Zu viel Platz zum Trauern?
23. November 2009 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Bestattungskultur: Viele Friedhöfe leiden an einem Überangebot von Flächen

Die Veränderungen bei den Bestattungen stellen auch die Friedhofsträger vor neue Herausforderungen. Foto: epd-bild
Einst mussten Reserveflächen für Friedhofserweiterungen ausgewiesen werden. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Das Gegenteil ist der Fall. Heute müssen die Träger mit einer veränderten Bestattungskultur umgehen.
Friedhöfe erfüllen eine in jeder Kultur bestehende, kollektive Funktion. Sie sind eine seit Jahrhunderten gewachsene Kulturfläche, die es den Angehörigen Verstorbener ermöglicht, ihrer Toten zu gedenken. Doch seit Jahren gibt es eine besorgniserregende Entwicklung: Jene Angehörige haben immer mehr Platz zum Trauern und die Träger der Friedhöfe ein echtes Problem. Kurz gesagt: Immer mehr Flächen liegen brach. Der Begriff »Friedhofsüberhangfläche« hat sich zuletzt im Sprachgebrauch all jener etabliert, die damit jeden Tag zu tun haben. Beschrieben werden damit Friedhofsflächen, die langfristig nicht mehr für Bestattungszwecke genutzt werden und für die es auch keine sinnvolle Nachnutzung gibt. Städte und ländlicher Bereich sind gleichermaßen betroffen, weil die Ursachen unabhängig von der Infrastruktur greifen. Wo aber liegen die Gründe für diese Entwicklung? Ist es ein flächendeckendes Problem? Und wer soll das auf Dauer bezahlen?
Die Universität Kassel richtete im Auftrag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt eine Forschungsgruppe zum Thema ein. Noch bis Mitte 2010 beschäftigen sich Experten mit diesen Fragen und publizieren ihre Arbeit im Internet (www.friedhof-forschung.de). Die Forscher machen zum einen die veränderte Bestattungskultur für den Leerstand verantwortlich, aber auch die demografische Entwicklung und die konkurrierenden Dienstleister.
Die Experten haben herausgefunden, dass die Träger durchaus Einfluss auf den immer größer werdenden Flächenleerstand nehmen können. Es sei wichtig, Angehörige gut zu beraten und den Service zu verbessern. Fest steht: Friedhofsträger und -betreiber haben ein dramatisches Problem, das sie langfristig nicht über Gebühren finanzieren können.
Knapp 2.100 Friedhöfe gibt es allein in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), davon 1.085 in der ehemaligen Kirchenprovinz und rund 900 in Thüringen.Weitere 40 unterhält die Kirche in Anhalt. Für Oberkirchenrat Albrecht Steinhäuser, Beauftragter der Evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung Sachsen-Anhalts, ist vor allem der demografische Wandel eine Ursache für die zurückgehende Auslastung. »Wir werden immer weniger Menschen und das wirkt sich natürlich aus«, sagt er. Sein Appell: An der Bestattungskultur muss sich dauerhaft etwas ändern. »Tod und Sterben müssen wieder ein Teil des Lebens sein«, bekräftigt er. Das immer stärker werdende Bedürfnis nach einem naturnahen Begräbnis könne man beispielsweise zum Vorteil der Friedhöfe nutzen. »Wenn der Platz da ist, halte ich es durchaus für möglich und sinnvoll, etwa einen Friedwald einzurichten«, sagt Steinhäuser. Auch pflegeleichte Gräber seien eine Möglichkeit, dem Leerstand entgegenzuwirken. »An erster Stelle muss stehen, dass es weiter einen konkreten Ort der Trauer gibt.«
Kirchenrat Michael Janus sieht eine Lösung des Problems im Austausch mit den Kommunen. Er leitet das Referat, das sich mit dem Bestattungs- und Friedhofswesen in der EKM beschäftigt. »Wir müssen gemeinsam überlegen, inwieweit Umgestaltung und Umnutzung der leeren Friedhofsflächen realisiert werden können«, sagt Janus. »Das ist auf alle Fälle ein gesamtgesellschaftliches Problem.«
Auf Thüringens größtem Friedhof, dem Hauptfriedhof in Erfurt, sei das Problem nicht prekär. »Die Grabstättenrückgabe ist nur gering höher als der Neuverkauf«, sagt Wolfgang Schwarz, Amtsleiter des städtischen Garten- und Friedhofsamtes. Auch die Bestattungskultur ist seit Jahren relativ unverändert. »Etwa 90 Prozent entscheiden sich für eine Feuerbestattung, der Rest für eine Erdbestattung.« In Erfurt habe man die Friedhofsentwicklung frühzeitig den Gegebenheiten angepasst und auf Erweiterungen verzichtet. Schwarz zufolge ist eine neue, großzügigere Grabfeldgestaltung und -belegung ein Mittel, dem Flächenüberhang zu begegnen.
Auf dem Magdeburger Westfriedhof gibt es nach Angaben der Stadtverwaltung keine Zunahme der Freiflächen. Gründe seien, dass die Zahl der Bestattungen in den vergangenen Jahren nahezu konstant geblieben ist und Grabanlagen geschaffen wurden, die sich gestalterisch von der traditionellen Grabanordnung unterscheiden. Neue Grabstättenarten sollen auch in Zukunft den Bedürfnissen der Hinterbliebenen angepasst werden. »Friedhöfe müssen gestalterisch so angelegt sein, dass sie gern besucht werden«, sagt Stadtsprecher Michael Reif.
Sabrina Gorges






