Hinterm Horizont geht’s weiter
25. September 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
Abgelegt unter Wort zur Woche
Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.
2. Timotheus 1, Vers 10

Jürgen Schilling
Ich stocke und denke: Was da steht, ist falsch. Andersherum wird ein richtiger Gedanke daraus. Denn begrenzt ist unsere Fähigkeit, sich zu erinnern. Leider Gottes verblasst manche Erinnerung viel zu schnell. Ewiges Leben aber, das gibt es.
Das sind meine Überlegungen. Zugleich weiß ich, dass die Gedanken jener, die zu einem Grab gehen, andere sind. Sie haben den Tod vor Augen und den sehnlichen Wunsch im Herzen, die Erinnerung möge nie vergehen. Was ist ewiges Leben für sie?
Manches bleibt ja wirklich. Homers Ilias und Goethes Osterspaziergang. Luthers »Hier stehe ich …!« und van Goghs Sonnenblumen. Bachs »Jauchzet, frohlocket!« und Augustins »Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir«. Auch Großmutters Kuchenrezept wird noch in der Generation der Urenkel weitergegeben. Bleibt es auch ewig?
Auf dem Weg komme ich an einem Grabstein vorbei, auf dem steht: »Ich lebe und ihr sollt auch leben.« Christus sagt das in einer seiner Abschiedsreden. Ich frage mich: Was denken die, die eben noch gelesen haben, das Leben sei begrenzt? Ob sie den Horizont erkennen, den Jesus uns damit eröffnet?
Ich gehe weiter und stelle fest, ein Friedhof ist ein geschäftiger Ort. Hier gibt es ein Kommen und Gehen, es wird mit Harke und Gießkanne hantiert, man trifft Bekannte, fragt sie, wie es ihnen geht, erzählt vom eigenen Leben. Es werden auch Tränen geweint. Und es wird die Auferstehung Jesu verkündet.
Ich gehe durchs Tor zurück in die Stadt. Und ich bin mir sicher: Erinnerungen dürfen verblassen. Denn das Leben bleibt.
Jürgen Schilling, Pfarrer in Gotha






