Kleiner Mann ganz groß
21. Januar 2010 von redaktionguh
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Ausblick: In diesem Jahr dreht sich bei der Reformationsdekade alles um Philipp Melanchthon und die Bildung
Er war einer der engsten Mitstreiter Martin Luthers und ein Vordenker der Reformation: Philipp Melanchthon (1497–1560). Vor allem in der Bildung hat er Spuren hinterlassen. Das schlägt sich auch im Programm des Themenjahres nieder.
Wenn auf eure Veranlassung hin die Jugend richtig unterrichtet wird, wird sie der Schutz der Stadt sein, denn kein Bollwerk und keine Befestigung macht eine Stadt stärker als gebildete, kluge und mit anderen Tugenden begabte Bürger«. Solche Sätze, zugegeben in modernerer Sprache, hört man heute oft. Dieses Zitat aber stammt von Philipp Melanchthon – aus dem Jahr 1526!

Im Foyer des Rathauses seiner Geburtsstadt Bretten können die Besucher zu einer Gipsstatue des Gelehrten und Reformators Philipp Melanchthon aufblicken. (Foto: epd-bild)
2010 wird an den 450. Todestag jenes Mannes erinnert, der als Philipp Schwartzerdt am 16. Februar 1497 in Bretten geboren wurde, mit 21 Jahren Professor für Griechisch war und der in Wittenberg zum wichtigen Wegbegleiter Martin Luthers wurde. Im Rahmen der Lutherdekade zum Reformationsjubiläum 2017 soll nun zur Auseinandersetzung mit jenen Bildungsimpulsen eingeladen werden, die ohne Melanchthon nicht zu denken wären.
Er gründete in Nürnberg das erste humanistische Gymnasium auf deutschem Boden, unzählige Lehrbücher hat er verfasst und Lehrpläne erstellt. Schüler- und Studententheater gehen auf seine Initiative zurück, stets überfüllt waren seine Vorlesungen an der Wittenberger Universität. Seine Lebensleistung sollte ihm schließlich den Beinamen »Praeceptor Germaniae« eintragen; für Luther, der den Gefährten wegen dessen schmächtiger Statur auch »mein kleines Griechlein« nannte, wurde er zum »Außenminister der Reformation«.
Vielerorts im Land wird also an diesen (Vor)Denker in diesem Jahr erinnert. Unter dem Motto »Staat, Religion, Bildung – reformatorisches Erbe vor der Herausforderung einer säkularen Gesellschaft« firmiert eine hochkarätig besetzte Tagung, zu der vom 19. bis 20. April in den Thüringer Landtag eingeladen wird.
In Wittenberg, Melanchthons Hauptwirkungsort, gibt es Tagungen und Vorträge mit Schreibwerkstätten für Schüler. Christian Lehnert von der Evangelischen Akademie startet seine Melanchthon-Tage der Gegenwartsliteratur. Die Cranach-Stiftung diskutiert über kulturelle Bildung als »Humus« für die Entwicklung von Kindern … Wenn das kein Déjà-vu ist. Auch das Evangelische Predigerseminar hat seine Sonntagsvorlesungen 2010 dem Bildungsreformer gewidmet, und bereits diesen Sonntag hält der Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Stefan Rhein, die Eröffnungsvorlesung, bei der es um Melanchthon als Bürger Wittenbergs geht.
Ebenfalls lange vor dem Festmarathon im April wird am 16. Februar, Melanchthons 513. Geburtstag, der Garten hinter seinem einstigen Wohnhaus seine ursprüngliche Größe erhalten. 1860 wurde das Idyll geteilt, nun werden die Gartengrundstücke wiedervereinigt, weshalb das Melanchthonhaus an diesem Tag auch vorübergehend geschlossen ist. Was die baulichen Aktivitäten angeht, so kommt in diesem Jubiläumsjahr einiges auf Rheins Stiftung zu: Das Nachbarhaus zum Melanchthonhaus wird abgerissen; an dessen Stelle entsteht ein neues Ausstellungsgebäude, über das man später ins Museum gelangt. Zudem wird zusätzliche Ausstellungsfläche geschaffen, die es ermöglicht, in der neuen Dauerausstellung eine größere Themenvielfalt zu präsentieren.
Einen kleinen Vorgeschmack auf diese Exposition gibt es am 16. April, wenn im Melanchthonhaus eine Interimsausstellung eröffnet wird, in der vorab einige zentrale Exponate gezeigt werden. Die Stiftung konnte in den letzten Jahren zahlreiche neue Objekte erwerben, darunter Melanchthons Antrittsvorlesung sowie zahlreiche Büsten und Gemälde. Im Übrigen soll das ansonsten leere Gebäude auch als Raum erfahrbar gemacht werden. Dazu wird den Besuchern am 17. April eine theatralische Lektion erteilt, die unter dem Titel »Herzkammer und Hirnkasten« in die Anatomie des Hauses einführt. Eingebettet ist diese Veranstaltung in die lange Melanchthon-Nacht, deren Motto »Kleiner Mann ganz groß« lautet.
Danach geht es zum offiziellen Festakt der Evangelischen Kirche in Deutschland. Am 19. April, Melanchthons Todestag, werden sich Persönlichkeiten aus Kirche, Staat und internationaler Ökumene in Wittenberg treffen. Es heißt, dass ebenso bei Bundeskanzlerin Angela Merkel angefragt wurde. Vielleicht ist dann auch wieder die Rede von der Bildung als Voraussetzung für eine erfolgreiche Gesellschaft.
Corinna Nitz




