»Ich komme in einer großen Offenheit«

27. August 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Interview: Landesbischöfin Ilse Junkermann über ihren Amtsantritt und erste Aufgaben

Tritt am 1. September offiziell ihren Dienst an: Ilse Junkermann. Foto: epd-bild

Tritt am 1. September offiziell ihren Dienst an: Ilse Junkermann. Foto: epd-bild

Am Sonnabend wird Ilse Junkermann als erste Bischöfin in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) eingeführt. Vor ihrem offiziellen Start sprach Martin Hanusch mit der 52-jährigen Theologin aus Stuttgart.

Frau Landesbischöfin, sind Sie gut in Ihrer neuen Heimat gelandet?
Junkermann:
Ja, das kann ich schon sagen. Der Umzug ist im Wesentlichen abgeschlossen. Ich bin zwar noch nicht ganz mit dem Einräumen fertig, 30 Kisten fehlen noch. Aber ich hoffe, dass zur Einführung am Sonnabend alles bereit ist.

Haben Sie einen Überblick, was Sie als erstes angehen werden?
Junkermann:
Der Terminkalender ist schon gut gefüllt. Da gibt es am nächsten Wochenende den Kreiskirchentag in Nordhausen und das Landesposaunenfest in Wittenberg. Am Sonntag darauf bin ich zum Jubiläum 825 Jahre Klosterkirche in Arendsee. Dann folgen der mitteldeutsche Kirchentag in Weimar und der MDR-Gottesdienst zum Domjubiläum in Magdeburg. Dazu kommen die Leitungsgremien, zu denen ich kraft meines Amtes gehöre. Aber neben den zahlreichen Aktivitäten soll es auch Zeiten der Ruhe und der Besinnung sowie Möglichkeiten zum Atemholen geben. Das bischöfliche Amt ist schließlich ein geistliches Amt.

Was steht aus Ihrer Sicht jetzt vordringlich in der EKM an?
Junkermann:
Im Zuge der Gespräche mit den Synodalen kam immer wieder der Hinweis, wir brauchen jetzt einen geistlichen Aufbruch nach den ganzen Strukturdebatten. Das hat sich die Synode als einen Schwerpunkt vorgenommen, und im Herbst wird mit dem Thema begonnen. Ein geistlicher Aufbruch kann nur von den Kirchengemeinden ausgehen, das lässt sich nicht von oben verordnen. Meine Aufgabe wird es sein zu sehen, wo finden Aufbrüche statt, wo haben wir Menschen, die sich in den Gemeinden einsetzen. Es wird darauf ankommen, die Verantwortlichen miteinander ins Gespräch zu bringen, damit nicht jeder für sich allein etwas versucht, sondern dass es zu einem Austausch kommt ganz im Sinne des Bildes vom Leib Christi. Für diesen Austausch will ich mit sorgen.

Welche Schwerpunkte möchten Sie dabei setzen?
Junkermann:
Wir müssen deutlich zeigen, dass wir als einzelne Christenmenschen und als Kirche Empfangende sind. Was bedeutet es, wenn es heißt: Kirche lebt vom Wort Gottes? Wie setzen wir das persönlich im Alltag und als Kirche um? Gerade in einer »Machergesellschaft« halte ich das für wichtig.

Wie können Sie dazu beitragen, dass eine gemeinsame Identität wächst?
Junkermann:
Ich denke, dass die beiden Landeskirchen schon selbst dafür gesorgt haben in der Verfassung. Jetzt wird es darum gehen, die Strukturüberlegungen mit Leben zu füllen. Das zu moderieren und zu integrieren, sehe ich als eine weitere Aufgabe an. Bei allen Entscheidungen, wie beim Finanzgesetz und Stellenplan, werden wir darauf achten müssen, was uns in unserem Auftrag am besten hilft. Natürlich gibt es durch den Fusionsprozess noch vereinzelt Wunden. Hier müssen wir aufpassen, damit sie nicht wieder aufreißen. Aber ich will auch Mut machen, nach vorn zu blicken und die Aufgaben gemeinsam anzugehen.

An welchen Stellen muss sich die Kirche stärker in die gesellschaftlichen Debatten einbringen?
Junkermann:
Wir brauchen ein lebendiges politisches Klima, auch den Diskurs. Dabei ist es eine Christenaufgabe, sich nicht hinter die Kirchenmauern zurückzuziehen, sondern Mitverantwortung im Gemeinwesen insgesamt wahrzunehmen. Also angefangen bei der Nachbarschaftshilfe bis hin zur politischen Kulturarbeit im Alltag. Und Kirche muss sich da einmischen, wo es um die Menschenrechte geht. Für mich ist ein wesentlicher Aspekt das biblische Menschenbild. Das ist für mich auch der Grund, warum rechts- und linksextreme Parteien für Christen nicht wählbar sind. Es geht um die Einzigartigkeit jedes Einzelnen. Jeder Mensch zählt und hat seine einzigartige Würde von Gott. Darauf immer wieder hinzuweisen ist unser Auftrag.

Kann die Kirche das im Osten leisten, wo sie doch in der Minderheit ist?
Junkermann:
Sie kann das sicher nur zeichenhaft mit ihren diakonischen Einrichtungen oder auch in den Schulen. Aber Kirche sollte nach außen wirken, selbst wenn ihre Kräfte begrenzt sind.

Glauben Sie, dass Sie als »Westimport« auf Vorbehalte stoßen?
Junkermann:
Vermutlich ist das so. Das haben die Rückmeldungen im Vorfeld der Wahl und danach gezeigt. Dahinter steckt auch die Kränkung, warum findet sich niemand aus den östlichen Landeskirchen. Das nehme ich ernst. Und ich komme ja nicht mit fertigen Rezepten, sondern ich komme in einer großen Offenheit und mit großem Respekt vor dem Schritt, den die beiden Kirchen gegangen sind.

Worauf freuen Sie sich in Ihrem neuen Amt besonders?
Junkermann:
Ich freue mich darauf, die Menschen kennenzulernen mit ihren unterschiedlichen Geschichten und den regionalen Unterschieden und wie sie sich gegenseitig bereichern. Außerdem verfügt die EKM über einen großen Schatz mit ihren vielen Kirchengebäuden. Und privat freue ich mich darauf, an der Elbe Fahrrad zu fahren.

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “»Ich komme in einer großen Offenheit«”
  1. Michael H. sagt:

    Liebe Frau Landesbischöfin Junkermann ,

    voller Zuversicht, aber auch “Hoffnung” kommt in mir auf, denn Sie sprechen mir aus meinem Herzen.
    Ja der “Geistige Aufbruch” dieser Landeskirche hat sehr lange warten müssen.
    Jedoch geben Sie uns diese Chance und Sie können mit eignen Augen sehen, es
    ist eine echte “Bereicherung” einen Pfarrer wie Franz Schwarz an Ihrer Seite zu wissen.
    Reden Sie bitte mit ihm und Sie spüren diesen “wahren Glauben” .

    Danke Michael H.