Grenzenlos – Leid und Freude

23. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Titelseite

Zeitgeschichte: Kirchengemeinden erinnern an den 20. Jahrestag der Grenzöffnung

Für die Menschen entlang der innerdeutschen Grenze brachte der 9. November 1989 ungeahnte Freude mit sich. Daran und an schicksalsschwere Jahre erinnern Grenzlandmuseen wie das kürzlich eröffnete in Sorge (Harz) oder demnächst das im thüringischen Streufdorf.

Gegen das Vergessen: Die Erinnerung an die Zwangsumsiedlungen an der innerdeutschen Grenze hält dieser Gedenkstein im südthüringischen Streufdorf wach. Foto: Wolfgang Swietek

Gegen das Vergessen: Die Erinnerung an die Zwangsumsiedlungen an der innerdeutschen Grenze hält dieser Gedenkstein im südthüringischen Streufdorf wach. Foto: Wolfgang Swietek

Grenzenlos war die Freude, als sich vor 20 Jahren die Grenzen öffneten. Und »Grenzenlos« haben sich einige Kirchengemeinden aus Thüringen und Bayern als Motto des Aktionstages gewählt, mit dem sie am 8. November auf vielfältige Art an dieses geschichtsträchtige Ereignis gemeinsam erinnern wollen.
Dass entlang der ehemaligen Grenze die Freude damals wie heute besonders groß ist, hat einen tragischen Grund: Gerade hier wurden durch die Grenze nicht nur familiäre und freundschaftliche Bande jäh beendet, hier verloren Menschen ihre Heimat, wurden in zwei Aktionen Bürger zwangsausgesiedelt, die bei den Machthabern als »politisch unzuverlässig« galten. Mehr als 11000 Menschen entlang der 450 Kilometer langen deutsch-deutschen Grenze haben im Jahr 1952 dieses Schicksal erlitten. Allein 3500 waren es in Thüringen im Rahmen der »Aktion Ungeziefer«.

Eine zweite Welle gab es dann 1961, als nicht nur in Berlin die Mauer errichtet worden war, sondern auch die Grenzbefestigungsanlagen entlang der innerdeutschen Grenze verstärkt wurden. Hier mussten noch einmal 3000 Menschen ihre Heimat verlassen. Waren die Dörfer zwangsgeräumt, wurden sie dem Erdboden gleichgemacht. 30 Dörfer erlitten in Thüringen dieses Schicksal, allein drei davon im ­Kirchenkreis Hildburghausen-Eisfeld. Die Namen Leitenhausen, Billmuthausen und Erlebach sind bis heute nicht vergessen, obwohl kein Gebäude überdauerte.

Auf eine besonders groteske Situation verweist Pfarrer Zeno Scheirich aus Streufdorf. Ende Mai 1952 wurde hier der Defa-Film »Das verurteilte Dorf« gezeigt. Mit prominenten DDR-Schauspielern besetzt, schilderte man darin, wie jenseits der Grenze in der Nähe des fränkischen Hammelburg (Bayern) ein Dorf den Erweiterungsplänen des Flugplatzes der US-Army weichen sollte.

Eindrucksvoll zeigte der Film die Gegenwehr der Dorfbewohner, die Barrikaden bauten und ihr Dorf so ­erfolgreich retteten. Der Film sollte dokumentieren, dass der Kapitalismus schlecht und menschenverachtend sei. Was die Filmemacher nicht wissen konnten: Die Pläne für die Zwangsaussiedlungen in Streufdorf lagen da schon lange in den Schubladen der entsprechenden Behörden.

Zwei Wochen später, am 5. Juni 1952, startete die »Aktion Ungeziefer«, bei der auch 18 Streufdorfer Familien zwangsausgesiedelt wurden. Viele Einwohner von Streufdorf setzten nun das in die Tat um, was sie zuvor im Film gesehen hatten. Ihr offener Widerstand hatte allerdings nicht den Erfolg wie auf der altbundesdeutschen Seite. Doch wie im Film hatten sie die Glocken der Dorfkirche geläutet und so zumindest verhindert, dass dieses Unrecht in ­aller Stille geschehen konnte. Der Film verschwand daraufhin aus den Kinos der DDR.

Die Öffnung der Grenze vor 20 Jahren hat die Entwicklung in eine andere Richtung gelenkt, doch die Geschichte solle nicht vergessen werden, sind sich die Organisatoren des Aktionstages am 8. November einig. »Dabei werden viele zusammenwirken, politische Gemeinden wie Kirchengemeinden, und das diesseits und jenseits der ehemaligen innerdeutschen Grenze«, sagt Zeno Scheirich. Die Zusammenarbeit in der Vorbereitung auf diesen Tag hätte schon jetzt Ergebnisse gebracht, die weit über dieses Datum hinausreichen werden, ist sich der Pfarrer sicher. »Wir haben beschlossen, dass wir uns mindestens zwei Mal im Jahr treffen, um einander näher kennenzulernen und über Probleme und Aufgaben zu sprechen, die uns alle angehen.« Ein solches Treffen hat es bereits am 7. Oktober in Bad Rodach (Bayern) gegeben.

Doch zunächst gilt es erst einmal, den 8. November gemeinsam zu begehen. Gottesdienste wird es in Adelhausen und Holzhausen geben, dazu eine ökumenische Wallfahrt unter dem Motto »Gemeinsam auf dem Weg«, die mit einer Andacht auf der Erlebacher Höhe endet. Danach treffen sich alle zu einem Festakt in der Streufdorfer Kirche. Anschließend wird in den mit viel Aufwand restaurierten Kemenaten neben der Kirche das neue Grenzland- oder Zweiländermuseum eröffnet, organisiert von der Initiative Rodachtal.

Wolfgang Swietek

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