Ein Blick zurück … in Dankbarkeit
30. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
Abgelegt unter Titelseite
Vor 20 Jahren saßen die DDR-Machthaber noch scheinbar fest im Sattel – doch auch auf der Allianzkonferenz war deutlich zu spüren: Es liegt etwas in der Luft. Ein Zeitzeuge erinnert sich.
Von Harald Krille

Montage: GKZ, Fotos: Ullstein; Archiv
Wie in all den Jahren zuvor hatte auch die 89-er Konferenz »offiziellen« und »inoffiziellen« Besuch. Von den »Inoffiziellen« ahnte man zwar. Wie viele es aber waren und wie lückenlos sie alle Bereiche des Konferenzgeschehens überwachten, erfuhr man erst später aus den Unterlagen der Staatssicherheit. Noch heute staunt Mengs über das reibungslose Funktionieren der Überwachung, für die angesichts des allgegenwärtigen Mangels keine Kosten zu hoch und kein logistisches Problem zu groß schien …
Zu den »Offiziellen« gehörten die Referenten für Kirchenfragen des damaligen Bezirks Gera, die Vertreter des Kreises und der Stadt, welche die Konferenzen von Anfang bis Ende verfolgten. »Wie immer gehörte es auch 1989 zu meinen Aufgaben als Hausherr, während der Konferenztage den Geburtstag des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker (25. August) zu verkünden«, berichtet Mengs. »Und da geschah das Unfassbare: Im Angesicht der völlig irritierten Staatsvertreter auf der Bühne der Allianzhalle lachten die vornehmlich jugendlichen Teilnehmer plötzlich lauthals los.« Doch es war »kein respektloses oder höhnisches Gelächter«, fügt Pastor Mengs sogleich an. »Es war ein befreiendes Lachen.«
Befreiendes Lachen ins Angesichts der Macht
Natürlich war die Allianzkonferenz, schon von ihrer Entstehung als Glaubenskonferenz her, keine Oppositionsveranstaltung. In Opposition zur staatlichen Grundlinie der Zurückdrängung der Religion aus der Öffentlichkeit stand sie dennoch automatisch. Immerhin war sie mit rund 5000 Teilnehmern die größte regelmäßige christliche Veranstaltung im gesamten Ostblock. Für die Teilnahme gab es Wartelisten, zwei Drittel der Gäste waren Jugendliche. Sorgsam wachte der Staat deshalb über den Inhalten. Themen, Ablauf und Gastredner mussten Wochen vorher in Gesprächen bei den »zuständigen Stellen« in der Bezirkshauptstadt Gera vorlegt und genehmigt werden.
»Aber«, sagt Mengs mit einem Lächeln, »als gelernte DDR-Bürger hatten wir ja die Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen und auch zwischen den Worten zu hören.« Und die im Zentrum stehenden Bibeltexte entfalteten damals wie heute ihre eigene Dynamik. So kamen die spannenden Fragen und Probleme durchaus vor, wurde über das Thema »Schwerter zu Pflugscharen« ebenso diskutiert wie über den Bausoldatendienst oder die Westfluchten. Für die Teilnehmer war die Konferenz deshalb nie eine Flucht aus dem Alltag, sondern im besten Sinne Glaubens- und Gewissenszurüstung für die Entscheidungen des täglichen Lebens.
Konferenzsuppe aus der Staatsreserve
Unvergesslich bleiben Mengs ebenso heute geradezu lächerlich anmutende Organisationsprobleme. Aber 5000 Gäste in einer Stadt mit 10000 Einwohnern stellten das DDR-Versorgungssystem vor fast unlösbare Probleme, auch wenn die Verpflegung mit der legendären Konferenzsuppe alles andere als üppig war. »Es war 1988, als mir der zuständige Mitarbeiter für Handel und Versorgung beim Bezirk kurz vor der Konferenz mitteilte, dass es in der ganzen Republik kein Fleisch für die Suppe gebe.« Mengs gibt zu, dass er das Folgende in den Jahren zuvor noch nicht gewagt hätte: Er erklärt dem Mann, dass er diesen Umstand bei der Konferenz öffentlich bekannt geben werde. Angesichts der durch die Nachrichtenagentur idea bei der Konferenz vertretenen Westmedien war dies wohl ein gehöriger Schock für die Genossen. Kurze Zeit später ruft der Mann aus Gera an und kann es selber kaum fassen: Er bekomme Fleisch (wie auch das sommers immer knappe Mineralwasser) – aus der Staatsreserve!
»Es ist einer im Regiment«
Das Fazit aus solchen Erlebnissen, aber auch aus der bei der Staatssicherheit vorgefundenen lückenlosen Dokumentation des persönlichen wie dienstlichen Schriftverkehrs, ist vor allem Dankbarkeit: »Es ist einer im Regiment gewesen, der größer ist als alle Herrscher dieser Welt!« Diese Erfahrung, diese Gewissheit wünscht Mengs auch den Konferenzteilnehmern heute. Schließlich »ist der Kapitalismus auch nicht die letzte Offenbarung«, meint er nüchtern. Einer allgemeinen Larmoyanz aber will er nicht das Wort reden. Für ihn bleibt der friedliche Abgang der einst so selbstherrlichen DDR »ein echtes Gottesgeschenk« und die gewonnene Freiheit ein wertvolles Gut.
Gern wäre Karl-Heinz Mengs auch in diesem Jahr in Bad Blankenburg dabei. Doch: »Wir feiern unsere goldene Hochzeit«, erklärt er und fügt augenzwinkernd hinzu: »Wenn wir vor 50 Jahren geahnt hätten, dass einmal die letzte Juli-Woche zum festen Konferenztermin wird, hätten wir unsere Hochzeit natürlich verschoben …«






