Leben braucht Halt und Rhythmus

30. Dezember 2009 von redaktionguh  
Abgelegt unter Titelseite

Jahreswechsel: Es gilt immer wieder, eine Balance zwischen Lebensfreude und Selbstbeschränkung zu finden

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zum Sonntagsschutz hat weitreichende Folgen, weil dahinter ein Grundkonflikt steht.

Kirchenpräsident Joachim Liebig (Foto: Heiko Rebsch)

Kirchenpräsident Joachim Liebig (Foto: Heiko Rebsch)

Der Sonntagsschutz sei ein Rückschritt titelte am 11. Dezember 2009 die »Berliner Morgenpost«. Sie reagierte damit auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, das in wesentlichen Teilen einer Klage der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz sowie dem katholischen Bistum Berlin stattgibt. Die Kirchen hatten vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Ladenöffnung an allen vier Adventssonntagen geklagt, die durch den Berliner Senat gestattet worden war. Dieses Urteil nimmt einen Grundkonflikt auf, der gegenwärtig an vielen Stellen zu bemerken ist: Anfang der 1980er Jahre schrieb der amerikanische Autor Neil Postman »Wir amüsieren uns zu Tode« und prägte das Stichwort von der »Unterhaltungsindustrie«.

Dieser Haltung steht die Klage über den Verlust von Werten, Forderung nach Neuorientierung in Zeiten des Klimawandels und gesellschaftlicher Kälte gegenüber. Der Grundwiderspruch ist alt. Die vielleicht wichtigsten Denkrichtungen der Antike spiegeln ihn wider. Die Stoa steht gegen den Hedonismus. Selbstbeherrschung und Beschränkung auf Wesentliches einerseits; lustbetontes Leben und der Genuss des Augenblickes andererseits. In der zeitlosen Kette von Abwägungen zwischen beiden Verhaltensmustern hat das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes scheinbar der Selbstbeschränkung das größere Recht zugesprochen.

In der Tat legt das Urteil fest, eine Gesellschaft brauche eine geordnete Abfolge aus Arbeitstagen und arbeitsfreier Zeit. Das Gericht urteilt dabei nicht in der Folge der jüdisch-christlichen Tradition des Sabbats – des Sonntags als Ausdruck der Schöpfungsruhe Gottes gemäß den Schöpfungsberichten des Alten Testamentes. Um diese Wurzel wissend urteilt das Bundesverfassungsgericht dennoch nicht religiös. Eine Gesellschaft ohne weitgehend synchrone freie Zeit wäre einen wesentlichen Schritt auf dem Weg zu gesellschaftlicher Instabilität vorangekommen.

Unzertrennlich: Ohne Zusammenhalt funktioniert keine Gesellschaft. (Foto: epd-bild)

Unzertrennlich: Ohne Zusammenhalt funktioniert keine Gesellschaft. (Foto: epd-bild)

Insofern ist der Regierende Bürgermeister von Berlin erklärungspflichtig, wenn er in diesem Zusammenhang von einem Rückschritt spricht. Wohin will er fortschreiten? Allein wirtschaftliche Gründe sind nicht hinreichend, um die geschützte Sonntagsruhe aufzuheben. Der behauptete wirtschaftliche Vorteil des Sonntagsverkaufes würde sich selbst auflösen, wären die Sonntage eingereiht in die normalen Werktage. Damit stellt das höchste deutsche Gericht der bundesdeutschen Gesellschaft die Kernfrage, wie die Letztbegründung gesellschaftlichen Zusammenhaltes beschrieben werden soll. Das Grundgesetz geht von einem am Ende nicht nur sich selbst, sondern auch Gott verantwortlichen Individuum aus, das seine eigenen Interessen in den Zusammenhang des Gemeinwohls stellt.

Wie sehr überbordender Individualismus, gespeist durch schlichte Gier, die Welt an den Rand einer ­Katastrophe bringen kann, hat die ­gegenwärtige Krise gerade gezeigt. Wie sehr gemeinschaftliches Handeln für den Fortbestand menschlicher Kultur bedeutsam sein wird, zeigen die immer düstereren Prognosen über das Weltklima. Man muss kein Christ sein, um diese Fragen angemessen bedenken zu können.

Persönlich ist es mir jedoch vollkommen unklar, wie ohne den christlichen Zusammenhang von Schuld und Vergebung in der Verantwortung vor Gott und den Menschen Zukunft gestaltet werden kann. Ohne die Zusage der Jahreslosung für 2010

»Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.«
(Johannes 14,1)

kann angesichts der Komplexität der Fragestellung nur Verzweiflung und möglicherweise schrankenloser Hedonismus die Antwort sein. Die stets neu zu findende feine Balance zwischen offener Lebensfreude und verantwortlicher Selbstbeschränkung ist Ausdruck lebendigen Glaubens. Er findet seinen Ort gemeinschaftlich im Gottesdienst ebenso wie im eigenen täglichen Gebet.

So gestärkt begegnen wir der Welt unerschrocken. Wir nehmen unseren Nächsten in der Ferne und der Nähe in den Blick und lassen Gottes Liebe spürbar werden. Damit beginnen wir ein neues Jahr in fröhlicher Zuversicht.

Joachim Liebig

(Der Autor ist anhaltischer Kirchenpräsident in Dessau.)

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