Orgel als Besuchermagnet

28. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

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Die Arnstädter sind stolz auf die Orgel, an der Bach noch persönlich spielte. Foto: Ines Rein-Brandenburg

Die Arnstädter sind stolz auf die Orgel, an der Bach noch persönlich spielte. Foto: Ines Rein-Brandenburg

Orgelfest zum 10-jährigen Jubiläum der Renovierung von Bachkirche und Orgeln in Arnstadt

»Johann Sebastian Bach wirkte in ­seiner ersten Organistenstelle von 1703–1707 in diesem Gotteshaus«, prangt auf einer Steintafel an der östlichen Umfriedung der Bachkirche in Arnstadt. Vor zehn Jahren wurde die Renovierung der Kirche und ihrer ­Orgeln abgeschlossen. Zum Jubiläum gab es »ein rundes Programm«, so Kirchenmusikdirektor Gottfried Preller. Am Sonnabend, 16. Januar, feierte die Gemeinde ein dreistündiges Orgelfest auf den Emporen.

Karen McKinney aus den USA, Samuel Kummer aus Dresden, Johannes Gebhardt aus Greifswald und natürlich Gottfried Preller selbst an der Orgel, Norbert Kaschel aus Leipzig an der Oboe sowie die Sopranistin Constanze Backes aus Dresden brachten nicht nur Werke von Johann Sebastian zu Gehör. Zum Festgottesdienst am Sonntag gab es, wie könnte es anders sein, Bachs Kantate »Jauchzet Gott in allen Landen«. Die Predigt hielt Altbischof Roland Hoffmann, der auch vor zehn Jahren die Neueinweihung vollzog. Die war pünktlich zur Eröffnung des Bachjahres zum 250. Todestag des Komponisten terminiert.

Kernstück der Kirche sind ihre beiden Orgeln. An der barocken Wender-Orgel auf der zweiten Empore spielte Bach höchstpersönlich. 1913 ließ die Gemeinde eine größere, »moderne« romantische Orgel durch die Öttinger Firma Steinmeyer einbauen, die die vorhandene Orgel integrierte. Beim Umbau vor zehn Jahren wurde die ­Barockorgel wieder herausgelöst und fehlende Teile ergänzt. Die Steinmeyer-Orgel mit ihren über 4000 Pfeifen verbirgt sich heute hinter dem stoffbespannten Gitterwerk auf der ersten Empore. In der Umbauphase war die Kirche über drei Jahre lang ­geschlossen. Heute öffnet sie täglich ihre Pforten. Jedes Jahr besuchen sie rund 40.000 Touristen, Konzertbesucher nicht eingerechnet.

Am wichtigsten seien die Gemeindeveranstaltungen, vor allem die Gottesdienste, hebt Gottfried Preller hervor, der alle musikalischen Aktivitäten leitet und koordiniert. Jedes Jahr werden etwa acht Kantatengottesdienste gefeiert. Er organisiert 30 bis 40 Konzerte mit dem Kantatenchor und auswärtigen Gastmusikern. Gut besuchte Seminare zeigen das Interesse von Musikstudenten und Professoren aus aller Welt. Dazu kommen etliche musikalische Veranstaltungen anderer Organisatoren, etwa des mdr-Musiksommers, der Bachwoche und von Konzerten der Arnstädter Schulen.

Ines Rein-Brandenburg

Lottogeld und Fußballspiel

28. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Viele halfen, damit die Orgel in Magdeburg-Ottersleben wieder erklingen kann

Im Auftrag von Lotto Sachsen-Anhalt übergab Hans-Georg Moldenhauer (l.), Vizepräsident des Deutschen Fußball-  Bundes, der Sankt-Stephani-Gemeinde im Magdeburger Stadtteil Ottersleben einen Scheck. Willi Polte (2. v. l.), Schirmherr der Aktion »Orgelsanierung«, der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, Alexander Pott, und Pfarrer Dietmar Andrae (r.) freuen sich darüber, dass Orgelrestaurierung gesichert ist. Foto: Klaus-Peter Voigt

Im Auftrag von Lotto Sachsen-Anhalt übergab Hans-Georg Moldenhauer (l.), Vizepräsident des Deutschen Fußball- Bundes, der Sankt-Stephani-Gemeinde im Magdeburger Stadtteil Ottersleben einen Scheck. Willi Polte (2. v. l.), Schirmherr der Aktion »Orgelsanierung«, der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, Alexander Pott, und Pfarrer Dietmar Andrae (r.) freuen sich darüber, dass Orgelrestaurierung gesichert ist. Foto: Klaus-Peter Voigt

Vor gut einem Jahr erklang die Orgel in der Magdeburger Sankt-Stephani-Kirche zum letzten Mal. »Dann mussten wir das Instrument stilllegen«, erzählt der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, Alexander Pott. Der Verfall des Instrumentes war zu weit fortgeschritten. Während zwischen 1990 und 1995 die gesamte, aus dem 13. Jahrhundert stammende Kirche instandgesetzt wurde, blieb die Orgel ein Sorgenkind.

Inzwischen hat sich die Situation grundlegend geändert. »Unsere Gemeinde entwickelte Entschlusskraft und Risikobereitschaft«, bringt es Pfarrer Dietmar Andrae auf den Punkt. In den vergangenen Monaten wurde das Geld für eine aufwendige Sanierung der »Königin der Instrumente« zusammengetragen. Fast 200.000 Euro kamen in kurzer Zeit zusammen. Ein eigens gegründeter Orgelbeirat begleitete die vielen Aktion. Der Magdeburger Alt-Oberbürgermeister Willi Polte übernahm die Schirmherrschaft. Jede Menge Ideen waren von Erfolg gekrönt.

Die Finanzierungslücke von 60.000 Euro – das andere Geld stammt unter anderem von Unternehmen, der Sparda-Bank, Stiftungen und aus Zuschüssen des Kirchenkreises sowie der Landeskirche – schloss sich schnell. Ein Spendenbrief an die Bürger des Stadtteils Ottersleben, die Versteigerung alter Orgelpfeifen und ein Kuchenbasar gehörten zu den vielen Aktionen, die die Kasse füllten.

Zudem lockte ein Fußballspiel der Traditionsmannschaft des 1. FC Magdeburg gegen eine Prominentenauswahl des Deutschen Fußball-Bundes gut 1.000 Zuschauer an. Der Erlös kam in den großen Spendentopf. Letzter »Baustein« für die Arbeiten an der Orgel war der Fördermittel-Scheck in Höhe von 45.000 Euro von Lotto Sachsen-Anhalt. Er wurde am 24. Januar während eines Gottesdienstes der Gemeinde übergeben.

Seit dem Herbst vergangenen Jahres kümmert sich die Halberstädter Firma Dutschke um die Wiederherstellung des wertvollen Instrumentes. Es ist ein spätbarockes Werk des Orgelbauers Johann David Hamann aus Schönebeck. 1806 errichtet, ist es heute die älteste spielbare Orgel in ganz Magdeburg. Ein Teil der Prospektpfeifen wurden im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen. Ihre Nachfolgerinnen aus Zink korrodierten im Laufe der Zeit.

Doch die Zeit ohne Orgel wird in der Stephanikirche bald vorüber sein. Im Herbst dieses Jahres soll das Instrument wieder erklingen.

Klaus-Peter Voigt

Theaterszenen aus der »Firma«

28. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Ökumenische Spielgemeinde Erfurt blickt zurück auf 40 Jahre DDR, SED und Stasi

Der sowjetische Offizier (Karl-Heinz Hütter), der Walter Ulbricht (Horst Mergel) kurz nach Kriegsende nach Berlin bringt, macht ihm nach einer Flasche Wodka und trotzdem ganz nüchtern klar, wie er den Sozialismus aufzubauen hat: die Kirche nicht verbieten, sondern die Gläubigen so fest umarmen, dass sie keine Luft mehr bekommen. 	Foto: Jens-Ulrich Koch

Der sowjetische Offizier (Karl-Heinz Hütter), der Walter Ulbricht (Horst Mergel) kurz nach Kriegsende nach Berlin bringt, macht ihm nach einer Flasche Wodka und trotzdem ganz nüchtern klar, wie er den Sozialismus aufzubauen hat: die Kirche nicht verbieten, sondern die Gläubigen so fest umarmen, dass sie keine Luft mehr bekommen. Foto: Jens-Ulrich Koch

Sirenengeheul durchdringt den Raum. Die Fistelstimme von Diktator Walter Ulbricht ertönt mit dem legendären Satz: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!« Ein Stasi-Offizier brüllt einen Arbeiter an, der demonstriert hat. Von einer Kassette ist ein Ausschnitt eines Auftritts von Bettina Wegner im Erfurter Johannes-Lang-Haus zu hören.

Die Schauspieler der Ökumenischen Spielgemeinde wollen bei ihren Zuschauern Emotionen wecken und nicht nur Zeitgeschichte dokumen­tieren. Mit ihrem Stück »Die Firma im Osten«, aufgeführt in der Kleinen Synagoge, wollen sie zeigen, dass es nicht »die« DDR gab und »die« Stasi, sondern Millionen von Lebensläufen und einzelnen Schicksalen. Fotos und Videos wechseln rasch mit Musik, dokumentarischen Texten und gespielten Szenen.

Da ist der Tiefbau-Ingenieur, Mitglied in Kirchensynode und DDR-CDU, der als inoffizieller Stasi-Spitzel geködert wird mit einer Beförderung und dem Versprechen, vielen Menschen zu helfen. Da ist der Offizier der Staatssicherheit, der sich erinnert, dass sein Vater als überzeugter Kommunist im KZ saß und auch er selbst etwas zum Aufbau des Sozialismus beitragen wollte. Der die Fehler bei anderen sucht, weil er sonst sein eigenes Leben in Frage ­stellen müsste.

Da sind die beiden Stasi-Mitarbeiterinnen, die fein säuberlich und sehr systematisch Briefe aus dem Westen öffnen, die mitgeschickten D-Mark in die notorisch devisenklamme Staatskasse umleiten und sich selbst karikieren.
Auch wenn die Spielszenen als ­»fiktiv« angekündigt werden und die Dialoge es sicher sind: Der Inhalt selbst ist es nicht, er spiegelt Tatsachen. Autor und Regisseur Michael Maiwald hat dafür eigene Erlebnisse, Zeitzeugen-Berichte und unzählige Dokumente verarbeitet. Die Zuschauer kommen ins Nachdenken und ins Gespräch, und genau das ist das Ziel der vierzehn Mitglieder der seit 56 Jahren bestehenden Spielgemeinde.

Markus Wetterauer

Energieschub für Ehrenamtliche

28. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Vorgestellt:  Die Resonanz auf das Projekt »Gemeindeagende« des Kirchenkreises Egeln ist groß

Dass Gottesdienste auch ohne Pfarrer möglich sind, macht der Kirchenkreis Egeln vor. Er hat eine Vorlage entwickelt, nach der auch Ehrenamtliche ohne großen Aufwand eine Gottesdienstfeier oder Andacht leiten können.

Lektoren sind heute aus den Gemeinden nicht mehr wegzudenken. Unsere Aufnahme ist während der Lektorentage im Jahr 2006 entstanden. Foto: Archiv

Lektoren sind heute aus den Gemeinden nicht mehr wegzudenken. Unsere Aufnahme ist während der Lektorentage im Jahr 2006 entstanden. Foto: Archiv

Ein Gottesdienst ohne Pfarrer oder Pfarrerin? Geht das? Ja, und das sogar sehr erfolgreich. Der Kirchenkreis Egeln macht es vor. Sein Projekt »Gemeindeagende« ist mittlerweile zum Aushängeschild geworden, das bereits prämiert wurde und in der Landeskirche schon einige Nachahmer gefunden hat. Für Superintendent Michael Wegner ein uneingeschränkt funktionierendes Mittel, eine »sakrale Präsenz in der Fläche« zu erreichen.
Die Gemeindeagende ist ein Buch, etwa 60 Seiten dick und die Grundlage für einen Gottesdienst, der von Ehrenamtlichen gestaltet und gehalten wird. In ihm finden sich unter anderem  Gebete und Texte. Sie helfen, den  Ablauf des Gottesdienstes variabel zu gestalten. Die Vorbereitungen sind also nicht kompliziert, denn im Mittelpunkt steht das gemeinsame Gebet  und der Austausch – gern auch im Anschluss bei Kaffee und Kuchen.

»Es hat eine wirkliche Belebung stattgefunden«

»Es ist uns gelungen, unsere Kirchen wieder als Kommunikationszentren zu entwickeln«, sagt Wegner. »Denn wenn sich eine Kirchentür erst einmal geöffnet hat, gehen die Menschen hin-ein und sind voller Erwartungen.« Große logistische Vorbereitungen für das Sonntagsgebet sind nicht mehr nötig. »Sie brauchen jemanden, der aufschließt und die Kerzen anzündet«, sagt der 48-Jährige, der seit zehn Jahren Superintendent im Egelner Kirchenkreis ist.

Müssen denn keine Voraussetzungen erfüllt sein? Auf die Frage weiß Wegner eine schnelle Antwort. »Sie brauchen einen Menschen, der die Verantwortung für die Verkündung aus dem Herzen heraus übernimmt und Sie brauchen Menschen, die sonntags gern in die Kirche gehen.« Und so einfach es klingt, so beeindruckend ist die Resonanz. »Wir zählen pro Jahr etwa 1.000 Gottesdienste mehr als vergleichbare Kirchenkreise«, zieht Wegner Bilanz. »Es hat eine wirkliche Belebung der Dörfer stattgefunden. Darauf sind wir stolz.«

Da macht es auch keinen Unterschied, wie viele Gläubige den Weg in das Gotteshaus gefunden haben. »In der Gemeinde Peseckendorf bei Oschersleben im Bördekreis gibt eine sehr kleine Kirche und nur zwei Gemeindeglieder«, weiß Wegner. Trotzdem wird hier mit der Gemeindeagende gearbeitet. »Ich habe gehört, dass manchmal Familien mit dem Fahrrad nach Peseckendorf kommen und alle gemeinsam Gottesdienst feiern.«

Die Agende deckt die Sonntage von Ostern bis Pfingsten ab, eine Ausgabe für Trinitatis ist in Arbeit. Entstanden ist die Gemeindeagende im Jahr 2008 direkt im Kirchenkreis. Vorbild war die erfolgreiche Initiative »Global Worship«. Sie wurde von einer Koordinationsgruppe gesteuert und stieß im Pfarrkonvent nicht nur auf Zustimmung. Kritiker unterstellen dem Vorhaben immer wieder, es unterstütze das Phänomen »Kirche ohne Pfarrer«. »Klar ist, dass wir nicht auf einen Mangel reagieren«, sagt Wegner. Vielmehr sind es die Gemeindeglieder selbst, die sich die Idee immer mehr zu eigen machen. Es entwickelt sich eine wohltuende Dynamik, die eine deutliche Stärkung kleiner Gemeinden bedeutet. »Das, was sonntags in den Kirchen stattfindet, ist keineswegs kontraproduktiv. Wir erfüllen die Verkündigung mit Leben.«

»Gottesdienst ist die beste Mission«

Für diesen sichtbaren und fühlbaren Erfolg bekam der Kirchenkreis Egeln im September vergangenen Jahres den Publikumspreis der Zukunftswerkstatt der Evangelischen Kirche in Deutschland in Kassel verliehen. Präses Katrin Göring-Eckardt lobte den »Energieschub für die Ehrenamtlichen«, der von diesem Projekt ausgeht. Superintendent Wegner beschreibt den Tag der Preisvergabe gern mit einem kräftigen Wort. »Es war der Knaller.« Für ihn Grund genug, Visionen zu entwickeln. »Ich wünsche mir eine weltweite Vernetzung, in der das Beten in der Gemeinschaft im Mittelpunkt steht«, sagt er. »Denn eins ist unumstritten: Gottesdienst ist die beste Mission.«

Sabrina Gorges

Mehr weibliche Führungskräfte angemahnt

28. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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»Forum  Gleichstellungsarbeit« diskutierte in Halle über konkrete Schritte

In Gleichstellungsfragen kompentent: Katja Albrecht, Foto: Archiv

In Gleichstellungsfragen kompentent: Katja Albrecht, Foto: Archiv

An der Spitze der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) stehen Frauen: eine Bischöfin und eine Kirchenamtspräsidentin. Das spiegelt jedoch nicht die Situation in der Landeskirche wider. So werden im Landeskirchenamt lediglich zehn der 29 Referate von Frauen geleitet. Noch weniger weibliche Führungskräfte finden sich auf der mittleren Ebene. Nur acht Superintendentinnen werden in den 38 Kirchenkreisen ­gezählt. Thomas Claus vom Gender Institut Sachsen-Anhalt (GISA) aus Magdeburg stellte am 23. Januar beim »Forum  Gleichstellungsarbeit« in Halle erste Ergebnisse einer Auswertung vor, welche die Geschlechtergerechtigkeit in der EKM untersucht.

Rund 30 Teilnehmerinnen – Männer eingeschossen – diskutierten das Thema. Die Studie habe bisher gezeigt, so Claus, dass zwar in der EKM die Geschlechtergerechtigkeit für richtig gehalten werde, doch es gebe keine strukturelle Verankerung. Gleichstellung müsse einmal durch Führungspersönlichkeiten und zum anderen durch das stetige Bewusstmachen vermittelt werden.

Silke Kösel vom Diakonischen Werk der EKD rollte das Thema ­biblisch-theologisch, historisch und strukturell auf. Frauen hätten zwar viel angestoßen, aber »Frauen in der Kirche hatten immer schon mehr Dienst als Einfluss«. Kirche und Diakonie bewegten sich gerade in der Gleichstellungsfrage zu langsam. »Wir sind keine Heißsporne des Wandels«, verwies die promovierte Theologin auf die Trägheit der Institutionen.

In der anschließenden Podiumsdiskussion und den Arbeitsgruppen ging es um konkrete Schritte. Die Gleichstellungsarbeit müsse aus der »Frauenecke« raus, denn sie sei nicht nur eine Geschlechterfrage, sondern beträfe auch Menschen mit Behinderungen oder Migranten. Einig waren sich die Teilnehmerinnen, dass die Gleichstellungsarbeit nicht alleinige Aufgabe einer Gleichstellungsbeauftragten sein könne.

Katja Albrecht, die dieses Amt in der EKM innehat, war mit dem Ergebnis des Tages zufrieden. Die Teilnehmerinnen hätten sehr konzentriert gearbeitet und konkrete Ziele benannt, unter anderem: EKM-Verfassung in gerechter Sprache, Begleitung von Frauen in Führungsämtern, Fortführung des Mentorings. Katja Albrecht hofft, dass die Kreativität und die Energie dieses Forums in die EKM ­hineinwirkt. Sie wertete es als positives Zeichen, dass die Landeskirche eine Gender-Studie in Auftrag geben hat mit dem Ziel, den Frauenanteil unter den hauptamtlichen Mitarbeitern zu erhöhen. In der EKD sei solch eine Untersuchung bisher einmalig.

Dietlind Steinhöfel

Damit wir nicht zuschanden werden

28. Januar 2010 von redaktionguh  
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Foto: Alexander Kalina, sxc.hu

Foto: Alexander Kalina, sxc.hu

Mein Herz bleibe rechtschaffen  in deinen Geboten,  damit ich nicht zuschanden werde.
Psalm 119, Vers 80

Ein Friedhof der toten Wörter. Gäbe es ihn, wir könnten aus unserem Psalmvers im Lutherdeutsch gleich zwei Wörter zur Bestattung freigeben: rechtschaffen und zuschanden. Oder benutzen wir diese Wörter noch? Wenn Wörter außer Mode kommen, besagt das noch nicht, dass auch ihr Inhalt nicht mehr zutrifft. Zuschanden werden, darin steckt das Wort Schande. Schande bedeutet in seinem Ursprung »Beschädigung«, später dann Minderung oder gar Verlust der Ehre.

Der hier den Psalm betet, scheint vor dieser Beschädigung, vor diesem Verlust der Ehre Angst zu haben. Auch unter uns Heutigen ist diese Angst verbreitet. Statt Ehre sagen wir vielleicht eher Ansehen. Wer fürchtet sich nicht davor, sein Ansehen zu verlieren? Zum Gespött der Leute zu werden? Ausgegrenzt zu sein in Schule, Beruf, Bekanntenkreis?

Um es mit einem Beispiel zuzuspitzen: Vor kurzem ist in einem Thüringer Dorf aufgeflogen, dass der ehrenamtliche Bürgermeister spielsüchtig ist und Gemeindegelder veruntreut hat. Viel schlimmer für ihn als die zu erwartende Bestrafung auf dem Gerichtsweg ist der Verlust von Ansehen. Er kann sich kaum noch in seinem Dorf blicken lassen. Er hat Angst, »zuschanden« zu werden.

Was hilft gegen diese Angst? Der Psalmbeter möchte rechtschaffen bleiben, sein Ansehen behalten. Für ihn ist das unauflöslich mit Gottes Geboten verbunden. Sie sind ihm Halt, Orientierung. Wie ein Geländer auf dem Dach eines Aussichtsturmes. Ich kann den Rundblick genießen, aber ich stürze nicht in die Tiefe.

Die Gebote Gottes sind Angebote für uns, unserem Leben ein Geländer zu geben. Damit wir nicht zuschanden werden. Nur eine Generation nach Luther hat das ein Dichter so ausgedrückt: »Lass mich dein sein und bleiben, du treuer Gott und Herr, von dir lass mich nichts treiben, halt mich bei deiner Lehr.«

Felix Leibrock,  Pfarrer in Apolda

Provokant

28. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Foto: Yan Boechat, sxc.hu

Foto: Yan Boechat, sxc.hu

Hannovers Bischöfin Margot Käßmann geht es derzeit ein bisschen so wie Goethes Zauberlehrling. Mit ihrer Neujahrspredigt und einigen Interviews hatte die EKD-Ratsvorsitzende eine höchst notwendige und dringend erforderliche Debatte um die Fortsetzung und künftige Gestaltung des deutschen Engagements in Afghanistan ausgelöst. Und ihr Diktum »Nichts ist gut in Afghanistan« hat schon Ende Januar gute Chancen, zu einem der Zitate des Jahres zu werden.

Sicher: Margot Käßmann äußert sich gern plakativ. Ihr ganzes Berufsleben lang hat sich die Theologin mit offenen Worten nicht zurückgehalten, auch wenn das für ihr Gegenüber zuweilen unangenehm war. Zuletzt riskierte sie einen Konflikt mit der katholischen Kirche, als sie auf die Frage, was sie ökumenisch von Papst Benedikt XVI. erwarten könne, schlicht mit »nichts« antwortete. So richtig diese Antwort ist – so sehr stößt sie die Katholiken vor den Kopf. Möglich, dass das der Sprengstoff ist, der den Ökumenischen Kirchentag im Mai vorantreibt: Mit ihrer forschen Art hatte Margot Käßmann bislang Erfolg. Als Frau und Mutter boxte sie sich in der Männergesellschaft Kirche durch. Auch deswegen ist sie so ungeheuer populär.

Doch es gehört zum Charakter einer plakativen Äußerung, dass ihr manchmal die Präzision fehlt. Am 25. Januar veröffentlichte die EKD ein Grundsatzpapier zu Afghanistan. Es ist deutlich ausgewogener als die Neujahrspredigt: Gefordert wird darin ein Vorrang des zivilen Aufbaus. Gespräche mit gemäßigten Taliban werden angemahnt. Doch auch die Rolle der ISAF-Schutztruppe wird anerkannt. Und es gibt den Vorschlag, die zivilen Friedenskräfte ebenfalls mit einem Bundestagsmandat zu versehen. Zurückgerudert sind die Protestanten damit nicht. Im Gegenteil: Sie erläutern ihre Position noch einmal so, dass es der Politik erleichtert wird, im Umfeld der internationalen Afghanistankonferenz darauf einzugehen. Denn eine provokante Position alleine reicht für die Lösung des Konfliktes nicht aus.

Benjamin Lassiwe

Ein Raum und Weg zu Gott

28. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Themenjahr: Auch in Mitteldeutschland gibt es zahlreiche Möglichkeiten, zur Stille zu finden

Kirchen, Gemeinden und Verbände haben 2010 zum »Jahr der Stille« ausgerufen. Eine konfessionsüber-
greifende Initiative will Menschen die Gelegenheit bieten, Stille als wichtigen Aspekt des Alltags neu zu entdecken.

Auch im Kloster Volkenroda – hier eine Detailaufnahme des Kreuzganges am Christuspavillon, der in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feiert – gibt es Einkehrzeiten. Foto: Harald Krille

Auch im Kloster Volkenroda – hier eine Detailaufnahme des Kreuzganges am Christuspavillon, der in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feiert – gibt es Einkehrzeiten. Foto: Harald Krille

»Stille ist kein Selbstzweck, sondern der Weg, um tiefer in die Beziehung zu Gott und sich selbst zu kommen.« Brigitte Seifert muss es wissen. Seit knapp drei Jahren ist die promovierte Theologin Leiterin des »Hauses der Stille« im Kloster Drübeck bei Wernigerode. Vielfach spürten die Menschen, dass der »blanke Materialismus« ihnen nicht weiterhilft, sagt die Seelsorgerin. Nicht zuletzt deshalb lägen Einkehrzeiten wieder voll im Trend.

Auf die besondere Dimension der Stille aufmerksam machen will nun eine konfessionsübergreifende Initiative aus Verbänden, Kirchen und Gemeinden. Sie hat deshalb ein ganzes Themenjahr ausgerufen. Ziel sei es, persönlich das Leben wieder bewusst auf Gott auszurichten und durch die Stille körperlich und seelisch aufzutanken, heißt es. Dabei wollen die Organisatoren um den Leiter des »Hauses der Stille« im pommerschen Weitenhagen, Wolfgang Breithaupt, naturgemäß keine großen Aktionen oder lautstarke Veranstaltungen bieten. Vielmehr gehe es darum, »Stille gezielt ins Bewusstsein zu rufen und Gottes ausgewogenen Lebensrhythmus neu zu entdecken«. Getragen wird das Themenjahr von mehr als 90 Partnern – christlichen Bewegungen, Gemeinden und Verbänden.

Auch hierzulande beteiligen sich etliche Einrichtungen daran. Die Communität Casteller Ring (CCR) etwa, die in Erfurt eine Außenstelle unterhält, zählt ebenso zu den Unterstützern wie die Christusbruderschaft Selbitz, die einen Ableger auf dem ­Petersberg bei Halle hat. »Allerdings müssen wir keine besonderen Angebote machen«, sagt Schwester Katharina Schridde von der CCR. Kurse für Meditation, Exerzitien und Einkehrtage gehörten ohnehin zum Programm im Erfurter Augustinerkloster. Zudem ist Stille für sie noch kein Wert an sich, sondern vielmehr ein Raum und ein Weg, zu sich selbst und zu Gott zu finden. Bruder Lukas Haltiner von der Brüderkommunität auf dem Petersberg bei Halle geht sogar noch einen Schritt weiter. Nach seiner Erfahrung müssten Menschen erst wieder lernen, die Stille auszuhalten. »Das ist für viele das Schwerste überhaupt«, hat er beobachtet.

Dennoch suchen angesichts von Lärm und Hektik im Alltag immer mehr Menschen nach einer Alternative. Allein im Kloster Drübeck ist die Zahl der Teilnehmer, die Einkehr- und Besinnungstage besucht haben, von 215 im Jahr 2007 auf zuletzt 321 gestiegen. Auch bei den »Ruhetagen«, die sich insbesondere an haupt- und ehrenamtliche kirchliche Mitarbeiter richten, verzeichnet Brigitte Seifert eine Zunahme von 95 auf 128 im Jahr 2009.

Einen Boom erlebt auch die Kommunität auf dem Petersberg. »Die Nachfrage ist enorm«, berichtet Bruder Lukas. Hier kommen jährlich mehr als 1.200 Besucher, um die Rückzugsmöglichkeiten des Klosters mit seinen Angeboten zu nutzen. »Inzwischen müssen wir sogar Interessenten absagen, damit auch andere Gruppen und Schulklassen kommen können«, berichtet er. Für diese verstärkte Nachfrage nach Stilleangeboten gibt es nach Ansicht der Verantwortlichen ganz unterschiedliche Beweggründe. Manche Teilnehmer suchten einfach »stille Oasen«. Andere durchlebten eine Krise in Ehe bzw. Beruf oder wollten ihren Glauben vertiefen. »Es sind häufig Schwellensituationen und Überlastungen, die die Menschen in die Stille führen«, so Bruder Lukas.

Diese Beobachtung kann auch Ulrike Köhler vom Kloster Volkenroda unterstreichen. Hier ist es vor allem das »Kloster auf Zeit«, das immer größeren Zuspruch findet. Der Gegensatz von hektischer Betriebsamkeit im Alltag und dem Leben in einer klösterlichen Gemeinschaft sei ein echter Anziehungspunkt, erklärt die für geistliche Angebote zuständige Mitarbeiterin. Das Kloster will diesen Bereich deshalb künftig weiter ausbauen. Zudem gibt es hier ein besonderes Pil-gerangebot und Einkehrzeiten. »Auch wenn das nicht unser Schwerpunkt ist«, wie Ulrike Köhler betont.

Dass der Bedarf nach solchen Angeboten groß ist, wissen alle Beteiligten. Sie erlebe die Kirche sehr aktions- und wortlastig, meint Brigitte Seifert. Doch es brauche auch die Gegenseite, die Kontemplation und die Stille. »Wer sich darauf einlässt«, ist sie überzeugt, »hat einen wirklichen Gewinn davon.«

Martin Hanusch

Kraft zum Leben und Wachsen

23. Januar 2010 von redaktionguh  
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Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen,  der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.
Psalm 1, Vers 3

Ursula Meckel ist Pastorin in Thale

Ursula Meckel ist Pastorin in Thale

Wenn von jemandem gesagt wird, er sei »ein Kerl wie ein Baum« spricht das von Größe und Stärke und Standhaftigkeit, irgendwie vertrauenerweckend. An solchen Menschen kann man sich ­anlehnen, sich geborgen und beschützt fühlen.

Bäume haben weitere gute Eigenschaften: Sie sorgen für ein gutes Klima, viele tragen Früchte und außerdem sind sie einfach schön. In Schlagern ­werden Bäume als beschützenswert beschrieben, ihr erreichbares hohes Alter gilt als Traumziel.

Auch in der Bibel werden Bäume immer wieder erwähnt. Das Alte wie das Neue Testament nennen unterschiedliche Baumarten wie den Olivenbaum oder den Feigenbaum, mit dessen relativ großen Blättern das erste Menschenpaar Adam und Eva nach dem Sündenfall ihre Blöße bedeckten. Dem Baum als Symbol des Sündenfalls, um dessen Stamm sich eine Schlange windet, steht häufig das hölzerne Kreuz als Symbol der Erlösung gegenüber.

In der Pflanzensymbolik haben verschiedene Baumarten und ihre Blätter, Zweige und Früchte eine besondere Bedeutung. So weist die Akazie auf die Unsterblichkeit der Seele hin, der Ölbaum auf den Frieden; der Zapfen der Pinie auf die Leben spendende Gnade und Kraft Gottes; die Stechpalme, aus deren Zweigen der Legende nach die Dornenkrone gefertigt war, auf die Passion Christi.

Mit so einem bedeutsamen und symbolträchtigen Gewächs vergleicht der Psalmist den Menschen, der sich auf Gott einlässt und ihm voll und ganz vertraut. Dieser Mensch weiß, woher er kommt und wohin er geht, er ist fest verwurzelt in der Erde und weiß, woher er die benötigten Kräfte zum Leben und Wachsen bekommt.

Der sich auf Gott einlassende Mensch findet in dem Vergleich sowohl Anspruch als mutmachenden Zuspruch: Die kräftespendenden Quellen werden nicht versiegen!

Ursula Meckel

Eine schlecht verheilte Wunde

21. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Interview: Bischöfin Ilse Junkermann über Missverständnisse in der Versöhnungsdebatte und einladende Gottesdienste

Ihre Äußerungen zur Versöhnung mit DDR-Tätern und zu Gottesdiensten mit geringen Teilnehmerzahlen haben ­Widerspruch provoziert. Dietlind Steinhöfel sprach mit Ilse Junkermann.

Hat keine Angst vor heißen Eisen: Landesbischöfin Ilse Junkermann 	(Foto: Heiko Kleinschmidt)

Hat keine Angst vor heißen Eisen: Landesbischöfin Ilse Junkermann (Foto: Heiko Kleinschmidt)

Frau Landesbischöfin, Ihr Aufruf zur Versöhnung zwischen Opfern und Tätern des DDR-Regimes hat hohe Wellen geschlagen. Hatten Sie mit diesen Reaktionen gerechnet?

Junkermann: Dass es Reaktionen gibt, darauf habe ich gehofft. Ich habe nicht damit gerechnet, so missverstanden zu werden, als ob ich sage: Versöhnung hieße, Schwamm drüber. Das bedauere ich außerordentlich. Denn mir steht klar vor Augen, dass gerade die Opfer noch weniger vergessen können, weil sie unter den Folgen bis heute leiden. Aber man kann nicht pauschal sagen: So geht es den Opfern und so den Tätern oder so sind die Opfer und so die Täter.

Mein Anliegen ist ein seelsorger­liches, zu schauen, wie es den konkreten einzelnen Menschen geht: die bespitzelt wurden, die im Gefängnis waren oder die in ganz unterschiedlicher Weise Täter waren.

Sie fassen gleich zum Anfang Ihrer Amtszeit ein so heißes Eisen an?

Junkermann: Versöhnung ist immer ein heißes Eisen, weil Menschen ­verletzt und Menschen schuldig geworden sind. Ich habe gemerkt, dass dieses Thema unter der Oberfläche schwelt. Es ist wie bei einer schlecht verheilten Wunde.

Ein Leser schrieb: »Wir sind schon weiter, als Frau Junkermann meint.« Sehen Sie das anders?

Junkermann: Ich dachte auch, dass alle schon weiter sind. Und dass ich deshalb nicht groß erläutern muss, was Versöhnung ist und wie Versöhnung geht. Ich habe mich sehr über diesen Leserbrief gefreut. Er zeigt, dass es einen Weg gibt und Versöhnung nicht unmöglich ist. Und dass dieser Weg schon gegangen wird. Das finde ich ermutigend.

Ich bin erschrocken, wie präsent die Verletzungen sind und wie offen die Frage ist, wohin damit. Ich sehe meine Aufgabe darin zu sagen: Wir sind als Christen so frei, Dinge anzusprechen, die weh tun. Wir haben von Gott den Auftrag, zur Versöhnung einzuladen. Dabei habe ich kein fertiges Konzept. Ich spreche in diesen Wochen Menschen an, die mir geschrieben haben – zustimmend wie ablehnend. Ich möchte sie einladen, bei ­einem Treffen gemeinsam zu überlegen: Wie können wir als Kirche solche Gesprächsräume eröffnen?

Das zweite Thema, das die Menschen unserer Landeskirche beschäftigt: Gottesdienst erst ab zehn Besuchern zu feiern. Muss man nicht unterscheiden zwischen Land und Stadt?

Junkermann: Ja, man muss immer unterscheiden. Deswegen habe ich es auch als Frage gestellt: zu überlegen, ob auf Dauer Gottesdienste mit weniger als zehn Menschen noch feierliche und festliche Gottesdienste sind. Und vor allem, ob sie einladend sind, ­ausdrücklich auch für Menschen,  die bisher nicht kommen oder selten. Die treue Arbeit gerade in kleinen ­Gemeinden hat meinen uneingeschränkten Respekt.

Gleichzeitig möchte ich fragen, ob wir ab und zu über diese Realität ­hinauswachsen können. Ich möchte, dass wir darüber reden, auch wenn es schwerfällt. So werden wir offen für Ideen, die wir vielleicht noch nicht ausprobiert haben.

Die Gemeinde-Agende des Kirchenkreises Egeln hat den Publikumspreis beim EKD-Zukunftskongress bekommen, weil sie genau darauf reagiert: Wie können wir anders Gottesdienst feiern und wieder mehr Menschen gewinnen? Ich wünsche mir, dass Menschen sich sonntags austauschen: Wie sieht unser Gottesdienst im Alltag aus? Wie kann in unserem Dorf deutlich werden, dass wir einen Auftrag in der Welt haben? Wer braucht unsere Hilfe? Aber bei aller Diskussion gilt: Die Menschen, die sonntags kommen – und seien es nur vier –, sollen wirklich Trost und Zuspruch finden. Also Kirchen schließen, Menschen nach Hause schicken – das halte ich für ausgeschlossen.

Ist Regionalisierung eine Lösung?

Junkermann: Zu großen regionalen Gottesdiensten zu einem Thema, für Jugendliche oder für eine andere Zielgruppe einzuladen, ist wichtig. Aber es ist ebenso wichtig zu fragen, was Menschen an Heimat suchen und ­womit sie sich identifizieren. Nicht zuletzt zählen da auch die vielen mit viel Einsatz der Gemeindeglieder wunderbar hergerichteten Kirchenräume. Man muss jeweils vor Ort entscheiden, was geht, weil die Mentalität in den Regionen sehr unterschiedlich ist.

Eine letzte Frage: Wie stehen Sie zur Äußerung der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmnn zu Afghanistan?

Junkermann: Bischöfin Margot Käßmann hat den umstrittenen Satz »In Afghanistan ist nichts gut« in einer Predigt gesagt. Er muss im Zusammenhang der ganzen Predigt verstanden werden. Es geht um die Frage: Gerät der zivile Aufbau, der ja angestrebt wird, in Vergessenheit? Das ist auch, was die Bürger bewegt. Ich teile die Ansicht, dass Friedensarbeit wichtiger sein muss als militärisches Engagement.

Wir haben als Kirche den Auftrag, daran zu erinnern, dass Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll. Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir auch bei denen sind, die unter Einsatz ihres Lebens nach Afghanistan gehen, demokratisch beaufragt. Unsere Landessynode hat im November einen Klartext beschlossen: Truppenabzug sobald als möglich, Stärkung der ­Friedenshilfe, sodass sie Vorrang vor Militärischem hat, und die Diskussion darüber, damit Entscheidungen immer wieder überprüft werden. Das hat Bischöfin Käßmann angeregt, ganz wie es zu ihrem Auftrag gehört.

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