Paradies zur Nutzung freigegeben
30. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
Abgelegt unter Mitteldeutschland, Thüringen
Im historischen Pfarrhof Niedertrebra sind Gäste herzlich willkommen

Gern nutzte kürzlich der Fußballclub SV Grün-Weiß-Niedertrebra die Herberge St. Radegundis im denkmalgeschützten Pfarrhof, um seine Fußballfreunde aus Tschechien für ein Wochenende hier unterzubringen. Foto: Maik Schuck
In vollem Saft stehen die Wiesen, durch die sich das Glitzerband der Ilm schlängelt. Bad Sulza, die Toskana des Ostens, mit dem steilen Felsen der Sonnenburg und dem idyllischen Kloster Bergsulza liegt schon fast in Sichtweite. Da weist an der Radfahrerkirche Eberstedt ein kleiner Aushang darauf hin, dass in der Herberge
St. Radegundis auf dem historischen Pfarrhof Niedertrebra eine preiswerte Übernachtung gewährt wird. Also, warum nicht den Ilmtal-Radwanderweg kurz verlassen, die schmale uralte Bogenbrücke nutzen und den Abstecher von nur einem Kilometer machen?
Gleich gegenüber der großen Kirche liegt das Evangelisch-Lutherische Pfarramt Niedertrebra, unter schattigen Bäumen davor der kürzlich eingeweihte Paul-Gerhardt-Brunnen. Die Klinke des hölzernen Hoftores gibt nach und ein kleines Paradies tut sich auf.
Wilder Wein rankt die Wände hinauf und der alte Birnbaum schüttet seine saftigen Früchte auf die Wiese. Weiter hinten verlockt der Kornapfelbaum. Überall laden Tische und Stühle zum Verweilen ein. Für einige spendet der junge Walnussbaum schon Schatten und die Feuerstelle verspricht romantische Stunden. Wer hier im geschützten Geviert ankommt, atmet erst einmal tief aus und sagt: »Schön!«
Ruth-Barbara Schlenker, seit 1990 Pfarrerin im Kirchspiel Niedertrebra (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt) und »Spiritus Rektor«, ist das gewöhnt. Mitte der 1990er Jahre begannen die Ausbauarbeiten des Seitengebäudes, das den gepflasterten Hof begrenzt, aber genutzt wurde es auch zuvor schon für die Jugendarbeit und den Konfirmandenunterricht. Im Übrigen habe sie nur das weitergeführt, was Eduard Müller, bis 1926 Pfarrer in Niedertrebra, bereits begonnen hatte. Die Chronik berichtet, dass er damals um Spenden für ein Jugendheim warb, weil er beobachtet hatte, dass die Jugend auf der Straße herumlungere, zu viel rauche und trinke. Die wollte er hier sammeln, bilden und ihnen Anregungen vermitteln.
Diesen Ansatz hat Pfarrerin Schlenker aufgenommen. Natürlich ist der Pfarrhof zuerst für die örtliche Gemeinde da, aber auch andere Gemeinde- und Konfirmandengruppen, Familien, Einzelreisende oder Vereine, die die Möglichkeiten des weitläufigen Areals nutzen wollen, sind willkommen. Erst in der vergangenen Woche tummelten sich hier 15 Kinder aus Rastenberg, Buttstädt und Hardisleben, probierten die Spielgeräte und das kleine Kinderhaus aus Lehm, hörten biblische Geschichten und beschäftigten sich während ihrer Ferienfreizeit mit den vier Elementen. Für sie wurde aus der Pfarrerin dann auch schon mal ein Gespenst, das Sagen aus uralter Zeit kundtat. Das Betätigungsfeld einer Pfarrerin auf dem Dorfe sei eben breit gefächert, lacht Frau Schlenker.
»Für mich sind die Menschen, die hierher kommen, eine Bereicherung, durch die ich schon viele Anregungen erhalten habe«, so Schlenker. Wie wichtig bezahlbare Unterkünfte sind, wisse sie aus der eigenen Gemeindearbeit. Deshalb wollen sie und die Kirchengemeinde hier auch keinen Gewinn erzielen. Wenn die Herberge sich trägt, reiche es, ist ihre Philosophie. Für 7 Euro pro Erwachsenen bzw. 5 Euro pro Kind stehen den Selbstversorgern Duschen, Toiletten, die Küche und das große Gartenareal zur Verfügung. Der Gruppenraum ist zugleich Speisesaal und im Obergeschoss gibt es neben den einfachen Übernachtungsräumen einen Andachtsraum. Bis zu 20 Personen können hier unterkommen. Wer kein eigenes Bettzeug dabei hat, kann dies gegen 2,50 Euro erhalten. Für Ordnung und Sauberkeit sorgt eine Frau aus der Nachbarschaft. Die Endreinigung für Gruppen beträgt 25 Euro. Auch Winterbetrieb ist möglich. Dann werden die Heizkosten extra berechnet.
Die Gäste sind während ihres Aufenthalts ganz auf sich gestellt, können ihr eigenes Programm machen oder St. Radegundis als Ausgangspunkt für kulturelle Erlebnisse in Weimar, Naumburg oder Jena nutzen. Doch auch auf dem Pfarrhof gibt es viel zu entdecken: Alte Landmaschinen erzählen in einer Ecke von einem langen Arbeitsleben, der Kapellenraum im Wohnturm, um 1300 errichtet, lädt zur Meditation ein, und wer die große Scheune betreten hat, taucht erst nach Stunden wieder auf. Dem Reiz des Stöberns im Dorfmuseum, wo kein Schild »Bitte nicht berühren« Abstand signalisiert, entgeht niemand.
Gäste können sich jederzeit bei Pfarrerin Schlenker (Telefon 036461/ 20672 oder E-Mail ) melden, damit das große Hoftor nicht verschlossen bleibt.
Uta Schäfer






