Von der Volkspolizei überaus brutal niedergeknüppelt
10. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
Abgelegt unter Mitteldeutschland, Thüringen
Dokumentation über die friedlichen Demonstrationen im Herbst 1989 in Arnstadt
Die evangelische Kirchenzeitung ›Glaube und Heimat‹ durchbrach am 22. Oktober erstmals die Mauer des medialen Schweigens über die Ereignisse am 7. Oktober 1989 in Arnstadt. Auf der zweiten Seite erschien ein Artikel unter der Überschrift ›Oktobertage in Thüringen‹, der die Ereignisse der vergangenen Tage zusammenfasste. Über Arnstadt wurde berichtet, dass es dort bereits am 30. September zu einer ersten Demonstration gekommen sei. Am 7. Oktober seien 500 Menschen durch die Stadt Richtung Volkspolizeikreisamt gezogen, bis sich ihnen in der Nähe des Marienstiftes eine Formation Bereitschaftspolizei entgegengestellt habe. Der Einsatz der Polizei sei unmittelbar nach der Aufforderung erfolgt, die Straßen freizugeben. Die Menschen hätten keine Zeit gehabt, dieser Aufforderung Folge zu leisten …«
Dieses Zitat findet sich auf Seite 118 des jetzt im Verlag Dr. Bussert & Stadeler veröffentlichten Buches »Der Mut der Einzelnen. Die Revolution in Arnstadt 1989« des Historikers und Journalisten Jan Schönfelder. Der Autor hat genauestens recherchiert und die Fakten aus staatlichen, kirchlichen und privaten Archiven zusammengetragen. Damit liegt erstmals eine lückenlose Dokumentation der ersten Demonstrationen des Revolutionsherbstes in Thüringen vor. »In Arnstadt ging der Protest nicht von Oppositions- oder Ausreisegruppen, sondern von Einzelnen aus. Zwar bot die Kirche für Verfolgte ein Schutzdach im wahrsten Sinne des Wortes, aber die Kirche selbst war nicht die Keimzelle des Protestes«, schreibt er rückblickend auf die Ereignisse.
Während die erste Demonstration am 30. September keine überregionale Beachtung fand, erregte die zweite vom 7. Oktober über die Stadtgrenzen hinaus Aufmerksamkeit, weil sie mit brutaler Polizeigewalt beendet wurde. In »Glaube und Heimat« stand in diesem Zusammenhang: »Es sei hart zugeschlagen worden, berichtete der Arnstädter Superintendent Tittelbach-Helmrich. Fliehende Demonstranten suchten u. a. Schutz in der Bachkirche. Nachdem sie die Kirche wieder verlassen hatten, wurden drei kirchliche Mitarbeiter, die in der Kirche Dienst gehabt hatten, in Handschellen gelegt und zum VPKA gebracht. Superintendent und Landeskirchenrat protestierten bei den Behörden gegen das unverhältnismäßige Mittel gebrauchende Vorgehen der Sicherheitskräfte.«
Die Geschehnisse von Arnstadt können in einem Atemzug genannt werden mit denen von Leipzig oder Dresden. Denn auch hier konnte niemand vorhersehen, wie der Aufruhr der Menschen enden würde. Schönfelder dokumentiert den »Protest der Kirchen« und zitiert ausführlich aus der Predigt von Wolfgang Tittelbach-Helmrich: »Nie war unser Volk so
von Angst bestimmt, wie an seinem 40. Jahrestag.« Nur mit Abscheu könne man zur Kenntnis nehmen, was geschehen sei. »Wir können uns nur schämen, wie sich unser Staat in aller Öffentlichkeit blamiert.« Der Polizeieinsatz sei »ein klarer Bruch der Verfassung« gewesen.
Der Autor merkt aber auch kritisch an, dass in Arnstadt im Gegensatz zu anderen Städten des Landes nach den Polizeieinsätzen am 7. Oktober keine Mahnwachen und Friedensgebete abge-
halten wurden.
Schönfelder berichtet über die Proteste der Landeskirche und erwähnt, dass »ein erster ausführlicher Augenzeugenbericht über die Ereignisse vom 7. Oktober« Mitte November in »Glaube und Heimat« erschien. In diesem berichtete der Arnstädter Stephan Preller »detailliert über den Ablauf der Demonstration und den Polizeieinsatz«. Historisches Bildmaterial von den Demonstrationen und den Polizeieinsätzen unterstreicht die Authentizität der Publikation.
Michael von Hintzenstern
Schönfelder, Jan: Der Mut der Einzelnen. Die Revolution in Arnstadt 1989,
Verlag Dr. Bussert & Stadeler 2009, 160 Seiten,
28 Abb. u. Fotos, Klappbroschur, ISBN 978-3-932906-93-0, 12,90 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den
Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161




