Mitmenschlichkeit in der eigenen kleinen Welt

29. Oktober 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

bild-reizig

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Römer 12, Vers 21

Immer wieder höre ich Klagen, wie schlecht die Welt doch heute sei. Betrug an der Haustür, Raub, Mord, Kindesvernachlässigung werden als Argumente gebracht. Ihre Informationen haben die ­Klagenden in der Regel aus Presse, Funk und Fernsehen. Aber auch eigene Erfahrungen spielen eine Rolle.

»Früher gab es viel mehr Gemeinschaft«, wird gesagt. »Was haben wir für schöne Feste miteinander gefeiert. Da wurde die Nachbarin noch besucht, wenn sie krank war. Da hat keiner die Tür verschlossen. Da war man nicht so misstrauisch. Man war füreinander da.« Ich wettere jetzt nicht auf die Verklärung der Vergangenheit und sage, dass es so schlimm nun auch wieder nicht sei, obwohl ich schon den Eindruck habe, dass die vielen Informationen eine gefühlte Dramatisierung bewirken. Wenn es jemand so schlecht empfindet, ist es für ihn so schlecht.

Ich stelle die andere Frage anders: Wenn es früher besser war, warum macht ihr es dann nicht wieder so? Schiebt es nicht auf »die Leute«, eine anonyme Masse, die schwer greifbar ist. Fangt selber an. Kümmert euch um die kranke Nachbarin. Fangt schon mal an, solange es ihr gut geht. Ladet selbst zum Fest ein. Man kann es so gestalten, dass man sich nicht gegenseitig verpflichtet fühlt. Macht die Tür nicht hinter euch zu, sondern bleibt stehen und erzählt. Nehmt Anteil aneinander.

Im Römerbrief wurden schon vor Jahrhunderten ähnliche Empfehlungen gegeben. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen. Seid auf Gutes bedacht. Vergeltet nicht. Nehmt mitfühlend Anteil. Habt mit allen Menschen Frieden, soweit es an euch liegt. Seid freundlich zu denen, die euch nicht freundlich begegnen. Lasst euch nicht vom Bösen überwinden, sondern überwindet das Böse mit Gutem.

Wie wäre es, wenn jede/jeder versuchen würde, die in der Gegenwart vermisste Menschlichkeit in der eigenen kleinen Welt zu leben?

Christine Reizig, Landespfarrerin für Gemeindeaufbau in Anhalt

Bookmark and Share

Ihre Lesermeinung zu diesem Artikel

Nutzen Sie gravatar, wenn Sie Ihr Bild mit der Meinung veröffentlichen wollen!