Frieden schaffen ohne Waffen

27. August 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Titelseite

Weltfriedenstag: Ist der Einsatz von militärischer Gewalt in Krisengebieten zu verantworten?

Vor 70 Jahren begann am 1. September der Zweite Weltkrieg. Zur Erinnerung und Mahnung wurde er zum
Weltfriedens- und Antikriegstag erklärt. Der Friedensbeauftragte der mitteldeutschen Kirche hinterfragt heutige Militäreinsätze.

Deutsche Soldaten in Afghanistan – bringen sie Sicherheit für die Bevölkerung oder gefährdet militärische Präsenz den Einsatz von Entwicklungshelfern? Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Deutsche Soldaten in Afghanistan – bringen sie Sicherheit für die Bevölkerung oder gefährdet militärische Präsenz den Einsatz von Entwicklungshelfern? Foto: dpa/Maurizio Gambarini

Gegenwärtig kann eine kontroverse Diskussion zum Afghanistan-Krieg verfolgt werden, die sich in den letzten Wochen auch in unserer Kirchenzeitung niedergeschlagen hat. Sehr unterschiedliche Positionen waren zu lesen: Ein Vertreter der Evangelischen Seelsorge in der Bundeswehr bedauert den zu geringen Rückhalt für unsere Soldaten in der Bevölkerung, der Vorstandschef der Welthungerhilfe macht die deutsche Militärstrategie verantwortlich für die Gefährdung von Entwicklungshelfern und lehnt eine Vermischung von Militär und Wiederaufbau ab, der Verteidigungsminister betet täglich für die deutschen Soldaten in Afghanistan, und die Friedensbewegung ruft zu einem Umdenken auf: weg vom Militär und hin zum Zivilen.

Auf diesem aktuellen Hintergrund sind Überlegungen zur Unterscheidung zwischen ziviler und militärischer Gewalt ein wichtiger Beitrag in der gesellschaftlichen Diskussion über den Sinn von Bundeswehreinsätzen. Und sie sind zugleich ein Brückenschlag zu den Wurzeln unserer Gesellschaft, deshalb soll zum Antikriegstag 2009 neu daran erinnert werden.

Wir haben in diesem Jahr »60 Jahre Grundgesetz« gefeiert und müssen uns zugleich daran erinnern lassen, dass von Deutschland vor 70 Jahren der Zweite Weltkrieg ausging. Danach lehnten viele Deutsche jegliches Militär ab. In den schrecklichen Ereignissen des Krieges hatte der Militarismus sein wirkliches Gesicht gezeigt. Das hatte sich tief in das kulturelle Gedächtnis des deutschen Volkes eingeprägt. Deshalb wurde der Schutz des Lebens jedes einzelnen Menschen zur Priorität. Nie wieder sollte es etwas Wichtigeres geben! Unser Grundgesetz wurde zum Ausdruck dieses Willens. Mit seinem Grundrechtskatalog wurde die Ethik einer Zivilgesellschaft entworfen.
Doch die grausame Wirklichkeit und die Logik des Krieges – Ende der 1940er Jahre noch allen sehr gegenwärtig – geriet im Laufe der Zeit immer mehr aus dem Blick.

Plötzlich ist eine große Verunsicherung da, ob denn nicht militärische Gewalt doch helfend eingesetzt werden könnte. Vielleicht sind die Gräuel des Krieges bei »humaner Kriegsführung« vermeidbar, vielleicht waren nur die vergangenen Kriege schlimm und die auf Friedensschaffung und Friedenserhaltung ausgerichteten militärischen Einsätze der Gegenwart und der Zukunft können Gutes bewirken?

Gegenüber dieser optimistischen Betrachtungsweise gilt es festzuhalten, dass jedes militärische Vorgehen, unabhängig von seiner Motivation, dem Prinzip unterliegt, dass ein einmal als richtig erkanntes Ziel die Opferung von Menschen rechtfertigt. Der Zweck heiligt dann die Mittel. Die Entwicklung und der Einsatz der Massenvernichtungsmittel sind überhaupt nur zu erklären, wenn der unbedingte Lebensanspruch jedes Einzelnen gering geschätzt wird.

Und da sind wir mitten in der aktuellen Fragestellung, ob denn die Stärkung von Demokratie und Menschenrechten oder die behauptete Stärkung der Sicherheit des Landes ein solches Ziel sein kann, für dessen Erreichung der Einzelne, das heißt die eigenen und die gegnerischen Soldatinnen und Soldaten und auch die Zivilbevölkerung geopfert werden können. Soll für die Zeit des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan die Ethik der Zivilgesellschaft, die sich konsequent am Schutz von Menschenleben orientiert, außer Kraft gesetzt werden, oder gilt dieser Schutz uneingeschränkt und stellt das höchste Gut der Demokratie dar? Ein Gut, was gerade in der Auseinandersetzung mit dem Terrorismus nicht aufgegeben werden darf?

Diese Fragen zu stellen und gemeinsam darüber im Gespräch zu sein ist wichtig. Wir tragen als Christen Verantwortung für das, was in ­unserer Gesellschaft geschieht. Der Weltfriedenstag kann uns an die zivilen Wurzeln unseres Staates ­erinnern und zugleich an eine wichtige Erkenntnis derer, die eine neue demokratische Gesellschaft aufbauten: »Nie wieder Krieg!«

Von Wolfgang Geffe

Weltfriedentag bei Wikipedia

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