Theologin und Politikerin

29. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

Christine Lieberknecht soll Ministerpräsidentin werden

lieberknechtDie Irritation war gelungen. Als Thüringens designierte Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht jüngst öffentlich bekannte, ihre Jahre als Pastorin in der DDR seien für sie trotz Mauer und Stacheldraht »die freiesten überhaupt« gewesen, zeigte sich nicht nur ihre unmittelbare Umgebung im Erfurter Sozialministerium überrascht. Doch die CDU-Politikerin blieb gelassen: Der öffentliche Disput brauche gelegentlich Zuspitzungen, sagt sie. Mit der 51-jährigen Politikerin soll erstmals eine ordinierte Theologin Ministerpräsidentin werden. Die Wahl im Erfurter Landtag ist am 30. Oktober vorgesehen.

Ihr persönliches Credo ist in ganz entscheidendem Maß vom protestantischen Selbstverständnis bestimmt: »In erster Linie bin ich Christin«, bekräftigt sie und verweist dazu besonders auf Martin Luthers Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen«.

Mit dieser Grundhaltung ging die Theologin, die sich gern als »Thüringerin durch und durch« bezeichnet, schon 1981 in der DDR in die Ost-CDU – aus freien Stücken, aber nicht ohne den Widerspruch von Freunden und Bekannten, wie sie einräumt. Doch als Pastorin auf dem Land bei Weimar wollte sie damals aktuelle Themen auch außerhalb der Kirchenmauern ansprechen.

Als sie jedoch mit der Blockpartei im Dorf eine »Friedenswoche« organisierte, habe es Ärger mit der Staatsmacht gegeben. Gleichwohl habe sie sich bei aller Bedrängnis in der DDR ihre innere Freiheit bewahrt, sagt sie mit Nachdruck. Das gelte für die Arbeit in der Kirchengemeinde ebenso wie für die Familie mit den beiden Kindern und ihrem Mann, der ebenfalls Pfarrer ist. Dabei erlebte die Pastorin die Gemeinden immer auch als Spiegel der zunehmenden gesellschaftlichen Krise in der DDR.

So hat es auch nicht überrascht, dass sie schließlich im September 1989 zu den vier Mitgliedern der DDR-CDU gehörte, die mit ihrem »Brief aus Weimar« die eigene Partei wie die Gesellschaft insgesamt zu demokratischen Reformen aufforderten. 20 Jahre danach kann Lieberknecht auf eine beachtliche politische Bilanz beim Aufbau eines demokratischen Gemeinwesens im kleinsten der ostdeutschen Bundesländer verweisen.

Darauf verweist auch die Auflistung ihrer bisherigen Ämter als Kultus- und Europaministerin, Landtagspräsidentin, Fraktionsvorsitzende und seit Mai 2008 als Sozialministerin. In jeder neuen Herausforderung habe sie sich trotz aller Mehrbelastung stets »in die Pflicht genommen« gefühlt, sagt Lieberknecht. Gleichzeitig sei ihr  das elterliche Pfarrhaus wie der Pastorenberuf wichtig geblieben.

Ihre Ordinationsurkunde erhielt die Theologin bereits vor 25 Jahren. Das Jubiläum, das zwei Tage vor der Wahl ins neue Amt fällt, ist ihr denn auch eine kleine Feier wert: »Kirche wird mir immer Heimat bleiben.« So lange sie aber in politischer Verantwortung steht, besteht die Theologin auf einer strikten Trennung beider Bereiche: »Wer in der Politik ist, gehört nicht auf die Kanzel.«

Thomas Bickelhaupt (epd)

Blasen statt Tuten

29. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Comments Off

In der Dietharzer Bergkirche erklingt die »Hubertus-Messe«

Naturhörner werden zur Hubertus-Messe am 8. November um 14 Uhr in der Tambach-Dietharzer Bergkirche mit ihrem wandlungsfähigen Ton in einer großen Besetzung zu hören sein. Musikalische Verstärkung erhalten für dieses Vorhaben dann die ortsansässigen Bläser von Schülerinnen und Schülern des Weimarer Musikgymnasiums Belvedere. Foto: Cathrin Martschoke

Naturhörner werden zur Hubertus-Messe am 8. November um 14 Uhr in der Tambach-Dietharzer Bergkirche mit ihrem wandlungsfähigen Ton in einer großen Besetzung zu hören sein. Musikalische Verstärkung erhalten für dieses Vorhaben dann die ortsansässigen Bläser von Schülerinnen und Schülern des Weimarer Musikgymnasiums Belvedere. Foto: Cathrin Martschoke

»Das Pfarrhaus in Tambach-Dietharz ist wie eine Musikschule«, sagt Pfarrer Johannes Seidenberg. Nicht nur, dass neben seiner Frau Christa auch alle acht Kinder des Paares Instrumente beherrschen – vier davon sogar als Profis in renommierten Orchestern. Nein, vor drei Jahren gründete der agile Theologe einen Posaunenchor, der inzwischen 40 Mitglieder hat. Mindestens 60 sollen es einmal werden, so das hochgesteckte Ziel.

Um die Menschen in Tambach-Dietharz (Kirchenkreis Waltershausen-Ohrdruf) für seine Leidenschaft zu begeistern, hat der 56-Jährige ein Erfolgsrezept: Beherrschen die neuen Bläser ein paar Töne, werden die Stimmen so umgeschrieben, dass jeder mitspielen kann. Und der Terminkalender für all die Auftritte lässt kaum freien Platz: Mit seiner Truppe spielt er in Gottesdiensten, zu Beerdigungen, zu Festen in der Stadt und außerhalb, zu sämtlichen Ehrentagen und natürlich zur Weihnachtszeit.

Aber den Unterschied zwischen »Tuten und Blasen« klärt der Pfarrer gleich zu Beginn des Unterrichts: »Blasen fängt an, wenn man mit den Ohren dabei ist, nicht nur mit dem Mund.« Und so müssen die Instrumente beispielsweise bei Volksliedern klingen, »als würde man vor der Loreley niederknien«. Jeder, so sein Motto, könne es lernen.
Einen besonderen Platz hat Johannes Seidenberg für diese Musik gefunden: Die Bergkirche auf dem Kirchberg in Dietharz mit Blick zum Rennsteig soll ein Ort der Kultur werden.

Gerade saniert, bietet die kleine Kirche, deren Ursprung sogar bis auf Bonifatius zurückführen soll, Platz für über 300 Gäste. Ob Don- oder Baikal-Kosaken, Panflöten oder das Bundeswehrbenefizkonzert im Dezember – wenn dem Musikliebhaber geeignete Angebote ins Haus flattern, werden sie für diese Kirche mit der »tollen Akustik« angenommen. Und immer nach dem Prinzip: Eintritt frei. Denn es sollen so viele Menschen kommen wie möglich. Dabei vertraut er lieber auf die Kollekte als auf teure Karten.

Die nächste Veranstaltung am 8. November, 14 Uhr, ist eine besondere und soll zur festen Größe in der Talsperrenstadt werden: Die »Grande Messe de Saint Hubert« für Hörner und Orgel. Neben Mitgliedern des ortsansässigen Naturhornkreises und der Uelleberin Dorothy Jenkins an der Orgel kommt Verstärkung von Schülern aus dem Musikgymnasium Belvedere Weimar. Der Gottesdienst beginnt mit einem »Halali« der Tambacher Jagdhornbläser. Die Predigt hält Dekan Ulrich Braner aus Fulda.

Nach der Hubertus-Messe werden Volkslieder im Freien erklingen, wenn es das Wetter erlaubt. Dazu gibt es Würste vom Grill und Wildschweinbraten. Dann können sich die Besucher auch gleich den alten Friedhof hinter der Kirche ansehen. Aus diesem will Pfarrer Seidenberg als zukünftiges Großprojekt einen »Garten der Hoffnung« gestalten.

Cathrin Martschoke

Feierfreude im Doppelpack

29. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Comments Off

Wittmannsgereuth feiert Glockenjubiläum und Abschluss der Kircheninnensanierung

Sie läutete auch schon zu Luthers Zeiten, die große Glocke von Wittmannsgereuth. Am ­Reformations­fest wird ihr 500. Geburtstag gefeiert. Fotos: Hildegard Keßler

Sie läutete auch schon zu Luthers Zeiten, die große Glocke von Wittmannsgereuth. Am ­Reformations­fest wird ihr 500. Geburtstag gefeiert. Fotos: Hildegard Keßler

Gleich zwei Ereignisse werden in Wittmannsgereuth (Kirchenkreis Rudolstadt-Saalfeld) mit einem Festgottesdienst am Reformationstag um 14 Uhr freudig gefeiert: 500. Glockengeburtstag und Fertigstellung der Kircheninnensanierung. Im Dachreiter der 1767 errichteten Kirche hängen zwei Glocken, von denen die große 1509 von Hans Obendbrot gegossen wurde, während die kleinere aus dem Jahre 1898 stammt.

Dass die alte Glocke die Wirren und Gefährdungen von 500 Jahren wohlbehalten überstanden hat und heute noch ihren Dienst verrichtet, ist Grund zu dankbarer Freude. Beim Festgottesdienst wird die Gemeinde aber auch wieder ihre Kirche offiziell in Nutzung nehmen. Es nötigt Respekt ab, was die kleine Gemeinde im Thüringer Wald in wenigen Jahren geschafft hat. Wittmannsgereuth, eine Filialgemeinde der Kirchengemeinde Hoheneiche, hat 96 Einwohner. Etwa die Hälfte von ihnen sind Kirchenmitglieder.

Kirchenälteste Christiane Linke, unermüdlich engagiert für »ihre« Kirche, berichtet, dass 2006 mit der Schwammsanierung des Dachstuhls und der anschließenden Neudeckung des Schieferdaches die Arbeiten begannen. Ab Mai 2008 wurden sie mit der Restaurierung des Kircheninneren fortgesetzt, wobei man die ursprüngliche Farbfassung des Kirchenraumes wieder herstellte. Die fachliche Grundlage dazu lieferte der Saalfelder Restaurator Ralf Gleißner. Putzarbeiten und Ausmalung der Wände in heller Cremefarbe sowie der Decke und der Emporen in mattem Weiß übernahmen die Wittmannsgereuther selbst. Unter Anleitung des Restaurators trauten sie sich sogar an Ranken und andere Schmuckelemente der Schablonenmalerei, die die Decke zieren.

Für die Arbeiten waren zwischen 2006 und 2009 fast 30.000 Euro aufzubringen. Neben 5.000 Euro Förderung durch die Landeskirche, einer Spende von 2.000 Euro der Jagdgenossenschaft Wittmannsgereuth und einem stattlichen Betrag aus dem Verkauf von Holz aus dem kircheneigenen Wald stammt der Hauptanteil aus ­einer Vielzahl größerer und kleinerer Spenden. Doch nicht nur Einwohner von Wittmannsgereuth sind unter den Sponsoren zu finden, auch Menschen von weither gehören dazu. Klaudia Riedel, derzeit Vikarin im Kirchspiel Hoheneiche, freut sich über dieses Engagement und sieht darin eine wichtige Voraussetzung für zukünftiges kirchliches Leben.

Das nächste Vorhaben kann Christiane Linke auch schon nennen: Rekonstruktion der einmanualigen Orgel des renommierten Orgelbauers Justinus Ehrenfried Gerhardt (1711–1786) aus Lindig bei Kahla. Durch die Spende des Reinerlöses der Orgel­arena 2008 zugunsten dieser Orgel hat hier Matthias Grünert, der Kantor der Dresdener Frauenkirche, einen Grundstock gelegt.

Traugott Keßler

Dilemma

29. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Kommentar

Comments Off

Foto: Martin Boulanger, SXC

Foto: Martin Boulanger, SXC

Es mag Zufall gewesen sein, dass die Gottesdienst-Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und die Erfurter Kindergottesdiensttagung im Oktober zeitlich eng beieinanderlagen. Ganz untypisch ist das Zusammentreffen nicht. In beiden Fällen wurde die Bedeutung von Gottesdiensten für Kinder betont. Nach Einschätzung des früheren Thüringer Landesbischofs Christoph Kähler gewinnen Kindergottesdienste sogar noch an Bedeutung, weil das christliche Basiswissen weiter verloren geht und in der Kirche ohne Leistungsdruck biblische Geschichten erzählt werden können. Auch die EKD-Studie gelangt zu dem Schluss, dass die Bedeutung des Kindergottesdienstes steigen wird.

Die Anstrengungen kommen nicht von ungefähr. Tatsächlich ist und bleibt der Gottesdienst das Zentrum kirchlichen Lebens. Das wird mitunter vergessen, weil eine gottesdienstliche Feier mit einigen wenigen Besuchern wenig attraktiv erscheint. Dennoch steht und fällt die Kirche mit der Gottesdienstpraxis. Jede Gemeinde tut gut daran, sich das ins Bewusstsein zu rufen und sich nicht mit der schwindenden Resonanz abzufinden.

Zugleich beginnt hier ein Dilemma, das sich kaum auflösen lässt. Auf der einen Seite wird die EKD nicht müde, attraktivere Gottesdienste anzumahnen und den Erfolg auch an Besucherzahlen zu messen. Andererseits ist ein Gottesdienst mit drei Teilnehmern immer noch ein vollwertiger Gottesdienst. So lassen sich gewiss in den Städten Spezialgottesdienste anbieten. Auf dem Land stoßen die Mitarbeitenden jedoch schnell an Grenzen, weil die Gemeindeglieder kaum bereit sind, zum Gottesdienst in den Nachbarort zu fahren. Wie angesichts dieser Situation die Gottesdienste einladender werden sollen, bleibt unklar. Ein Schlüssel liegt sicher bei Lektoren und Prädikanten sowie beim Nachwuchs. In den Kindergottesdiensten sind die Besucherzahlen nämlich – auf niedrigem Niveau – vergleichsweise gut. Wenn das nicht Anlass zu neuer Hoffnung gibt.

Martin Hanusch

Aufbruch in die Freiheit

29. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Titelseite

Reformationstag: Die Lutherdekade will dazu beitragen, Kirche und Gesellschaft zu erneuern

Eingerüstet: Derzeit wird die Sanierung des Lutherdenkmals in Wittenberg vorbereitet. Anfang Februar soll es abgebaut und zusammen mit dem Melanchthondenkmal für 1,2 Millionen Euro restauriert werden.	Foto: Achim Kuhn

Eingerüstet: Derzeit wird die Sanierung des Lutherdenkmals in Wittenberg vorbereitet. Anfang Februar soll es abgebaut und zusammen mit dem Melanchthondenkmal für 1,2 Millionen Euro restauriert werden. Foto: Achim Kuhn

Die Erkenntnis Martin ­Luthers von der Rechtfertigung allein aus Glauben hat nichts an Aktualität eingebüßt. Einfach zurücklehnen dürfen wir uns trotzdem nicht.

Feiern, erinnern und aufbrechen sind die Tu-Wörter des Reformationstages. Die Erkenntnis, dass wir allein aus Gnade – sola gratia – und allein aus Glauben – sola fide – von Gott angenommen und gerechtfertigt werden, verdient einen eigenen Feiertag. Denn dahinter steckt enorme Sprengkraft.

Nicht von ungefähr ist mit dieser Entdeckung Luthers der Aufbruch in eine Neu-Zeit markiert. Es ist ein Wendewort für jede Biografie. »Allein aus Gnade« heißt im global-elektronischen Zeitalter, dass wir unser Leben nicht selber mit Sinn füllen können. Mit keiner Karriereplanung, keinem Kontostand und keiner Liste guter Taten können wir Gott beeindrucken. Gott nimmt uns an, so wie wir sind, ohne Eignungstest und Bewerbungsgespräch. Niemand soll daraus den falschen Schluss ziehen, dass Christenmenschen nicht gerufen sind, Gutes zu tun. Oder wie Luther es sagt: »Folgt die Liebe nicht, so ist der Glaube gewisslich nicht da.« Gottes Annahme kann ich mir nicht mit beeindruckenden Gut-Haben-Bilanzen oder Ablasszetteln erkaufen. Wenn wir vor seinem Richterstuhl stehen und unser Leben aufgetischt wird, dann retten uns keine Hochglanzbroschüren oder Sammelbände protestantischen Ehrgeizes.

Dennoch dürfen wir glauben, dass wir in diesem Moment nicht alleingelassen sind. Gott hat seinen Sohn Jesus Christus zu den Menschen geschickt. Er sitzt nun zur Rechten Gottes und tritt für uns ein. Und Gott schenkt uns seine wohlwollende Annahme, seine Gnade. Doch Luther erkennt nicht nur, dass Gott uns seine gnädige Annahme schenkt, sondern er erinnert uns mit seiner ersten der 95 Thesen auch daran, dass Gnade und Buße, Annahme und Umkehr zusammengehören: »Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ›Tut Buße‹ usw. (Matthäus 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.«

Luthers Leben nahm durch diese Erkenntnis und diesen Glauben eine unerwartete wie radikale Wendung. So kann er mutig in der brandgefährlichen Situation auf dem Reichstag zu Worms vor Kaiser und päpstlichen Legaten fest im Glauben den gnädigen Gott bezeugen. So wie Luther mit dieser befreienden Botschaft vom gnädigen Gott nicht in seiner Studierstube bleiben konnte, sondern auszog, seine Kirche zu erneuern und die Gesellschaft zu verändern, so können wir uns es nicht in der Kirchenbank gemütlich machen. Wir sind aufgerufen, auszuziehen und unsere Kirche und (globale) Gesellschaft zu erneuern. Wenn wir uns an die Herbstreformation 1989 erinnern und an die Thesenanschläge im konziliaren Prozess und die vielen mutigen Reformatoren bei den Demonstrationen und an Runden Tischen, bei der Auflösung der Stasi und in den neugewählten Parlamenten, wissen wir: Aufbrüche in die Freiheit sind möglich.

Auch die Lutherdekade, die den Weg zum Reformationsjubiläum 2017 gestaltet, will zu »Kirche im Aufbruch« einladen. Der 450. Todestag von Philipp Melanchthon am 19. April 2010 gibt uns dafür das Thema vor: Reformation und Bildung. Melanchthon, der »praeceptor germaniae« (Lehrer Deutschlands), erkannte, dass ein mündiger Christ ein gebildeter Christ ist. Gerechte Bildungschancen für alle, egal ob Migranten- oder Einzelkind, ob mit Behinderungen oder hochbegabt, ist der Aufruf unserer Zeit.

Das schließt aus, Kinder schon früh in verschiedene Bildungswege aufzuteilen, die oft nur den Bildungsweg oder -ehrgeiz der Eltern nachzeichnen. Es ist ungerecht, schon Zehnjährige auf Bildungsabschlüsse und damit Lebenschancen festzulegen. Die individuelle Förderung wie auch das solidarische Lernen in einer Gemeinschaft aus unterschiedlichen Begabungen ist unsere reformatorische Herausforderung. Mündige Christen treten für die Bildung mündiger Bürger ein. Bildungschancen können deshalb nicht nach der sozialen Herkunft verteilt werden; überkommene Strukturen dürfen den freien Zugang zur »besten Bildung für alle« nicht behindern. Reformation und Bildung heißt: Bildung und Bildungssystem reformieren. Lasst uns am Reformationstag 2009 dazu aufbrechen.

Stephan Dorgerloh

Der Autor, ist Beauftragter des Rates der EKD für die Lutherdekade.

Mitmenschlichkeit in der eigenen kleinen Welt

29. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Comments Off

bild-reizig

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Römer 12, Vers 21

Immer wieder höre ich Klagen, wie schlecht die Welt doch heute sei. Betrug an der Haustür, Raub, Mord, Kindesvernachlässigung werden als Argumente gebracht. Ihre Informationen haben die ­Klagenden in der Regel aus Presse, Funk und Fernsehen. Aber auch eigene Erfahrungen spielen eine Rolle.

»Früher gab es viel mehr Gemeinschaft«, wird gesagt. »Was haben wir für schöne Feste miteinander gefeiert. Da wurde die Nachbarin noch besucht, wenn sie krank war. Da hat keiner die Tür verschlossen. Da war man nicht so misstrauisch. Man war füreinander da.« Ich wettere jetzt nicht auf die Verklärung der Vergangenheit und sage, dass es so schlimm nun auch wieder nicht sei, obwohl ich schon den Eindruck habe, dass die vielen Informationen eine gefühlte Dramatisierung bewirken. Wenn es jemand so schlecht empfindet, ist es für ihn so schlecht.

Ich stelle die andere Frage anders: Wenn es früher besser war, warum macht ihr es dann nicht wieder so? Schiebt es nicht auf »die Leute«, eine anonyme Masse, die schwer greifbar ist. Fangt selber an. Kümmert euch um die kranke Nachbarin. Fangt schon mal an, solange es ihr gut geht. Ladet selbst zum Fest ein. Man kann es so gestalten, dass man sich nicht gegenseitig verpflichtet fühlt. Macht die Tür nicht hinter euch zu, sondern bleibt stehen und erzählt. Nehmt Anteil aneinander.

Im Römerbrief wurden schon vor Jahrhunderten ähnliche Empfehlungen gegeben. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen. Seid auf Gutes bedacht. Vergeltet nicht. Nehmt mitfühlend Anteil. Habt mit allen Menschen Frieden, soweit es an euch liegt. Seid freundlich zu denen, die euch nicht freundlich begegnen. Lasst euch nicht vom Bösen überwinden, sondern überwindet das Böse mit Gutem.

Wie wäre es, wenn jede/jeder versuchen würde, die in der Gegenwart vermisste Menschlichkeit in der eigenen kleinen Welt zu leben?

Christine Reizig, Landespfarrerin für Gemeindeaufbau in Anhalt

Fundgrube nicht nur für Historiker

29. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Comments Off

In Halle wurde das Pfarrerbuch der Kirchenprovinz Sachsen vorgestellt

Präsentierten das Werk: Landesbischöfin Ilse Junkermann, Norbert Lazay, Vorsitzender des Pfarrvereins der Kirchenprovinz, Projektleiterin Veronika  Albrecht-Birkner, Pfarrer Matthias Taatz und Altbischof Axel Noack (v.l.).  Foto: Jan Möbius

Präsentierten das Werk: Landesbischöfin Ilse Junkermann, Norbert Lazay, Vorsitzender des Pfarrvereins der Kirchenprovinz, Projektleiterin Veronika Albrecht-Birkner, Pfarrer Matthias Taatz und Altbischof Axel Noack (v.l.). Foto: Jan Möbius

Auf Tausenden Seiten kann man sie jetzt nachlesen: biographische Angaben zu rund 35.000 Pfarrern des Gebietes der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen seit der Reformation. Wann und wo sie geboren sind, wo sie ausgebildet wurden, wie ihre Eltern heißen, in welcher Kirche sie gepredigt haben, alles dies ist jetzt in zehn Bänden zusammengefasst. Altbischof Axel Noack und Landesbischöfin Ilse Junkermann präsentierten das jetzt komplettierte Werk, an dem seit über 60 Jahren gearbeitet wurde, bei der Jahrestagung des Pfarrvereins der Kirchenprovinz Sachsen in den Franckeschen Stiftungen Halle. »Es wird das Nachschlagewerk für die nächsten hundert Jahre sein«, sagte Noack.

»In Thüringen gehen die Arbeiten am Pfarrerbuch dem Ende zu«

Seit 1943 hatten zunächst Pfarrer in ehrenamtlicher Arbeit begonnen, auf Karteikarten Angaben zu evangelischen Geistlichen der Region zu sammeln. Als in den 90er Jahren der Stillstand an den Arbeiten drohte, engagierte sich der Pfarrverein für eine Fortführung. In den letzten zehn Jahren stellte das Interdisziplinäre Zentrum für Pietismusforschung an der Martin-Luther-Universität das Projekt auf wissenschaftliche Füße. Finanziert wurden das Pfarrerbuch vom Land, der Landeskirche und dem Pfarrverein der Kirchenprovinz. Die Bände sind seit 2003 nach und nach bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig erschienen.

»Auch in Thüringen gehen die Arbeiten am Pfarrerbuch dem Ende zu«, sagte Stefan Michel bei der Tagung. Im Auftrag der Gesellschaft für thüringische Kirchengeschichte seien bereits vier Bände erschienen, deren Daten ebenfalls in über 60 Jahren ehrenamtlicher Arbeit zusammengetragen wurden. Anders als das Pfarrerbuch der Kirchenprovinz sind hier die Bände jedoch nicht nach dem Alphabet geordnet, vielmehr ist ein Band pro ehemaligem Fürstentum erschienen. »Der Band zu Schwarzburg-Rudolstadt ist fast fertig«, gab Michel bekannt. Sachsen-Altenburg sei geplant, zum Abschluss fehlten die Bände zu Sachsen-Meiningen und Sachsen-Weimar-Eisenach.

In einem Referat machte Theologie-Student Markus Heydecke aus Halle deutlich, auf welche spannenden Details aus 500 Jahren Kirchengeschichte man in dem Pfarrerbuch stoßen kann. Das Altmark-Dörfchen Schinne bei Stendal hatte während der Nazizeit aufgrund des Kirchenkampfes zeitweise drei Pfarrer parallel. Ab- und Berufungen sorgten für Verwirrung: »Wo Christus ist, ist Kampf und Streit, wo aber Frieden in einer Gemeinde ist, da herrscht der Teufel«, fasste einer von ihnen, Johannes Hoffmann von der Bekennenden Kirche, 1937 bitterböse in einer Predigt zusammen. Mit Fürbitten für verhaftete Pfarrer, Kollekten für die Bekennende Kirche und Kritik am Nationalsozialismus hatte sich Hoffmann Feinde im Gemeindekirchenrat gemacht, der sich komplett zu den Deutschen Christen bekannte. Doch Vakanzvertetungen, Verhaftungen, kommissarische Stellenbesetzungen und die Spaltung der Gemeinde dauerten bis 1943 an, als Walter Menges – gemäßigter Bekenntnis-Pfarrer – eingesetzt wurde. Nicht immer, so das Fazit von Heydecke in seinem Referat, lasse sich Geschichte in Tabellen und Zahlenreihen darstellen. »Geschichte muss erzählt werden. Dazu gibt das Pfarrerbuch vielfältigen Anstoß«, so der angehende Theologe.

Turnusmäßig standen beim Pfarrertag auch Neuwahlen an. Dabei wurde der bisherige Vorstand unter dem Vorsitz von Norbert Lazay aus Gladigau (Kirchenkreis Stendal) bestätigt. Innerhalb der vierjährigen Amtsperiode soll nun ausgelotet werden, wie der Pfarrverein der Kirchenprovinz mit dem thüringischen Pfarrverein fusionieren oder sich gemeinsam neu gründen kann.

Silvia Zöller

Eine stählerne Erinnerung

23. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Comments Off

Denkmal erinnert an die Opfer der Diktatur 1945–1989 und ihr Ende

Das Modell des Ilmenauer Denkmals, das am 25. Oktober eingeweiht wird. Foto: Ralph Eck

Das Modell des Ilmenauer Denkmals, das am 25. Oktober eingeweiht wird. Foto: Ralph Eck

Den Opfern der Diktatur zwischen 1945 und 1989 und der friedlichen Revolution setzen die Ilmenauer an der Nordwestecke der Jakobuskirche ein Denkmal. Die Einweihung findet am Sonntag, 25. Oktober, 16.30 Uhr, gleichzeitig mit dem Jakobus-Stiftungsfest statt. Zum Festvortrag »20 Jahre friedliche Revolution und deutsche Einheit« haben die Initiatoren den ehemaligen Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen, Joachim Gauck, eingeladen.

Der Ilmenauer Künstler Ralph Eck gestaltete eine 2,25 mal 1,25 Meter messende Stele aus Schiffsstahl (Cor-Ten-Stahl), der mit der Zeit Rost Patina annimmt. Die Schrift ist aus ­silbern glänzendem Edelstahl. Daneben stehen Metallröhren, die Kerzen andeuten – das Symbol des friedlichen Umbruchs. Das Objekt, von manchen auch als Buch interpretiert, stellt nach Ecks Erklärung verschiedene Ebenen der Geschichte dar: zum einen das Andenken an Opfer der kommunistischen Diktatur, zum anderen die Rückbesinnung auf das Wendejahr. Für die Gegenwart und Zukunft mahnt das Zitat des spanisch-amerikanischen Philosophen George Santayana: »Wer sich seiner Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.«

Nach kontroverser Diskussion hatte man sich auf den Standort vor der Kirche geeinigt. Dort hatten sich einst Unzufriedene und Oppositionsgruppen zu Friedensgebeten und Diskussionen versammelt. Am 20. Oktober 1989 protestierten mehr als 1000 Bürgerinnen und Bürger gegen die SED-Machthaber und zogen mit Kerzen durch die Stadt zur Festhalle.

Den Anstoß für das Denkmal gab der Verein »Gesichter geben – Opfer der Diktatur von 1945 bis 1989 in Ilmenau«. Zwei Ausstellungen haben mittlerweile auf dieses Anliegen hingewiesen. Die 18 aktiven Mitglieder setzen sich vor allem dafür ein, dass die Schicksale von Menschen, die unter dem kommunistischen Regime gelitten hatten oder zu Tode kamen, nicht vergessen werden. Mittels Archivrecherchen und Zeitzeugenbefragungen dokumentieren die Historikerin und der Journalist Juliane und Wolfgang Rauprich die Biografien Betroffener aus Ilmenau und der Umgebung. Die erste Veröffentlichung erscheint im Oktober im Stadtmagazin »Geheimrat« und befasst sich mit Anna Pohl, die 1951 wegen angeblicher Spionage verhaftet und in Moskau erschossen wurde.

Die Geschichte eines Unterpörlitzers, der an der Berliner Mauer starb, ist in Arbeit. Wie viele Schicksale dokumentiert und wie die Ergebnisse veröffentlicht werden können, hängt nicht zuletzt von den finanziellen Möglichkeiten ab, erklärt die Vorsitzende der Vereins Ursula Nirsberger. Unterstützt wird die Arbeit derzeit von der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung und von Spenden.

Ines Rein-Brandenburg

Einzigartiger Goldschatz

23. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Comments Off

Ausstellung in der Alten Synagoge Erfurt zeigt Zeugnisse jüdischen Lebens im Mittelalter

In der sanierten Alten Synagoge in Erfurt erhält der vor elf Jahren entdeckte und weltweit beachtete jüdische Goldschatz einen würdigen Platz. Foto: Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie

In der sanierten Alten Synagoge in Erfurt erhält der vor elf Jahren entdeckte und weltweit beachtete jüdische Goldschatz einen würdigen Platz. Foto: Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie

Ab 27. Oktober kann die neue ­Dauerausstellung in der Alten Synagoge besichtigt werden. Jeweils dienstags bis sonntags sind auf 550 Quadratmetern Ausstellungsfläche Zeugnisse der Kultur und Geschichte der jüdischen Gemeinde Erfurts im Mittelalter zu sehen. Gipfelpunkt der Exposition ist der 1998 in der Erfurter Michaelisstraße 43 geborgene Schatz mit Schmuckstücken und Gefäßen aus der Gotik, der nach Stationen in Speyer, Paris, New York und London nun dauerhaft im Keller des europaweit einzigartigen Denkmals präsentiert wird. Mit ihren ältesten Bauteilen aus dem 11. Jahrhundert stellt das Gebäude die älteste, bis zum Dach erhaltene Synagoge in Mitteleuropa dar.

Die Alte Synagoge ist Thema der Ausstellung im Erdgeschoss. Hier wird das Augenmerk auf die ursprüngliche Ausstattung des Synagogenraums gelenkt: Das umlaufende Lichtergesims ist zum Teil nachgebildet, man erkennt den tiefer liegenden Fußboden der ersten Bauphase. Anhand von Spolien kann die Bima (Lesepult) ­rekonstruiert werden. Eine Projektion an die Decke vermittelt einen Eindruck der ursprünglichen Raumwirkung.

Zur Veranschaulichung der Baugeschichte des Gebäudes werden anhand von vier Modellen die Bauphasen der Synagoge dargestellt. Zwei Modelle des Stadtviertels dokumentieren die Situation im Umfeld der ­Synagoge vor dem Pogrom von 1349 sowie die Veränderungen nach dieser Zäsur.

Im Keller wird der im jüdischen Viertel gefundene Schatz ausgestellt, der vor dem Hintergrund des Pogroms von 1349 vergraben wurde und in Umfang und Zusammensetzung einmalig ist. Er hat ein Gesamtgewicht von etwa 28 Kilogramm. Den größten quantitativen Anteil daran haben 3141 Silbermünzen sowie 14 silberne Barren verschiedener Größen und Gewichte. Außerdem enthielt der Fund mehr als 600 Einzelstücke gotischer Goldschmiedekunst in teilweise exzellenter Ausführung.

Dabei handelt es sich um ein ­Ensemble an Silbergeschirr, das sich aus einem Satz von acht Bechern, einer Kanne, einer Trinkschale sowie ­einem Doppelkopf zusammensetzt. An Schmuckstücken sind besonders acht Broschen verschiedener Größe und Form mit zum Teil üppigem Steinbesatz hervorzuheben sowie acht Ringe aus Gold und Silber. Gürtelteile und Gewandbesatz machen den zahlenmäßig größten Anteil der Goldschmiedearbeiten aus.
Im Obergeschoss werden mittel­alterliche Handschriften gezeigt, die das überaus entwickelte Geistesleben der Erfurter Gemeinde belegen. Ein besonderes Zeugnis für die rechtliche Stellung der Juden ist der »Erfurter Judeneid«. Unter Erzbischof Konrad I. (1161–1177, 1183–1200) entstanden, ist er der älteste erhaltene Judeneid in deutscher Sprache.

Auf der Internetseite der Alten Synagoge wird die Baugeschichte des Gebäudes in einer Computeranimation gezeigt. Der kurze Film ist unter den Stichwörtern Alte Synagoge und Baugeschichte zu finden. Ihn können die Besucher ab 27. Oktober auch auf einem Videoguide sehen, der es ermöglicht, Exponate und die Bau-
phasen der Synagoge rechnergestützt dreidimensional und sich im Raum bewegend darzustellen. (mkz)

www.alte-synagoge.erfurt.de

Lutherpark und (k)ein Ende

23. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Förderer werfen das Handtuch

kirche-erfurtHundert Jahre Lutherpark – das wäre 2017 ein schöner Gruß an die Väter der Geschichte gewesen!« Fast 30 Jahre leitete Diakon Wolfgang Roch den Lutherpark, ein traditionsreiches Rüstzeitheim vor den Toren der Thüringer Landeshauptstadt, mit dem so viele Erfurter Christen wunderbare Erinnerungen verbinden: Von stimmungsvollen Pfingsttagen, den Johannisfeuern, Zuckertütenfesten und den Gottesdiensten an der kleinen Freilichtbühne schwärmt nicht nur Wolfgang Roch. Für Dorothea Johst aus der Andreasgemeinde waren es die Chorwochenenden im Grünen, die riesig langen Kaffeetafeln und schließlich auch ungezählte Arbeitseinsätze des Fördervereins zum Jäten, Pflanzen und Pflegen auf den reichlich vier Hektar unmittelbar am Rand des Steigerwalds.

»Und plötzlich geht das nicht mehr. Der Lutherpark hat die NS-Zeit und die DDR überstanden. Und jetzt, wo wir die wohlhabendste Gesellschaft seit je haben, ist plötzlich Schluss. Das ist was, was mich wirklich aufregt!« Eine Aufregung, mit der Dorothea Johst keineswegs allein da steht. Seit das Freizeit- und Tagungshaus 2004 für Übernachtungen geschlossen wur-de, scheint ihm ein Tod auf Raten beschieden: Die angemahnten Brandschutztüren und -wände, erzählt Wolfgang Roch, wurden sogar noch eingebaut. »Aber dann war immer nur von einem ›Fass ohne Boden‹ die Rede«, beklagt er.

»Es stimmt, dass wir nie ganz schwarze Zahlen geschrieben haben. Aber wo ist so was mit Jugendarbeit schon möglich?« Erst aus dem Internet erfuhren er wie auch die anderen Fördervereinsmitglieder vor zwei Jahren davon, dass der Lutherpark für 97000 Euro zum Verkauf steht. Und dies, obwohl es von ihrer Seite unzählige Gespräche und Konzepte gab.

Verkauft wurde bis heute nichts. Inzwischen verwildert das Gelände zusehends, und wenn nicht bald das Dach repariert wird, beschleunigt sich auch der Verfall des Hauses. Dem Parochialverband als Besitzer werfen die Lutherpark-Freunde vor, »keine Antenne« für die Einmaligkeit des Ganzen zu haben und nur aufs Geld zu schauen.

Die Frage, wann er als Vorsitzender dieses Parochialverbandes denn die Hoffnung auf den Lutherpark aufgebeben habe, beantwortet Senior Andreas Eras klar mit »Nie!«. Um sogleich von einem ganz neuen Konzept zu sprechen, das dieser Tage erst entwickelt wurde: »Da sich gezeigt hat, dass der Lutherpark an einen Träger allein schwer vermittelbar ist, setzen wir jetzt auf einen Trägerverband.« Auf »höchsten Etagen« habe man bereits miteinander gesprochen, für Ende Oktober sei ein wichtiger Begehungstermin geplant.

Dass dem Parochialverband der Schwarze Peter für das Ganze zugeschoben wird, will er so nicht stehen lassen: Die Landeskirche sei es gewesen, die Prioritäten setzte und von deren Förderliste schon in den 90er Jahren Dutzende Objekte gestrichen wurden, auch der Lutherpark. Da seine Besucher nur zu 15 Prozent Erfurter waren, höben auch die Mitglieder der Kirchengemeinden der Stadt ob einer erheblichen Mitfinanzierung die Hände. »Dabei waren die Konzepte des Fördervereins durchaus schlüssig«, unterstreicht Eras, »aber wir können sie nicht finanzieren.« Ende 2009 löst sich der Förderverein nach großen Kraftakten über Jahre hinweg nun auf.

Kathrin Schanze

nächste Seite »