Päckchen und viel mehr

15. Januar 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen

Jeden Monat bekommt die Thüringer ­Pfarrerin Rosl Kurzke aus Pleidelsheim das »Mauritius-Blättle« ­geschickt.  So weiß sie, was die Württemberger ­Gemeinde ­gerade ­beschäftigt. (Foto: Maik Schuck)

Jeden Monat bekommt die Thüringer ­Pfarrerin Rosl Kurzke aus Pleidelsheim das »Mauritius-Blättle« ­geschickt. So weiß sie, was die Württemberger ­Gemeinde ­gerade ­beschäftigt. (Foto: Maik Schuck)

Partnerschaft: Seit 60 Jahren gibt es zwischen Württemberg und Thüringen viele Verbindungen

Rund 40 Jahre im geteilten Deutschland und bald 20 Jahre im vereinten Land. Auch eine Partnerschaft wie die zwischen Württemberg und Thüringen kann in die Jahre kommen. Wird sie eine ­Zukunft haben, und können ­Erkenntnisse daraus für andere Verbindungen genutzt werden?

Zwei Pfarrerinnen beschreiben ihre Sicht auf diese kirchliche  Partnerschaft. Rosl Kurzke aus ­Rittersdorf in Thüringen kann auf ­einen großen Schatz persönlicher Erfahrungen zurückgreifen. Die junge ­Stuttgarterin Karoline Rittberger-Klas promovierte über diese besondere ­Beziehung zweier ­Landeskirchen. Im Interview mit M. Ernst Wahl gibt sie Auskunft:

Haben Sie eine Übersicht, wie viele einzelne Partnerschaften es zwischen der württembergischen und der thüringischen Landeskirche, den Gemeinden und Mitgliedern dieser beiden Kirchen gab?

Pfarrerin Karoline Rittberger-Klas lebt in Stuttgart-Rot. (Foto: Archiv)

Pfarrerin Karoline Rittberger-Klas lebt in Stuttgart-Rot. (Foto: Archiv)

Rittberger-Klas: Zunächst hatte jede Kirchengemeinde eine Partnergemeinde – zumindest auf dem Papier. Manchmal hatten auch zwei württembergische eine in Thüringen, weil es in Württemberg mehr Gemeinden gab. Auch ein Großteil der diakonischen Einrichtungen und Verbände hatte eine Partnerorganisation. Und dazu gab es unzählbar viele ­Partnerschaften zwischen einzelnen Personen. Auch Angehörige kirchlicher ­Berufsgruppen waren miteinander verbunden. Das System der Partnerschaften war fast flächendeckend durchorga­nisiert. Ab 1949 waren die Landeskirchen einander zugeteilt worden.

Waren das wirklich Partnerschaften oder waren es organisierte Lieferungen von Paketen und Päckchen?
Rittberger-Klas:
Pakete und Päcken waren wichtig. Damit hat es angefangen. Im Westen hat man nach der Gründung der Bundesrepublik und der Währungsreform gesehen, dass die Lage in der sich bildenden DDR länger schlecht sein würde. Man hat im Westen die Verpflichtung gefühlt, die erhaltenen Hilfen nach Kriegsende aus dem Ausland auch anderen zukommen zu lassen. Man sah die sowjetische Besatzungszone als Ziel für die Hilfe.

Gibt es markante Daten, an denen die Entwicklung dieser Partnerschaft ablesbar ist?
Rittberger-Klas:
In den fünfziger Jahren fühlten sich die Menschen im ­Osten und im Westen noch sehr verbunden. Schon damals wurde durch Besuche aus der materiellen Einbahnstraße, die es zunächst war, ein Austausch. Einen Einschnitt bildete die Verordnung der DDR 1954, wonach nur noch Pakete von Privatpersonen an Privatpersonen zum persönlichen Gebrauch erlaubt waren. Das zwang dazu, die Partnerschaften zu personalisieren, denn die Diakonie als ­Organisation durfte nichts mehr verschicken. Mit dem Mauerbau allerdings kam es zu einer Krise wegen der sehr eingeschränkten Reisemöglichkeit. Da sind viele Partnerschaften fast eingeschlafen. Erst mit dem Grundlagenvertrag 1972 gab es wieder einen Aufschwung. Man konnte sich sehen, und auch der inhaltliche Austausch wurde inten­siver. Man wollte etwas über den ­anderen, fremden Teil Deutschlands erfahren.

Lässt sich aus den Erfahrungen dieser Jahrzehnte etwas ableiten, was auch für andere Partnerschaften nützlich ist?
Rittberger-Klas:
Für jede Partnerschaft ist Sensibilität nötig. Es ist ­immer schwierig einseitig materielle Hilfe zu leisten und andererseits geistig oder geistlich auf gleicher Ebene miteinander Austausch zu pflegen. Damit das gelingt, braucht es sehr viel Einfühlungsvermögen und auch Toleranz. Man muss Enttäuschungen hinnehmen können, ohne bitter zu werden. Und man braucht Durchhaltevermögen. Dass es das in den württembergisch-thüringischen Partnerschaften reichlich gab, fasziniert mich.


Gelungene und misslungene Beziehungen – haben sie auf das Verhältnis der beiden deutschen Staaten gewirkt?

Rittberger-Klas: Zunächst einmal glaube ich, dass die vielen Kontakte bei den Beteiligten ein Verständnis für die Situation der anderen Seite gefördert haben. Und das ist etwas, das bis heute wichtig ist. Denn Vorurteile zwischen Ost und West gibt es ja heute auch noch viele. Natürlich gab es zu DDR-Zeiten auch ein Interesse des Staates daran, die Beziehungen zu kanalisieren und – wenn man sie schon nicht unterbinden konnte – dann wenigstens im eigenen Sinne zu nutzen. So konnte ein Besuch ja auch das Bild der DDR positiv verändern. Wer mit der Vorstellung von Hunger und Not in den 1980er Jahren die DDR besuchte, kam mit andern Ansichten zurück. Das Ministerium für Staatssicherheit wusste ziemlich genau, wer mit wem verbunden ist, wer wen trifft und wie die Beziehungen laufen. Die Stasi hat sich verstärkt ab den 1980er Jahren mit den Partnerschaften beschäftigt, als klar wurde, dass in den Kirchen Dinge passieren, die nicht im Sinne des Staates sind.

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Päckchen und viel mehr”
  1. Berroth, Martin sagt:

    Sehr geehrte G+H-Redaktion,

    wir feiern 2011 das 20-jährige Jubiläum unserer kommunalen Partnerschaft, die aus unserer fast 60-jährigen Kirchenpartnerschaft hervorgegangen ist.

    Während die kommunale Partnerschaft – insbesondere durch einen gemeinnützigen Partnerschaftsverein, aber auch durch gegenseitige Teilnahme an Gemeindefesten u.a. Aktivitäten auf Vereins- und kommunaler Ebene mit Leben erfüllt wird, bröckeln die Beziehungen zwischen den Kirchengemeinden mehr und mehr ab.

    Ein Grund mag in der Tatsache liegen, dass Gemeindepfarrer in Thüringen bis zu 10 oder mehr Gemeinden zu betreuen haben, von denen jede eine eigene Partnergemeinde in Württemberg besitzt.

    Einen weiteren Grund sehe ich in den gravierenden Unterschieden der Bevölkerungszahl: Partnerort Württemberg 6.500 Einwohner – Tendenz steigend, Partnerort Thüringen zur Wende rd. 1.000 Einwohner, heute 520, Tendenz weiter sinkend.

    Aber gerade hier liegen m.E. Möglichkeiten der Unterstützung. Pfarrämter in Thüringen können mit fehlender Ausstattung ausgerüstet, gemeinsame Projekte können Synergien freisetzen.

    Oft habe ich den Eindruck, dass gerade die Einbeziehung kommunaler Ebenen bei den Pfarrkolleg(inn)en in Thüringen auf äußerste Zurückhaltung stößt.

    Während in Württemberg der Umgang der Pfarrerschaft mit kommunalen Strukturen (z.B. Bürgermeister, Gemeinderat) eher unverkrampft erscheint (z.B. Andacht vor dem Rathaus zu Beginn des Trollinger-Marathons, Sonntagsgottesdienst im Freien auf dem Weinfest, Andacht nach Restaurierung des Kriegerdenkmals auf dem Friedhof vor der Kirche – jeweils durch die zuständigen Pfarrer).

    In unserer thüringischen Partnergemeinde glänzt die zuständige Pfarrerschaft durch Abwesenheit – wenn Gottesdienst, dann nur in der Kirche. Hier prallen unterschiedliche Sichtweisen aufeinander, die früher so nicht zutage getreten sind.

    Mit großem Interesse habe ich die Dissertation „Kirchenpartnerschaften im geteilten Deutschland. Am Beispiel der Landeskirchen Württemberg und Thüringen“ von Fr. Karoline Rittberger-Klas gelesen. In diesem Zusammenhang bin ich im Internet auch auf das Interview mit Hr. Wahl gestoßen und kann diese Aussagen aus eigener Erfahrung seit den 70er Jahren nur bestätigen.

    Ich finde die gelungene Dissertation von Fr. Rittberger-Klas sehr interessant und als erste mir bekannte grundlegende Arbeit zum Thema längst überfällig.

    Anlässlich der Feiern zum 10-jährigen Jubiläum 2001 waren wir noch auf unkommentierte und mosaikartige Präsentation von auch in der Dissertation ausgewerteten Unterlagen angewiesen, was die Verständlichkeit und Übersicht der Zusammenhänge erschwerte.

    Hier erhoffe ich mir für unsere 20-jährige Feier im nächsten Jahr eine didaktisch gelungenere Ausarbeitung und dadurch eine entsprechend breitere Resonanz in der Bevölkerung.

    Mfg. Martin Berroth