Gesprächsbedarf
7. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Foto: Daniel Cubillas, sxc.hu
Das neue Jahr beginnt, wie das alte geendet hat: mit einer Debatte um den Islam und die Frage, ob es sich hier um eine gewalttätige Religion handelt. Waren es zuletzt das Minarettverbot in der Schweiz und das vereitelte Flugzeug-Attentat von Detroit, was die Gemüter bewegte, ist es nun der versuchte Anschlag auf den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard. Vor gut vier Jahren hatten seine Mohammed-Karikaturen zu einem massiven und zum Teil gewaltsamen Protest in der islamischen Welt geführt. So mancher Beobachter sah sich ob dieses Ausbruches in seinem negativen Urteil bestätigt, die Religionen im Allgemeinen und der Islam im Besonderen neigten zu Intoleranz und Gewalt.
Die Diskussionen um die Folgen des zum Glück glimpflich abgelaufenen Anschlages dürften jedoch erst der Anfang sein. Wenn man den Experten glaubt, wird das 21. Jahrhundert vor allem von der interreligiösen Frage geprägt sein. Schon jetzt rückt das Verhältnis zum Islam immer stärker in den Blickpunkt. Auch für die Kirchen bedeutet das eine große Herausforderung. Zu Recht hat der neue Generalsekretär des Weltkirchenrates, Olav Fykse Tveit, dabei vor einem ideologischen Konflikt zwischen Christentum und Islam gewarnt.
Auch wenn es immer wieder Übergriffe von Fanatikern gibt, darf das nicht zu Pauschalurteilen führen. Der islamische Fundamentalismus und der Islam sind ebenso wenig dasselbe wie extremistische Hindus und der Hinduismus oder fundamentalistische Christen und das Christentum. Natürlich gibt es im Islam Gewalt und Extremismus. Auf die Religion können sich die Fanatiker dabei jedoch nicht berufen. Die Mehrheit der Muslime will friedlich leben – genau wie wir. Um ein besseres Miteinander zu erreichen, ist ein intensiver Dialog notwendig, bei dem die strittigen Fragen nicht ausgeklammert werden dürfen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die zum Teil irrationale Angst vor dem Islam weiter wächst. Die Folgen wären sowohl für die Muslime als auch für die westlichen Gesellschaften verheerend.
Martin Hanusch







Von Politik, Medien, Kirchen und Islamverbänden wird immer wieder betont (sinngemäß): Der Islam sei edel, hilfreich und gut. “Auf die Religion können sich die Fanatiker jedoch nicht berufen” (s. o.). Sie tun es aber doch. Insofern steht der “veröffentlichte Islam” in einem recht krassen Widerspruch zu dem “gefühlten Islam”, der uns fast tagtäglich in den Nachrichten begegnet. Und dieser Widerspruch verursacht bei vielen Zeitgenossen Unbehagen.
Dieses Unbehagen läßt sich nicht beseitigen, indem man es ignoriert. Und schon gar nicht, in dem man es als krankhaft (”irrationale Angst”, Phobie) beschimpft. Im Gegenteil, wenn man es unterdrückt, wird es nur verstärkt – und sucht sich dann Ventile an Stellen, die wenig hilfreich sind (s. Schweiz). Ein “intensiver Dialog” mit den Muslimen ist wichtig und unverzichtbar. Aber genau so braucht es Verständnis und “Dialog” mit denen, die von dem “veröffentlichten Islam” nicht überzeugt werden; sprich: es braucht eine sachbezogene, offene und ohne ideologische Scheuklappen geführte Diskussion über den “Islam an sich”, über Inhalte und Geschichte dieser Religion. Solange die nicht wirklich geführt wird, dürften Unbehagen und Mißtrauen sich im Verborgenen immer weiter ausbreiten.
In der Politik spricht man häufig von “Politikverdrossenheit”, weil immer weniger Menschen den schönen Politikerreden Vertrauen schenken. Ebenso scheint sich langsam aber sicher eine “Islam-Verdrossenheit” aufzubauen, weil halt immer mehr Menschen all die schönen Reden von Dialog, Toleranz usw. als wenig überzeugend empfinden. Es dürfte höchste Zeit sein, dieses Problem ernst zu nehmen.