Neuer Anlauf
20. August 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Foto: Joakim Buchwald, sxc.hu
Es ist still geworden um den Reformprozess des deutschen Protestantismus. Nach dem Paukenschlag zum Auftakt vor drei Jahren mit dem Positionspapier »Kirche der Freiheit – Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert« und der anschließenden Debatte über Anzahl und Größe von Landeskirchen hat sich die Aufregung schnell wieder gelegt.
Heute spricht kaum noch jemand über die Qualitätsstandards von kirchlichen Angeboten oder eine notwendige Strukturanpassung. Das soll jetzt wieder anders werden. Im September ist in Kassel die nächste Zukunftswerkstatt der EKD geplant.
Dass das Unternehmen jetzt Werkstatt heißt und nicht mehr Zukunftskongress wie noch in Wittenberg ist dabei bezeichnend. Offenbar hat die EKD manche Erwartung relativiert. Ein Grundübel des gesamten Prozesses ist es zweifellos gewesen, vor allem die ökonomische Effizienz im Blick zu haben. Mit diesem Ansatz geht das Papier nicht nur an der Wirklichkeit der Gemeinden vorbei, es hat auch viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verprellt. Denn die Gestaltung von Kirche lässt sich eben nicht allein durch Organisationsmodelle aus der Wirtschaft bewerkstelligen.
Der in dem Papier geforderte Mentalitätswandel sei zwar richtig, konstatierte zuletzt selbst die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann. Aber auch die Jünger Jesu seien keine »Elitetruppe« gewesen. Einem Sterbenden die Hand zu halten, lasse sich nicht effektiv gestalten. Es gehe vielmehr darum, Sehnsucht nach dem Glauben zu wecken.
Wie das bewerkstelligt werden kann, ist die eigentliche Frage. Erst wenn der Reformprozess das wieder in das Zentrum rückt, kann der neuerliche Anlauf gelingen. Ansonsten bleibt auch die Zukunftswerkstatt in Kassel eine Episode ohne Folgen.
Martin Hanusch
Vom Kopf in den Bauch
20. August 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Jugendarbeit: Die »Escola Popular« in Thüringen kann jetzt auf ihr 15-jähriges Bestehen zurückblicken

Der Glaube kann auch durch Capoeira in Bewegung gesetzt werden. Foto: Escola Popular
Du machst schon die Antwort, wo sie noch eine Frage gestellt hat.« Antwort? Frage? Der Betrachter sieht nur zwei junge Menschen, die sich in merkwürdigen Schlangenbewegungen zu verrenken scheinen, untermalt von Trommelmusik. Dirk Marschall, Jugenddiakon und Leiter der Weimarer Capoeira-Gruppe, schmunzelt: »Capoeira ist Dialog.« Oder brasilianisch-poetisch ausgedrückt: »Capoeira ist ein kleines Boot, frei in den Wellen des Meeres.« In den Favelas, den Elendshütten Brasiliens, hat dieser Tanz, der Kampf und Spiel zugleich ist, seinen Ursprung.
Dort von den Sklaven als Antwort auf himmelschreiendes Unrecht entwickelt, ist er inzwischen Teil der brasilianischen Kultur geworden – und hat vor 15 Jahren auch Hans-Jürgen Neumann angesteckt: »Wir wollten den ökumenischen Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung am eigenen Leibe erfahrbar machen«, meint der ordinierte Gemeindepädagoge. Und ahnte wohl damals nicht, was er damit für eine Lawine der Lebensfreude und Begegnung lostreten würde – und das alles in einer Kirche, die sonst von der Öffentlichkeit gerne mal als verstaubt und erstarrt abgetan wird.
»Wir möchten den Glauben aus dem Kopf in den Bauch holen und den dann in Bewegung setzen«, umschreibt Neumann das Anliegen seines Projektes, das sich inzwischen zur »Escola Popular« gemausert hat und neben Capoeira auch Samba-Trommelgruppen und ein Bandprojekt umfasst. Bei diesem werden altehrwürdige Kirchenlieder »mit lateinamerikanischen Rhythmen bereichert«, wie es Stephan Müller ausdrückt. Müller leitet seit anderthalb Jahren die Sambagruppe Weimar, die schon mehrmals bei Demonstrationen gegen Rechts-extremismus auf sich aufmerksam machte. Und das ist kein Zufall: »Der ökumenische Prozess hat den Fuß im politischen Geschehen«, betont Hans-Jürgen Neumann. »Praktisch sieht das so aus, dass Samba unsere Leute zum Demonstrieren animiert und die Neonazis am Marschieren hindert.« Inzwischen werde die »Escola Popular« von der Polizei regelrecht als Deeskalationsmittel begrüßt und eingesetzt.
Doch Neumanns Anliegen geht weit darüber hinaus: »Wir sind damit ›Kirche am Brennpunkt‹«. Man wolle mit diesen und anderen Aktionen gerade bildungs- und kirchenfernen jungen Leuten die Chance geben, Kirche auch von ihrer weltoffenen und fröhlichen Seite kennenzulernen. Und Neumanns Konzept scheint zu funktionieren. Das belegt nicht nur die wachsende Größe der »Escola Popular«, die inzwischen ein Dutzend Gruppen umfasst und seit kurzem sogar bis ins polnische Lodz reicht. Kat-rin Schoof, Mitglied der Weimarer Capoeira-Gruppe, beschreibt die Faszination so: »Capoeira gibt mir das Vertrauen, dass ich auf dem Weg bin und auch ankomme.« Sie habe anfangs Schwierigkeiten gehabt, die Begriffe »Kampf«, »Tanz« und »Spiel« unter einen Hut zu bekommen. »Aber inzwischen bin ich nicht nur da flexibel geworden«, lacht sie.
Ganz wichtig ist ihr wie auch den anderen Capoeiristas die Begegnung auf Augenhöhe – ganz gleich, wie lebens- oder tanzerfahren ihr Gegenüber ist. »Das ist geradezu urchristlich«, betont Escola-Popular-Leiter Neumann, der laut Aussagen seiner Mitstreiter »die Zügel in der Hand hat, ohne autoritär zu sein«. Und das scheint die zumeist jungen Erwachsenen zu begeistern. Sie engagieren sich teils schon über Jahre hinweg ehrenamtlich bei der »Escola« – gerade im Bereich der Jugendarbeit eine Seltenheit heutzutage.
Diese Tatsache, der innovative Ansatz und praktische Gründe haben nun die EKM-Kirchenleitung bewogen, für Neumann eine Projektstelle für die nächsten sechs Jahre einzurichten. »Wir sind als Kirche zu oft ›verkopft‹, auch in der Jugendarbeit«, sagt Bildungsdezernent Christhard Wagner. Er hat auf einer Brasilien-Reise selbst Escola-Tanz und -Musik kennen gelernt und findet den ganzheitlichen Ansatz großartig: »Das reißt die Leute mit und macht Spaß. So etwas kommt in der Kirche nicht zu oft vor.« Na dann, alles Gute, »Escola Popular«!
Von Rainer Borsdorf
Alles muss klein beginnen
13. August 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Evangelische Schulstiftung in Mitteldeutschland mit zwei neuen Schulen

Der Schuleinführungsgottesdienst in der Erfurter Lutherkirche war ein großes Ereignis für den sechsjährigen Melchior Immanuel und 62 weitere Schulanfänger der neu gegründeten Evangelischen Grundschule in Erfurt. Foto: Matthias Frank Schmidt
Vor gut einem halben Jahr hätte niemand mehr an den Start der Evangelischen Regelschule in Gotha geglaubt. Es waren mehr Hindernisse zu überwinden, als die Elterninitiative und die Evangelische Schulstiftung in Mitteldeutschland erwartet hatten. Aber die Idee einer reformpädagogisch arbeitenden Regelschule mit integrativem Profil wurde nun doch Wirklichkeit.
Alles muss klein beginnen. In einem liebevoll gestalteten Gottesdienst in der Gothaer St. Margarethenkirche erhielten am 5. August die 26 Schüler, Schulleiterin Sandra Diersch sowie die neun Lehrer, Erzieher und Sonderpädagogen den Segen von Propst Reinhard Werneburg und Pfarrer Martin Hundertmark. Im Anschluss an den Gottesdienst trugen die Schüler das zwei Meter große Holzkreuz für das Schulgebäude quer durch die Stadt. Mit wenigen Räumen in einer anderen Schule beginnt die Evangelische Regelschule klein im wahrsten Sinne des Wortes. Die Schulstiftung hatte lange nach geeigneten Räumlichkeiten in Gotha gesucht und war letztendlich im Förderzentrum »Lucas Cranach« in der Langensalzaer Straße fündig geworden: im Souterrain. Doch wer die in warmen Gelb- und Orangetönen gestalteten Unterrichtsräume sieht, kann sich gut vorstellen, dass die Schüler der 5. und 6. Klasse dort gern lernen werden.
Klein war die Eröffnungsfeier der Evangelischen Grundschule in Erfurt wahrlich nicht. Gut 800 Schüler, Lehrer, Familien und geladene Gäste versammelten sich am vergangenen Samstag in der Lutherkirche. Pfarrerin Katharina Passolt, die auch zu den Initiatoren der Schule gehört, und ihre Helfer gestalteten für die 62 Schulanfänger, die 20 Schüler der altersgemischten 2. und 3. Klasse sowie die Schulleiterin Cornelia Schäfer und ihr zehnköpfiges Kollegium einen abwechslungsreichen Gottesdienst. Dazu gehörte auch ein Anspiel, in dem sich eine kleine Kirchenmaus erstaunt zeigte, wie aus winzigen Kernen kräftige gelbe Sonnenblumen gedeihen können.
»Alles muss klein beginnen«, so sang die Festgemeinde wiederholt mit Worten von Gerhard Schöne. Doch in Erfurt musste es ein großer Start sein – die bislang größte Schulgründung der Evangelischen Schulstiftung in Mitteldeutschland. Und die Nachfrage steigt weiter.
»Immer mehr Eltern wünschen sich für ihre Kinder eine Bildung an Ganztagsschulen mit reformpädagogischem Profil und christlicher Werteerziehung in freier Trägerschaft«, sagt Marco Eberl, Leiter des Evangelischen Schulwerks der EKM und Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Schulstiftung.
(mkz)
Unbeschwerte Sommer-Ferientage
13. August 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Die Diakonie Mitteldeutschland konnte 1800 Kindern Urlaub schenken

Foto: Diakonie
Zum Ende der Sommerferien in Thüringen und Sachsen-Anhalt zieht Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland, eine positive Zwischenbilanz: »Die Spendenresonanz ist großartig und entspricht unseren optimistischsten Vorstellungen. Dafür herzlichen Dank allen Unterstützern! Die Aktion geht natürlich auch über die Sommerferien hinaus weiter. Für die Herbstferien, die Adventszeit und für verschiedene Wochenendfreizeiten liegen bereits Anträge vor.
Deshalb rufen wir weiter zu Spenden für die Aktion ›Kindern Urlaub schenken‹ auf. Bis zum Jahresende hoffen wir auf insgesamt mehr als 50000 Euro aus Einzelspenden, dann können wir die Verdopplungszusagen der Share Value Stiftung und der Bethe Stiftung ausschöpfen und mit 100000 Euro helfen.« Anfang August waren es bereits 33904,82 Euro.
Eine große Spende kam aus Württemberg. Die neue Landesbischöfin der EKM, Ilse Junkermann, sammelte bei ihrer Verabschiedung aus dem Oberkirchenrat in Stuttgart. Die Gottesdienstkollekte von 890,76 Euro kam ›Kindern Urlaub schenken‹ zugute.
Die Diakonie Mitteldeutschland engagiert sich bereits im vierten Jahr, um Kindern in prekären Lebenslagen Urlaub und Erholung zu ermöglichen. Dabei werden vor allem soziale Einrichtungen, Kirchengemeinden und in begründeten Fällen auch Einzelpersonen unterstützt, um zum Beispiel auch bei geförderten Ferienangeboten den notwendigen Eigenanteil aufzubringen. Denn viele Familien können ihren Sprösslingen keine unbeschwerten Ferientage bieten. Oft reicht das Geld nicht für die Fahrkarte und die notwendigsten Auslagen.
Die Kinder und Jugendlichen wissen die Möglichkeit zu würdigen, wie aus dem Brief der 14-jährigen Antonia* hervorgeht. Sie schreibt: »Liebe Spender der Aktion ›Kindern Urlaub schenken‹. Ich möchte mich bei Ihnen herzlich bedanken, dass Sie mir durch Ihre Spende die Teilnahme an der Schulprojektfahrt ermöglichen.«
(mkz)
www.urlaubschenken.de
* Namen geändert
Vom Zauber und der Kraft der Worte
13. August 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat. Psalm 33, Vers 12

Foto: Ontanu Mihai, sxc.hu
Das können Kinder oder Angehörige sein, ebenso auch Kolleginnen oder Kollegen, für die wir mit Verantwortung tragen. »Etwas zur Sprache bringen heißt, schon überleben.« Vieles wird leichter, wenn ich es erzählen kann. Ich kann meine Gedanken in ein Tagebuch schreiben oder sie einem Freund erzählen. Ist niemand da oder möchte ich ein Erlebnis für mich behalten, kann ich es im Gebet vor Gott bringen.
Erlebnisse in Worte zu fassen kann lebensrettend und heilsam sein. Wir kennen ja auch den Ausspruch: »Geteiltes Leid ist halbes Leid.« Oder: »Geteilte Freude ist doppelte Freude.« Der christliche Glaube ist auf Worte gegründet. Worte von Frauen und Männern, die sich genau wie wir freuen, traurig oder nachdenklich sind. Menschen, die wie wir arbeiten und feiern, die sich nach einem sicheren Zuhause sehnen und nahe bei Gott sein wollen. Die Worte des Psalmbeters loben Gott und sprechen denen, die glauben, Beistand aus. Über Generationen hinweg bis heute.
Die Worte der Psalmen sind Dichtung und Gebet zugleich. Diese Worte entwickeln ihren Zauber durch viele Generationen, die ihre Hoffnungen, Gefühle und ihren Dank in diesen Worten beheimaten. Persönliche Worte der Liebe liegen uns am Herzen über viele Jahre und Jahrzehnte hin. Verletzende Worte ebenso. Worte haben Kraft. Worte haben einen Zauber. Sie sind wie eine Wegmarkierung, an der entlang wir gehen und leben können. Mit den Worten der Psalmen kann ich mich vergewissern, dass ich ein von Gott geliebter Mensch bin und in einer Reihe mit denen stehe, die ihm von Anfang an nahe sind.
Pfarrerin Gabriele Schmidt, Eisenach
Schulpflicht
13. August 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Foto: Sophie, sxc.hu
Konflikte mit Schulverweigerern aus religiösen Gründen sind nicht neu. Das Unbehagen »bibeltreuer Christen« entzündet sich zumeist an der Evolutionslehre oder am Sexualkundeunterricht. Zuletzt musste sich sogar das oberste deutsche Gericht mit einem solchen Fall beschäftigen. Weil ein strenggläubiges Paar seine Söhne durch ein Schultheaterprojekt zum sexuellen Missbrauch und die Karnevalsfeier gefährdet sah, ließ es die Kinder einfach zu Hause. Gegen das folgende Ordnungsgeld wehrten sich die baptistischen Eltern mit einer Verfassungsbeschwerde. In der vergangenen Woche haben die Karlsruher Richter die Klage nun zurückgewiesen.
Schüler dürften dem Sexualkundeunterricht nicht wegen religiöser Bedenken fernbleiben, solange die Schule Neutralität und Toleranz gegenüber den erzieherischen Vorstellungen der Eltern wahrt, hieß es zur Begründung. Damit hat das Verfassungsgericht ein deutliches Signal gesetzt und die Schulpflicht gestärkt. Schule ist eben keine freiwillige Angelegenheit, sondern eine Pflicht und ein Grundrecht. Wer hier Ausnahmen zulässt, schafft nur neue Probleme. Dass das Gericht dabei eine klare Grenze gezogen hat, erscheint nur folgerichtig.
Zwar besteht ein Widerspruch zwischen der Glaubensfreiheit und dem Erziehungsrecht der Eltern einerseits und dem Bildungsauftrag der Schule andererseits. Aber mit dieser Einschränkung müssen alle leben. Man kann nicht einerseits Muslime verurteilen, die den Schwimmunterricht für ihre Kinder aus religiösen Gründen ablehnen, und andererseits eigene Sonderregelungen einklagen.
Letztlich nützt die Schulpflicht den Kindern, die sich in der Schule mit anderen Lebenswelten auseinandersetzen müssen. Wenn das unter Achtung der verschiedenen Glaubensüberzeugungen geschieht, sollte eigentlich niemand etwas dagegen haben. Im Gegenteil. Eine Abschottung vor der »bösen Welt« fördert jedenfalls weder das Zusammenleben noch die Glaubens- und Gewissensfreiheit der Kinder.
Martin Hanusch
Menschen ohne Lobby
13. August 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Spätaussiedler: Kirchliche Beratungsstellen sollen bei der Intergration der »Russlanddeutschen« helfen
Sie waren in Russland die »Deutschen« und sind in Deutschland die »Russen«. Spätaussiedler fassen nur schwer Fuß. Die Einreisenden werden nach einem Quoten-Schlüssel verteilt. Der liegt in Sachsen-Anhalt bei etwa 2,7 und in Thüringen bei 2,4 Prozent.

Nelli Klassen (Mitte) hat eine Projektstelle für die Aussiedlerarbeit inne. Elisabeth Friede (links) und Valentina Biret feiern mit ihr die Neueröffnung der Beratungsstelle. Foto: Rainer Borsdorf
Die auf zwei Jahre befristete Projektstelle hat die Musiklehrerin Nelli Klassen inne, die dem Büro und dessen Arbeit auch dann treu blieb, als es faktisch nicht existierte. Mit ihrer herzlichen Art gelingt es ihr immer wieder, Brücken zu schlagen zwischen Menschen, die einander sonst fremd bleiben würden. Sie selbst kam mit ihrer Familie 1993 aus Kasachstan nach Weimar und hat hier einen Russlanddeutschen-Chor aufgebaut sowie Sprachkurse und Hilfe bei Behördengängen angeboten. Jetzt will sie auch Hausbesuche machen, Christenlehre anbieten und damit das Büro mit dem benachbarten Gemeindesaal zu einer Begegnungsstätte werden lassen.
Dass dies alles von den Aussiedlern gut angenommen wird, ist sich Bernd Eichert sicher: »Gerade Ältere fühlen sich oft einsam und sind dankbar für Begegnungsmöglichkeiten«, weiß er aus Seelsorgegesprächen. Die jungen Leute gingen oft weiter ins »richtige Deutschland« (also die alten Bundesländer), und »die Oma bleibt dann allein hier«. Ein Schock seien für die Älteren die massiven Vorurteile: »In Russland wurden sie bis in die 1990er Jahre als ›deutsche Faschisten‹ beschimpft, hier sind sie die ›Russen‹.«
Eine von Russlanddeutschen betriebene Internetseite stellt dazu nüchtern fest: »Für viele Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion hat sich der Traum nach Akzeptanz und einem besseren Leben auch in Deutschland nicht verwirklicht.« Elisabeth Friede, eine der Besucherinnen, umschreibt das dezent: »Der Akzent bleibt immer.« Die heute 78-Jährige kam 1997 nach Weimar – nach einem fünfjährigen Behörden-Marathon. Sie ist in der Kirchengemeinde aktiv und dadurch heimisch geworden.
Diese Erfahrung hat auch Pfarrer Dirk Vogel (Mühlhausen) in seiner Gemeinde St. Petri gemacht. Der gebürtige Dresdner engagiert sich schon seit Jahren für die Aussiedler und ermutigt sie, sich ins Gemeindeleben einzubringen: »Anfangs fragten sie noch: ›Dürfen wir hier was machen?‹« Nach seinen Beobachtungen gelinge die Integration dann am besten, wenn Gemeindeglieder bereit seien, die Aussiedler zu sich nach Hause einzuladen. »Da bricht das Eis.« Allerdings seien inzwischen etwa 75 Prozent der Mühlhäuser Aussiedler weiter gen Westen gezogen – der Arbeit hinterher.
Doch nicht nur dahin gibt es eine Wanderbewegung: »Immer mehr jun-ge Leute, die hier keine Arbeit finden, gehen zurück in ihre alte Heimat«, sagt Pfarrerin Christine Rothe, die bei der mitteldeutschen Kirche eine Projektstelle für Aussiedlerseelsorge innehat und in Torgau schon seit Jahren eine Begegnungsgruppe mit Aussiedlern leitet. Die Kirchengemeinde müsse deshalb gerade diese Generation gezielt ansprechen, denn: »Oft hat in der Großfamilie die Oma für alle entschieden, und die jungen Leute sind gar nicht freiwillig hierher gekommen.«
Sozialer Sprengstoff steckt aber nicht nur darin. In letzter Zeit berichteten die Medien immer wieder von rohen Gewalttaten junger »Russen« hierzulande. »Ein Teil der Aussiedler kommt mit der Gesellschaft hier nicht klar«, hat Ferenc Makk beobachtet, der bei der Diakonie Mitteldeutschland Referent für Migration und Europapolitik ist. Gerade junge Männer flüchteten sich vor eigener Arbeitslosigkeit und weiblicher Emanzipation gelegentlich in Alkohol- oder Gewaltexzesse. Eine Tatsache, vor der auch die Kirchengemeinden nicht die Augen verschließen dürfen.
Rainer Borsdorf
Kontrolle ist gut – Vertrauen ist besser
7. August 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern. Lukas 12, Vers 48

Foto: Michael Mächtlinger, sxc.hu
Das Leben, das wir leben, ist nicht ohne Grund und ohne Ziel. Das Leben, das wir leben, ist uns zugleich gegeben, und es ist uns aufgegeben. Es ist uns anvertraut. Mit allen seinen Möglichkeiten. Mit allen seinen Beschränkungen. Vielfältig in Gaben und Aufgaben.
Es als solches anzunehmen heißt, es aus Gottes Händen anzunehmen. Nicht als Gegenstand für Spekulation und Gewinnmaximierung, sondern in all seiner Vielfalt als Gabe und Aufgabe. Wir dürfen und wir sollen nutzen, was uns an Möglichkeiten offen steht. Wir dürfen und wir sollen Chancen nutzen für Entwicklung und für Fortschritt, für Wohlstand und für Lebensqualität. Jedoch nicht so, als gäbe es die Quelle dieser Möglichkeiten nicht. Nicht losgelöst von der Verantwortung für anvertrautes Gut.
Solches Leben in der Dankbarkeit für anvertraute Möglichkeiten, in der Verantwortung vor Gott und füreinander – das braucht vor allem eines. Es braucht Vertrauen. Vertrauen in den Geber dieser Möglichkeiten, der uns auch in Krisenzeiten hält und trägt. Vertrauen zueinander, dass die Vielfalt dieser Möglichkeiten angenommen wird in der Verantwortung vor Gott.
Wer sollte davon Zeugnis geben, wenn nicht wir als Christen? Darum: Kontrolle ist gut – Vertrauen ist besser.
Albrecht Steinhäuser, Beauftragter der Evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung
Sachsen-Anhalt
Bereicherung
7. August 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Foto: Mateusz Stachowski, sxc.hu
Ein alarmierendes Zeichen. Es zeigt, wie aus der Furcht davor, im Beruf und in der Gesellschaft zu kurz zu kommen, und Ressentiments gegen Fremde ein gefährliches Gemisch entsteht. Hier gegenzusteuern, sollten gerade wir Christen als dringend gebotene Aufgabe annehmen. Rechtsextreme Ideologie als mit dem christlichen Glauben unvereinbar zurückzuweisen, ist das eine. Schwieriger aber ist die Frage: Wie verhindern wir, dass Menschen, die ihre Wurzeln im Ausland haben, ausgegrenzt werden?
Wie Integration praktisch aussehen soll, darüber herrscht längst keine Einigkeit. Richtungsweisend ist da ein bundesweites Modellprojekt, an dem als einzige ostdeutsche Stadt Pirna beteiligt ist. Die Befragung von Zugewanderten und Einheimischen dazu organisiert ein Professor von der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit Dresden. Migranten werden dabei nicht als Problem, sondern Bereicherung betrachtet.
Dieser Perspektivwechsel ist entscheidend: Weg von einer als völlige Anpassung verstandenen Integration, hin zur Wertschätzung von Unterschieden. Auch Gemeinden können integrierend wirken. Sie sollten sich die Frage stellen: Wie können wir ausländische Mitbürger an der Gestaltung des öffentlichen Lebens beteiligen?
Tomas Gärtner






