Überzeugte Christin und begeisterte Naturwissenschaftlerin

21. Januar 2010 von redaktionguh  
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Elke Eisenschmidt (Foto: Viktoria Kühne)

Elke Eisenschmidt (Foto: Viktoria Kühne)

Elke Eisenschmidt aus Magdeburg ist das jüngste Mitglied des Rates der EKD

An Selbstbewusstsein mangelt es ihr nicht. »Ich will nach bestem Wissen und Gewissen tun, was gut für unsere Kirche ist«, sagt Elke Eisenschmidt überzeugt. Im vergangenen Jahr hat die 28-jährige Mathematikerin mit einem überraschend deutlichen Ergebnis den Sprung in den Rat der EKD geschafft. Schon bei ihrer Vorstellung auf der EKD-Synode in Ulm überzeugt die großgewachsene Frau mit dem dunklen Zopf durch ihre direkte Art.

Gleich nach der hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann wird sie als jüngstes Mitglied in eines der wichtigsten Leitungsgremien der evangelischen Kirche gewählt. »Natürlich habe ich Respekt vor der Aufgabe«, sagt sie. Aber eingeschüchtert zwischen all den Bischöfen und Kirchenpräsidenten fühle sie sich nicht.

Dass die junge Magdeburgerin eine solche Karriere hinlegen würde, ist keineswegs selbstverständlich. Ursprünglich stammt Elke Eisenschmidt aus einem eher kirchenfernen Elternhaus. Der Vater ist Ingenieur, die ­Mutter Chemikerin. Als Kind erfährt sie die Umbrüche der Wendezeit hautnah. »Es dürfte eine typische Ostbiografie der jüngeren Generation sein«, vermutet sie. Erst durch den Reli­gionsunterricht am Ökumenischen Domgymnasium kommt sie mit zwölf Jahren in Kontakt mit dem Glauben. »Das hat bei mir einen intensiven Denkprozess ausgelöst«, erzählt sie freimütig. In der Kreuzgemeinde und Pfarrerin Renate Höppner findet sie in dieser Zeit wichtige Anlaufstellen. Sie engagiert sich in der Jungen Gemeinde und lässt sich mit 15 Jahren taufen. »Das war eine ganz bewusste Entscheidung.«

Ganz zielgerichtet wählt sie auch ihren weiteren Weg. Unmittelbar nach dem Abitur im Jahr 2000 beginnt sie mit einem Mathematikstudium an der Otto-von-Guericke-Universität, geht zwischendurch nach Paris und beendet das Studium nach fünf Jahren mit Erfolg. Inzwischen hat die 28-Jährige promoviert und arbeitet an einem interdisziplinären Projekt in der Hirnforschung mit. »Ich mag es, den ­Dingen auf den Grund zu gehen«, sagt sie mit einem Lächeln.

Ganz unbeleckt in Gremienarbeit ist das frisch gebackene EKD-Ratsmitglied ebenfalls nicht. Schon während ihres Studiums engagierte sich Elke Eisenschmidt im Evangelischen Studienwerk Villigst und im Fachschaftsrat der Universität. Vor allem die Zusammenarbeit mit anderen Studenten habe sie in ihrer geistlichen Entwicklung vorangebracht.

Zwei Vorhaben hat sie sich für ihre neue Aufgabe in der Kirche besonders auf die Fahnen geschrieben. So liegt ihr als »leidenschaftlicher Naturwissenschaftlerin« insbesondere am Dialog zwischen den Naturwissenschaften und der Kirche. Außerdem will sie dazu beitragen helfen, den Graben zwischen der Jugend und der Kirche zu überwinden. Doch zunächst muss sie sich in die neue Materie, etwa den EKD-Reformprozess, einarbeiten. Schwerfallen dürfte ihr das nicht. »Hier wird mir vermutlich die logische Art des Herangehens zugute kommen«, sagt sie selbstbewusst.

Martin Hanusch

Zukunft gestalten – Familien im Blick

21. Januar 2010 von redaktionguh  
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Zum dritten Mal wurde im Kirchenkreis Mühlhausen ein Zukunftspreis vergeben

Wie sind Familien in den Kirchengemeinden eingebunden? Welche Wünsche und Erwartungen tragen sie an die Kirche? Um diesen ­Fragen nachzugehen, lobte der evangelische Kirchenkreis Mühlhausen zum dritten Mal den mit insgesamt 5.000 Euro dotierten Zukunftspreis aus. Am 15. Januar wurde nun der »Zukunftspreis 2009 für Familienarbeit« im Gemeindezentrum St. Martini/St. Georgii übergeben. Erstmals prämierte der Kirchenkreis damit gezielt innovative Projekte zur Familienarbeit.

Wichtig für ihre Auswahl waren der Jury nicht nur die Nachhaltigkeit und die Stärkung des Gemeindelebens, sondern auch die kommunale Ausweitung der Projekte.

Die Kirchengemeinde aus Blankenburg nahm die Urkunde für den ­ersten Platz von Superintendent ­Andreas ­Piontek (r.) entgegen. (Foto: Daniela Lange)

Die Kirchengemeinde aus Blankenburg nahm die Urkunde für den ­ersten Platz von Superintendent ­Andreas ­Piontek (r.) entgegen. (Foto: Daniela Lange)

Der erste Preis ging an die Kirchengemeinde aus Blankenburg und ihre Initiative »Zusammenspiel der Generationen. Gemeinde als Familie Gottes«.

Besonders beeindruckt war die Jury, bestehend aus haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern des Kirchenkreises, von der Ausstrahlung mit missionarischer Tätigkeit über die Gemeinde hinaus sowie der sehr hohen Beteiligung an den generationenübergreifenden Aktivitäten, die den Gottesdienst zu einem Familientreffpunkt werden ließen. Durch den Aufruf zur Rettung des Krippenspiels aufgrund des Nachwuchsmangels kamen besonders viele Menschen zusammen, die nun auch bei Dorffesten Bibelgeschichten näherbringen.

Was mit dem Gewinn von 1.700 Euro geschehen soll, wissen die Gemeindemitglieder schon ganz genau: Das Geld soll für den Bau des neuen Gemeindehauses eingesetzt werden.

Über den zweiten Platz freute sich die Mühlhäuer Gemeinde St. Nicolai. Hier stand die Frage im Raum, ob ­Eltern das Beten gelehrt werden kann. Und das funktionierte ganz wunderbar: Mütter und Väter kamen zum Kindergottesdienst und setzten sich intensiv mit biblischen Themen auseinander. Seitdem hat die Kirchengemeinde nicht nur neue Mitarbeiter, die weitere Aktionen möglich machen. Auch der Kindergarten wird nun stärker in die Projekte einbezogen.

Den dritten Rang erzielte die Kirchengemeinde Großengottern mit einem ganz speziellen lebendigen Adventskalender. An 25 Tagen im Advent wurden im Gemeinderaum die Türchen geöffnet und Geschichten erzählt, die von Konfirmanden sowie Ehrenamtlichen aufgeführt wurden.

Vierter Preisträger wurde die Kirchengemeinde Dingelstädt, die durch die Filmgottesdienste zu den Zehn Geboten überzeugte.

Das Projekt sprach auch junge Leute an. Die bemerkten, dass ein Gottesdienst gar nicht langweilig sein muss.
Mit dieser Auszeichnung wird die Arbeit in den Gemeinden gewürdigt, gleichzeitig sind die Projekte aber auch Vorbilder für weitere Aktionen und sollen zur Nachahmung anregen.

Daniela Lange

Mit Einfallsreichtum gegen den rechten »Trauermarsch«

21. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Ein »Band der Demokratie« knüpften die Teilnehmer am Sonnabend in Magdeburg (Fotos: Uli Lücke)

Ein »Band der Demokratie« knüpften die Teilnehmer am Sonnabend in Magdeburg (Fotos: Uli Lücke)

Kirchen beteiligten sich mit Programm an der Meile der Demokratie in Magdeburg

An der Kirchenbühne lagen Sitzbänke schräg an der Seite, weil wohl kaum jemand bei dem Schnee und dem kalten Winterwetter darauf Platz genommen hätte. Dennoch wurde das ökumenische Programm bei der »Meile der Demokratie« am 16. Januar in Magdeburg genauso gut besucht wie die Aktion gegen den zeitgleichen Aufmarsch von 1.000 Neonazis selbst. Das Magdeburger »Bündnis gegen Rechts« zählte bei der zwei Kilometer langen »Meile« auf beiden Seiten des Breiten Wegs 5.000 Besucher. Anlass für den »Trauermarsch« der Neonazis war der 65. Jahrestag des schweren Luftangriffs auf die Stadt.

Die »Meile«, an der sich 115 verschiedene Initiativen beteiligten, erfuhr nach Januar 2009 ihre zweite Auflage. Auf der Kirchenbühne wurde ein Programm geboten, bei dem Unterhaltung genauso wie Diskussionen sowie die Interessen aller Altersgruppen ihren Raum erhielten. So traten die junge Musikgruppe »Norbeat« der katholische St.-Norbert-Gemeinde sowie die Oldie-Band »Charlies Crew« auf. Für Humor sorgten Kabarettisten. Einen multikulturellen Beitrag lieferte eine deutsch-bulgarische Kindertanzgruppe, die im Eine-Welt-Haus probt. Von der evangelischen Nikolai-Gemeinde kam der Jugendchor »Gospelexpress«.

Auf der Kirchenbühe standen Jan-Hendrik Olbertz (re.) und Bischöfin Ilse Junkermann (3.v.l.) Rede und Antwort.

Auf der Kirchenbühe standen Jan-Hendrik Olbertz (re.) und Bischöfin Ilse Junkermann (3.v.l.) Rede und Antwort.

»Nur Idioten brauchen einen Führer«

Am Podium gruppierten sich Stände, unter anderem des Christlichen Vereins Junger Menschen, der Malteser, der Diakonie und der Katholischen Jugend. Den Bereich hatten die Akteure auch mit Einfallsreichtum gestaltet. Zum Beispiel wehte am Pavillon des Evangelischen Kirchenkreises in Bezug auf Neonazis ein Stoffplakat, auf dem fünf Männer gemalt waren, die sich an den Händen gefasst haben und mit verbundenen Augen auf einen Abgrund zugehen. Neben der Zeichnung stand der Schriftzug »Nur Idioten brauchen einen Führer«.

Auf der Hauptbühne an der Goldschmiedebrücke rief Sachsen-Anhalts Landtagspräsident Dieter Steinecke (CDU) zur Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten und die Ursache des Zweiten Weltkrieges auf. Innenminister Holger Hövelmann (SPD) erneuerte dort seine Forderung, die rechtsextreme NPD zu verbieten. Für die Kirchenbühne konnten ebenfalls prominente Redner gewonnen werden. Dort diskutierten Schüler des Ökumenischen Domgymnasiums unter dem Motto »Toleranz in Köpfen und Herzen!« mit Landesbischöfin Ilse Junkermann und Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz (parteilos).

Zur Vermittlung von Toleranz müssten unterschiedliche Generationen und Kulturen in einen Dialog gebracht werden, mahnte Junkermann an. Kirchengemeinden und auch Kindertagesstätten hätten eine »große Chance«, solche Begegnungen zu schaffen. Olbertz betonte, aus dem Wissen über die »Geschichte und das Elend« des 20. Jahrhunderts ließe sich folgern, dass sich die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht wiederholen dürften.

Bei vielen Besuchern auch der Kirchenbühne wird vermutlich als besonders beeindruckend von der »Meile« in Erinnerung bleiben, wie mehrere Hundert Menschen von der Danzstraße bis weit hinter den Alten Markt mit bunten Tüchern und Seilen und an den Händen gefasst ein »Band der Demokratie« bildeten.

Karsten Wiedener

Lutherhaus Eisenach zeigt Kunst zur Bibel

21. Januar 2010 von redaktionguh  
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»Folgt mir nach« heißt die Grafik von Günter Skrodzi (Foto: Lutherhaus)

»Folgt mir nach« heißt die Grafik von Günter Skrodzi (Foto: Lutherhaus)

Das Lutherhaus Eisenach präsentiert seit vergangenem Montag 16 großformatige Holzschnitte aus dem »Projekt Bibel« des norddeutschen Künstlers Günter Skrodzki. Die Blätter aus dem Zyklus »Das Leben Jesu« gehören zu den bisher 420 Arbeiten, in denen sich Skrodzki seit zehn Jahren mit biblischen Themen auseinandersetzt. Zwischen 2000 und 2006 entstanden ferner die Zyklen »Das 1. Buch Mose«, »Exodus« und »Offenbarung des Johannes«. Dem Künstler gehe es bei seinem Projekt nicht um eine bloße Illustrierung, sondern vielmehr um eine künstlerische Auseinandersetzung mit der in der Bibel verkündeten Wirklichkeit Gottes, teilte das Lutherhaus in Eisenach mit.

Skrodzki gilt als einer der bedeutendsten christlich motivierten zeitgenössischen Künstler in Deutschland. Er wurde 1935 in Ostpreußen geboren und kam am Ende des Zweiten Weltkriegs nach Schleswig-Holstein. Dort lebt und arbeitet er seit 1977 in Hattstedt bei Husum in Nordfriesland. Sein »Projekt Bibel« orientiert sich am Expressionismus vor allem der Künstlergemeinschaft »Die Brücke«.

Die Ausstellung im Eisenacher Lutherhaus ist bis 21. März täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Wettstreit

21. Januar 2010 von redaktionguh  
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lutherDroht den Bundesländern Sach­sen-Anhalt und Thüringen ein Wettstreit im Blick auf das Lutherjubiläum 2017?

Wenn man manchen Berichten der jüngsten Zeit Glauben schenkt, hat das Rennen um die beste Ausgangsposition in der Reformationsdekade längst ­begonnen. Da werden die Lutherstädte Eisleben und Wittenberg plötzlich zu Konkurrenten von Wartburg oder dem Lutherstammort Möhra erklärt. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) tut gut daran, sich an solchen Streitigkeiten und Spiegelfechtereien nicht zu beteiligen. Ihr Augenmerk muss vielmehr auf die inhaltliche Ausgestaltung der nächsten Jahre gerichtet sein.

Mit Erfurt, Eisenach, Eisleben, Möhra, Torgau und Wittenberg vereint sie fast alle wichtigen Lutherstätten auf sich, lediglich Schmalkalden und Coburg zählen nicht zu ihrem Gebiet. Diese Fülle an authentischen Orten ist zweifellos ein großes Pfund, mit dem die EKM in der Lutherdekade wuchern kann.

Schon aus diesen Gründen muss der Kirche daran gelegen sein, dass die beteiligten Bundesländer im Blick auf das große Jubiläum intensiv zusammenarbeiten. Ansonsten besteht die Gefahr der Zersplitterung, die niemandem weiterhilft.

Natürlich haben die Länder, was den Tourismus betrifft, eigene Interessen.

Allerdings dürfte sich ein amerikanischer oder skandinavischer Tourist, der auf den Spuren Luthers wandelt, kaum von deutschen Ländergrenzen beeindrucken lassen. Er wird die Wartburg genauso sehen wollen wie das Geburtshaus in Eisleben oder das Schloss Hartenfels in Torgau. Das sollte auch den Verantwortlichen klar sein.

Den Kirchen kann es zudem nicht allein um eine touristische Vermarktung des Reformators gehen.

Im Mittelpunkt aller kirchlichen Bemühungen um das Jubiläum 2017 muss vielmehr die Bedeutung des Reformators für Kirche und Gesellschaft stehen und die Frage, was uns das heute, 500 Jahre danach, zu sagen hat. Im stark säkularisierten »Kernland der Reformation« ist das wohl Aufgabe genug.

Martin Hanusch

Kleiner Mann ganz groß

21. Januar 2010 von redaktionguh  
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Ausblick: In diesem Jahr dreht sich bei der Reformationsdekade alles um Philipp Melanchthon und die Bildung

Er war einer der engsten ­Mitstreiter Martin Luthers und ein Vordenker der Reformation: Philipp Melanchthon (1497–1560). Vor allem in der Bildung hat er Spuren hinterlassen. Das schlägt sich auch im Programm des Themenjahres nieder.

Wenn auf eure Veranlassung hin die Jugend richtig unterrichtet wird, wird sie der Schutz der Stadt sein, denn kein Bollwerk und keine Befestigung macht eine Stadt stärker als gebildete, kluge und mit anderen Tugenden begabte Bürger«. Solche Sätze, zugegeben in modernerer Sprache, hört man heute oft. Dieses Zitat aber stammt von ­Philipp Melanchthon – aus dem Jahr 1526!

Im Foyer des Rathauses seiner Geburtsstadt Bretten können die Besucher zu einer Gipsstatue des Gelehrten und ­Reformators Philipp Melanchthon aufblicken. (Foto: epd-bild)

Im Foyer des Rathauses seiner Geburtsstadt Bretten können die Besucher zu einer Gipsstatue des Gelehrten und ­Reformators Philipp Melanchthon aufblicken. (Foto: epd-bild)

2010 wird an den 450. Todestag jenes Mannes erinnert, der als Philipp Schwartzerdt am 16. Februar 1497 in Bretten geboren wurde, mit 21 Jahren Professor für Griechisch war und der in Wittenberg zum wichtigen Wegbegleiter Martin Luthers wurde. Im Rahmen der Lutherdekade zum Reformationsjubiläum 2017 soll nun zur Auseinandersetzung mit jenen Bildungsimpulsen eingeladen werden, die ohne Melanchthon nicht zu denken wären.

Er gründete in Nürnberg das erste humanistische Gymnasium auf deutschem Boden, unzählige Lehrbücher hat er verfasst und Lehrpläne erstellt. Schüler- und Studententheater gehen auf seine Initiative zurück, stets überfüllt waren seine Vorlesungen an der Wittenberger Universität. Seine Lebensleistung sollte ihm schließlich den Beinamen »Praeceptor Germaniae« eintragen; für Luther, der den Gefährten wegen dessen schmächtiger Statur auch »mein kleines Griechlein« nannte, wurde er zum »Außenminister der Reformation«.

Vielerorts im Land wird also an diesen (Vor)Denker in diesem Jahr erinnert. Unter dem Motto »Staat, Religion, Bildung – reformatorisches Erbe vor der Herausforderung einer säkularen Gesellschaft« firmiert eine hochkarätig besetzte Tagung, zu der vom 19. bis 20. April in den Thüringer Landtag eingeladen wird.

In Wittenberg, Melanchthons Hauptwirkungsort, gibt es Tagungen und Vorträge mit Schreibwerkstätten für Schüler. Christian Lehnert von der Evangelischen Akademie startet seine Melanchthon-Tage der Gegenwarts­literatur. Die Cranach-Stiftung diskutiert über kulturelle Bildung als ­»Humus« für die Entwicklung von Kindern … Wenn das kein Déjà-vu ist. Auch das Evangelische Predigerseminar hat seine Sonntagsvorlesungen 2010 dem Bildungsreformer gewidmet, und bereits diesen Sonntag hält der Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, Stefan Rhein, die Eröffnungsvorlesung, bei der es um Melanchthon als Bürger Wittenbergs geht.

Ebenfalls lange vor dem Festmarathon im April wird am 16. Februar, Melanchthons 513. Geburtstag, der Garten hinter seinem einstigen Wohnhaus seine ursprüngliche Größe erhalten. 1860 wurde das Idyll geteilt, nun werden die Gartengrundstücke wiedervereinigt, weshalb das Melanchthonhaus an diesem Tag auch vorübergehend geschlossen ist. Was die baulichen Aktivitäten angeht, so kommt in diesem Jubiläumsjahr einiges auf Rheins Stiftung zu: Das Nachbarhaus zum Melanchthonhaus wird abgerissen; an dessen Stelle entsteht ein neues Ausstellungsgebäude, über das man später ins Museum gelangt. Zudem wird zusätzliche Ausstellungsfläche geschaffen, die es ermöglicht, in der neuen Dauerausstellung eine größere Themenvielfalt zu präsentieren.

Einen kleinen Vorgeschmack auf diese Exposition gibt es am 16. April, wenn im Melanchthonhaus eine Interimsausstellung eröffnet wird, in der vorab einige zentrale Exponate gezeigt werden. Die Stiftung konnte in den letzten Jahren zahlreiche neue Objekte erwerben, darunter Melanch­thons Antrittsvorlesung sowie zahlreiche Büsten und Gemälde. Im Übrigen soll das ansonsten leere Gebäude auch als Raum erfahrbar gemacht werden. Dazu wird den Besuchern am 17. April eine theatralische Lektion ­erteilt, die unter dem Titel »Herzkammer und Hirnkasten« in die Anatomie des Hauses einführt. Eingebettet ist diese Veranstaltung in die lange Melanchthon-Nacht, deren Motto »Kleiner Mann ganz groß« lautet.

Danach geht es zum offiziellen Festakt der Evangelischen Kirche in Deutschland. Am 19. April, Melanch­thons Todestag, werden sich Persönlichkeiten aus Kirche, Staat und internationaler Ökumene in Wittenberg treffen. Es heißt, dass ebenso bei Bundeskanzlerin Angela Merkel angefragt wurde. Vielleicht ist dann auch wieder die Rede von der Bildung als Voraussetzung für eine erfolgreiche Gesellschaft.

Corinna Nitz

Das ganze Leben im Blick

16. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster, des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen.
Psalm 92,2

Gabriele Schmidt ist Pfarrerin in Eisenach

Gabriele Schmidt ist Pfarrerin in Eisenach (Foto: privat)

Von Herzen kommende Gebete und große Dichtung zugleich. Die Psalmen sind ein großer Schatz Erfahrungen von Männern und Frauen, die ihr Leben in Beziehungen miteinander und zu Gott gelebt und gedeutet haben. Ihr Glaube ist eng mit der eigenen Lebensgeschichte verbunden.

Die alten Gebete laden auch mich ein, glaubend und suchend Gott nahezukommen. Gelingt es, sehe ich viel Schönheit um mich herum, sehe das Wachstum der Natur, die Freundlichkeit der Menschen, die mir begegnen. Ich freue mich dann an guter ­Musik und Kunstwerken, die noch nach hunderten von Jahren auch heute zu mir sprechen.

Die Schönheit unserer Kirchen, die Schnitzereien an alten Kanzeln, in Stein gehauene Reliefs an Säulen, biblische Figuren auf Altären und Gemälde alter Meister, die den Glauben ihrer Zeit spiegeln, berühren mich. Sie nehmen mich mit hinein in ihre Welt. Glaube überschreitet Zeit und Raum.  Die Worte der Psalmen verbinden mich mit vielen Generationen.

Wenn der Psalmbeter von Gnade am Morgen und Wahrheit in der Nacht spricht, ist mein ganzes Leben im Blick. Licht und Schatten, Krankheit und Gesundheit, die Jugend und das Alter. Es gibt keine Zeit und keinen Ort, an dem ich nicht glauben und hoffen dürfte, loben und danken kann.

Mit solchem Glauben will Gott mich behüten zu verzweifeln, wenn Hindernisse und Steine auf meinem Weg liegen. Wenn Eltern ihren Kindern, Großeltern ihren Enkeln, Kindergärtnerinnen ihren Schützlingen oder Freunde sich gegenseitig diese Hoffnung glaubwürdig mit eigenen Erlebnissen weitersagen, geht die Hoffnungsgeschichte des christlichen Glaubens immer weiter. Die Schönheit alter Glaubenstexte wird lebendig durch uns. Wir sind ein Teil davon. Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken und lobsingen deinen Namen.

Gabriele Schmidt

Guter Kompromiss oder Rückschritt?

15. Januar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Mitteldeutscher Lektorenrat verteidigt neues Lektoren- und Prädikantengesetz

ekmblogLogoIn die Diskussion um das neue Lektoren- und Prädikantengesetz hat sich der Lektorenrat der mitteldeutschen Kirche eingeschaltet. Das Gremium sehe das Gesetz über den ehrenamtlichen Verkündigungsdienst der Lektoren und Prädikanten durchaus positiv, geht aus einer Stellungnahme des Gremiums zu dem im November beschlossenen Gesetz hervor. Die Landessynode habe damit eine »solide rechtliche Grundlage« für dieses wichtige Arbeitsfeld geschaffen. Zudem gehe die einheitliche Regelung deutlich über einen Kompromiss hinaus. »Das Gesetz ist sowohl theologisch als auch praktisch gut haltbar«, ist Pfarrer Karsten Müller, der landeskirchlich Verantwortliche für den Lektorendienst, überzeugt.

Insgesamt sieht er die beiden zentralen Anliegen des Lektorenrates aufgenommen. So sollte es Lektorinnen und Lektoren in Ausnahmefällen auch weiterhin ermöglicht werden, Gottesdienste mit Abendmahl leiten zu können. Außerdem unterstreiche das Gesetz, dass qualifizierte Lektorinnen und Lektoren keineswegs »Lückenbüßer« seien, sondern in der Gemeinschaft des Verkündigungsdienstes stünden. Zwar seien diese Schwerpunkte in dem Gesetz nicht deckungsgleich umgesetzt worden, räumt Müller ein. Die Regelungen zeigten jedoch, dass qualifizierte Lektoren unter bestimmten Voraussetzungen mit dem Prädikantendienst beauftragt werden und dann im Ausnahmefall Abendmahlsfeiern leiten könnten.

»Diese Vorschrift hat neben dem Votum des Lektorenrates die tatsächlichen quantitativen Verhältnisse im Lektorendienst im Blick«, so Müller. Nach der jüngsten Erhebung gibt es derzeit 2043 Lektoren in der EKM, davon rund 800 qualifizierte Lektoren. Etwa 20 Lektoren haben von der Ausnahmeregelung der alten Ordnungen Gebrauch gemacht.  Die Zahl der Prädikanten, die selbstständig Gottesdienste leiten, wird mit 173 beziffert.

Als Grund für die Kritik vermutet Müller andere Probleme. Häufig stehe dahinter die Frage der Wertschätzung und Einbindung von Lektoren. »Da gibt es sehr wohl Konfliktpotenzial.« Der für die Lektorenarbeit Verantwortliche plädiert deshalb für eine offene Diskussion. »Insofern ist es auch gut, dass sich kritische Stimmen melden.«

Zugleich hofft Müller auf eine größere Gelassenheit, um die offenen Fragen miteinander zu besprechen. Der Lektorenrat als Vertretung sei bereit, seine Aufgaben in diesem Prozess wahrzunehmen und darauf zu achten, dass ihm die Beachtung zukommt, die sich im allgemeinen Priestertum der Getauften begründe, unterstreicht er. Als positiven Trend hat der Theologe zudem ein wachsendes Bewusstsein in den Kirchenkreisen für die Ausbildung der Lektoren ausgemacht. Das Gesetz gebe hier verschiedene Anstöße zur Struktur der Gestaltung des ehrenamtlichen Verkündigungsdienstes.

Doch dieser Punkt stößt keineswegs überall auf ungeteilte Zustimmung. So hat sich der Regionalkonvent Camburg des Kirchenkreises Eisenberg in einem Antrag an die Kreissynode deutlich gegen die vorgesehene Regelung ausgesprochen. Zwar begrüßt der Konvent die einheitliche Rechtsgrundlage. Dem »enormen Bedeutungszuwachs« der Lektoren würden jedoch Teile des Gesetzes nicht gerecht, heißt es darin. Nach Ansicht des Regionalkonventes müsse die Aus- und Weiterbildung der Lektoren als Aufgabe der Landeskirche gesehen werden. Gerade für kleine Kirchenkreise sei die kontinuierliche Ausbildung von Lektoren eine kaum zu bewältigende Aufgabe.

Außerdem hält der Konvent die bisher in Thüringen vorhandene Möglichkeit der konkreten Beauftragung  für die ordnungsgemäße Feier des Abendmahls »auch in Zukunft für unverzichtbar«. Die Landessynode wird deshalb aufgefordert, die Ausbildung der Lektoren wieder als gesamtkirchliche Aufgabe zu übernehmen und die Beauftragung der Lektoren zur Feier des Abendmahls in konkreten Einzelfällen grundsätzlich zu ermöglichen. Die jetzige Regelung sei hier ein »Rückschritt«, so Pfarrer Peter Oberthür aus Dorndorf-Steudnitz.

Martin Hanusch

Päckchen und viel mehr

15. Januar 2010 von redaktionguh  
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Jeden Monat bekommt die Thüringer ­Pfarrerin Rosl Kurzke aus Pleidelsheim das »Mauritius-Blättle« ­geschickt.  So weiß sie, was die Württemberger ­Gemeinde ­gerade ­beschäftigt. (Foto: Maik Schuck)

Jeden Monat bekommt die Thüringer ­Pfarrerin Rosl Kurzke aus Pleidelsheim das »Mauritius-Blättle« ­geschickt. So weiß sie, was die Württemberger ­Gemeinde ­gerade ­beschäftigt. (Foto: Maik Schuck)

Partnerschaft: Seit 60 Jahren gibt es zwischen Württemberg und Thüringen viele Verbindungen

Rund 40 Jahre im geteilten Deutschland und bald 20 Jahre im vereinten Land. Auch eine Partnerschaft wie die zwischen Württemberg und Thüringen kann in die Jahre kommen. Wird sie eine ­Zukunft haben, und können ­Erkenntnisse daraus für andere Verbindungen genutzt werden?

Zwei Pfarrerinnen beschreiben ihre Sicht auf diese kirchliche  Partnerschaft. Rosl Kurzke aus ­Rittersdorf in Thüringen kann auf ­einen großen Schatz persönlicher Erfahrungen zurückgreifen. Die junge ­Stuttgarterin Karoline Rittberger-Klas promovierte über diese besondere ­Beziehung zweier ­Landeskirchen. Im Interview mit M. Ernst Wahl gibt sie Auskunft:

Haben Sie eine Übersicht, wie viele einzelne Partnerschaften es zwischen der württembergischen und der thüringischen Landeskirche, den Gemeinden und Mitgliedern dieser beiden Kirchen gab?

Pfarrerin Karoline Rittberger-Klas lebt in Stuttgart-Rot. (Foto: Archiv)

Pfarrerin Karoline Rittberger-Klas lebt in Stuttgart-Rot. (Foto: Archiv)

Rittberger-Klas: Zunächst hatte jede Kirchengemeinde eine Partnergemeinde – zumindest auf dem Papier. Manchmal hatten auch zwei württembergische eine in Thüringen, weil es in Württemberg mehr Gemeinden gab. Auch ein Großteil der diakonischen Einrichtungen und Verbände hatte eine Partnerorganisation. Und dazu gab es unzählbar viele ­Partnerschaften zwischen einzelnen Personen. Auch Angehörige kirchlicher ­Berufsgruppen waren miteinander verbunden. Das System der Partnerschaften war fast flächendeckend durchorga­nisiert. Ab 1949 waren die Landeskirchen einander zugeteilt worden.

Waren das wirklich Partnerschaften oder waren es organisierte Lieferungen von Paketen und Päckchen?
Rittberger-Klas:
Pakete und Päcken waren wichtig. Damit hat es angefangen. Im Westen hat man nach der Gründung der Bundesrepublik und der Währungsreform gesehen, dass die Lage in der sich bildenden DDR länger schlecht sein würde. Man hat im Westen die Verpflichtung gefühlt, die erhaltenen Hilfen nach Kriegsende aus dem Ausland auch anderen zukommen zu lassen. Man sah die sowjetische Besatzungszone als Ziel für die Hilfe.

Gibt es markante Daten, an denen die Entwicklung dieser Partnerschaft ablesbar ist?
Rittberger-Klas:
In den fünfziger Jahren fühlten sich die Menschen im ­Osten und im Westen noch sehr verbunden. Schon damals wurde durch Besuche aus der materiellen Einbahnstraße, die es zunächst war, ein Austausch. Einen Einschnitt bildete die Verordnung der DDR 1954, wonach nur noch Pakete von Privatpersonen an Privatpersonen zum persönlichen Gebrauch erlaubt waren. Das zwang dazu, die Partnerschaften zu personalisieren, denn die Diakonie als ­Organisation durfte nichts mehr verschicken. Mit dem Mauerbau allerdings kam es zu einer Krise wegen der sehr eingeschränkten Reisemöglichkeit. Da sind viele Partnerschaften fast eingeschlafen. Erst mit dem Grundlagenvertrag 1972 gab es wieder einen Aufschwung. Man konnte sich sehen, und auch der inhaltliche Austausch wurde inten­siver. Man wollte etwas über den ­anderen, fremden Teil Deutschlands erfahren.

Lässt sich aus den Erfahrungen dieser Jahrzehnte etwas ableiten, was auch für andere Partnerschaften nützlich ist?
Rittberger-Klas:
Für jede Partnerschaft ist Sensibilität nötig. Es ist ­immer schwierig einseitig materielle Hilfe zu leisten und andererseits geistig oder geistlich auf gleicher Ebene miteinander Austausch zu pflegen. Damit das gelingt, braucht es sehr viel Einfühlungsvermögen und auch Toleranz. Man muss Enttäuschungen hinnehmen können, ohne bitter zu werden. Und man braucht Durchhaltevermögen. Dass es das in den württembergisch-thüringischen Partnerschaften reichlich gab, fasziniert mich.


Gelungene und misslungene Beziehungen – haben sie auf das Verhältnis der beiden deutschen Staaten gewirkt?

Rittberger-Klas: Zunächst einmal glaube ich, dass die vielen Kontakte bei den Beteiligten ein Verständnis für die Situation der anderen Seite gefördert haben. Und das ist etwas, das bis heute wichtig ist. Denn Vorurteile zwischen Ost und West gibt es ja heute auch noch viele. Natürlich gab es zu DDR-Zeiten auch ein Interesse des Staates daran, die Beziehungen zu kanalisieren und – wenn man sie schon nicht unterbinden konnte – dann wenigstens im eigenen Sinne zu nutzen. So konnte ein Besuch ja auch das Bild der DDR positiv verändern. Wer mit der Vorstellung von Hunger und Not in den 1980er Jahren die DDR besuchte, kam mit andern Ansichten zurück. Das Ministerium für Staatssicherheit wusste ziemlich genau, wer mit wem verbunden ist, wer wen trifft und wie die Beziehungen laufen. Die Stasi hat sich verstärkt ab den 1980er Jahren mit den Partnerschaften beschäftigt, als klar wurde, dass in den Kirchen Dinge passieren, die nicht im Sinne des Staates sind.

Predigen mit den Händen

15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Die Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge hat in der Kirche an Bedeutung gewonnen

Gehörlose und Schwerhörige brauchen andere Formen der Kommunikation. In der Evangelischen Kirche in
Mitteldeutschland kümmern sich ausgebildete Seelsorger um die Betroffenen und ihre Belange.

Gebärdensprachdolmetscherin Andrea Michelmann zeigt die Gebärde für das Verbundensein mit Gott. 	Foto: Viktoria Kühne

Gebärdensprachdolmetscherin Andrea Michelmann zeigt die Gebärde für das Verbundensein mit Gott. Foto: Viktoria Kühne

Elisabeth Strube singt mit der Gemeinde ein Lied. Ihr Mund formt Buchstaben und Laute, die Hände machen Zeichen in der Luft. Alle singen ohne Worte. Es ist die Gebärdensprache, die an diesem Sonntag im Januar die Gemeinde in Halberstadt zusammenkommen lässt. Zwölf Gemeindemitglieder sind versammelt, um gemeinsam den Gottesdienst in der Gebärdensprache zu ­feiern. Einige haben ihre hörenden Angehörigen mitgebracht. Der grelle Polylux sorgt dafür, dass der Liedtext an der Wand abgebildet wird.

»Ich zei­ge damit auch Bilder«, sagt Elisabeth Strube, die seit Oktober als Pfarrerin für Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge der EKM in Halberstadt arbeitet. Man braucht die 52-Jährige nur ein Weilchen zu beobachten, und der Funke der Begeisterung springt über. »Ich liebe diese Sprache«, sagt sie und lacht. Nach dem Gottesdienst gibt es Kaffee und Kuchen. »Alle haben sich einen Monat nicht gesehen und sich viel zu erzählen«, sagt die Pfarrerin, die sich um den Norden der EKM kümmert.

In den vergangenen Jahren hat Gottes Wort in der Welt der Stille immer mehr an Bedeutung gewonnen. Die kommunikative Grenze zwischen der Welt der Hörenden und der Schwerhörigen und Gehörlosen wurde erfolgreich aufgeweicht. Die Botschaft Jesu Christi ist längst in der Welt der Gebärdensprachler angekommen. »Glaube und Kirche sind inzwischen nicht mehr nur ein Gut der Hörenden«, sagt Andreas Konrath, EKM-Landespfarrer für Gehörlose und Schwerhörige, aus Saara.

Die genaue Zahl der Gehörlosengemeinden in der EKM ist ebenso vage bis unbekannt wie die Zahl der Betroffenen. Im Jahr 2006 wurde für die ehemalige Kirchenprovinz Sachsen eine Zahl von 5.000 gehörlosen Menschen angegeben. Die Zahl der Schwerhörigen liegt im Dunkeln. »Leider kann es nicht genau beziffert werden, weil sie in ihren Ortsgemeinden angemeldet sind«, weiß Seelsorger Konrath. Gottesdienste in Gebärdensprache werden seinen Angaben zufolge derzeit in 18 Orten der EKM angeboten. »Die Seelsorger und auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter erreichen immer mehr Gläubige. Das macht uns froh.«

Zusammen mit Elisabeth Strube hat Konrath eine Fachtagung vorbereitet, die vom 11. bis 14. Januar in Neudietendorf veranstaltet wurde. Ihr Ziel: Glaube soll nicht nur durch die »gesprochene« Predigt die Menschen erreichen, sondern auch durch einen Wink oder ein Handzeichen. Das viertägige Treffen diente dem Erfahrungsaustausch und der Weiterbildung der Pfarrer und Mitarbeiter der Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge. Das Tagungsmotto bildete ein Zitat von Dr. Helen Keller, selbst gehörlos und blind: »Nicht-Sehen trennt von den Dingen, Nicht-Hören trennt von den Menschen.«

»Schwerhörige sind davon abhängig, dass die kirchlichen Mitarbeiter ihnen die Teilhabe am Gemeindeleben ermöglichen«, erklärt Pfarrer Konrath. »Oft fühlen sie sich jedoch im Nachteil, weil sie nur partiell informiert werden.« Gerade bei Gruppenveranstaltungen würden sie schnell ins Hintertreffen geraten. Die Folge sind Missverständnisse, Kommunikationsprobleme und Einschränkungen der persönlichen Lebensqualität. Schätzungsweise 15 Millionen Menschen in ganz Deutschland hören schwer, vorwiegend sind es Ältere.
Für Gehörlose ist die Gebärdensprache etwas Vertrautes, ein Mittel, mit dem sie aus ihrer »Parallelwelt« nach draußen kommunizieren. Seit acht Jahren ist diese Form der Sprache gesetzlich anerkannt. Und auch wenn schon viel erreicht ist, geht die Arbeit für Landespfarrer Konrath und seine Kolleginnen und Kollegen weiter. »Taubblinde sind besonders ausgegrenzt und die Gemeinden können nur ganz selten mit ihnen richtig umgehen«, sagt er. Auch ihren Problemen wollen sich die Tagungsteilnehmer zuwenden. »Wir müssen schauen, was die Betroffenen wollen und wie wir ihnen als Partner begegnen können.«

Elisabeth Strube hat den letzten Gottesdienstteilnehmer an diesem Sonntagnachmittag verabschiedet – mit einer netten Geste. Sie ist zuversichtlich, dass sich Schwerhörige und Gehörlose in Zukunft nicht mehr ­ausgegrenzt fühlen müssen. »Ich bin geduldig und sicher, dass auf dem ­Gebiet etwas Großes wachsen wird.«

Sabrina Gorges

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