Eine schlecht verheilte Wunde
21. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
Abgelegt unter Mitteldeutschland
Interview: Bischöfin Ilse Junkermann über Missverständnisse in der Versöhnungsdebatte und einladende Gottesdienste
Ihre Äußerungen zur Versöhnung mit DDR-Tätern und zu Gottesdiensten mit geringen Teilnehmerzahlen haben Widerspruch provoziert. Dietlind Steinhöfel sprach mit Ilse Junkermann.

Hat keine Angst vor heißen Eisen: Landesbischöfin Ilse Junkermann (Foto: Heiko Kleinschmidt)
Frau Landesbischöfin, Ihr Aufruf zur Versöhnung zwischen Opfern und Tätern des DDR-Regimes hat hohe Wellen geschlagen. Hatten Sie mit diesen Reaktionen gerechnet?
Junkermann: Dass es Reaktionen gibt, darauf habe ich gehofft. Ich habe nicht damit gerechnet, so missverstanden zu werden, als ob ich sage: Versöhnung hieße, Schwamm drüber. Das bedauere ich außerordentlich. Denn mir steht klar vor Augen, dass gerade die Opfer noch weniger vergessen können, weil sie unter den Folgen bis heute leiden. Aber man kann nicht pauschal sagen: So geht es den Opfern und so den Tätern oder so sind die Opfer und so die Täter.
Mein Anliegen ist ein seelsorgerliches, zu schauen, wie es den konkreten einzelnen Menschen geht: die bespitzelt wurden, die im Gefängnis waren oder die in ganz unterschiedlicher Weise Täter waren.
Sie fassen gleich zum Anfang Ihrer Amtszeit ein so heißes Eisen an?
Junkermann: Versöhnung ist immer ein heißes Eisen, weil Menschen verletzt und Menschen schuldig geworden sind. Ich habe gemerkt, dass dieses Thema unter der Oberfläche schwelt. Es ist wie bei einer schlecht verheilten Wunde.
Ein Leser schrieb: »Wir sind schon weiter, als Frau Junkermann meint.« Sehen Sie das anders?
Junkermann: Ich dachte auch, dass alle schon weiter sind. Und dass ich deshalb nicht groß erläutern muss, was Versöhnung ist und wie Versöhnung geht. Ich habe mich sehr über diesen Leserbrief gefreut. Er zeigt, dass es einen Weg gibt und Versöhnung nicht unmöglich ist. Und dass dieser Weg schon gegangen wird. Das finde ich ermutigend.
Ich bin erschrocken, wie präsent die Verletzungen sind und wie offen die Frage ist, wohin damit. Ich sehe meine Aufgabe darin zu sagen: Wir sind als Christen so frei, Dinge anzusprechen, die weh tun. Wir haben von Gott den Auftrag, zur Versöhnung einzuladen. Dabei habe ich kein fertiges Konzept. Ich spreche in diesen Wochen Menschen an, die mir geschrieben haben – zustimmend wie ablehnend. Ich möchte sie einladen, bei einem Treffen gemeinsam zu überlegen: Wie können wir als Kirche solche Gesprächsräume eröffnen?
Das zweite Thema, das die Menschen unserer Landeskirche beschäftigt: Gottesdienst erst ab zehn Besuchern zu feiern. Muss man nicht unterscheiden zwischen Land und Stadt?
Junkermann: Ja, man muss immer unterscheiden. Deswegen habe ich es auch als Frage gestellt: zu überlegen, ob auf Dauer Gottesdienste mit weniger als zehn Menschen noch feierliche und festliche Gottesdienste sind. Und vor allem, ob sie einladend sind, ausdrücklich auch für Menschen, die bisher nicht kommen oder selten. Die treue Arbeit gerade in kleinen Gemeinden hat meinen uneingeschränkten Respekt.
Gleichzeitig möchte ich fragen, ob wir ab und zu über diese Realität hinauswachsen können. Ich möchte, dass wir darüber reden, auch wenn es schwerfällt. So werden wir offen für Ideen, die wir vielleicht noch nicht ausprobiert haben.
Die Gemeinde-Agende des Kirchenkreises Egeln hat den Publikumspreis beim EKD-Zukunftskongress bekommen, weil sie genau darauf reagiert: Wie können wir anders Gottesdienst feiern und wieder mehr Menschen gewinnen? Ich wünsche mir, dass Menschen sich sonntags austauschen: Wie sieht unser Gottesdienst im Alltag aus? Wie kann in unserem Dorf deutlich werden, dass wir einen Auftrag in der Welt haben? Wer braucht unsere Hilfe? Aber bei aller Diskussion gilt: Die Menschen, die sonntags kommen – und seien es nur vier –, sollen wirklich Trost und Zuspruch finden. Also Kirchen schließen, Menschen nach Hause schicken – das halte ich für ausgeschlossen.
Ist Regionalisierung eine Lösung?
Junkermann: Zu großen regionalen Gottesdiensten zu einem Thema, für Jugendliche oder für eine andere Zielgruppe einzuladen, ist wichtig. Aber es ist ebenso wichtig zu fragen, was Menschen an Heimat suchen und womit sie sich identifizieren. Nicht zuletzt zählen da auch die vielen mit viel Einsatz der Gemeindeglieder wunderbar hergerichteten Kirchenräume. Man muss jeweils vor Ort entscheiden, was geht, weil die Mentalität in den Regionen sehr unterschiedlich ist.
Eine letzte Frage: Wie stehen Sie zur Äußerung der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmnn zu Afghanistan?
Junkermann: Bischöfin Margot Käßmann hat den umstrittenen Satz »In Afghanistan ist nichts gut« in einer Predigt gesagt. Er muss im Zusammenhang der ganzen Predigt verstanden werden. Es geht um die Frage: Gerät der zivile Aufbau, der ja angestrebt wird, in Vergessenheit? Das ist auch, was die Bürger bewegt. Ich teile die Ansicht, dass Friedensarbeit wichtiger sein muss als militärisches Engagement.
Wir haben als Kirche den Auftrag, daran zu erinnern, dass Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll. Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir auch bei denen sind, die unter Einsatz ihres Lebens nach Afghanistan gehen, demokratisch beaufragt. Unsere Landessynode hat im November einen Klartext beschlossen: Truppenabzug sobald als möglich, Stärkung der Friedenshilfe, sodass sie Vorrang vor Militärischem hat, und die Diskussion darüber, damit Entscheidungen immer wieder überprüft werden. Das hat Bischöfin Käßmann angeregt, ganz wie es zu ihrem Auftrag gehört.







Frau Ilse Junkermann hat ihre Kindheit in der württembergischen Provinz verbracht und ihr Erwachsenenleben im übrigen Württemberg und in und um Stuttgart. Mehr hat sie wohl von der Welt nicht gesehen und von den Verhältnissen in der untergegangenen DDR hat sie offensichtlich so wenig Ahnung wie ein schwäbischer Schafhirte von der Ostseefischerei. Sie besaß nicht nur die Vermessenheit, zur Wahl des mitteldeutschen Bischofs anzutreten, sondern genießt jetzt darüberhinaus dessen “Narrenfreiheit” (schwäbisch: Narrefreihaid). Ehrenwerte Pfarrer sollen sich ihrer landesfremden Ansicht nach mit DDR-regimetreuen versöhnen, schlägt sie DDR-unkundig naiv vor. Damit trampelt die Schwäbin auf dem Selbstwertgefühl und der Ehre der Pfarrer und Pfarrerinnen herum, die in der DDR belauscht, bespitzelt, bedroht und gelegentlich von den Ewig-Gestrigen bis heute geplagt werden. Einen ehemaligen niederträchtigen Untertan eines menschenverachteneden Systems kann man vielleicht ignorieren, seine Taten aber darf man nicht vergessen. Versöhnen wäre Sünde. Die lebenden Opfer sind für die toten die Pflicht, die Erinnerung unversöhnlich wach zu halten.
Eine Badenerin, die die DDR kennengelernt hat und der Württembergerin geraten hätte, lieber als Missionarin nach Afrika zu gehen.
Sehr geehrte Frau M.Kaag, was für unaufgearbeitete Probleme müssen wohl in Ihnen stecken, dass Sie eine solche hasserfüllte Lesermeinung gegen Frau Junkermann schreiben müssen. Ich bin Pfarrer der Thüringer Landeskirche (von 1969 bis 2002)und durfte von 2002 bis 2008 (wegen Verheiratung mit einer Schwäbin) als Gemeindepfarrer in Württemberg arbeiten. (Seit 2009 bin ich im Ruehestand und wohne auf der Schwäbischen Alb, wo es noch viele “schwäbische Schafhierzen” gibt). In meiner schwäbischen Gemeinde hat man mich nicht ein einziges Mal spüren lassen, dass ich aus Ostdeutschland komme. Im Gegenteil: Es gab keinerlei Vorurteile und ich war beliebt und geachtet. Und darum finde ich es schlimm, wenn umgedreht Frau Junkermann ihre Würtemberger Herkunft vorgeworfen wird. Ich habe Frau Junkermann in der Württemberger Kirche als kompetente und geachtete Oberkirchenrätin kennengelernt. Und sie hatte nicht nur “die Vermessenheit, zur Wahl des mitteldeutschen Bischofs anzutreten”, sondern sie wurde mehrheitlich von den mitteldeutschen Synodalen zur Bischöfin gewählt!
Noch zu Ihrem Satz, dass…(Frau Junkermann) auf dem Selbstwertgefühl und der Ehre der Pfarrer herumtrampelt, die in der DDR belauscht, bespitzelt und bedroht wurden..: Ich bin auch so ein belauschter, bespitzelter Pfarrer. Die Stasi-Akte über mich umfasst über 500 Seiten. Und trotzdem kann ich Frau Junkermann zu dem, was sie zum Thema “Versönung mit DDR-Tätern” gesagt hat, nur zustimmen (vor allem auf dem Hintergrund des obigen Interviews, wo sie versucht hat, eventuelle Missverständnisse zu klären). Den Spitzeln, die nach dem Mauerfall das Gespräch mit mir gesucht haben und die die Versöhnung gesucht haben, denen habe ich nach langem Gespräch gern die versöhnende Hand gereicht. Und wenn Sie solche Sätze schreiben: “Versöhnen wäre Sünde” und “…die Erinnerung unversöhnlich wach halten”, dann kann ich Sie nur bitten, sich die Frage zu stellen: Was hätte Jesus dazu gesagt?
Und zuletzt: Wenn ein Christ aus Ostdeutschland diese Lesermeinung geschrieben hätte, dann hätte ich das noch irgendwie verstanden und ich hätte gedacht, “der hat wohl sehr schlechte Erfahrungen gemacht und kommt darüber nicht hinweg”. Wenn aber “eine Badenerin, die die DDR kennengelernt hat” meint, sie weiß besser als die Mitteldeutschen, wecher Bischof der Richtige für Mitteldeutschland wäre, dann kann ich nur verwundert mein graues Haupt schütteln.
Helmut Sobko, Pfarrer i.R