Zentrum geistlichen Liedgutes

23. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Kirchenmusik: In Halle steht die wohl größte Sammlung evangelischer Gesangbücher Deutschlands

Die Marienbibliothek in Halle wächst. In Deutschlands ältester öffentlicher Kirchenbibliothek sind demnächst rund 8000 Gesangbücher versammelt. Es sind alles Einzelstücke aus fünf Jahrhunderten, und sie erzählen evangelische Kirchengeschichte.

Bibliothekar Karsten Eisenmenger und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Daniela Feist-Auer freuen sich über die oft schöne Ausstattung der Gesangbücher. Foto: Jan Möbius

Bibliothekar Karsten Eisenmenger und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Daniela Feist-Auer freuen sich über die oft schöne Ausstattung der Gesangbücher. Foto: Jan Möbius

Halle, die Geburtsstadt Georg Friedrich Händels, hat die besten Chancen, zum Wallfahrtsort der Hymnologen zu werden. Nein, nicht weil der junge Händel hier das Orgelspiel erlernte und auch nicht wegen der Händelfestspiele, die weitgehend ohne Gesangbuch auskommen. Vom kunstsinnigen Publikum in der Saalestadt noch zumeist unbeachtet, hat in den letzten Monaten die Marienbibliothek der Marktgemeinde einen enormen Zuwachs an Gesangbüchern zu verzeichnen. Die 1552 gegründete und damit älteste öffentliche Kirchenbibliothek Deutschlands verfügt mit demnächst mehr als 8000 verschiedenen Exemplaren über die wohl größte Gesangbuchsammlung der Republik.

Der ursprüngliche Bestand der Marktgemeinde mit 1500 Exemplaren aus sechs Jahrhunderten wurde erweitert um 4000 Bücher aus der Kirchenprovinz-Sammlung und 2000 Büchern aus dem Berliner Bestand der Union Evangelischer Kirchen. In Kürze kommen noch knapp 1000 Gesangbücher aus dem Thüringer Landeskirchenbestand in Eisenach dazu.

»Es sind alles Einzelstücke, Dubletten gibt es nicht, aber natürlich verschiedene Auflagen eines bestimmten Gesangbuches.« Der Bibliothekar Karsten Eisenmenger zeigt auf Bücher in Samt, in Leder oder in Einbänden aus alten Drucken. »Über Jahrhunderte gab es in den Gesangbüchern kaum Noten. Die Melodien wurden als bekannt vorausgesetzt und viele Lieder wurden ja nach den selben Melodien verfasst.«

Im Büro der Marienbibliothek sitzt Mechthild Wenzel und arbeitet sich durch die Kartei der Gesangbuchsammlung. Sie arbeitet ehrenamtlich an der Erforschung der Bestände und gilt als Retterin der Magdeburger Sammlung. Aus Unachtsamkeit sollten die Gesangbücher vor knapp 20 Jahren im Container landen. Die frühere Dozentin für Hymnologie und Liturgik konnte den Abtransport zufällig und im letzten Moment verhindern. Jetzt bereitet sie sich auf eine Tagung der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Hymnologie vor.

Die Wissenschaftler-Vereinigung feiert Ende Juli ihr 50-jähriges Bestehen im polnischen Oppeln. 150 Teilnehmer aus aller Welt werden erwartet. Mechthild Wenzel wird in ihrem Vortrag die Magdeburger Sammlung vorstellen.

Nicht nur für Erforscher geistlichen Liedgutes dürfte die Sammlung interessant sein. Sie sind alle auch Dokumente der Zeit- und Familiengeschichte. Fast jedes Buch enthält eine Widmung und persönliche Einträge. Die einzelnen Sammlungsbestände wurden meist aus Kirchengemeinden zusammengetragen, in denen wiederum einst kleinere Sammlungen aus persönlichen Schenkungen bestanden. So bilden die Bücher auch christlichen Alltag in verschiedenen Jahrhunderten ab.

Hinzu kommen Sonderausgaben wie Militärgesangbücher, Kindergesangbücher und Reiseausgaben. Interessant auch die Gesangbücher für Deutsche Gemeinden im Ausland, zum Beispiel das der Evangelischen Gemeinde in Ägypten. Viele Gesangbücher zeigen auf der Innenseite Porträts von Herrscherpaaren, von Martin Luther und Paul Gerhardt oder sie zeigen Stadtansichten. Wer mit Karsten Eisenmenger die vielen Regalmeter in der Magazinbibliothek abschreitet, hört immer wieder den Namen Johann Crüger, den Namen des Kantors, der die Texte von Paul Gerhardt vertont hat. Gesangbuchgeschichte ist auch Reformations- und evangelische Kirchengeschichte.

Der Bibliothekar nimmt ein Gesangbuch in die Hand, von dem es weltweit nur noch zwei komplett erhaltene Exemplare gibt. Das älteste Gesangbuch findet sich in der halleschen Sammlung. Es wurde 1551 gedruckt. Vorsichtig stellt Karsten Eisenmenger das unscheinbare Buch zurück ins Regal. »Wir sind kein Museum, alle Exemplare können besichtigt und mit entsprechender Vorsicht auch in die Hand genommen werden.«

Frieder Weigmann

Ein ärgerlicher Diebstahl bewirkte ein kleines Wunder

16. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Kreuz und Leuchter kehrten restauriert in Altenburger Herzogin-Agnes-Gedächtniskirche zurück

Pfarrer Uwe Flemming trägt zu Beginn des Kirchweihgottesdienstes am  28. Juni das Altarkreuz wieder zurück in die Herzogin-Agnes-Gedächtniskirche zu Altenburg. Ihm folgen zwei Kirchenälteste, mit den dazugehörigen  Leuchtern. 	Foto: Uwe Ratajczak

Pfarrer Uwe Flemming trägt zu Beginn des Kirchweihgottesdienstes am 28. Juni das Altarkreuz wieder zurück in die Herzogin-Agnes-Gedächtniskirche zu Altenburg. Ihm folgen zwei Kirchenälteste, mit den dazugehörigen Leuchtern. Foto: Uwe Ratajczak

Als zu Beginn des Kirchweihgottesdienstes am 28. Juni die beiden Leuchter und das Altarkreuz feierlich in die Herzogin-Agnes-Gedächtnis-kirche Altenburg hineingetragen wurden, endete eine Kriminalgeschichte, die zugleich ein kleines Wunder bewirkte. »Wenn er guten Willens ist, sind wir es auch.« Diese Entscheidung des Altenburger Sprengelrates vor einem Jahr gestand einem jungen Mann einen Neuanfang zu. Eben jener hatte im Februar 2007 zusammen mit einem Kumpel leicht alkoholisiert die beiden Leuchter samt Altarkreuz gewaltsam entwendet. Schon kurz danach bereuten sie die Tat. Doch statt die Gegenstände sofort zurückzugeben, vergruben sie diese im Leinawald. Einer von ihnen führte schließlich im Januar vergangenen Jahres einen Privatdetektiv und zwei Kirchenälteste zum Versteck. Im September 2008 wurden die beiden Mitzwanziger dann verurteilt. Der eine, weil berufstätig, zu einer Geldstrafe, der andere, weil arbeitslos, zu gemeinnütziger ­Tätigkeit.

Eben jener arbeitslose junge Mann, der das Auffinden später ermöglicht hatte, war getauft und konfirmiert und er drang darauf, in der Agnes-Kirche diese Bewährungsauflage als eine Art Wiedergutmachung abzuleisten. Diesen Wunsch honorierte die Gemeindeleitung mit Vertrauen und der junge Altenburger mit Engagement. »Die Kirchengemeinde und hier insbesondere der Sprengelrat erkannten sehr bald, dass er verlässlich und guten Willens ist und seine Tat zutiefst bereut. Deshalb wurde hier auch tatsächlich Vergebung geübt, die so weit ging, dass der junge Mann auch als gleichberechtigter Partner in den Sprengelrat eingeladen wurde«, berichtet Pfarrer Uwe Flemming. Diese Entwicklung sei für ihn das eigent­liche Wunder der Geschichte, die ­hoffentlich weitergeht.

Inzwischen hat der junge Altenburger seine Stundenzahl längst erfüllt, doch er kommt nach wie vor, hilft dem Küster freiwillig, wann immer er gebraucht wird. Kehren, Schneeschieben, Reparaturarbeiten oder Aufräumen – ein Anruf genügt und er ist in der Agnes-Kir­che zur Stelle. Altarkreuz und Leuchter aus dem Jahr 1906 wurden in den zurückliegenden Monaten vom Erfurter Metallrestaurator Thomas Wurm restauriert.

Der Kirchweihgottesdienst bot nun die geeignete Gelegenheit, um die beiden sakralen Gegenstände wieder in Gebrauch zu nehmen – und Zufall oder Fügung – die Bibeltexte des 3. Sonntags nach Trinitatis stehen ganz im Zeichen der Annahme der als verloren geltenden Sünder. »Wir werden als Christen durch Jesus gemahnt, Vergebung und Barmherzigkeit angemessen zu praktizieren. Nur so eröffnen wir in unserem Umfeld Chancen zur Änderung«, so Pfarrer Flemming. Im Anschluss an den Kirchweih­gottesdienst habe die Gemeinde noch lange bei Kaffee und Kuchen sowie Gespräch an der Parkseite der Kirche beieinandergesessen.

Uta Schäfer

Rückkehr in die Altmark

16. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Christoph Hackbeil als Propst eingeführt

Propst Siegfried Kaparick (l.) führte Christoph Hackbeil in Stendal ein.

Propst Siegfried Kaparick (l.) führte Christoph Hackbeil in Stendal ein.

Propst Siegfried Kasparick aus Wittenberg bringt es gleich zu Beginn der Einführung auf den Punkt. »Für Stendal und den ganzen Propstsprengel ist es ein Tag der Freude.« Nun sei ein Neuanfang gemacht, so Kasparick. In der vollbesetzten Marienkirche führt der amtierende Bischof in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) am 11. Juli den bisherigen Halberstädter Superintendenten Christoph Hackbeil in das Amt des Regionalbischofs des Propstsprengels Stendal-Magdeburg ein.

Was auf ihn zukommt, weiß der neue Mann an der Spitze der nördlichsten Propstei mit sieben Kirchenkreisen und 170000 Gemeindegliedern zwar noch nicht genau. Dennoch gibt sich Hackbeil zuversichtlich. Er komme aus einer Handwerkerfamilie und zur kirchlichen Arbeit gehöre ebenfalls viel Handwerk, ist er überzeugt. Auch künftig werde es darum gehen, Hoffnung zu den Menschen zu tragen, sagt er in seiner Predigt. Dabei müsse sich die Kirche stets überprüfen lassen, ob sie sich mit den Fragen beschäftige, die für die Menschen im Land wirklich wichtig seien. Seinen Dienst als Propst, den er bereits am 1. Juli als Nachfolger von Matthias Sens angetreten hat, will Hackbeil jedenfalls dazu nutzen, Menschen zu erreichen und auch Akzente zu setzen.

Für den 53-jährigen Theologen ist es zugleich eine Rückkehr in eine vertraute Region. Nach dem Studium in seiner Heimatstadt Leipzig hat er zunächst eine Pfarrstelle in der Altmark übernommen. Anschließend wird er Superintendent erst in Gardelegen, dann ab 2000 in Halberstadt. Nun kehrt er zumindest regional an eine alte Wirkungsstätte zurück, wenn auch in einer neuen Funktion.

Glückwünsche kommen deshalb auch von den anderen Regionalbischöfen und den Superintendenten seines Sprengels, die fast vollzählig bei der Einführung vertreten sind. Pröpstin Marita Krüger aus Meiningen begrüßt ihn im Kreis des Bischofskonventes. Sie hat dem neuen Kollegen Saalfelder Pralinen mitgebracht, um ihm »den Dienst zu versüßen«. Präses Wolf von Marschall freut sich auf die gemeinsamen Beratungen in Synode und Kirchenleitung.

Auch viele ehemalige Pröpste sind bei der Einführung dabei. Als ihr Vertreter wendet sich Eberhard Schmidt an seinen Nach-Nach-Nachfolger. Er habe nicht zu hoffen gewagt, dass in Stendal noch einmal ein Propst residieren werde. Zugleich fordert er Hackbeil auf, den Norden der EKM im Blick zu behalten. Hier gebe es schließlich eine große Bodenständigkeit und Frömmigkeit. Und damit sich der neue Propst selbst ein Bild machen kann, hat ihm Schmidt auch etwas mitgebracht: eine Radwanderkarte der Altmark.

Martin Hanusch

Neue Sicht auf Paul Schneider

16. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Zum 70. Todestag erscheint eine erweiterte Ausgabe der Biografie

Anlässlich des 70. Todestages erinnern Kirche und die Pfarrer-Paul-Schneider-Gesellschaft am Wochenende an den »Prediger von Buchenwald« . In der KZ-Gedenkstätte – hier die Zelle Schneiders – soll am 18. Juli (10.30 Uhr) mit  einem ökumenischen Gottesdienst des Theologen gedacht werden. Foto: Maik Schuck

Anlässlich des 70. Todestages erinnern Kirche und die Pfarrer-Paul-Schneider-Gesellschaft am Wochenende an den »Prediger von Buchenwald« . In der KZ-Gedenkstätte – hier die Zelle Schneiders – soll am 18. Juli (10.30 Uhr) mit einem ökumenischen Gottesdienst des Theologen gedacht werden. Foto: Maik Schuck

Den Einband des Buches ziert ein freundliches, jungenhaftes Gesicht. Der Ausschnitt aus einem alten Familienfoto zeigt Pfarrer Paul Schneider (1897–1939) fünf Jahre vor seiner Ermordung durch die Nationalsozialisten. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte ihn die Lebensbeschreibung seiner Witwe Margarete als »Prediger von Buchenwald« weithin bekannt. Pünktlich zu seinem 70. Todestag am 18. Juli liegt die Biografie nunmehr in einer neuen Ausgabe vor.

Erstmals ist damit seit Jahren ein lange vergriffenes Standardwerk zum Nationalsozialismus wieder auf dem Büchermarkt. In der DDR gehörten die zwölf Auflagen mit insgesamt 80000 Exemplaren zu den wenigen Beispielen der nichtkommunistischen Erinnerungsliteratur. Die aktuelle Neuausgabe ergänzt das 1953 erstmals in West-Berlin erschienene Buch mit zahlreichen Erläuterungen, Fotos und Dokumenten. Damit entstand ein umfassendes zeitgeschichtliches Lesebuch, das den Originaltext für heutige Leser verstehbar macht.

Denn Margarete Schneider schrieb ihr Buch nach dem Krieg für Menschen ihrer Generation, die den Nationalsozialismus aus eigener Erfahrung kannten, erläutert Herausgeberin Elsa-Ulrike Ross. Sieben Jahrzehnte nach der Ermordung Schneiders sei diese Zeit Geschichte. »Es wird nicht mehr verstanden, warum er nicht schweigen konnte.« Die pensionierte Pastorin ist Vorsitzende der Pfarrer-Paul-Schneider-Gesellschaft und mit Paul Dieterich, einem Neffen von Margarete Schneider, verantwortlich für die Neuausgabe.

Das Buch ist nahezu doppelt so umfangreich wie das Original und zeichnet den Weg Schneiders vom Gemeindepfarrer zum Widerständler in den historischen Zusammenhängen nach. Seinem gewaltsamen Tod waren wiederholte Konflikte mit der Nazipartei, aber auch mit seiner rheinischen Landeskirche vorausgegangen. Ab 1934 war er Mitglied der Bekennenden Kirche und wurde wegen seiner Kritik am NS-Regime mehrfach inhaftiert. Im November 1937 kam er aus dem Gestapo-Gefängnis Koblenz ins KZ Buchenwald. Die Konsequenz, mit der sich der Pfarrer den Machthabern widersetzte, hat Mithäftlinge immer wieder stark beeindruckt. Überlebende prägten zudem das Bild vom »Prediger von Buchenwald«.

Bis heute ist dieses Erinnerungsbild, das in dem Buch mit einer Häftlingszeichnung dokumentiert ist, ein fester Bestandteil des Gedenkens an die Nazi-Opfer weit über Buchenwald hinaus. Die Neuausgabe von Margarete Schneiders Buch differenziert den Blick auf den Märtyrer der Bekennenden Kirche um weitere Facetten. Damit wird auch das einst in der DDR geprägte einseitige Bild vom antifaschistischen Widerstandskämpfer überwunden. Stattdessen bekommt der Leser eine Vorstellung vom Menschen Paul Schneider, der das NS-Unrecht aus tiefer religiöser Überzeugung strikt ablehnte.

Thomas Bickelhaupt (epd)

Margarete Schneider, »Paul Schneider – Der Prediger von Buchenwald«,
neu herausgegeben von Elsa-Ulrike Ross und Paul Dieterich
,

SCM Hänssler Verlag,
528 Seiten mit Abbildungen,
12,95 Euro
.

Kein Dorf wie jedes andere

16. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Projekt: Im anhaltischen Garitz soll ein Dorfkirchenmuseum entstehen

Dorfkirchen gibt es in Mitteldeutschland viele, schließlich zählt die Region zu den kirchenreichsten überhaupt. Doch ein Museum, das sich speziell solchen Gotteshäusern widmet, ist neu.

Die Kunsthistorikerin Sonja Hahn und Bürgermeister Mario Rudolf präsentieren ein Modell der Kirche von Garitz, das  zusammen mit anderen Exponaten in dem neuen Museum ausgestellt werden soll. Foto: Achim Kuhn

Die Kunsthistorikerin Sonja Hahn und Bürgermeister Mario Rudolf präsentieren ein Modell der Kirche von Garitz, das zusammen mit anderen Exponaten in dem neuen Museum ausgestellt werden soll. Foto: Achim Kuhn

Lange war Garitz ein Dorf wie viele. Sanierte Häuser stehen in adretten Gärten, es gibt ein Kirchlein und ein paar Gewerbetreibende. Alles ist überschaubar und kaum fährt man hinein, ist man schon wieder draußen. Umgeben ist der Ort von einer pittoresken Landschaft. Nur einen Katzensprung entfernt liegt als größere Stadt Zerbst. Nun aber bekommt die 253-Seelen-Gemeinde etwas, was sie von anderen unterscheiden wird: ein Dorfkirchenmuseum.

Untergebracht wird es in der ehemaligen Stärkefabrik am Ortseingang. Ende des 19. Jahrhunderts war sie errichtet worden, später hat man sich zudem in der Herstellung von Kunststeinen versucht; doch erwies sich diese Geschäftsidee als Flop. Dabei sahen die Steine gar nicht schlecht aus; bis heute kann man sie am einstigen Chefgebäude in Augenschein nehmen. Letzter Eigentümer des Fabrikgebäudes war die Agrargemeinschaft. Seit 2008 baut die Gemeinde Garitz-Bornum das Objekt zum Kultur- und Gemeindezentrum aus. Erst kürzlich haben sie in der Halle ein rauschendes Fest gefeiert, da wurde Garitz 750 Jahre alt.

Noch jung ist der Bürgermeister von Garitz: Mario Rudolf. Der 40-Jährige unterscheidet sich in mancher Hinsicht von anderen ehrenamtlichen Dorfchefs. Nicht nur, dass er gerade in Elternzeit war, was ja durchaus dafür spricht, dass er ein moderner Mann ist. Er bemüht sich auch darum, den Flecken am Tor zum Fläming für andere (junge) Leute interessant zu machen. Familien, die dem Ruf folgen, erhalten beim Kauf von Bauland eine Anschaffungsprämie. Und für jedes neugeborene Baby gibt es Begrüßungsgeld. Jemand wie Rudolf musste auch von einem Dorfkirchenmuseum nicht mühsam überzeugt werden.

Die Idee, den Dorfkirchen ein Museum zu widmen, hatte Sonja Hahn. Und wenn die hoch gewachsene Frau, die mit ihrer Familie aus Berlin in die sachsen-anhaltische Provinz zog, mit dem Bürgermeister über die Baustelle schreitet, wirken sie ziemlich einig. Hahn ist Kunsthistorikerin und Vorsitzende der Stiftung Entschlossene Kirchen, die 2005 auf Anregung von Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Hövelmann, damals noch Landrat des Kreises Anhalt-Zerbst, gegründet wurde. Treuhänderisch verwaltet wird sie von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Ihr Ziel ist die Sanierung der Gotteshäuser – und deren Öffnung. Hahn: »Was ist denn Sinn und Zweck einer Kirche? Doch nicht nur der Gottesdienst.« Vielmehr sei sie ein Ort der Besinnung, weshalb sie offen stehen müsse. In Garitz klappt das schon prima.

Den Sanierungsbedarf für die Fabrik schätzt Rudolf auf etwa 450000 Euro. Da es sich um ein sogenanntes Leaderprojekt handelt, werden 75 Prozent gefördert, den Rest bringt die Gemeinde auf. Insgesamt stehen 1000 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung. Drei Räume stellt die Gemeinde der Kirchen-Stiftung für das Museum. Neben ausgelagerten Objekten aus Dorfkirchen wie Griebos Kanzelaltar, der zurzeit in einer Scheune von Sonja Hahn eingelagert ist, sollen 40 Modelle und Fotografien aller Dorfkirchen des Kirchenkreises Zerbst ausgestellt werden. Als weitere Exponate sind Fenster-Reproduktionen der Dorfkirche Reuden vorgesehen. Überdies werden Informationstexte zu den Gotteshäusern sowie über die Religionsgeschichte Anhalts erarbeitet. Alle Objekte sind bereits vorhanden, in Ermangelung geeigneter Räumlichkeiten konnten sie jedoch bislang nicht dauerhaft gezeigt werden.

Sonja Hahn möchte mit dem Museum, dessen Eröffnung noch in diesem Jahr geplant ist, neugierig machen auf die Dorfkirchen. Und es soll zeigen, wie an den Bauten die Geschichte der Orte ablesbar wird und »wie sich die Weltgeschichte und die Kunstgeschichte in den Dörfern widerspiegelt«. Im Übrigen sind sie bedeutend »für die Identität eines Ortes«. Das erklärt auch das Engagement, welches selbst Konfessionslose entwickeln, wenn es um den Erhalt »ihrer« Dorfkirche geht. Auf den Friedhöfen liegen Eltern oder Großeltern begraben, das verbindet. Und nicht zuletzt geht es um Individualität. Hahn: »Keine Kirche ist wie die andere.« Das gilt auch für kleine Dörfer.

Corinna Nitz

Unser Rettungsanker in der Not

16. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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So spricht der Herr, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem
Namen gerufen; du bist mein!
Jesaja 43, Vers 1

img_6675_webHeute soll ich einen Kranken besuchen – aber mein Inneres ist aufgewühlt. Nachher soll ich den Jugendkreis leiten – aber in mir tobt es. Trösten soll ich und ermutigen, zum Glauben einladen – und dabei erdrücken mich eigene Sorgen. Ich muss mir eingestehen: In dem Zustand kann ich keinen Kranken besuchen oder den Jugendkreis leiten! Was ist zu tun? Soll ich es lassen, weglaufen, eine Entschuldigung suchen?

Was ist zu tun, wenn Selbstzweifel quälen, mich Ärger oder Sorgen erdrücken? Darf ich in meiner Lage zu Gott kommen? Ja, ich darf ihm ganz konkret sagen, was mich quält. Ich gehe in meiner Zerrissenheit auf die Knie und klage ihm meine Not. So ­taten es die gefangenen Israeliten. Sie klagten ihre Not und flehten in ihrem Elend zu dem lebendigen Gott. Und sie taten es wirklich!

Dann, mitten hinein in die untröstliche Lage, erklingen diese Worte: »So spricht der Herr: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!«

Und Gott sagt dem Gefangenen: Ich bin dein Schöpfer, der dich geschaffen hat, gebildet im Mutterleib. Ich bin dein Retter und werde dich losbinden – dich erlösen aus deinem Elend. Gott versetzt den Klagenden in einen neuen Stand.

Jochen Klepper sagte einmal: Gott nimmt mir nicht die Probleme. Er nimmt mich von den Problemen. Wie ein väterlicher Freund ruft er mich liebvoll mit meinem Namen. Und im Klang dieser Stimme spüre ich, wie er mich in Schutz nimmt: Du bist mein! Und was dir jetzt gerade fehlt, das lege ich in dein Herz. Vertrau!

So persönlich, so intim spricht Gott mit seinen Kindern? Ja, so tröstet Gott, wenn ich mich vertrauensvoll an ihn wende. So verändert Gott meine Lage, wenn ich darum bitte. Er tröstet und ermutigt mich, damit ich trösten und ermutigen kann. In Jesus ist Gottes Hilfe zum Greifen.

Günther Kreis, Pfarrer in Sonneberg

Signalwirkung

16. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Foto: Christoffer Vittrup Nielsen, sxc.hu

Foto: Christoffer Vittrup Nielsen, sxc.hu

Sie sind ein Pfund, mit dem die Kirche wuchern kann. Sie bewahren ein Stück Ortsgeschichte und geben den Einwohnern Identität. Die Rede ist von den zahlreichen Sakralbauten, die es in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gibt. Mit fast 3900 Kirchen zählt die Landeskirche zu den kirchenreichsten Regionen überhaupt. So vereint die EKM fast ein Fünftel aller Kirchen in Deutschland auf sich, stellt aber nicht einmal vier Prozent der evangelischen Christen bundesweit. Dazu kommen noch einmal gut 200 Kirchen in Anhalt.

Lange galten die Kirchen eher als Last denn als Lust, weil die Erhaltung die zumeist kleinen Gemeinden überforderte. Inzwischen sind jedoch die meisten der wertvollen Kulturdenkmale wiederhergestellt, und viele Gemeinden haben die Chancen erkannt, die in den Gebäuden stecken. Dazu beigetragen haben auch die in den letzten Jahren entstandenen Kirchbauvereine, in denen nicht nur Christen mitarbeiten, sondern vielfach auch Nichtchristen, denen die Kirche als prägendes Gebäude am Herzen liegt. Doch was ist, wenn das Gotteshaus gerettet ist? Viele Gemeinden fragen sich inzwischen, was sie mit ihren sanierten Kirchen anfangen können. Zwar gibt es gerade in den Sommermonaten verstärkt Konzerte und Musikreihen. Radwege- und Autobahnkirchen laden zum Verweilen ein. Auch die Zahl von geöffneten Kirchen steigt kontinuierlich – inzwischen sind es 691.

Dennoch reicht das nicht, alle Kirchen auf Dauer mit Leben zu füllen. Gerade für die Sakralbauten abseits der Touristenpfade braucht es neue Nutzungskonzepte. Schließlich taugt nicht jede Kirche als Kulturzentrum. Hier muss letztlich jede Gemeinde nach Lösungen suchen. Aber selbst die kleinste Dorfkirche kann geöffnet werden – für die, die Ruhe und Besinnung suchen. Zudem gilt es, die Kirchen am Sonntag für Gebet und Andacht aufzuschließen – notfalls ohne Pfarrer. Das ist nicht nur ein Signal in die Gemeinde hinein, sondern auch nach außen: Seht her, die Kirche lebt.

Martin Hanusch

Von der Volkspolizei überaus brutal niedergeknüppelt

10. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Dokumentation über die friedlichen Demonstrationen im Herbst 1989 in Arnstadt

cover_der_mut_der_einzelnenDie evangelische Kirchenzeitung ›Glaube und Heimat‹ durchbrach am 22. Oktober erstmals die Mauer des medialen Schweigens über die ­Ereignisse am 7. Oktober 1989 in Arnstadt. Auf der zweiten Seite erschien ein Artikel unter der Überschrift ­›Oktobertage in Thüringen‹, der die Ereignisse der vergangenen Tage zusammenfasste. Über Arnstadt wurde berichtet, dass es dort bereits am 30. September zu einer ersten Demonstration gekommen sei. Am 7. Oktober seien 500 Menschen durch die Stadt Richtung Volkspolizeikreisamt gezogen, bis sich ihnen in der Nähe des Marienstiftes eine Formation Bereitschaftspolizei entgegengestellt ha­be. Der Einsatz der Polizei sei unmittelbar nach der Aufforderung erfolgt, die Straßen freizugeben. Die Menschen hätten keine Zeit gehabt, dieser Aufforderung Folge zu leisten …«

Dieses Zitat findet sich auf Seite 118 des jetzt im Verlag Dr. Bussert & Stadeler veröffentlichten Buches »Der Mut der Einzelnen. Die Revolution in Arnstadt 1989« des Historikers und Journalisten Jan Schönfelder. Der Autor hat genauestens recherchiert und die Fakten aus staatlichen, kirchlichen und privaten Archiven zusammengetragen. Damit liegt erstmals eine lückenlose Dokumentation der ersten Demonstrationen des Revolutionsherbstes in Thüringen vor. »In Arnstadt ging der Protest nicht von Oppositions- oder Ausreisegruppen, sondern von Einzelnen aus. Zwar bot die Kirche für Verfolgte ein Schutzdach im wahrsten Sinne des Wortes, aber die Kirche selbst war nicht die Keimzelle des Protestes«, schreibt er rückblickend auf die Ereignisse.

Während die erste Demonstration am 30. September keine überregionale Beachtung fand, erregte die zweite vom 7. Oktober über die ­Stadtgrenzen hinaus Aufmerksamkeit, weil sie mit brutaler Polizeigewalt ­beendet wurde. In »Glaube und Heimat« stand in diesem Zusammenhang: »Es sei hart zugeschlagen ­worden, berichtete der Arnstädter ­Superintendent Tittelbach-Helmrich. Fliehende Demonstranten suchten u. a. Schutz in der Bachkirche. Nachdem sie die Kirche wieder verlassen hatten, wurden drei kirchliche Mitarbeiter, die in der Kirche Dienst gehabt hatten, in Handschellen gelegt und zum VPKA gebracht. Superintendent und Landeskirchenrat protestierten bei den Behörden gegen das unverhältnismäßige Mittel gebrauchende Vorgehen der Sicherheitskräfte.«

Die Geschehnisse von Arnstadt können in einem Atemzug genannt werden mit denen von Leipzig oder Dresden. Denn auch hier konnte niemand vorhersehen, wie der Aufruhr der Menschen enden würde. Schönfelder dokumentiert den »Protest der Kirchen« und zitiert ausführlich aus der Predigt von Wolfgang Tittelbach-Helmrich: »Nie war unser Volk so
von Angst bestimmt, wie an seinem 40. Jahrestag.« Nur mit Abscheu könne man zur Kenntnis nehmen, was geschehen sei. »Wir können uns nur schämen, wie sich unser Staat in aller Öffentlichkeit blamiert.« Der Polizeieinsatz sei »ein klarer Bruch der Verfassung« gewesen.
Der Autor merkt aber auch kritisch an, dass in Arnstadt im Gegensatz zu anderen Städten des Landes nach den Polizeieinsätzen am 7. Oktober keine Mahnwachen und Friedensgebete abge-
halten wurden.

Schönfelder berichtet über die Proteste der Landeskirche und erwähnt, dass »ein erster ausführlicher Augenzeugenbericht über die Ereignisse vom 7. Oktober« Mitte November in »Glaube und Heimat« erschien. In diesem berichtete der Arnstädter ­Stephan Preller »detailliert über den Ablauf der Demonstration und den Polizeieinsatz«. Historisches Bildmaterial von den Demonstrationen und den Polizeieinsätzen unterstreicht die Authentizität der Publikation.

Michael von Hintzenstern

Schönfelder, Jan: Der Mut der Einzelnen. Die Revolution in Arnstadt 1989,
Verlag Dr. Bussert & Stadeler 2009, 160 Seiten,
28 Abb. u. Fotos, Klappbroschur, ISBN 978-3-932906-93-0, 12,90 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den
Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161

»Ich fühle mich geführt!«

10. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Albrecht Feige aus Ingersleben erhielt das Bundesverdienstkreuz

Thüringens Sozialministerin Christine Lieberknecht ­zeichnet ­Albrecht Feige für ­seinen ­vorbildlichen Einsatz im »Arbeitskreis ­Rumänienhilfe« mit dem Bundesverdienstkreuz aus. 	Foto Frieder Weigmann

Thüringens Sozialministerin Christine Lieberknecht ­zeichnet ­Albrecht Feige für ­seinen ­vorbildlichen Einsatz im »Arbeitskreis ­Rumänienhilfe« mit dem Bundesverdienstkreuz aus. Foto Frieder Weigmann

Ich fühle mich geführt! Da braucht man über Motivation doch nicht zu sprechen.« Eindeutig und überzeugend beantwortet Albrecht Feige die Frage, warum er seit mehr als zehn Jahren für den »Arbeitskreis Rumänien« der Kirchengemeinden Neudietendorf-Ingersleben (Kirchenkreis Gotha) um Spenden bittet, damit Menschen im fernen Karpatendorf Balanu das Lebensnotwendigste erhalten.

Seinen Urlaub nutzt er dazu, Hilfstransporte nach Rumänien zu begleiten, und seit drei Jahren schaut er wöchentlich zu den Saisonarbeitern nach Gierstedt, die aus Balanu kommend hier im Sommer das Obst pflücken, um mit dem schwer verdienten Geld ihre Familien über den Winter zu bringen.

Jetzt erhielt Albrecht Feige das Bundesverdienstkreuz am Bande. Am 1. Juli übergab Thüringens Sozialministerin Christine Lieberknecht diese höchste Auszeichnung der Bundesrepublik. Gerade in einer Zeit, in der das eigene Ich für viele an erster Stelle stehe, würden Menschen wie Albrecht Feige gebraucht, die nicht nur das eigene Wohl, sondern insbesondere das des Nächsten vor Augen haben, hob sie in ihrer Laudatio hervor.

»Wir sind kein eingetragener Verein, aber etwa 15 engere Mitstreiter kann ich anrufen und gezielt um Mithilfe bei einer Aktion anfragen«, sagt der Ingerslebener. Dazu kämen viele Unterstützer, die mit Sachspenden und Geld dabei sind. »Ich kenne die Bibelstelle mit der rechten und der linken Hand. Deshalb mache ich nach jeder Fahrt das Kassenbuch zu und schaue nach vorn. Und da weiß ich, dass im Herbst der nächste Sattelschlepper beladen sein will und dass der dann 2000 Euro kostet.« Aber es werde wieder funktionieren, ist sich Albrecht Feige ganz sicher.

»Solange die Ampel auf unserem Weg grün ist, werden wir vorwärtsfahren.« Und so wird der Arbeitskreis Rumänien auch auf dem ersten Mitteldeutschen Kirchentag am 20. September in Weimar anzutreffen sein, um über die Menschen in Balanu zu berichten und um Unterstützung zu werben.

Uta Schäfer

Die Zeit der »Runden Tische«

9. Juli 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

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Foto: Ivan Prole, SXC

Foto: Ivan Prole, SXC

»Wir wollten keinen Rollentausch, wir wollten eine Transformation der Machtausübung, wir wollten eine Demokratisierung.« Mit diesen Worten brachte Erfurts Propst
i. R. Heino Falcke im Luthersaal des Erfurter Augustinerklosters die Ziele des »Runden Tisches« vom Herbst 1989/Frühjahr 1990 auf den Punkt. Falcke, damals selbst einer der Moderatoren des »Runden ­Tisches« im Bezirk Erfurt in eben jenem Luthersaal, war ­neben Dr. Francesca Weil Festredner anlässlich der Vorstellung des neuesten Bandes der Parlamentarismus-Schriftenreihe des Thüringer Landtags. Das Thema der Publikation: »Die ›Runden Tische‹ der Bezirke Erfurt, Gera und Suhl als vorparlamenta­rische Gremien im Prozess der Friedlichen Revolution 1989/90«.

Sechs Autorinnen und Autoren wirkten mit am jüngsten Band des Thüringer Landtags, mit dem der Freistaat gleichsam eine Vorreiterrolle in den neuen Ländern einnimmt. Als erstes der »jungen« Bundesländer hat Thüringen den Beginn der friedlichen Umgestaltung der DDR wissenschaftlich aufgearbeitet – und das bei schwierigster Quellenlage. In bewährter Form stand dem Landtag dabei der Wartburg Verlag zur Seite, der das rund 500 Seiten starke Werk mit reicher Dokumenten-Anlage betreut hat.

Die Thüringer Landtagspräsidentin Dagmar Schipanski stellte das Buch der Öffentlichkeit vor
und fasste in ihrem Geleitwort die Ziele und Aufgaben zusammen. Hauptwiderspruch der »Runden Tische« sei zwar deren fehlende ­demokratische Legitimation gewesen, doch hätten alle Beteilig-ten auf eine friedliche Umgestaltung in der DDR gedrängt und suchten sich an demokratischen Prinzipien zu orientieren. »Es ging in der Tat darum, die Demokratisierung einzuüben« bzw. die Vertreter »in die Kultur eines politischen Streites hineinzumodellieren«, so Heino Falcke in seinen Ausführungen.

Die Arbeit der »Runden Tische« kann daher nicht hoch genug eingeschätzt werden, trug sie doch in entscheidendem Maße zur Verhinderung der Konsolidierung der SED, der Begleitung der Arbeit des Bürgerkomitees zur Auflösung der Einrichtungen der Staatssicherheit und der Behandlung drängender Sachthemen bei. »Politik war Bürgersache geworden«, so Francesca Weil.

Hartmut Ellrich

Thüringer Landtag
Die “Runden Tische” der Bezirke Erfurt, Gera und Suhl als vorparlamentarische Gremien im Prozess der Friedlichen Revolution 1989/1990. Schriften zur Geschichte des Parlamentarismus in Thüringen, Band 28, 500 Seiten, ISBN: 978-3-86160-528-7, 19,90 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643) 246161

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