Aufbruch in die Freiheit

29. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Titelseite

Reformationstag: Die Lutherdekade will dazu beitragen, Kirche und Gesellschaft zu erneuern

Eingerüstet: Derzeit wird die Sanierung des Lutherdenkmals in Wittenberg vorbereitet. Anfang Februar soll es abgebaut und zusammen mit dem Melanchthondenkmal für 1,2 Millionen Euro restauriert werden.	Foto: Achim Kuhn

Eingerüstet: Derzeit wird die Sanierung des Lutherdenkmals in Wittenberg vorbereitet. Anfang Februar soll es abgebaut und zusammen mit dem Melanchthondenkmal für 1,2 Millionen Euro restauriert werden. Foto: Achim Kuhn

Die Erkenntnis Martin ­Luthers von der Rechtfertigung allein aus Glauben hat nichts an Aktualität eingebüßt. Einfach zurücklehnen dürfen wir uns trotzdem nicht.

Feiern, erinnern und aufbrechen sind die Tu-Wörter des Reformationstages. Die Erkenntnis, dass wir allein aus Gnade – sola gratia – und allein aus Glauben – sola fide – von Gott angenommen und gerechtfertigt werden, verdient einen eigenen Feiertag. Denn dahinter steckt enorme Sprengkraft.

Nicht von ungefähr ist mit dieser Entdeckung Luthers der Aufbruch in eine Neu-Zeit markiert. Es ist ein Wendewort für jede Biografie. »Allein aus Gnade« heißt im global-elektronischen Zeitalter, dass wir unser Leben nicht selber mit Sinn füllen können. Mit keiner Karriereplanung, keinem Kontostand und keiner Liste guter Taten können wir Gott beeindrucken. Gott nimmt uns an, so wie wir sind, ohne Eignungstest und Bewerbungsgespräch. Niemand soll daraus den falschen Schluss ziehen, dass Christenmenschen nicht gerufen sind, Gutes zu tun. Oder wie Luther es sagt: »Folgt die Liebe nicht, so ist der Glaube gewisslich nicht da.« Gottes Annahme kann ich mir nicht mit beeindruckenden Gut-Haben-Bilanzen oder Ablasszetteln erkaufen. Wenn wir vor seinem Richterstuhl stehen und unser Leben aufgetischt wird, dann retten uns keine Hochglanzbroschüren oder Sammelbände protestantischen Ehrgeizes.

Dennoch dürfen wir glauben, dass wir in diesem Moment nicht alleingelassen sind. Gott hat seinen Sohn Jesus Christus zu den Menschen geschickt. Er sitzt nun zur Rechten Gottes und tritt für uns ein. Und Gott schenkt uns seine wohlwollende Annahme, seine Gnade. Doch Luther erkennt nicht nur, dass Gott uns seine gnädige Annahme schenkt, sondern er erinnert uns mit seiner ersten der 95 Thesen auch daran, dass Gnade und Buße, Annahme und Umkehr zusammengehören: »Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ›Tut Buße‹ usw. (Matthäus 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.«

Luthers Leben nahm durch diese Erkenntnis und diesen Glauben eine unerwartete wie radikale Wendung. So kann er mutig in der brandgefährlichen Situation auf dem Reichstag zu Worms vor Kaiser und päpstlichen Legaten fest im Glauben den gnädigen Gott bezeugen. So wie Luther mit dieser befreienden Botschaft vom gnädigen Gott nicht in seiner Studierstube bleiben konnte, sondern auszog, seine Kirche zu erneuern und die Gesellschaft zu verändern, so können wir uns es nicht in der Kirchenbank gemütlich machen. Wir sind aufgerufen, auszuziehen und unsere Kirche und (globale) Gesellschaft zu erneuern. Wenn wir uns an die Herbstreformation 1989 erinnern und an die Thesenanschläge im konziliaren Prozess und die vielen mutigen Reformatoren bei den Demonstrationen und an Runden Tischen, bei der Auflösung der Stasi und in den neugewählten Parlamenten, wissen wir: Aufbrüche in die Freiheit sind möglich.

Auch die Lutherdekade, die den Weg zum Reformationsjubiläum 2017 gestaltet, will zu »Kirche im Aufbruch« einladen. Der 450. Todestag von Philipp Melanchthon am 19. April 2010 gibt uns dafür das Thema vor: Reformation und Bildung. Melanchthon, der »praeceptor germaniae« (Lehrer Deutschlands), erkannte, dass ein mündiger Christ ein gebildeter Christ ist. Gerechte Bildungschancen für alle, egal ob Migranten- oder Einzelkind, ob mit Behinderungen oder hochbegabt, ist der Aufruf unserer Zeit.

Das schließt aus, Kinder schon früh in verschiedene Bildungswege aufzuteilen, die oft nur den Bildungsweg oder -ehrgeiz der Eltern nachzeichnen. Es ist ungerecht, schon Zehnjährige auf Bildungsabschlüsse und damit Lebenschancen festzulegen. Die individuelle Förderung wie auch das solidarische Lernen in einer Gemeinschaft aus unterschiedlichen Begabungen ist unsere reformatorische Herausforderung. Mündige Christen treten für die Bildung mündiger Bürger ein. Bildungschancen können deshalb nicht nach der sozialen Herkunft verteilt werden; überkommene Strukturen dürfen den freien Zugang zur »besten Bildung für alle« nicht behindern. Reformation und Bildung heißt: Bildung und Bildungssystem reformieren. Lasst uns am Reformationstag 2009 dazu aufbrechen.

Stephan Dorgerloh

Der Autor, ist Beauftragter des Rates der EKD für die Lutherdekade.

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  1. [...] gegeben, mit teils mäßigem Erfolg wie im Falle der Dekade zur Überwindung von Gewalt. Bei der Lutherdekade soll das nun anders werden. Hier erwarten die Kirchen eine deutlich größere Resonanz, auch weil [...]