Ohne Vertrauen geht alles zum Teufel

31. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Bild: Miguel Saavedra, sxc.hu

Bild: Miguel Saavedra, sxc.hu

Lebt als Kinder des Lichts;
die Frucht des Lichts ist lauter Güte
und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Epheser 5, Verse 8.9

Die Kirchen fordern angesichts einer großen Wirtschaftskrise mehr Ethik. Als gäbe es da ein großes unerschlossenes Lager mit Hundertausenden Tonnen Ethik, die es zu fördern gilt. Alle Welt fordert plötzlich mehr Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Dabei ist nicht einmal klar, was dies wäre!

Ethik und Moral wandeln sich in Zeiten und an Orten. Sie sind für verschiedene Menschen oft höchst unterschiedlich. Märkte, Bankgeschäfte, Gesellschaften und Ehen können, müssen und dürfen jeweils anders funktionieren. Nur eines ist absolut unverzichtbar: das Licht!

Keiner will von seinem Ehepartner oder Geldberater hinters Licht geführt werden. Dunkelheit, Betrug und Lüge machen wehrlos, unfrei und krank. Diese Dunkelheit zerstört die wichtigste Währung der Welt – das Vertrauen, den Glauben. Die Welt braucht nicht Vorhaltungen zu mehr Ethik. Ich will und werde keinem Bankdirektor sagen, wie er seine Arbeit zu machen hat, oder Eheleuten, wie sie ihre Ehe zu führen haben. Doch ohne Licht, ohne Durchschaubarkeit, ohne Vertrauen geht alles zum Teufel.

Im Licht wächst Vertrauen in Gott und alle seine Geschöpfe, seien sie auch noch so unterschiedlich. In diesem Licht wachsen Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit von ganz allein.
An dieser Stelle frage ich uns Christen und ­unsere Kirchen: Haben wir dazu das Vertrauen? Vertrauen wir dem Licht und seinen Geschöpfen, oder ist es bei uns selbst so düster, dass wir jedem sagen müssen, was er zu tun hat? Am Ende waren und sind die Weltverbesserer genauso schlimm wie die gewissenlosen Schurken.

Wer wirklich Vertrauen in Gott und seine Schöpfung hat, fordert nur eines von sich und den anderen: Licht, Licht und nochmals Licht! In diesem Licht wird sich, über gute und schwere Zeiten hinweg, alles Notwendige zum Leben finden.

Fred Klemm,Pfarrer in Großbreitenbach

Paradies zur Nutzung freigegeben

30. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Im historischen Pfarrhof Niedertrebra sind Gäste herzlich willkommen

Gern nutzte kürzlich der Fußballclub SV Grün-Weiß-Niedertrebra die Herberge St. Radegundis im denkmalgeschützten Pfarrhof, um seine Fußballfreunde aus Tschechien für ein Wochenende hier unterzubringen. Foto: Maik Schuck

Gern nutzte kürzlich der Fußballclub SV Grün-Weiß-Niedertrebra die Herberge St. Radegundis im denkmalgeschützten Pfarrhof, um seine Fußballfreunde aus Tschechien für ein Wochenende hier unterzubringen. Foto: Maik Schuck

In vollem Saft stehen die Wiesen, durch die sich das Glitzerband der Ilm schlängelt. Bad Sulza, die Toskana des Ostens, mit dem steilen Felsen der Sonnenburg und dem idyllischen Kloster Bergsulza liegt schon fast in Sichtweite. Da weist an der Radfahrerkirche Eberstedt ein kleiner Aushang darauf hin, dass in der Herberge
St. Radegundis auf dem historischen Pfarrhof Niedertrebra eine preiswerte Übernachtung gewährt wird. Also, warum nicht den Ilmtal-Radwanderweg kurz verlassen, die schmale uralte Bogenbrücke nutzen und den Abstecher von nur einem Kilometer machen?

Gleich gegenüber der großen Kirche liegt das Evangelisch-Lutherische Pfarramt Niedertrebra, unter schattigen Bäumen davor der kürzlich ­eingeweihte Paul-Gerhardt-Brunnen. Die Klinke des hölzernen Hoftores gibt nach und ein kleines Paradies tut sich auf.

Wilder Wein rankt die Wände hinauf und der alte Birnbaum schüttet seine saftigen Früchte auf die Wiese. Weiter hinten verlockt der Kornapfelbaum. Überall laden Tische und Stühle zum Verweilen ein. Für einige spendet der junge Walnussbaum schon Schatten und die Feuerstelle verspricht romantische Stunden. Wer hier im geschützten Geviert ankommt, atmet erst einmal tief aus und sagt: »Schön!«

Ruth-Barbara Schlenker, seit 1990 Pfarrerin im Kirchspiel Niedertrebra (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) und »Spiritus Rektor«, ist das gewöhnt. Mitte der 1990er Jahre begannen die Ausbauarbeiten des Seitengebäudes, das den gepflasterten Hof begrenzt, aber genutzt wurde es auch zuvor schon für die Jugendarbeit und den Konfirmandenunterricht. Im Übrigen habe sie nur das weitergeführt, was Eduard Müller, bis 1926 Pfarrer in Niedertrebra, bereits begonnen hatte. Die Chronik berichtet, dass er damals um Spenden für ein Jugendheim warb, weil er beobachtet hatte, dass die ­Jugend auf der Straße herumlungere, zu viel rauche und trinke. Die wollte er hier sammeln, bilden und ihnen Anregungen vermitteln.

Diesen Ansatz hat Pfarrerin Schlenker aufgenommen. Natürlich ist der Pfarrhof zuerst für die örtliche Gemeinde da, aber auch andere Gemeinde- und Konfirmandengruppen, Familien, Einzelreisende oder Vereine, die die Möglichkeiten des weitläufigen Areals nutzen wollen, sind willkommen. Erst in der vergangenen Woche tummelten sich hier 15 Kinder aus Rastenberg, Buttstädt und Hardisleben, probierten die Spielgeräte und das kleine Kinderhaus aus Lehm, hörten biblische Geschichten und beschäftigten sich während ihrer Ferienfreizeit mit den vier Elementen. Für sie wurde aus der Pfarrerin dann auch schon mal ein Gespenst, das Sagen aus uralter Zeit kundtat. Das Betätigungsfeld einer Pfarrerin auf dem Dorfe sei eben breit gefächert, lacht Frau Schlenker.

»Für mich sind die Menschen, die hierher kommen, eine Bereicherung, durch die ich schon viele Anregungen erhalten habe«, so Schlenker. Wie wichtig bezahlbare Unterkünfte sind, wisse sie aus der eigenen Gemeindearbeit. Deshalb wollen sie und die ­Kirchengemeinde hier auch keinen Gewinn erzielen. Wenn die Herberge sich trägt, reiche es, ist ihre Philosophie. Für 7 Euro pro Erwachsenen bzw. 5 Euro pro Kind stehen den Selbstversorgern Duschen, Toiletten, die Küche und das große Gartenareal zur Verfügung. Der Gruppenraum ist zugleich Speisesaal und im Obergeschoss gibt es neben den einfachen Übernachtungsräumen einen Andachtsraum. Bis zu 20 Personen können hier unterkommen. Wer kein eigenes Bettzeug dabei hat, kann dies gegen 2,50 Euro erhalten. Für Ordnung und Sauberkeit sorgt eine Frau aus der Nachbarschaft. Die Endreinigung für Gruppen beträgt 25 Euro. Auch Winterbetrieb ist möglich. Dann werden die Heizkosten extra berechnet.

Die Gäste sind während ihres Aufenthalts ganz auf sich gestellt, können ihr eigenes Programm machen oder St. Radegundis als Ausgangspunkt für kulturelle Erlebnisse in Weimar, Naumburg oder Jena nutzen. Doch auch auf dem Pfarrhof gibt es viel zu entdecken: Alte Landmaschinen erzählen in einer Ecke von einem langen Arbeitsleben, der Kapellenraum im Wohnturm, um 1300 errichtet, lädt zur Meditation ein, und wer die große Scheune betreten hat, taucht erst nach Stunden wieder auf. Dem Reiz des Stöberns im Dorfmuseum, wo kein Schild »Bitte nicht berühren« Abstand signalisiert, entgeht niemand.

Gäste können sich jederzeit bei Pfarrerin Schlenker (Telefon 036461/ 20672 oder E-Mail ) melden, damit das große Hoftor nicht verschlossen bleibt.

Uta Schäfer

Fragen über Fragen

30. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Bildautor: EKM/Seifert

Bildautor: EKM/Seifert

Frau Schmidt wurde das Auto gestohlen. Nicht irgendein Auto. Nein, das Dienstauto. Nicht irgendeiner Frau Schmidt. Nein, sondern der Bundes-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Und gestohlen wurde es nicht irgendwo, sondern in ihrem Spanienurlaub. Und schon ist es ein Politikum ersten Ranges. Und, Frau Schmidt: Alles, was Sie dazu sagen, kann nun gegen Sie verwendet werden. Denn es ist Wahlkampf.

Da ist wieder einmal jeder Anlass recht, um mit dem Finger auf den politischen Gegner zu zeigen. Was im Falle des Dienstautos Schmidt verwerflich ist, müssen andere klären. Wir Wähler haben es mit ganz anderen Problemen zu tun. Wegen welcher Aussage sollen wir eine Partei wählen oder wegen welchen Skandals sollen wir es nicht tun?

Denn wozu wählen wir denn unsere Volksvertreter in Land- und Bundestag? Richtig, damit sie ­unsere Interessen dort vertreten. Sie sollen das Zusammenleben in der Gesellschaft regeln, sollen die Voraussetzungen dafür schaffen, damit es gelingt und niemand auf der Strecke bleibt.

Also muss man den zur Wahl stehenden Politikern Fragen stellen, die das erhellen: Welche Vision vom Leben im Ort und in der ­Region haben Sie? Wie wollen Sie die Chancen von benachteiligten Kindern und Erwachsenen ver-
größern? Wie setzen Sie sich dafür ein, dass ältere Menschen nicht ins Abseits geraten? Wie wollen Sie ­attraktive Lebensbedingungen für Familien erhalten oder schaffen? Was wollen Sie unternehmen, damit die Schere zwischen Armen und Reichen nicht weiter auseinanderdriftet? Und vor allem: Von welchem Menschenbild lassen Sie sich leiten? Daran ist jeder Politiker zu messen. Und diesen Maßstab muss er oder sie auch an sich selbst anlegen – auch beim Dienstwagengebrauch. Dann ist er oder sie für uns glaubhaft.

Von Christine Reuther

Armut und Reichtum

30. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Die Themen in Weimar

Vier Themenzentren wird es beim ersten Kirchentag der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) am 19. und 20. September in Weimar geben. Die Kirchenzeitung wird in den nächsten Wochen die einzelnen Zentren vorstellen.

kirchentagslogo_webbIm Themenzentrum 1 geht es um Demokratie und Gerechtigkeit, um Armut und Reichtum. Hochkarätige Vorträge sind geplant und eine Podiumsdiskussion. Aber das Thema soll nicht nur kopflastig vermittelt werden. Der Kirchentag hat deshalb das »Ensemble Frieder Claus and friends« mit dem Stück »Bettlers Oper« verpflichtet. Es reiht sich ein in die Tradition der »Dreigroschenoper« von Bertolt Brecht und von »The Beggar’s Opera«, die John Gay (Text) und Johann Christoph Pepusch (Musik) bereits 1728 in London auf die Bühne brachten: eine Oper für Bettler.

Auch Frieder Claus nimmt als Texter, Komponist und Akteur das Anliegen auf, Alltagsproblematik mit Musik und Theater den Zuschauern zu vermitteln. »Armut ist falsch verteilter Reichtum«, sagt er gegenüber der Kirchenzeitung. Der Mitarbeiter im Diakonischen Werk Württemberg schrieb das Stück als Theater-Rock-Opus. Er ist Sozialarbeiter und Armutsexperte und oft mit Vorträgen unterwegs. Das Interesse an den Vorträgen hielte sich sehr in Grenzen, konstatiert er. Deshalb entstand die Idee, das Thema mit Musik auf die Bühne zu bringen. Im Januar 2008 wurde »Bettlers Oper« uraufgeführt. Seitdem hätten es über 2000 Menschen in Württemberg mit großem Interesse gesehen. Sie bekommen einen emotionalen Zugang, der sie anrührt und der sich in Betroffenheit, Wut und Empörung äußere. Der EKM-Kirchentag sei der erste Auftritt der Gruppe außerhalb der Württembergischen Kirche.

Die neun Mitwirkenden – Theatergruppe und Musiker – decken durch die Darstellung von Einzelschicksalen Missstände auf und stellen sie in den gesellschaftlichen Zusammenhang. Das Stück dauert eineinhalb Stunden und besteht aus verschiedenen Elementen: Neben Musik und Theater sind auch Multimediasequenzen eingebaut.

Mit »Bettlers Oper« bekämen Leute aus den Kirchengemeinden einen leichteren Zugang, die keine Fachleute sind, meint Claus und lädt herzlich ein ins »mon ami« nach Weimar, Sonnabend, 19 Uhr. Mit dem Stück wird das Themenzentrum 1 eröffnet.

Am Sonntag wird der Sozialethiker und Jesuit Friedhelm Hengsbach, emeritierter Professor für christliche Gesellschaftsethik und ehemaliger Leiter des Oswald-von- Nell-Breuning-Instituts, mit dem Vortrag »Nach der Krise ist vor der Krise – für eine Demokratie jenseits des Finanzkapitalismus« in der Herderkirche erwartet.
Weitere Programmpunkte und Referenten im Themenzentrum 1 sind im Programm zu finden – gedruckt über die Pfarrämter oder im Internet.

Dietlind Steinhöfel

www.mitteldeutscher-kirchentag.de

Ein Blick zurück … in Dankbarkeit

30. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Vor 20 Jahren saßen die DDR-Machthaber noch scheinbar fest im Sattel – doch auch auf der Allianzkonferenz war deutlich zu spüren: Es liegt etwas in der Luft. Ein Zeitzeuge erinnert sich.

Von Harald Krille

Montage: GKZ, Fotos: Ullstein; Archiv

Montage: GKZ, Fotos: Ullstein; Archiv

Wenn Karl-Heinz Mengs an die Allianzkonferenz des Jahres 1989 zurückdenkt, läuft ihm heute manchmal noch ein Schauer über den Rücken. »Wir waren merkwürdig locker und entspannt und zugleich fürchterlich gespannt«, erinnert sich der Baptistenpastor, der gemeinsam mit seiner Frau von 1978 bis 1993 Leiter des Bad Blankenburger Allianzhauses war. Die »Abstimmung mit den Füßen« war ja schon in vollem Gang. Alle hatten das Gefühl, dass etwas in Bewegung gekommen ist. Zugleich aber, so Mengs, der in der Stadt Bad Blankenburg zu einem Motor der friedlichen Revolution wurde, habe auch Unsicherheit geherrscht. Die ­Erinnerung an die »Chinesische Lösung« stand allen vor Augen.

Wie in all den Jahren zuvor hatte auch die 89-er Konferenz »offiziellen« und »inoffiziellen« Besuch. Von den »Inoffiziellen« ahnte man zwar. Wie viele es aber waren und wie lückenlos sie alle Bereiche des Konferenzgeschehens überwachten, erfuhr man erst später aus den Unterlagen der Staatssicherheit. Noch heute staunt Mengs über das reibungslose Funktionieren der Überwachung, für die angesichts des allgegenwärtigen Mangels keine Kosten zu hoch und kein ­logistisches Problem zu groß schien …

Zu den »Offiziellen« gehörten die Referenten für Kirchenfragen des damaligen Bezirks Gera, die Vertreter des Kreises und der Stadt, welche die Konferenzen von Anfang bis Ende verfolgten. »Wie immer gehörte es auch 1989 zu meinen Aufgaben als Hausherr, während der Konferenztage den Geburtstag des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker (25. August) zu verkünden«, berichtet Mengs. »Und da geschah das Unfassbare: Im Angesicht der völlig irritierten Staatsvertreter auf der Bühne der Allianzhalle lachten die vornehmlich jugendlichen Teilnehmer plötzlich lauthals los.« Doch es war »kein respektloses oder höhnisches Gelächter«, fügt Pastor Mengs sogleich an. »Es war ein befreiendes Lachen.«

Befreiendes Lachen ins Angesichts der Macht
Natürlich war die Allianzkonferenz, schon von ihrer Entstehung als Glaubenskonferenz her, keine Opposi­tionsveranstaltung. In Opposition zur staatlichen Grundlinie der Zurückdrängung der Religion aus der Öffentlichkeit stand sie dennoch automatisch. Immerhin war sie mit rund 5000 Teilnehmern die größte regelmäßige christliche Veranstaltung im gesamten Ostblock. Für die Teilnahme gab es Wartelisten, zwei Drittel der Gäste waren Jugendliche. Sorgsam wachte der Staat deshalb über den Inhalten. Themen, Ablauf und Gastredner mussten Wochen vorher in Gesprächen bei den »zuständigen Stellen« in der Bezirkshauptstadt Gera vorlegt und genehmigt werden.

»Aber«, sagt Mengs mit einem Lächeln, »als gelernte DDR-Bürger hatten wir ja die Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen und auch zwischen den Worten zu hören.« Und die im Zentrum stehenden Bibeltexte entfalteten damals wie heute ihre eigene Dynamik. So kamen die spannenden Fragen und Probleme durchaus vor, wurde über das Thema »Schwerter zu Pflugscharen« ebenso diskutiert wie über den Bausoldatendienst oder die Westfluchten. Für die Teilnehmer war die Konferenz deshalb nie eine Flucht aus dem Alltag, sondern im besten Sinne Glaubens- und Gewissenszurüstung für die Entscheidungen des täglichen Lebens.

Konferenzsuppe aus der Staatsreserve
Unvergesslich bleiben Mengs ebenso heute geradezu lächerlich anmutende Organisationsprobleme. Aber 5000 Gäste in einer Stadt mit 10000 Einwohnern stellten das DDR-Versorgungssystem vor fast unlösbare Probleme, auch wenn die Verpflegung mit der legendären Konferenzsuppe alles andere als üppig war. »Es war 1988, als mir der zuständige Mitarbeiter für Handel und Versorgung beim Bezirk kurz vor der Konferenz mitteilte, dass es in der ganzen Republik kein Fleisch für die Suppe gebe.« Mengs gibt zu, dass er das Folgende in den Jahren zuvor noch nicht gewagt hätte: Er erklärt dem Mann, dass er diesen Umstand bei der Konferenz öffentlich bekannt geben werde. Angesichts der durch die Nachrichtenagentur idea bei der Konferenz vertretenen Westmedien war dies wohl ein gehöriger Schock für die Genossen. Kurze Zeit später ruft der Mann aus Gera an und kann es selber kaum ­fassen: Er bekomme Fleisch (wie auch das sommers immer knappe Mineralwasser) – aus der Staatsreserve!

»Es ist einer im Regiment«
Das Fazit aus solchen Erlebnissen, aber auch aus der bei der Staatssicherheit vorgefundenen lückenlosen Dokumentation des persönlichen wie dienstlichen Schriftverkehrs, ist vor ­allem Dankbarkeit: »Es ist einer im Regiment gewesen, der größer ist als alle Herrscher dieser Welt!« Diese ­Erfahrung, diese Gewissheit wünscht Mengs auch den Konferenzteilnehmern heute. Schließlich »ist der Kapitalismus auch nicht die letzte Offenbarung«, meint er nüchtern. Einer allgemeinen Larmoyanz aber will er nicht das Wort reden. Für ihn bleibt der friedliche Abgang der einst so selbstherrlichen DDR »ein echtes ­Gottesgeschenk« und die gewonnene Freiheit ein wertvolles Gut.

Gern wäre Karl-Heinz Mengs auch in diesem Jahr in Bad Blankenburg dabei. Doch: »Wir feiern unsere goldene Hochzeit«, erklärt er und fügt augenzwinkernd hinzu: »Wenn wir vor 50 Jahren geahnt hätten, dass einmal die letzte Juli-Woche zum festen Konferenztermin wird, hätten wir unsere Hochzeit natürlich verschoben …«

Dem Himmel und der Erde nahe

30. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Spiritualität: Klosteraufenthalte, Stille Tage und Pilgern werden immer beliebter

Die Zahlen sprechen für sich. Angebote von Kirche und Kommunitäten zu Stillen ­Tagen oder Kloster auf Zeit haben regen Zuspruch. Auch die Klöster oder Pilger­angebote der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland verzeichnen einen regen ­Zuspruch.

Idyllisch liegt das Evangelische Kloster Volkenroda. Das 1131 gegründete Kloster bei Mühlhausen besitzt die älteste noch erhaltene Zisterzienser-Klosterkirche in Deutschland. Ein Ort, um Gott zu begegnen. Foto: epd-bild/Sommariva

Idyllisch liegt das Evangelische Kloster Volkenroda. Das 1131 gegründete Kloster bei Mühlhausen besitzt die älteste noch erhaltene Zisterzienser-Klosterkirche in Deutschland. Ein Ort, um Gott zu begegnen. Foto: epd-bild/Sommariva

Sommerliche Stille liegt über dem Thüringer Kloster Volkenroda. Ein guter Ort, um abzuschalten und zu sich selbst zu finden. Zwar liegt der Schwerpunkt der dort heimischen ökumenischen Jesus-Bruderschaft auf dem Jugendbegegnungszentrum, doch seit zwei Jahren hat sie auch »Stille Tage« auf ihrem Programm. Bisher seien diese nur von wenigen Teilnehmern wahrgenommen worden, sagt Schwester Johanna Panzer. Aber darauf komme es auch nicht an. Die Stille vor Gott stünde im Mittelpunkt. Jede und jeder erlebe dies anders. Mitunter kämen sehr persönliche Dinge zur Sprache. Dass die Zahlen auch im Kloster Volkenroda steigen könnten, zeigt ein allgemeiner Trend.

In Deutschland sollen nach Aussage des Kölner Marktforschers Christoph Melchers jährlich rund 40000 Menschen religiös motivierte Klosterübernachtungen buchen. Entspannen, zur Ruhe kommen, neue Kräfte sammeln, die Mitte finden, Gott erfahren – das sind die Motive, mit ­denen Menschen sich an jene Orte ­begeben, an denen sich Himmel und Erde nahekommen.

Irene Sonnabend, Pfarrerin im Haus der Stille, Kloster Drübeck bei Wernigerode, erlebt eine große Nachfrage nach den Einkehr- und Besinnungstagen. 30 Prozent mehr Gäste seien es im vergangenen Jahr ge-
wesen, insgesamt 304. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, so die Theologin, hätten sehr unterschiedliche Beweggründe. Sie beobachte drei Gruppen: Hauptsächlich kämen Menschen, die sich auf einen spirituellen Weg begeben wollten und nach geistlicher Vertiefung, nach Kontakt mit Gott suchten. Das seien kirchlich ­Engagierte, Ehrenamtliche oder solche, die schon andernorts auf religiöser Suche waren – bei den Buddhisten zum Beispiel – und nun nach ihren Wurzeln schauen. Dann kämen Menschen in akuten Krisensituationen, wenn sie vor einer schwierigen Entscheidung stünden und diese Krise bewusst gestalten wollten. Ein kleiner Teil gehöre zu denen, die am Ende ihrer Kräfte seien. »Das Haus der Stille in Drübeck ist ein Ort für erschöpfte Menschen, wo sie auftanken können«, erläutert Irene Sonnabend.

Gerade weil Klöster, Stifte und ­Konvente Raum für das Wesentliche bieten, finden die Scharen von Sinnsuchern dort Andockpunkte und nicht etwa in Kirchengemeinden. »Klöster sind keine Museen für Spiritualitätsgeschichte, sondern Orte, an denen Traditionen gelebt und nicht nur dargestellt werden«, betont der Würzburger Pastoraltheologe Bernhard Spielberg.

Wie im Kloster Petersberg bei Halle. Die evangelische Kommunität Christusbruderschaft in der Nähe der Saalestadt lässt Menschen am klösterlichen Leben teilnehmen. »Kloster auf Zeit« kann bis zu drei Monaten wahrgenommen werden, je nach Möglichkeit der Teilnehmer. Der Leitgedanke hier sei, das »Wasserzeichen« des Lebens wieder sichtbar zu machen, sagt Bruder Lukas, Prior des Klosters. Jeder Mensch habe seine Lebensspur. »Die Menschen sollen zu sich finden und entdecken, was Gott in ihnen ausgesprochen hat.« Die Gäste arbeiten und essen mit den vier Brüdern, leben mit in der Gemeinschaft. Da die kleine Kommunität auch Zeit für sich benötige, gäbe es neun Tage im Monat, wo keine Gäste aufgenommen werden, »damit auch wir uns wieder begegnen«.

Manchmal, so der Prior, »können wir uns vor Nachfragen kaum retten«. Doch mit Tourismus habe das alles nichts zu tun. Es gehe ihnen darum, dass Menschen in der Stille Gottes Wort für sich deuteten, Heilsbilder in diesem Wort entdeckten, die für sie wichtig seien: Gottes Wort greife plötzlich ins eigene Leben ein.
Das klingt auch beim »Samstagspilgern« in der thüringischen Landeshauptstadt an. Dieses Angebot vom Evangelischen Augustinerkloster zu Erfurt soll nicht allein touristischen Zwecken dienen. Der geistliche Auftrag nimmt breiten Raum ein. Darauf legt Christine Dölle, die Organisatorin, großen Wert. Zum Samstagspilgern in der Innenstadt gehören Andacht und gregorianischer Gesang. Das Spirituelle sei ihr wichtig und sie spüre, dass die Menschen – überwiegend Einheimische – nicht nur wegen einer »Führung durch Erfurts Kirchen« kämen, sagt sie. Eine ganz ­normale Stadtführung durchzuführen läge ihr fern.

Dass Kirchen und Klöster auch touristisch attraktiv sind, ist das eine. Das andere ist, was Christen ihren Gästen anbieten, wenn sie ihre Türen öffnen.

Von Dietlind Steinhöfel und Dieter Schneberger

Wenn Landschaft reden könnte

23. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Zwischen Eisfeld und Coburg wurde Reformationsgeschichte geschrieben

Eisfeld, an der alten Handelsstraße  Nürnberg–Erfurt ­gelegen, wurde 1323 durch Berthold VII. von Henneberg zur Stadt ­erhoben. Die idyllische Kleinstadt wird geprägt durch die große Pfarrkirche aus dem 15. Jahrhundert und das Schloss. Während der inner- deutschen Teilung lag Eisfeld weitgehend ­isoliert im Grenzgebiet. Foto: Arved Danz

Eisfeld, an der alten Handelsstraße Nürnberg–Erfurt ­gelegen, wurde 1323 durch Berthold VII. von Henneberg zur Stadt ­erhoben. Die idyllische Kleinstadt wird geprägt durch die große Pfarrkirche aus dem 15. Jahrhundert und das Schloss. Während der inner- deutschen Teilung lag Eisfeld weitgehend ­isoliert im Grenzgebiet. Foto: Arved Danz

Die beiden einst zueinander gehörenden Städte Eisfeld und Coburg liegen landschaftlich reizvoll – am Südhang des Thüringer Waldes die eine, an den Ausläufern des gleichen Gebirges die andere. Eine alte Pilgerstraße verbindet sie, die man als Südthüringer Reformationsweg bezeichnen könnte, dessen Erkundung sich lohnt und der – wie die ganze ­Region – Beachtung verdient.

Martin Luther ging die Route meist zu Fuß. Belegt ist beispielsweise 1518, als er auf seiner Reise nach Heidelberg in Coburg Station macht. 1530 – er steht unter der Reichsacht – nutzt er den Aufenthalt auf der Veste Coburg zur Revision seiner Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche und verfasst die »Predigt«, in der er die Schulpflicht fordert. Seine literarische Tätigkeit veranlasst die Freunde später, vom »Coburger Luther« zu sprechen.

Luther bittet Nicolaus Kindt, den 1490 in Hildburghausen geborenen Theologen, ihn bei der Ausbreitung der Reformation in den Ämtern Hildburghausen und Eisfeld zu unterstützen. Bis zu seinem Tod 1549 kommt Kindt als Pfarrer und späterer Superintendent dieser Aufgabe nach. Auf dem heutigen Alten Friedhof von Eisfeld findet der Mitstreiter Luthers seine letzte Ruhestätte.

Zum Zeitpunkt einer Visitation – von Herzog Johann Friedrich II. angeordnet – wirkt Justus Jonas, gleich Melanchthon ein treuer Freund Luthers, bereits als Pfarrer und Superintendent in Eisfeld. Als Jodokus Koch war er 1493 in Nordhausen geboren worden. Er studierte zunächst Jura, darauf Theologie und wird für das Jahr 1519 zum Rektor der Universität Erfurt gewählt. Nach Promotion und Lehrtätigkeit in Wittenberg hilft er Luther bei der Abfassung der Torgauer Artikel. 1537 unterschreibt er die Schmalkaldischen Artikel, auch diese, wie schon die Torgauer, eine Bekenntnisschrift Luthers, und führt 1541 als Pfarrer in Halle die Reformation ein. Als Luther 1546 krank auf der Reise nach Eisleben im Hause Jonas einkehrt, erkennt dieser, dass er den Freund nicht mehr allein in seine Heimatstadt reisen lassen darf. Er begleitet ihn und steht am 18. Februar an Luthers Sterbebett.

Aus Halle wird Jonas in den Wirren des Schmalkaldischen Krieges vertrieben und siedelt für zwei Jahre nach Coburg über, wo er als Generalsuperintendent und Hofprediger wirkt.
1553 zieht Jonas mit seiner dritten Frau – die ersten zwei Ehefrauen sind im Kindbett gestorben – und seinen noch zum Haushalt gehörenden Kindern nach Eisfeld. In Zurückgezogenheit lebt er mit der Familie bis zu seinem Tod am 9. Oktober 1555. Seine Ruhestätte findet er neben seinem Vorgänger Nicolaus Kindt. Noch heute weist eine Gedenktafel auf die beiden ersten Reformatoren in Eisfeld hin.

Orla Danz

Katastrophe im Morgengrauen

23. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Auch die Kirche hilft Menschen in Nachterstedt

Der Rest eines Doppelhauses an der Unglücksstelle in Nachterstedt am Sonnabend. Foto: Klaus-Peter Voigt

Der Rest eines Doppelhauses an der Unglücksstelle in Nachterstedt am Sonnabend. Foto: Klaus-Peter Voigt

Als Pfarrerin Gabriele Lättig in Ermsleben (Kirchenkreis Egeln) am Sonnabendmorgen ihren Anrufbeantworter abhörte, traute sie zunächst ihren Ohren nicht. Sie hörte die Stimme Renate Hampes, Vorsitzende des Gemeindekirchenrates in Nachterstedt, die ihr von einem schier unfassbaren Geschehen berichtete.

Im Morgengrauen war ein mehrere Hundert Meter langes Uferstück des Concordia-Sees weggebrochen und ins Wasser gerutscht. Die Erdmassen rissen eine Frau und zwei Männer in den Tod. Ein Haus und eine Doppelhaushälfte verschwanden ebenfalls in den Fluten des Sees, einer ehemaligen Braunkohlen-Tagebaugrube, die seit etwa zehn Jahren geflutet wird. Der zurzeit 400 Hektar große See sollte noch auf 650 Hektar wachsen, die Gegend sich weiter zu ­einem Naherholungsgebiet entwickeln.

Das Ufer ist seit der Katastrophe gesperrt. 41 Einwohner können nicht mehr in ihre Häuser zurück. Sie sind in Ferienwohnungen, bei Verwandten und Freunden untergebracht und bekommen von vielen Seiten Hilfe.

Auch bei örtlichen Kirchengemeinden sind unterdessen Hilfsangebote aus ganz Deutschland eingegangen, sagte Renate Hampe am Dienstag. Der zunächst gesperrte Kindergarten der Diakonie mit 80 Plätzen sei nach Untersuchungen des Erdreichs wieder freigegeben worden. In der Situation tue es gut, Solidarität zu erfahren, nicht nur von der Pfarrerin, die sofort gekommen sei, sondern auch von den Notfallseelsorgern, die seit Sonnabendmorgen im Einsatz waren und sind.

Inzwischen weiß die Kirchenälteste, dass auch Ortspfarrer Holger Holtz seine Urlaubsreise vorzeitig beendet. Bei seiner Rückkehr werde man über die Spendenverteilung und andere Hilfsangebote beraten. Auch der Kirchenkreis sichert Hilfe zu, so Superintendent Michael Wegner, der am Sonntag in Nachterstedt war und unter anderem mit dem Landrat, dem Bürgermeister und der Verwaltungs­leiterin gesprochen hat.

Wie schwer es auch Profis fällt, mit einer solchen Katastrophe ­umzugehen, weiß Pfarrin Lättig. »Ich bin am Sonnabend zum ersten Mal in meiner 18-jährigen Dienstzeit zu einer Andacht gefahren und wusste nicht, was ich sagen sollte«, blickt sie auf den Abend des 18. Juli in der Kirche zurück. »Ich habe nur unseren Herrgott gebeten, dass er mir die richtigen Worte gibt.«

Angela Stoye

Zu einer Gedenkandacht wird am 24. Juli, 18 Uhr, in die Kirche gebeten.

www.kirchengemeinde-st-nicolai.de

In der Gottesfamilie ist das Fremdsein aufgehoben

23. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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So seid ihr nun nicht mehr Gäste oder Fremdlinge, sondern Mitbürger
des Heiligen und Gottes Hausgenossen. Epheser 2,19

Das Leben beginnt, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund tot.« Mit diesem Satz endet ein Witz, in dem sich ein Protestant, ein Katholik und ein Jude über die Frage austauschen, wann denn das Leben beginne.

frau_webIch unterstelle: Die meisten Eltern freuen sich auf den Moment, wenn die Kinder den heimischen Herd verlassen. Irgendwann gibt es für jede Eltern-Kind-Beziehung den Punkt, in dem das gemeinsame Leben unter einem Dach ein Ende hat. Das ist ein natürlicher Vorgang und dem Leben aller Beteiligten in der Regel dienlich. Wenn die Kinder dann zu Gast sind, auch mit eigener Familie, kann das richtig schön sein. Sie sind dann nicht mehr die Hausgenossen, wohl aber gern gesehene Gäste.

»So seid ihr nun … Mitbürger des Heiligen und Gottes Hausgenossen.« – In der Gottesfamilie gilt das Gegenteil von dem, was in menschlichen Familien eher der Normalfall ist. Der Gaststatus, das Fremdsein ist aufgehoben. Mitbürger sind wir, sogar Hausgenossen. Wir teilen mit dem Hausvater gemeinsam, was zum Leben unter einem Dach dazugehört. Was für ein ungeheuerlicher Zuspruch!

Vorbei ist’s, am Rand zu stehen, Distanz zu ­halten. Gott macht alle zu Mitbürgern der Heiligen und zu seinen Hausgenossen. Er macht uns gleichwertig mit den Heiligen, setzt uns mit ihnen und sich auf Augenhöhe. Ist dieser Zuspruch auszuhalten? Kann, will ich das begreifen? Verstehen? Das hat doch Konsequenzen?!

So ist das wohl: Wer sich unter den Schatten des Höchsten begibt, wird auch gefordert. Da ist nicht nur Schutz, da ist auch Anspruch, Erwartung. In ­einem gemeinsamen Haus gelten gemeinsame ­Regeln. Die müssen mitunter neu ausgehandelt werden, weil sich alle miteinander auch verändern. Klar ist nur eines: Ein Zurück in den Gaststatus, in das Fremde, gibt es aus Sicht des Hausvaters nicht mehr. Zuspruch und Anspruch zugleich das gilt es anzunehmen und zu gestalten.

Pfarrerin Juliane Kleemann, Magdeburg

Der Hass eines Heimatlosen

23. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Foto: Philippe Ramakers, scx.hu

Foto: Philippe Ramakers, scx.hu

Spät kam der kollektive Schock, dafür war er um so tiefer. Viel wird seit dem Messerattentat auf eine Ägypterin im Dresdner Landgericht vor mehr als drei Wochen über das Verhältnis der Deutschen und des Westens zum Islam diskutiert. Eine andere Frage, die das Verbrechen aufwarf, geht dabei im ratlosen Wortgetümmel beinahe unter: Die nach dem Verhältnis der deutschen Gesellschaft zu ihren russlanddeutschen Spätaussiedlern.

Viele von ihnen sind jung – so wie der 28-jährige Mörder Alexander W., der mit 18 Stichen die Muslima Marwa El Sherbini im Gerichtssaal tötete. Vor sechs Jahren ist er mit seinen Eltern aus dem Ural nach Dresden gekommen. Er musste damals seine Freunde, seine Heimat und viele Sicherheiten verlassen – für die vage Hoffnung auf ein besseres Leben in Deutschland. Aussiedler kommen in ein fremdes Land mit einer ­fremden Sprache, das ihre Bildungsabschlüsse und Berufe oft nicht anerkennt. In Russland sind sie die Deutschen! In Deutschland interessiert sich jedoch für »die Russen« kaum jemand, und so ­bleiben sie unter sich – mit ihrer russischen Sprache und Kultur. In Kirchengemeinden ist das oft nicht anders.

Aussiedler sind nicht krimineller als andere Deutsche. Doch gerade in jungen Männern unter ihnen, die oft arbeitslos und in Trainingshosen ihre Tage zubringen, braut sich offenbar etwas zusammen: Hoffnungslosigkeit, Wut, mitunter Hass. Die NPD erkennt das Potential und fischt bereits unter den Russlanddeutschen nach Wählerstimmen.

Das Verbrechen des Alexander W. muss man verurteilen. Doch zugleich wird man fragen müssen, wie entwurzelte Russlanddeutsche eine neue Heimat, Wertschätzung und Selbstbewusstsein finden können. Handeln müssen die Spätaussiedler selbst, aber ebenso ihre Nachbarn, Unternehmer, der Staat. Und auch die Kirchengemeinden.

Von Andreas Roth

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