Dem Himmel und der Erde nahe

30. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Titelseite

Spiritualität: Klosteraufenthalte, Stille Tage und Pilgern werden immer beliebter

Die Zahlen sprechen für sich. Angebote von Kirche und Kommunitäten zu Stillen ­Tagen oder Kloster auf Zeit haben regen Zuspruch. Auch die Klöster oder Pilger­angebote der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland verzeichnen einen regen ­Zuspruch.

Idyllisch liegt das Evangelische Kloster Volkenroda. Das 1131 gegründete Kloster bei Mühlhausen besitzt die älteste noch erhaltene Zisterzienser-Klosterkirche in Deutschland. Ein Ort, um Gott zu begegnen. Foto: epd-bild/Sommariva

Idyllisch liegt das Evangelische Kloster Volkenroda. Das 1131 gegründete Kloster bei Mühlhausen besitzt die älteste noch erhaltene Zisterzienser-Klosterkirche in Deutschland. Ein Ort, um Gott zu begegnen. Foto: epd-bild/Sommariva

Sommerliche Stille liegt über dem Thüringer Kloster Volkenroda. Ein guter Ort, um abzuschalten und zu sich selbst zu finden. Zwar liegt der Schwerpunkt der dort heimischen ökumenischen Jesus-Bruderschaft auf dem Jugendbegegnungszentrum, doch seit zwei Jahren hat sie auch »Stille Tage« auf ihrem Programm. Bisher seien diese nur von wenigen Teilnehmern wahrgenommen worden, sagt Schwester Johanna Panzer. Aber darauf komme es auch nicht an. Die Stille vor Gott stünde im Mittelpunkt. Jede und jeder erlebe dies anders. Mitunter kämen sehr persönliche Dinge zur Sprache. Dass die Zahlen auch im Kloster Volkenroda steigen könnten, zeigt ein allgemeiner Trend.

In Deutschland sollen nach Aussage des Kölner Marktforschers Christoph Melchers jährlich rund 40000 Menschen religiös motivierte Klosterübernachtungen buchen. Entspannen, zur Ruhe kommen, neue Kräfte sammeln, die Mitte finden, Gott erfahren – das sind die Motive, mit ­denen Menschen sich an jene Orte ­begeben, an denen sich Himmel und Erde nahekommen.

Irene Sonnabend, Pfarrerin im Haus der Stille, Kloster Drübeck bei Wernigerode, erlebt eine große Nachfrage nach den Einkehr- und Besinnungstagen. 30 Prozent mehr Gäste seien es im vergangenen Jahr ge-
wesen, insgesamt 304. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, so die Theologin, hätten sehr unterschiedliche Beweggründe. Sie beobachte drei Gruppen: Hauptsächlich kämen Menschen, die sich auf einen spirituellen Weg begeben wollten und nach geistlicher Vertiefung, nach Kontakt mit Gott suchten. Das seien kirchlich ­Engagierte, Ehrenamtliche oder solche, die schon andernorts auf religiöser Suche waren – bei den Buddhisten zum Beispiel – und nun nach ihren Wurzeln schauen. Dann kämen Menschen in akuten Krisensituationen, wenn sie vor einer schwierigen Entscheidung stünden und diese Krise bewusst gestalten wollten. Ein kleiner Teil gehöre zu denen, die am Ende ihrer Kräfte seien. »Das Haus der Stille in Drübeck ist ein Ort für erschöpfte Menschen, wo sie auftanken können«, erläutert Irene Sonnabend.

Gerade weil Klöster, Stifte und ­Konvente Raum für das Wesentliche bieten, finden die Scharen von Sinnsuchern dort Andockpunkte und nicht etwa in Kirchengemeinden. »Klöster sind keine Museen für Spiritualitätsgeschichte, sondern Orte, an denen Traditionen gelebt und nicht nur dargestellt werden«, betont der Würzburger Pastoraltheologe Bernhard Spielberg.

Wie im Kloster Petersberg bei Halle. Die evangelische Kommunität Christusbruderschaft in der Nähe der Saalestadt lässt Menschen am klösterlichen Leben teilnehmen. »Kloster auf Zeit« kann bis zu drei Monaten wahrgenommen werden, je nach Möglichkeit der Teilnehmer. Der Leitgedanke hier sei, das »Wasserzeichen« des Lebens wieder sichtbar zu machen, sagt Bruder Lukas, Prior des Klosters. Jeder Mensch habe seine Lebensspur. »Die Menschen sollen zu sich finden und entdecken, was Gott in ihnen ausgesprochen hat.« Die Gäste arbeiten und essen mit den vier Brüdern, leben mit in der Gemeinschaft. Da die kleine Kommunität auch Zeit für sich benötige, gäbe es neun Tage im Monat, wo keine Gäste aufgenommen werden, »damit auch wir uns wieder begegnen«.

Manchmal, so der Prior, »können wir uns vor Nachfragen kaum retten«. Doch mit Tourismus habe das alles nichts zu tun. Es gehe ihnen darum, dass Menschen in der Stille Gottes Wort für sich deuteten, Heilsbilder in diesem Wort entdeckten, die für sie wichtig seien: Gottes Wort greife plötzlich ins eigene Leben ein.
Das klingt auch beim »Samstagspilgern« in der thüringischen Landeshauptstadt an. Dieses Angebot vom Evangelischen Augustinerkloster zu Erfurt soll nicht allein touristischen Zwecken dienen. Der geistliche Auftrag nimmt breiten Raum ein. Darauf legt Christine Dölle, die Organisatorin, großen Wert. Zum Samstagspilgern in der Innenstadt gehören Andacht und gregorianischer Gesang. Das Spirituelle sei ihr wichtig und sie spüre, dass die Menschen – überwiegend Einheimische – nicht nur wegen einer »Führung durch Erfurts Kirchen« kämen, sagt sie. Eine ganz ­normale Stadtführung durchzuführen läge ihr fern.

Dass Kirchen und Klöster auch touristisch attraktiv sind, ist das eine. Das andere ist, was Christen ihren Gästen anbieten, wenn sie ihre Türen öffnen.

Von Dietlind Steinhöfel und Dieter Schneberger

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