst darstellt, gilt nicht für die Weitergabe der biblischen Botschaft.

Die Jünger, die damals von Jesus zwei und zwei ausgesandt wurden, hatten die Worte im Ohr, die Jesus ihnen vorher in vielen Gesprächen nahegebracht hatte. Wir haben heute die schriftlich überlieferten Worte der Bibel. Damals wie heute gilt: Wer diese Worte weitergibt, tut dies im Namen und im Auftrag des Herrn.
In der Folge der Jüngerschaft Jesu sind wir in diesen Auftrag mit hineingenommen und wissen: Unsere Worte sind seine Worte. Ein starker Auftrag, der mich manchmal auch sprachlos macht, weil ich die Verantwortung spüre, die dahintersteht. Gleichzeitig weiß ich, ich bleibe selbst Hörender auf die Worte, die Jesus sagt. Deshalb kann ich sie weiter-sagen, auch dann, wenn ich auf Ablehnung stoße.

Ich muss nicht an mir zweifeln, wenn der »Erfolg« ausbleibt und die Zuhörenden nichts von der Botschaft Jesu annehmen. Jeder einzelne Hörer bleibt in seiner Entscheidung frei. Das ist für mich tröstlich zu wissen und macht mir gleichzeitig auch Mut, nicht aufzuhören von Jesus zu erzählen und seine Worte in unsere Zeit zu übertragen.

Die Sprache hat sich im Laufe der Zeit verändert, die Botschaft ist die geblieben, die schon die Jünger gehört und weitergegeben haben. Dies wird auch in Zukunft so sein, und das ist gut so.

Dieter Kerntopf, Pfarrer in Colbitz

Halb so schlimm?

11. Juni 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Die gute Nachricht zuerst: Den angestrebten landesweiten Durchbruch hat die rechtsextreme NPD bei den Kommunalwahlen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen nicht erreicht. Grund zur Entwarnung besteht deshalb keineswegs. Denn in vielen Kreistagen und Stadtparlamenten werden die Rechten künftig vertreten sein. So holte die NPD in Thüringen mehr als 20 Mandate. Sie sitzt nun unter anderem in den Stadtparlamenten von Eisenach, Gera und Weimar. Landesweit kam sie auf 3,1 Prozent. In Sachsen-Anhalt sieht es ähnlich aus. Hier stellt die Partei künftig u.a. Stadträte in Magdeburg, Quedlinburg und Zeitz.

Das ist alles andere als halb so schlimm. Zwar gibt es keinen dramatischen Rechtsruck. Doch die Gefahr einer schleichenden Etablierung von rechtsextremen Positionen in der Gesellschaft besteht nach wie vor. Schon deshalb hatten sowohl die EKD-Synode als auch die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland vor dem Urnengang deutlich gemacht, dass solche Parteien für Christen nicht wählbar sind. War das umsonst? Dass Rechtsextremismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit mit dem Glauben nicht vereinbar sind, kann gar nicht oft genug wiederholt werden. Insofern ist es gut, dass die Kirche hier Flagge gezeigt hat.
Weit schwerer wiegt jedoch die geringe Wahlbeteiligung.

Auch wenn sie in Thüringen deutlich höher lag als etwa in Sachsen-Anhalt mit nur rund 40 Prozent, kann das niemanden zufriedenstellen. Das Ergebnis lässt sich auch nicht mit der Wahl zum EU-Parlament begründen. Schließlich besteht gerade bei Kommunalwahlen die Chance, die Politik vor Ort mitzubestimmen. Die Kandidaten sind bekannt und können an ihren Taten gemessen werden.
Vor 20 Jahren sind die Ostdeutschen, darunter viele Christen, auf die Straße gegangenen, um ihr Wahlrecht und eine andere Politik einzuklagen. Jetzt, wo die Möglichkeit besteht, sollten sie davon auch Gebrauch machen.

Martin Hanusch

Letzter Thüringer Bischof und Architekt der mitteldeutschen Kirche

10. Juni 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Mit einem Festgottesdienst und Empfang ist Landesbischof Christoph Kähler in Eisenach verabschiedet worden.

Entpflichtet: Nach acht Jahren gibt Bischof Christoph Kähler das Thüringer Amtskreuz zurück. Für die neue Landes- bischöfin Ilse Junkermann wird es ein neues Kreuz geben.	 Foto: G. Seifert

Entpflichtet: Nach acht Jahren gibt Bischof Christoph Kähler das Thüringer Amtskreuz zurück. Für die neue Landes- bischöfin Ilse Junkermann wird es ein neues Kreuz geben. Foto: G. Seifert

Im Abschiednehmen haben wir Thüringer Christen uns ja schon geübt.« Die Vizepräses der Landessynode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Sabine Bujack-Biedermann, fand beim Empfang auf dem Pflugensberg in Eisenach ganz persönliche Worte. Nach achtjähriger Amtszeit wurde am Pfingstmontag Christoph Kähler als letzter Thüringer Landesbischof in den Ruhestand verabschiedet. Zugleich erinnerte die Vizepräses daran, dass Kähler stets ein Bischof gewesen sei, der den Kontakt zu den Kirchengemeinden suchte. Rund 400 Gemeinden habe er während seiner Amtszeit besucht.

Zuvor hatte eine große Gemeinde beim Festgottesdienst in der Georgenkirche der Entpflichtung Kählers beigewohnt. Alles, was in Thüringen und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Rang und Namen hat, war dazu in die Wartburgstadt gekommen. In seiner Abschiedspredigt erinnerte Kähler an die vor 75 Jahren beschlossene Barmer Theologische Erklärung. Solche klaren Worte seien immer wieder notwendig. Auch heute müsse die Kirche in aktuellen Debatten deutlich Stellung beziehen. Dabei verwies er auf den Beschluss der EKM-Landessynode, nach dem rechtsextreme Parteien für Christen nicht wählbar, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit mit dem christlichen Glauben unvereinbar seien.

Im Rückblick auf den Weg der Thüringer Kirche erklärte Kähler, das Überraschende seien nicht Irrtum und schwere Sünde, sondern die Eingeständnisse von Fehlern und die sich daraus ergebenden Selbstkorrekturen. »Reformatorische Kirche sind wir nicht, wenn wir Strukturen ändern, so nötig das sein kann. Reformatorische Kirche sind wir, wenn es uns geschenkt wird, Falsches und Christuswidriges zu erkennen.« Aber auch die Gesellschaft brauche ein Klima, in dem Fehler zugegeben werden könnten. Politiker seien oft gelähmt von der »Angst vor dem Gesichtsverlust, Fehlentscheidungen zuzugeben, zu korrigieren«. Die Menschen schauten jedoch nicht so sehr auf die Fehler, sondern auf den Umgang mit ihnen.

Auch wegen dieser deutlichen Worte lobte der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber den Bischof beim anschließenden Empfang als »klarsichtige Stimme des Ostens«. Kähler zeige bei allem, was er tue, einen klaren Standpunkt und seine besondere Fähigkeit zum Dialog. Zudem würdigte Huber ihn als einen der »Architekten« der EKM. Als sein Stellvertreter trage er zudem Verantwortung für wichtige Aufgaben, die er auch nach dem Ruhestand fortführen werde. »Darüber sind wir sehr froh.« Thüringens Kultusminister Bernward Müller hob in Vertretung von Ministerpräsident Dieter Althaus (beide CDU) Kählers Verdienste bei der Gestaltung der guten Beziehungen zwischen Kirche und Freistaat hervor. Er habe viel für Thüringen und die Menschen getan. »Sie haben gezeigt, dass Kirche etwas Lebendiges ist und ein Partner im politischen Diskurs«, so Müller.

Um das vertrauensvolle Miteinander ging es schließlich auch im Grußwort des Erfurter katholischen Bischofs Joachim Wanke. Ihm sei schon ein wenig wehmütig ums Herz, gestand er. Schließlich finde nicht nur die Thüringer Landeskirche ihr Ende, ihm komme mit Kähler auch ein Gesprächspartner und Bischofskollege abhanden. Doch sein Blick richtete sich bereits nach vorne. Er setze, so Wanke, auch künftig auf eine gute Partnerschaft und Weggemeinschaft mit der EKM.   

Martin Hanusch

Fahndung nach Frau Marta

10. Juni 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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TEN-SING-Produktion in Zeulenroda vereint Musik, Theater und Artistik.

Sie sind auf der Suche nach Frau Marta, die Mitglieder von TEN SING Zeulenroda:  Steve Weigert, Franziska Voigt, Maria Barth und Lydia Rieger (von links nach rechts).	Foto: Karsten Schaarschmidt

Sie sind auf der Suche nach Frau Marta, die Mitglieder von TEN SING Zeulenroda: Steve Weigert, Franziska Voigt, Maria Barth und Lydia Rieger (von links nach rechts). Foto: Karsten Schaarschmidt

Gesucht wird: Frau Marta. Alter, Größe, äußere Erscheinung: unbekannt. Bekannt ist, dass nicht das Bundeskriminalamt, wohl aber die Mitglieder von TEN SING in Zeulenroda jene Frau Marta suchen. Noch informativer: Sie sind »Auf der Suche (nach Frau Marta)«. So nämlich lautet der Titel einer »kunterbunten Musikshow«, wie Jugendwart und TEN-SING-Leiter Steffen Schürer, Jahrgang 1976, verspricht. Am Freitag, 5. Juni, hat die über 90-minütige Revue in der Zeulenrodaer Stadthalle ab 19.30 Uhr Premiere.

Rund 40 Akteure stehen dann auf der Bühne – von den Zehn- bis Elf-jährigen aus dem Kinderchor U13 bis zu den jungen Erwachsenen und ­»alten« TEN-SING-Hasen, die wie die 21-jährige Maria Barth sagen können: »Ich bin mit TEN SING erwachsen ­geworden, mag die Gemeinschaft, die Kreativität, die wir in der Gruppe entwickeln, und den Spaß, den wir zusammen haben.« Selbstverständlich sucht Maria mit nach Frau Marta. Aber wer ist diese Person denn nun? Benjamin Werk, 21, der die Theatergruppe leitet, lüftet das Geheimnis.

»Frau Marta ist eine imaginäre Person, die im Spiel nur die Zuschauer, nicht aber die Darsteller sehen können, außer einem kleinen, kranken Mädchen.« Frau Marta verbinde die Szenen, die vom Streben nach Glück, Ruhm, Liebe, aber auch von Ängsten handeln, und führe am Ende die einzelnen Figuren zusammen. »Vielleicht ist Frau Marta ein Engel«, verrät Benjamin noch.

Entwickelt haben die Jugendlichen das Stück in Eigenregie, haben Texte, Choreografie und Showeinlagen komplett selbst erarbeitet. Herausgekommen ist eine Inszenierung, für die die Begriffe Theater und Musik einen viel zu engen Raum markieren. Denn zu den Spielszenen, der Musik von der Band und dem Chor, der Titel von ­Elton John, Sting oder Greenday zum Besten geben wird, gesellen sich effektvolle Jonglagen und Percussion-Sets, in denen mit Plastikbechern und auf dem eigenen Körper getrommelt wird.

Trotz des Stresses, den ein solches Riesenprojekt zwangsläufig mit sich bringt, bereuen weder der 22-jährige Steve Weigert noch die 14-jährige ­Lydia Rieger, dass sie dabei sind. Im Gegenteil. Das Singen im Chor, Trommeln, Jonglieren oder die Spielszene, in der Lydia eine Angestellte der ­Arbeitsagentur spielt, seien erlebtes Gemeinschaftsgefühl. Und auch dafür steht TEN SING als offene kirchliche Jugendarbeit, die junge Christen und konfessionell nicht gebundene Jugendliche zueinanderbringt. Angesichts von Leistungsdruck in Schule und Ausbildung ist es dennoch nicht immer einfach, die jungen Leute zu motivieren. TEN-SING-Chef Schürer erhält jedoch den Ritterschlag für sein Engagement.

»Ohne Steffen würde das alles nicht so gut laufen«, lobt Maria unter Zustimmung der anderen. Und für die gute Stimmung gibt’s außerdem die 16-jährige Franziska Voigt und ihr Milieu-Team, das dafür sorgt, dass Zeckeleien keinen Gruppenschaden verursachen oder besser gar nicht erst entstehen. Das Leben hat eben nicht nur Sonnenseiten, wissen die ­Jugendlichen. »Wir wollten deshalb auch Nachdenkliches in das Stück einbauen«, erzählt Franziska. Zum Schluss geht das kleine, schwerkranke Mädchen mit Frau Marta mit – und symbolisiert Tod und Abschied. Abschied von der Bühne müssen die TEN SINGer aber nicht nehmen.

Nach der Premiere stehen bereits weitere Aufführungstermine an, unter anderem am 19. Juni in Greiz und am 20. Juni in Jena. Empfehlung: Hingehen und ­mitsuchen!

Karsten Schaarschmidt

Umbruch

10. Juni 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Martin Hanusch ist Chefredakteur bei "Glaube + Heimat"

Martin Hanusch ist Chefredakteur bei "Glaube + Heimat"

Jetzt ist die Thüringer Landeskirche endgültig Geschichte, und es wird ernst mit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Am vergangenen Pfingstmontag wurde unter großer Anteilnahme von Vertretern aus Kirche und Gesellschaft Landesbischof Christoph Kähler in den Ruhestand verabschiedet. An diesem Sonntag folgt sein Amtskollege Axel Noack in Magdeburg, der einen Lehrauftrag an der Universität Halle-Wittenberg übernimmt.

Doch es ist beileibe nicht nur ein Abschied von zwei Bischöfen, die ihre Landeskirchen über Jahre geprägt und die EKM maßgeblich mit vorangetrieben haben. Mit ihnen endet jeweils eine Ära. Christoph Kähler ist der letzte Thüringer Landesbischof, und mit Axel Noack räumt nun auch der letzte Bischof der Kirchenprovinz Sachsen seinen Platz. Für manch einen mag das noch einmal Grund zur Trauer sein, weil es heißt, endgültig Abschied zu nehmen von den vertrauten Gesichtern und gewohnten Zusammenhängen. Obwohl sich für die Gemeindeglieder und Kirchengemeinden im Grunde nicht viel ändert, geht damit eine gewisse Verunsicherung einher.

Zudem sind es im Augenblick nicht nur die Spitzenvertreter der Kirche, die den Staffelstab weitergeben. Allein im sachsen-anhaltischen Teil der EKM werden in diesem Jahr sechs neue Superintendentinnen und Superintendenten gewählt. Das ist schon ein gewaltiger Umbruch, der sich da in der noch jungen Landeskirche vollzieht. Die neu ins Amt Gewählten, angefangen bei Landesbischöfin Ilse Junkermann, werden sicher manches anders machen, aber vor allem versuchen, ihre Kirche voranzubringen. Auch die Skeptiker des bisherigen Weges der seit einem knappen halben Jahr vereinten Kirche sollten ihnen die Chance dazu geben und nach vorne schauen. Das bedeutet ja nicht, die Verdienste der bisherigen Amtsinhaber und Traditionen der bisherigen Landeskirchen zu schmälern. Grund zur Dankbarkeit besteht hier gewiss, Grund zum Rückzug nicht.

Martin Hanusch

»Fröhlich beten, fröhlich glauben und das auch ausstrahlen«

9. Juni 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Interview: Der Magdeburger Bischof Axel Noack zum Weg seiner Kirche

In diesem Monat räumt Bischof Axel Noack sein Amtszimmer in Magdeburg. Der 59-Jährige wechselt an die Universität Halle, wo er einen Lehrauftrag für kirchliche Zeit- und Regionalgeschichte übernimmt. Foto: Viktoria Kühne

In diesem Monat räumt Bischof Axel Noack sein Amtszimmer in Magdeburg. Der 59-Jährige wechselt an die Universität Halle, wo er einen Lehrauftrag für kirchliche Zeit- und Regionalgeschichte übernimmt. Foto: Viktoria Kühne

Zwölf Jahre war Axel Noack Bischof der Kirchenprovinz Sachsen und zuletzt der Evangelischen Kirche in
Mitteldeutschland (EKM). Jetzt tritt er von seinem Amt zurück. Vor seinem Abschied aus Magdeburg sprach
Angela Stoye mit ihm.

Herr Bischof Noack, am 7. Juni läuten die Magdeburger Domglocken zu Ihrem Abschied. Was bewegt Sie dabei?
Noack: Erst einmal läuten Glocken zum Gottesdienst und nicht zu irgendwelchen Abschieden. Aber es bewegt mich natürlich schon! Es ist ein Einschnitt. Ich bin gerne Bischof und wäre es auch noch eine Weile gewesen. Aber jetzt ist der Weg für unsere vereinigte Kirche geebnet, die Ordnungen sind geschaffen – daher ist mein Schritt, in der neuen Kirche für eine neue Amtsträgerin Platz zu machen, vernünftig und richtig.

Sie sind seit 30 Jahren Pfarrer der Kirchenprovinz. Was hat diese Zeit besonders gekennzeichnet?

Noack: Es ist mir immer wichtig gewesen, Menschen mit dem Evangelium so nahe wie möglich zu sein. Das heißt, ihnen zu helfen, christlich zu leben und getröstet zu sterben. Ein Bischof hat zwar noch andere Aufgaben. Aber: Als Kirchenleitung, zu der auch ich gehöre, müssen wir die Arbeitsbedingungen für Pfarrer und andere Mitarbeiter im Verkündigungsdienst so gestalten, dass sie ihre Aufgabe gut erfüllen können.

Was haben Sie von Ihren Gemeindeerfahrungen ins Bischofsamt mitnehmen können?
Noack:
Mein Vorteil ist, dass ich in der Kirchenprovinz Sachsen ganz viele Menschen kenne. Ich bin auch 40 Jahre in der Synode gewesen – schon als Jugendsynodaler. Ich kenne die Arbeit eines Pfarrers und die Schwierigkeiten, die diese manchmal mit sich bringt, genau. Das hat durchaus Vorteile.

Zehn Jahre war Ihre Arbeit von den Fusionsverhandlungen mit der Thüringer Landeskirche geprägt. Wie bewerten Sie das Ergebnis?
Noack:
Damit können wir zufrieden sein. Natürlich dauert das Zusammenwachsen der Kirchen noch an. Auf der Ordnungsebene ist alles geklärt. Jetzt müssen wir die Leute noch mitnehmen. Und es geht ans praktische Gestalten. Dafür gibt es die sogenannten Andockmodelle, die in gewissem Rahmen Unterschiede zulassen. Das wird überhaupt auf uns zukommen: Die Frage Ost-West wird in den Hintergrund treten. Zum Beispiel über die Frage, ob ein Bischof hier aus dem Osten oder aus dem Westen kommen sollte, diskutieren nur die Älteren. Für die Jüngeren ist das kein Thema mehr. Dafür werden wir in unserer eigenen Kirche sehr unterschiedliche Regionen haben. Manchen wird es wirtschaftlich und kirchlich sehr gut gehen, anderen nicht. Das müssen wir gestalten – und dafür bieten die Ordnungen, die wir jetzt haben, genügend Spielraum. Wir werden keine zentralistische Kirche sein, sondern eine, die den Regionen viel Eigenverantwortung lässt.

Es gab immer wieder Kritik an diesem Weg. Ein Vorwurf lautete, die Kirchenprovinz Sachsen verliere beim Zusammengehen mit Thüringen ihr Profil. Wie sehen Sie das?
Noack:
Das sehe ich nicht so. Natürlich ist so eine größere Kirche anders. Und die Stile der Leitungen werden sich angleichen. Aber das Kirchenamt geht nach Erfurt, der Bischofssitz bleibt in Magdeburg, die Akademien bleiben an ihren jeweiligen Standorten. Einrichtungen, in denen in den einzelnen Kirchen stark gespart worden war, haben in der vereinigten wieder bessere Bedingungen. Und die Kultur der Kirchenprovinz, ein bisschen chaotisch zu sein und nicht alles so zu machen, wie es die da oben sagen, die wird bleiben.

Was gewinnen die Gemeinden der Kirchenprovinz durch die Fusion?
Noack:
Erst einmal merken die Gemeinden und Kirchenkreise nicht so viel davon. Denn dort wurde nach der Wende schon viel gespart. Jetzt müssen wir auf der oberen Ebene sparen – und das geht nur mit e i n e r Verwaltung. Für die knapp eine Million Mitglieder der EKM reichen eine Verwaltung, eine Kirchenleitung, eine Synode und ein Bischof.

Vor 20 Jahren genossen die Kirchen in Ostdeutschland hohes Ansehen in der Öffentlichkeit. Wie sind sie heute am glaubwürdigsten?
Noack:
Die Kirche muss für die Menschen da sein – mit ihrer Botschaft und in aller Klarheit. Wenn die Menschen damals in die Kirchen kamen, um dort offen zu reden oder Parteien zu gründen, dann war das in Ordnung. Denn anderswo ging es nicht. Heute machen viele Mitarbeiter die Erfahrung: Die Menschen kennen die Adresse der Kirche, kommen aber nur in der Not. Das grämt sie natürlich. Unsere Aufgabe als Kirche ist es, die kleiner werdenden Gemeinden darin zu bestärken, dass sie stellvertretend einen Dienst für die Gesellschaft tun.

… und wie die einzelnen Christen?
Noack:
Wenn sie sich auch in demokratischen Parteien engagieren. Wenn ich engagierte Frauen und Männer frage, warum sie in keiner Partei sind, stoße ich auf Ablehnung. Heute scheinen die meisten Menschen, auch in der Kirche, Parteien als anrüchig zu empfinden! Doch Christen müssen im Superwahljahr nicht nur zur Wahl gehen, sondern auch in Parteien mitmachen. Die Rechten argumentieren, dass es die Gesellschaft nicht schafft, Probleme zu lösen: Es bräuchte einen starken Mann, weil sich die Demokratie schwach zeigt. Die Demokratie ist schwach, wenn sie keine Leute hat, die mitmachen! Ich werde vermutlich einer Partei beitreten, wenn ich nicht mehr Bischof bin. Die Parteien brauchen neue Mitglieder, die sich engagieren, aber für sich nichts wollen. Manche wollen leider nur ein Amt.
Und wenn nur drei Leute zu einer Partei-Ortsgruppe gehören, wird es problematisch. Da wünsche ich mir wieder etwas von dem Schwung von 1989, als so viele Leute Hoffnung in die Demokratie hatten.

Was wünschen Sie der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland?
Noack:
Der wünsche ich natürlich auch mehr Mitglieder, Leute, die sich von Veränderungen nicht entmutigen lassen, die fröhlich beten und fröhlich glauben und das auch ausstrahlen.

Sie gehen nicht in den Ruhestand. Was liegt beruflich vor Ihnen?
Noack:
Ich gehe in eine ›Projektstelle für die letzten Amtsjahre‹. Ich erhalte an der Universität Halle einen Lehrauftrag für kirchliche Zeit- und Regionalgeschichte. Meine Frau und ich ziehen in ein Pfarrhaus am Rande von Halle. Natürlich werden wir auch regelmäßig predigen.

Der Verabschiedungsgottesdienst für Bischof Axel Noack am 7. Juni im Magdeburger Dom beginnt um 14 Uhr.

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