Mit 26 Kerzen bis Weihnachten
26. November 2009 von redaktionguh
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Kirchenjahr: Vor 170 Jahren »erfand« Johann Hinrich Wichern den Adventskranz

Gärtnermeister Hans-Joachim Pagels zeigt die fertigen Wichern-Kränze. Der Bedarf hat zugenommen. Foto: Steffi Rohland
Am Sonntag ist der 1. Advent. Als besondere Vorfreude auf Weihnachten leuchtet bei den meisten Menschen zu Hause wieder der Adventskranz. In Sangerhausen hat sich die Gemeinde auf die Ursprünge dieses Brauches besonnen und einen »echten« Wichernkranz in der Jacobikirche aufgestellt.
Im vergangenem Jahr entdeckte die Jacobigemeinde in Sangerhausen den ursprünglichen Adventskranz wieder für sich. Eigentlich war es das Gedenkjahr für Johann Hinrich Wichern (1808–1881). Er gilt als Erfinder des Adventskranzes. Vor 170 Jahren stand der erste Adventskranz in einem Hamburger Kinderheim. Es war ein besonderer Kranz: Auf einem hölzernen Rad standen vier große und 19 kleine Kerzen.
»Wir warten auf Weihnachten, auf Jesus, der geboren wird, auf das Licht, das von Gott in die Welt kommt«, sagt Pfarrerin Margot Runge. »Es gibt viel Dunkelheit, auch bei uns.« Als Diakonie-Pfarrerin kennt sie die Probleme nur zu genau. »Viele Kinder wachsen behütet auf. Doch manche Kinder gehen nicht gern nach Hause, weil sich die Eltern nicht um sie kümmern, es gibt häusliche Gewalt und Armut. Und leider gibt es auch Kinder, die schlagen und treten andere, die stehlen und lügen.«
Das war vor 170 Jahren ähnlich und doch anders. Viele Kinder lernten von klein auf Armut und Gewalt kennen. »Allerdings gab es damals kein Jugendamt und keine Beratungsstellen«, sagt die Pfarrerin. Kinder, die sich auf der Straße herumtreiben oder stehlen, sind ins Gefängnis gesteckt worden. »Wenn sie keine Eltern und keine Verwandten hatten, landeten sie vielleicht im Waisenhaus. Auch da ging es ihnen nicht gut.«
Auch der lutherische Theologe und Erzieher Johann Hinrich Wichern hat am eigenen Leibe erfahren, was es heißt, arm zu sein. Nach dem Tod des Vaters musste der 16-Jährige Verantwortung für seine Familie, zu der sechs jüngere Geschwister zählten, übernehmen. Ab 1826 wird er Erziehungsgehilfe in einem christlichen Schülerinternat und bereitet sich nebenbei auf ein Studium vor. Dank eines Gönners studiert er Theologie. Ab 1832 arbeitet Wichern als Oberlehrer an einer Sonntagsschule speziell für die Arbeiterkinder in den Elendsvierteln Hamburgs.
Als Mitglied des Besuchsvereins lernt er die häuslichen Verhältnisse seiner Schüler kennen. Daraufhin wird er persönlich tätig: Mit seiner Mutter und zwei Geschwistern zieht er in ein altes Bauernhaus, das unter dem Namen des alten Besitzers »Ruges Haus« gleichbedeutend mit »Rauhes Haus« bekannt war. Damit beginnt seine Sozialarbeit. Schon zwei Monate nach Eröffnung des Hauses wächst die Anzahl seiner Schützlinge von drei auf 14 heimatlose und verkommene Kinder und Jugendliche im Alter von 5 bis 18 Jahren. Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit bestürmten ihn die Jungs mit der Frage: Wie lange ist es noch bis Weihnachten? Da fand er vor 170 Jahren die Lösung mit dem Adventskranz.
Da es jedes Jahr unterschiedlich viele Tage vom ersten Advent bis zum Heiligen Abend gibt, verändert sich auch eine Zahl kleiner Kerzen auf dem Wichern-Kranz. In diesem Jahr sind es 22 kleine Kerzen. Daniel Voigt, Mitarbeiter der Gärtnerei des Christlichen Jugenddorfes (CJD) in Sangerhausen, weiß dies genau. Er fertigt unter Anleitung von Hans Joachim Pagels, Gärtnermeister und Gruppenleiter für behinderte Menschen im CJD, mit weiteren Mitarbeitern die Kränze. Zwei Stück schafft er am Tag mit Tannen- beziehungsweise mit Kieferngrün zu wickeln und mit Kerzen zu bestücken. Die Kränze sind sehr kostenintensiv, so Pagels. Deshalb werden sie nur zum Selbstkostenpreis abgegeben.
Unabhängig voneinander kamen die Diakonie-Pfarrerin und der Gärtnermeister im vergangenen Jahr auf die Idee, einen solchen originalen Adventskranz anzufertigen. Nach einem Projekt mit der Förderschule waren daraufhin bereits zwei Wichern-Kränze unter anderem in der Jacobikirche und im Gemeindehaus in Sangerhausen zu sehen.
Pfarrerin Margot Runge erinnert sich noch gut an das Staunen der Leute über diesen ursprünglichen
Adventsbrauch. Damals thematisierte sie im Familiengottesdienst am 1. Advent in der Jacobikirche von Sangerhausen den Adventskranz und machte somit die Entstehungsgeschichte bekannt. Der Erfolg dieses außergewöhnlichen Projektes war enorm: In diesem Jahr werden im CJD Wichern-Kränze beispielsweise für das Marienstift in Roßla sowie das Heilig-Geist-Stift in Eisleben gefertigt. Selbstverständlich haben aber auch die Einrichtungen des Christlichen Jugenddorfes ihre Wichern-Kränze.
Steffi Rohland




