Neuer Superintendent für Halle-Saalkreis

26. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Pfarrer Hans-Jürgen Kant tritt sein Amt Mitte Juni an

Hans Juergen Kant, Foto: Kirchenkreis Halle-Saalkreis.

Hans Juergen Kant, Foto: Kirchenkreis Halle-Saalkreis.

Der künftige Superintendent des Kirchenkreises Halle-Saalkreis heißt Hans-Jürgen Kant. Die Synode des Kirchenkreises wählte den Wernigeröder Pfarrer bei ihrer Sondertagung am 19. Februar in Halle. Im dritten Wahlgang setzte er sich mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit gegen drei Mitbewerber durch.

Hans-Jürgen Kant nahm die Wahl an. Nun muss der Landeskirchenrat der mitteldeutschen Kirche zustimmen. Sein neues Amt wird der Pfarrer voraussichtlich am 15. Juni antreten. Die Amtseinführung ist für den 20. Juni vorgesehen.

Vorgestellt hatte sich Kant den Christen aus Halle und Umgebung in einem Gottesdienst am 27. Januar in der Marktkirche. Grundlage seiner Predigt bildete der 1. Brief des Paulus’ an die Korinther, in dem der Apostel die dortige Gemeinde zu gemeinsamer Kraftanstrengung auffordert. Mit Blick auf die heutige Situation sagte Pfarrer Kant: »Dieses gemeinsame Wollen brauchen wir immer wieder in unseren Kirchenkreisen und Gemeinden. Und besonders jetzt auch in unserer Landeskirche, die … zu etwas Neuem zusammenwächst.« Da sehe er noch manches Trennende. Wichtig sei jedoch der gemeinsame Blick »auf das uns verbindende Ziel«. »Es ist nötig, sich für gemeinsame Regelungen einzusetzen und Erfahrungen miteinander zu teilen, die unserem Zeugnis als Christen förderlich sind«, so Kant.

Hans-Jürgen Kant stammt aus dem Ostseebad Kühlungsborn. Er lernte Apothekenfacharbeiter, studierte nach seiner Bausoldatenzeit von 1981 bis 1987 Theologie in Leipzig und wurde anschließend Vikar im mecklenburgischen Neustrelitz. Von 1989 bis 1997 war Kant Pfarrer in Röcken im heutigen Kirchenkreis Merseburg, von 1997 bis 2000 Superintendent des Kirchenkreises Wernigerode und Pfarrer in Wernigerode. Seit 1994 spricht er Andachten im Rundfunk. Zudem hat er eine klinische Seelsorgeausbildung absolviert. Hans-Jürgen Kant ist mit der Pfarrerin Simone Carstens-Kant verheiratet. Das Paar hat drei Töchter.

(mkz)

Ringen um die Aufarbeitung

26. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Zeitgeschichte: Im einstigen Stasi-Knast in Erfurt soll eine zentrale Gedenk- und Begegnungsstätte entstehen

Ehemalige Häftlinge besetzten zum Jahreswechsel die Erfurter »Andreasstraße«. Sie verlangten mehr Mitsprache bei der der Planung einer Gedenkstätte im einstigen Untersuchungsgefängnis des MFS. Die Besetzung ist beendet, doch noch sind nicht alle Differenzen ausgeräumt.

In der ehemaligen Stasi-Untersuchungshaftanstalt in der Erfurter Andreasstraße waren zwischen 1952 und 1989 rund 5000 politische Gefangene inhaftiert. Nun soll die DDR-Geschichte aufgearbeitet werden. Foto: Claus Bach

In der ehemaligen Stasi-Untersuchungshaftanstalt in der Erfurter Andreasstraße waren zwischen 1952 und 1989 rund 5000 politische Gefangene inhaftiert. Nun soll die DDR-Geschichte aufgearbeitet werden. Foto: Claus Bach

Wie soll künftig an die Opfer der SED-Diktatur erinnert werden? Welche Rolle spielen authentische Orte und Zeitzeugen? Wie können Historiker zu einer ausgewogenen Aufarbeitung der DDR-Geschichte kommen? Um all diese Fragen sind in den letzten ­Wochen hitzige Debatten entbrannt. Auslöser war die geplante Gedenkstätte in der von 1952 bis 1989 vom ­Ministerium für Staatssicherheit genutzte Untersuchungshaftanstalt in der Erfurter Andreasstraße. Die unmittelbar angrenzende Stasi-Bezirksverwaltung war die erste auf dem ­Gebiet der ehemaligen DDR, die im Dezember 1989 von Bürgerrechtlern gestürmt und besetzt wurde. Dabei war auch der Gefängnistrakt einbezogen worden, in dem zwischen 1945 und 1989 rund 5000 politische Gefangene inhaftiert waren.

Unterschiedliche Konzepte lösten Streit aus

In der Frage der Gestaltung der Gedenkstätte kam es wiederholt zu Auseinandersetzungen, weil sich einstige Stasi-Opfer von Historikern an den Rand gedrängt fühlten. Für mediale Aufmerksamkeit sorg­te in der Silvesternacht 2009 die Besetzung des Gebäudes durch ehemalige Häftlinge, die dem 2007 gegründeten Verein »Freiheit« angehören. Gemeinsam mit der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasi-Unter­lagen, Hildigund Neubert, forderten sie vom Thüringer Bildungsminis­terium, die Opfer der SED-Diktatur stärker in die konzeptionelle Arbeit einzubeziehen und ihnen die Trägerschaft der geplanten Einrichtung zu übertragen.

Die »Gesellschaft für Zeitgeschichte« (Erfurt) und »Freiheit« boten seit 2005 in dem leer stehenden Gebäude Ausstellungen und thematische Führungen an. Zwei Jahre später erarbeiteten sie voneinander abweichende Konzepte für eine museale Nutzung. Daraufhin beauftragte das Thüringer Kultusministerium eine Expertenkommission, die im September 2008 die Berufung eines Gedenkstättenbeirates angeregte, der wissenschaftliche Kompetenz repräsentieren, »aber auch den Vertretern der Opfer- und Aufarbeitungsinitiativen angemessene Mitwirkungsmöglichkeiten eröffnen sollte«. Es wurde ein »erfahrungsgeschichtliches Forum« vorgeschlagen. Die Konzeption sollte verschiedene Aspekte berücksichtigen: »Gedenken, Erinnern, Lernen und Tagen«.

Nachdem die Landesregierung zwischenzeitlich die »Stiftung Ettersberg zur vergleichenden Erforschung europäischer Diktaturen und ihrer Überwindung« mit der Trägerschaft beauftragt hatte, verkündete sie am
27. Juli 2009 die Gründung einer ­»Thüringer Stiftung zur SED-Aufarbeitung«. In dieser solle das einstige Stasi-Gefängnis »zentraler Ort der Auseinandersetzung mit der SED-­Diktatur in Thüringen werden und sich besonders der Geschichte der Opposition und des Widerstandes in Thüringen annehmen«.

Der damalige Ministerpräsident des Freistaates, Dieter Althaus, sagte in diesem Zusammenhang: »Ich zähle auf die konstruktive Kooperation zwischen der neuen Stiftung und den Aufarbeitungsinitiatven wie insbesondere dem in Erfurt ansässigen Verein ›Freiheit‹, der sich seit Jahren für die Einrichtung einer Gedenkstätte engagiert hat.«

Geist der friedlichen Revolution bewahren

Dass der Verein »Freiheit« seit Bestehen der Stiftung trotzdem nicht mehr in die inhaltliche Arbeit und baulichen Planungen einbezogen wurde, habe zu dem Entschluss geführt, dagegen öffentlich zu protestieren, erklärte Vereinsvorsitzender Joachim Heise im Februar gegenüber der Kirchenzeitung. Daraufhin sei es zu mehreren Gesprächen mit Staatssekretär Thomas Deufel vom Thüringer Bildungsministerium gekommen. Nach gegenseitiger Annäherung der Positionen habe man sich zur Beendigung der Besetzung entschlossen. Deufel erklärte, dass die weitere Zusammenarbeit mit den Opferverbänden – dem »Freiheit«, der »Gesellschaft für Zeitgeschichte und der Vereinigung ­»Opfer des Stalinismus« (VOS) – über Kooperationsverträge geregelt werde. »Noch sind einige Fragen offen«, räumte Joachim Heise nach einem weiteren Gespräch ein.

Dass die Besetzung des Stasi-Knasts auch Kritik auslöste, darf an dieser Stelle nicht verschwiegen werden. Während Historiker die Aktion für überzogen hielten, distanzierte sich davon auch die »Gesellschaft für Zeitgeschichte«. Spricht man mit Matthias Sengewald über die »Andreasstraße«, verweist dieser darauf, dass hier nicht nur ein Ort des Gedenkens an die Opfer sei, sondern auch einer, der vom glücklichen Verlauf der friedlichen Revolution zeuge. Der Diakon und Referent im Bund Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland, der zum Vorstand der »Gesellschaft für Zeitgeschichte« gehört, erhofft sich deshalb, dass dieser Geist auch das zukünftige Profil der Gedenk- und Begegnungsstätte prägen möge.

Michael von Hintzenstern

»Es darf in der Kirche kein Klima des Vertuschens geben«

26. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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EKM-Personaldezernent Christian Frühwald über den Umgang mit Missbrauchsfällen

9-fruehwald-christianHerr Frühwald, die katholische Kirche wird derzeit durch das Bekanntwerden immer neuer Missbrauchsfälle erschüttert. Sind Sie überrascht, wie viel da jetzt an die Öffentlichkeit gelangt?
Frühwald:
Erst mal bin ich froh, dass es überhaupt ans Licht kommt. Bei aller ökumenischen Verbundenheit, darf es keine Räume in unserer Schwesterkirche geben, in denen dieses schwere Verbrechen geduldet wird. Sexueller Missbrauch ist ein Verbrechen.
Zweitens zeigt die große Anzahl von Fällen, dass nicht nur Aufklärung, sondern vor allem eine offene Debatte in der Römisch-Katholischen Kirche Not tut. Die Ausbildung, die Rolle und die Lebensweise der Priester muss ebenso zur Diskussion gestellt werden wie das scheinbar in bestimmten katholischen Einrichtungen herrschende Klima der Angst, Fehler und Nöte zu offenbaren.

Gab oder gibt es aktuell in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) Missbrauchsfälle? Wie viele sind Ihnen bekannt?
Frühwald:
Es gab in der Vergangenheit vereinzelte Fälle in der EKM, allerdings sind mir aus den letzten sieben Jahren nur zwei bekannt. In diesen Fällen haben wir klar und konsequent gehandelt und die Täter aus dem kirchlichen Dienst entfernt. Häufiger sind leider in den letzten Jahren Straftaten im Kontext der Kinderpornografie entdeckt worden, die ich für genauso menschenverachtend und bestrafenswert halte.

Ist die evangelische Kirche eher vor sexuellen Übergriffen auf Schutzbefohlene gefeit?
Frühwald:
Auch wir sind nur ein Querschnitt der Gesellschaft, das heißt es kann auch uns passieren. Gerade in den Bereichen, wo Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen gemeinsam leben und arbeiten, müssen wir aufmerksam sein und für Aufklärung und Stärkung der Kinder sorgen. Unsere Konferenz der Mitarbeitenden in der Jugendarbeit hat dazu gerade eine Handreichung beschlossen, die wir als Kirchenamt in den nächsten Monaten jetzt in Handlungen, also Fortbildungen und Schulungen umsetzen werden.

In der katholischen Kirche sind in der Vergangenheit die Fälle unter Ausschluss der Öffentlichkeit behandelt worden. Jetzt versucht der Jesuitenorden dem Verdacht entgegenzuwirken, hier werde etwas vertuscht. Wie muss Kirche angemessen reagieren, wenn ein Verdacht aufkommt?
Frühwald:
Da gibt es nur eine Antwort: in Klarheit und Konsequenz. Die Beschuldigten müssen sofort suspendiert werden, um auch sie und ihre Familien zu schützen. Denn auch in diesem Bereich gilt die Unschuldsvermutung bis zum Beweis der Schuld. Es muss alles getan werden, um den Opfern den Raum zu eröffnen, den sie brauchen. Vor allem aber müssen kompetente und geschulte Juristen, wenn nötig sogar der Staatsanwalt, die Untersuchungen durchführen. Es darf kein Klima des Vertuschens durch die Führungskräfte erzeugt werden.

Die Opfer geraten bei der Diskussion schnell aus dem Blick. Was kann die Kirche für sie tun?
Frühwald:
Wir müssen Ansprechpartner benennen. Mit unserer Gleichstellungsbeauftragten Katja Albrecht haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Sie öffnet Männern wie Frauen einen geschützten Raum, in dem sie erzählen können. Sie kann sie gezielt unterstützen, die Vorwürfe überprüfen zu lassen. Durch ihre Stellung außerhalb der kirchlichen Hierarchie ist diese Funktion der Gleichstellungsbeauftragten unersetzlich für ein offenes und vertrauensvolles Klima in unserer Kirche. Darüber hinaus müssen auch die Leitenden aus Kirchenamt und Bischofskonvent offen sein für Gespräche mit den Betroffenen. Ihre Geschichte und die Bearbeitung muss uns ein Anliegen sein und von uns unterstützt werden.

Die Fragen stellte Martin Hanusch.

Gläubige in Gefahr

26. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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EKD ruft zur Fürbitte für verfolgte und bedrängte Christen im Irak auf

Fühlen sich jetzt endlich in Sicherheit: Zuhaira Aqarwi und ihre Tochter Rita Toshe aus Mossul. Foto: Viktoria Kühne

Fühlen sich jetzt endlich in Sicherheit: Zuhaira Aqarwi und ihre Tochter Rita Toshe aus Mossul. Foto: Viktoria Kühne

Zuhaira Aqarwi und ihre Tochter Rita Toshe sind einfach nur froh und dankbar. Endlich müssen sie sich nicht mehr vor Anschlägen und dem alltäglichen Terror fürchten. »Zum Schluss konnten wir uns als Christen in Mossul kaum noch auf die Straße wagen«, erzählen sie. Seit September vergangenen Jahres leben die beiden Flüchtlinge aus dem Nordirak in Deutschland, erst im Aufnahmelager in Friedland, inzwischen in einer eigenen Wohnung in Magdeburg.

Der Grund für ihre Flucht ist durchaus nachvollziebar: Als Christin musste die alleinerziehende Mutter zuletzt um Leib und Leben fürchten. »Entführungen und Morde sind in Mossul an der Tagesordnung«, erzählt sie. Zuletzt habe die 13-jährige Tochter angesichts der Anschläge nicht mehr zur Schule gehen können. Es seien vor allem die Christen, die unter der Gewalt zu leiden haben, erklärt die 51-Jährige. Niemand wisse, woher der Terror komme, und eine staatliche Gewalt, die für Recht und Ordnung sorge, sei nicht vorhanden. »Das ganze Land ist unsicher geworden.«

Dass sie mit ihrer Tochter nach Deutschland kommen konnte, verdankt sie auch dem Einsatz der Kirchen. »Ohne die Unterstützung der evangelischen Kirche und von Nele Allenberg, juristische Referentin beim Bevollmächtigen in Berlin, hätten wir es nicht geschafft«, sagt Zuhaira Aqarwi. Dank ihrer Hilfe konnten die beiden Irakerinnen zunächst nach Jordanien fliehen und von dort aus nach Deutschland einreisen.

Doch dabei soll es nicht bleiben: Erstmals hat die EKD in diesem Jahr bundesweit zu einem »Tag der verfolgten Christen« aufgerufen. Am 28. Februar soll besonders an die bedrängten Gläubigen im Irak mit einer Fürbitte erinnert werden. Der Grund ist klar: In weiten Teilen des Iraks werden Christen aus ihren Häusern vertrieben und umgebracht, ihre Kirchen und Einrichtungen seien Zielscheiben von Anschlägen, so die EKD.

Vorsichtigen Schätzungen zufolge wurden im Irak seit dem Sturz Saddam Husseins über 700 Christen ermordet. Allein in der vergangenen Woche sind nach Angaben des katholischen Hilfswerkes »Kirche in Not« vier Christen in Mossul Anschlägen zum Opfer gefallen. Wer dahinter  steckt, ist nicht bekannt. Der katholische Erzbischof Amil Shamaaoun Nona vermutet eine politische Gruppierung, »die einen Nutzen vom Verschwinden der Christen hat«.
Von den einst 1,5 Millionen Christen im Irak vor 2003 leben heute noch schätzungsweise 500.000 im Land. Die meisten haben es in Richtung Syrien oder Jordanien verlassen. Etliche Flüchtlinge sind im vergangenen Jahr über das europäische Programm zur Neuansiedlung irakischer Flüchtlinge in die Bundesrepublik gelangt, so wie Zuhaira Aqwarwi und ihre Tochter.

Die beiden hoffen jetzt, hier eine neue Heimat und Anschluss an eine christliche Gemeinde zu finden. Sie gehören zwar zur orthodoxen Kirche, sind aber offen für andere Gemeinden. Die Mutter absolviert derzeit einen Deutschkurs, und ihre Tochter besucht eine Sekundarschule. Noch sei die Sprache das größte Hindernis. »Aber wenn ich Deutsch kann, will ich wieder arbeiten«, sagt Zuhaira Aqarwi, die bis 1997 als Maschinenbauingenieurin und Betriebsleiterin im Irak tätig war. Die Tochter soll nach Möglichkeit Medizin studieren und Ärztin werden. »Aber das Wichtigste ist«, sagt ihre Mutter, »dass die Angst endlich vorbei ist.«

(mh)

Kein Vergleich(en) mit anderen

26. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Herr, wer ist dir gleich? Der du den Elenden rettest vor dem,  der ihm zu stark ist, und den Elenden und Armen vor seinen Räubern.Psalm 35, Vers 10.

Ach, hätte ich doch so unkomplizierte Kinder wie Frau Meier, oder könnte ich nicht mal in dem schicken Hotel Urlaub machen wie Familie Weber, und der Friseur von meiner besten Freundin ist viel besser als meiner. Vergleichen macht unzufrieden. Ich bin scheinbar so klein und minderwertig. Es gibt immer jemanden, der etwas Besseres besitzt, schicker aussieht und etwas kann, was ich überhaupt nicht hinbekomme.

Foto: Tulay Palaz (Sxc.hu)

Foto: Tulay Palaz (Sxc.hu)

Je mehr ich vergleiche, desto mehr verschwimmt die Realität. Am Ende ist einfach alles schlecht. Vielleicht ist die Fastenzeit eine Möglichkeit, sich das Vergleichen und Nörgeln bewusst zu machen und bewusst auf die guten Dinge zu blicken, die es zweifellos in jedem Leben gibt.

Der Beter des Psalms leidet unter vielen Bedrohungen und Feinden. Er fühlt sich am Ende zurecht ganz klein und verloren und hätte allen Grund zum Jammern. Mit dem Kleinmachen beim Vergleichen ist es etwas anderes. Ich stelle mein Licht unter den Scheffel und mache nicht nur mich, sondern auch Gott klein, der mich so geschaffen hat.

Der Psalmist steht jedoch mitten in allem Leid staunend vor Gott, der sich jeglichem Vergleich entzieht. Er ist ihm dankbar, weil bei ihm Hilfe zu finden ist. Denn obwohl Gott so unvergleichlich und unfassbar ist, ist er gerade für die Armen und Elenden da, die seine Größe und Nähe erkennen.

Beim Vergleichen mit scheinbar Bessergestellten hingegen gerät Gott ganz aus dem Blick. Ich bin nicht so toll und ich kann das nicht. Um den Teufelskreis des Vergleichens zu durchbrechen, hilft nur ein Blickwechsel, weg vom Ich hin zu Gott. Ihm darf ich vertrauen, weil er ein Retter und ein Starker ist. Bei ihm darf ich geborgen sein und kann ihm ­anvertrauen, was ich bin und was ich brauche, was gelingt und wo es mangelt. Mit dem Unvergleichbaren zu leben macht alles Vergleichen doch hinfällig.

Sandra Reinhardt, Pfarrerin in Crawinkel

In evangelischer Freiheit

26. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Kirchenjahr: Warum ich den Reformatoren zu Ehren während der Fastenzeit nicht faste

Vor der Wahl: Evangelische Christen können während der Passionszeit fasten, müssen es aber nicht. Der Protestantismus kennt hier aus guten Gründen keine Verpflichtung. Foto: epd-bild

Vor der Wahl: Evangelische Christen können während der Passionszeit fasten, müssen es aber nicht. Der Protestantismus kennt hier aus guten Gründen keine Verpflichtung. Foto: epd-bild

Konsumrausch ist out, Fasten ist in. Doch niemand muss ein schlechtes Gewissen haben, wenn er sich nicht daran beteiligt.

Ich lebe in einer Stadt, in der man jeden Evangelischen mit Handschlag begrüßen könnte: Von den insgesamt rund 730.000 Einwohnern Krakaus sind ungefähr 150 bis 200 evangelisch. Das heißt: Statistisch gesehen muss man mindestens 4.000 Menschen begegnen, um auf einen Protestanten zu treffen. Da fast alle der einstmals über 60.000 Juden Krakaus von den Nationalsozialisten ermordet wurden, ist das religiöse Leben in der Stadt nahezu exklusiv katholisch.

Nun ist zwar die Gleichung »polnisch = katholisch« inzwischen nicht mehr ohne Abstriche gültig, denn vor allem junge Leute tummeln sich lieber auf dem Markt der esoterischen Möglichkeiten als unter einem barocken Kruzifix. Die Zahl der Gottesdienstbesucher hat sich seit 1989 halbiert. Doch die katholischen Traditionen stehen weiterhin auf festem und jahrhundertealtem Grund. Und eine dieser Traditionen ist das Fasten.

Wer freitags zum Beispiel ein Schnitzel isst, der erregt Anstoß – wie zum Beispiel neulich in der Kantine der Krakauer Musikakademie, als mich der vorwurfsvolle Blick eines meiner Tischgenossen traf, eines rheinischen Katholiken: Wie ich es denn wagen könne, an einem Freitag ein Schweineschnitzel zu essen! Zu meiner Überraschung stimmten die polnischen Freunde in seinen Vorwurf ein – sie waren mir bisher nicht als sonderlich glaubensstreng aufgefallen. Tradition ist Tradition, hieß es irgendwann, und Traditionen seien dazu da, um eingehalten zu werden.

Nun hat wieder eine Fastenzeit begonnen, und sie dauert gleich 40 Tage. Es ist alte katholische Tradition – vermutlich schon seit dem vierten Jahrhundert –, dass die Gläubigen in der Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern sich des Genusses von Fleisch und anderer Speisen enthalten sollen. Die Evangelischen sind irgendwann auf diesen Zug aufgesprungen und mit der Aktion »Sieben Wochen ohne« auch sehr erfolgreich: Mittlerweile nehmen über zwei Millionen an der Aktion teil, die in diesem Jahr unter dem Motto »Sieben Wochen ohne Scheu« steht. Andere verzichten freiwillig auf Schokolade, Fernsehen oder das abendliche Glas Wein, manche schließen sich zu Fastengruppen zusammen und teilen ihren Verzicht miteinander. Konsumrausch, so könnte man sagen, ist out, Fastenrausch ist in.

Nun habe ich wahrlich nichts gegen das Fasten oder den Verzicht an sich. Schon Hippokrates hatte einst gesagt: »Heile ein kleines Weh eher durch Fasten als durch Arznei.« Allerdings: Wenn ich an die mit viel Aufwand beworbenen und quasi halbamtlichen kirchlichen Fastenaktivitäten denke, grummelt es mir doch im Magen. Ich bin sicher: Unsere Reformatoren würden sich nicht daran beteiligen.

Martin Luther hätten gelegentliche Fastenkuren gewiss nicht geschadet: Er war bekanntermaßen nicht normalgewichtig, litt unter Bluthochdruck und chronischer Verstopfung. Er lehnte das Fasten auch nicht grundsätzlich ab, doch er sah eine große Gefahr, auf die er unermüdlich und mit drastischen Worten hingewiesen hat: Das zur Schau gestellte Fasten könne als Werk missbraucht werden, um Gott zu gefallen, es diene also der Selbstgerechtigkeit. Von »sauerdreinsehenden Heiligen mit Heuchelei und Schein eines asketischen Lebens« hielt Luther überhaupt nichts.

Radikaler noch als er war der Schweizer Reformator Huldrych Zwingli: Am 9. März 1522, dem ersten Sonntag der vorösterlichen Fastenzeit, nahm er im Hause des Züricher Druckers Christoph Froschauer an einem demonstrativen und provokativen Wurstessen teil – ein Skandal, der zu einem großen Aufruhr führte. Zwingli begründete den Tabu- und Gesetzesbruch mit der Bibel und sagte in seiner Predigt: »Kein Christ ist zu den Werken, die Gott nicht geboten hat, verpflichtet. Er darf also zu jeder Zeit jegliche Speise essen.«

Luther, Zwingli und all die anderen Reformatoren haben vor einem halben Jahrtausend unter unermesslichen Mühen Traditionen gebrochen und gegen große Widerstände das erkämpft, was wir heute »evangelische Freiheit« nennen. Ihnen zu Ehren werde ich – egal ob in Polen oder in Deutschland – dankbar während der Fastenzeit mein Schnitzel essen und mich aller Fastenaktionen enthalten. Fasten kann ich auch nach Ostern.

Uwe von Seltmann

Der Autor war Chefredakteur der sächsischen Kirchenzeitung »Der Sonntag« und lebt heute als freier Journalist in Krakau.

Abgefahren

24. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Foto: Gianluigi Calcaterra

Foto: Gianluigi Calcaterra

Für einen Geschäftsführer mag ein Maserati ein angemessenes Gefährt sein. Ob allerdings der Chef einer Obdachlosenhilfeeinrichtung eine solche Nobelkarosse als Dienstwagen fahren sollte, darf getrost bezweifelt werden. Was wie eine Geschichte aus dem Tollhaus klingt, ist keineswegs ein Witz, sondern bittere Realität. So geschehen in Berlin bei der »Treberhilfe«. Ein Unrechtsbewusstsein ließ der Chef bis zuletzt vermissen: Der Wagen habe schließlich nicht 114.000 Euro gekostet, sondern »nur« 70.000 bis 90.000 Euro, meinte Harald Ehlert zu seiner Verteidigung. Einen Widerspruch zwischen dem Einsatz für die Obdachlosen und dem Fahren eines Dienst-Maserati mochte er nicht sehen. Stattdessen fand er das Auto für sich als »Sozialinvestor« durchaus angemessen. Besonders pikant: Die Einrichtung gehört zum Diakonischen Werk.

Der Berliner Diakonie war der Vorfall sichtlich unangenehm. Zudem sind die Folgen noch gar nicht abzusehen. Es dürfte geraume Zeit dauern, bis die Diakonie ihre Glaubwürdigkeit zurückgewonnen und den Imageschaden aus der Welt geräumt hat. Als erste Konsequenz nach dem Bekanntwerden des Skandals hatte der evangelische Wohlfahrtsverband dem Geschäftsführer ein Ultimatum gesetzt und mehr Transparenz angemahnt. Inzwischen ist der Maserati verkauft und dem Chef der Treberhilfe einen Co-Geschäftsführer zur Seite gestellt worden, um weitere Irritationen zu vermeiden. Das war das Mindeste, was die Verantwortlichen tun konnten.

Der Fall zeigt freilich auch, dass die Diakonie hier vor einem Dilemma steht. Der Dachverband ist im Prinzip ein zahnloser Tiger, der wenig Einfluss auf die Geschäftsgebaren seiner Mitglieder nehmen kann – es sei denn, eine Einrichtung schlägt derart über die Stränge. Doch für den Wohlfahrtsverband ist es von elementarer Bedeutung, dass Einrichtungen für das einstehen, was die Diakonie auszeichnen sollte: Hilfe zu bieten für die am Rande der Gesellschaft Stehenden. Mit einem Nobelauto für den Chef dürfte das kaum gelingen.

Martin Hanusch

Melanchthons Werk ist bis heute »topaktuell«

18. Februar 2010 von redaktionguh  
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Thomas A. Seidel, Beauftragter der Evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung Thüringens, zum Melanchthontag

Thomas A. Seidel, Quelle: Internationale Martin Luther Stiftung

Thomas A. Seidel, Quelle: Internationale Martin Luther Stiftung

Herr Seidel, der Thüringer Landtag, die Gesellschaft für Thüringische Kirchengeschichte, die Internationale Martin Luther Stiftung, das Melanchtonhaus-Bretten und die Universität Jena laden am 19. und 20. Februar zu einem Melanchthontag ein. Warum?
Seidel:
Um im Rahmen der deutschlandweiten »Reformationsdekade Luther 2017« an den »Praeceptor Gemaniae«, an den schon zu seiner Zeit und völlig zu Recht hoch gerühmten »Lehrer Deutschlands« zu erinnern. Am 19. April 2010 jährt sich zum 450. Mal der Todestag Philipp Melanchthons, dieses kongenialen Weggefährten Martin Luthers. Für die Evangelische Kirche in Deutschland  und die staatlichen Partner im Bund und in den Ländern war das der Anlass,  dieses Jahr unter das Motto »Reformation und Bildung« zu stellen.
Die in Ihrer Frage genannten Institutionen greifen diesen thematischen Anstoß gern auf und stellen den  2. Thüringer Melanchthontag unter die Überschrift »Staat, Religion, Bildung – reformatorisches Erbe vor der Herausforderung der säkularen Gesellschaft.«

Was hat uns Melanchthon heute noch zu sagen?
Seidel:
Sehr viel. Beispielsweise, dass gute, immer wieder geübte Theologie und verständliche, zu Herzen gehende Verkündigung zusammen gehören, ebenso wie Kult(us) und Kultur. Als ein in europäischer Tradition stehender Theologe und Philosoph macht er auf die anthropologischen Grundbedingungen und Ziele von Bildung aufmerksam. Für ihn steht außer Frage, dass Wissensvermittlung und Persönlichkeitsbildung zusammengehören. Das ist bis heute topaktuell.

»Es gibt viel zu tun, um Bildungsgerechtigkeit zu gestalten«

Ist das reformatorische Erbe wirklich noch eine Herausforderung für die säkulare Gesellschaft?
Seidel:
Das reformatorische Erbe ist keine museale Angelegenheit. Es ist eine energische und kenntnisreiche Einladung zur Auseinandersetzung mit zentralen Texten und Bildern europäischer Kultur. Ohne den literarischen und spirituellen Kosmos der Bibel und ohne seine sozialethischen Konsequenzen sind Deutschland und Europa ebenso wie viele Wirkweisen der sogenannten »westlichen Welt« weder zu denken noch zu gestalten. Ohne diese Herausforderung, die sich an Kirche und Welt gleichermaßen richtet, droht der Gesellschaft und der Politik entweder der Hitzetot des Aktionismus oder der Kältetot der Gleichgültigkeit. Wie man beides vermeidet, kann man unter anderem bei Philipp Melanchthon lernen.

Und wie steht es um die Bildungsgerechtigkeit heute?
Seidel:
20 Jahre nach friedlicher Revolution und Wende 1989/90 können wir man Freude auf eine plurale und lebendige Schul- und Bildungslandschaft in Thüringen schauen. Dennoch gibt es viel zu tun, um Bildungsgerechtigkeit als eine zentrale Aufgabe sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe zu gestalten. Auch hier kann Melanchthon sehr anregend sein: Als Pädagoge und Bildungspolitiker verweist er auf den notwendigen Zusammenhang von Bürgersinn und Schulbildung für die Vitalität einer rechtsförmigen, couragierten Zivilgesellschaft.

Mit seiner »Lobrede auf die neue Schule« hebt er uns dieses heute auf die sozial- und kultuspolitische Agenda: »Wer keine Mühe darauf verwendet, dass seine Kinder so gut wie möglich unterrichtet werden, handelt nicht nur Pflichtvergessen gegenüber Gott, sondern verbirgt hinter einem menschlichen Aussehen seine tierische Gesinnung. (…) Daher besteht gerade in einer wohlgeordneten Bürgerschaft ein Bedarf an Schulen, in denen die Jugend, die Pflanzstätte der Bürgerschaft, ausgebildet wird.«

Es fragte Martin Hanusch.

Treffpunkt Tangermünde

18. Februar 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

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Sternfahrt der Gemeinden zum »Altmärkischen Kirchentag« geplant

Wappen_Tangermuende

Stadtwappen von Tangermünde, Quelle: Wikipedia

Zum sechsten »Altmärkischen Ökumenischen Kirchentag« laden die Kirchen aus dem Norden von Sachsen-Anhalt am 5. und 6. Juni nach Tangermünde ein. Unter dem Motto »Zeig mir den Himmel« sind in der Innenstadt Konzerte, Gottesdienste, Bibelarbeiten, Podiumsdiskussionen und die Aufführung eines Kindermusicals geplant, teilten die Organisatoren am 10. Februar in Stendal mit. Auf dem »Markt der Möglichkeiten« würden sich zudem etwa 50 Kirchengemeinden, Sozialvereine und kirchliche Bildungsinitiativen präsentieren.

Zu Beginn des Programms am 6. Juni soll mit einer Sternfahrt-Aktion deutlich gemacht werden, dass die große Anzahl von historischen Kirchen in der Altmark keine Last für die Gemeinden, sondern ein »Alleinstellungsmerkmal« bedeuteten, hieß es weiter. Geplant ist, in jeder Kirche zwischen 8 und 9 Uhr die Kirchenglocken zu läuten, eine Andacht zu feiern und danach nach Tangermünde zu reisen. Dazu soll jeweils ein Mauerstein aus den einzelnen Kirchen mitgebracht werden. Die Altmark weist laut Organisatoren mehr als 450 evangelische Kirchengebäude auf.

Das Kirchentagsmotto solle zu einer Auseinandersetzung darüber anregen, wie weit der »Blick in den Himmel« als religiöses Symbol reiche und welche Zukunftsperspektiven der christliche Glaube damit eröffnen könne. Verbunden sei mit dem Leitwort aber auch der Hinweis auf persönliches Engagement für den Erhalt des »realen Himmels« zum Beispiel in Fragen der Energiepolitik. Dazu ist unter anderem ein Gesprächsforum geplant.

Mit dem Fest wollen sich die Ende der 90er Jahre aus sechs kleineren Kreisen hervorgegangenen Kirchenkreise Salzwedel und Stendal auch nach außen hin als Einheit präsentieren. Die regionalen Kirchentage in der Altmark, an denen sich auch die katholische Kirche beteiligt, finden seit 2000 alle zwei Jahre statt, zuletzt 2008 in Salzwedel.

(epd)

Ein tiefer Sumpf

18. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Foto: Julia Freeman-Woolpert, sxc.hu

Foto: Julia Freeman-Woolpert, sxc.hu


Eine Lawine von Missbrauchsfällen erschüttert die katholische Kirche. Offenbar ungehindert haben Lehrer des Jesuitenordens ihre Schüler sexuell missbraucht – am renommierten Berliner Canisius-Kolleg und auch an anderen Schulen. Heute geht aus den Ordensakten hervor, dass sich einer der Täter sogar in Therapie befand. Doch niemand im Jesuitenorden nahm ihn aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen je hinaus. Statt der eigentlich fälligen Strafanzeige gegen die Beschuldigten wurde geschwiegen und vertuscht, was zu vertuschen war.

Kurz vor der Veröffentlichung des Zwischenberichts durch die Jesuiten-Anwältin Ursula Raue ging der Rektor des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, von einer dreistelligen Opferzahl aus. Und unter den Gläubigen breitet sich Erschrecken darüber aus, wie tief der Sumpf des Missbrauchs ist. Pater Mertes ist dabei nichts vorzuwerfen, im Gegenteil: Er war der erste, der es wagte, den Zirkel des Schweigens zu durchbrechen. Er betreibt die Transparenz, die im Umgang mit sexuellem Missbrauch nötig ist. Und das gilt auch für den Protestantismus, für Sportvereine und Jugendclubs.

Denn sexueller Missbrauch kommt in allen Kreisen der Gesellschaft vor. Ob der Zölibat der katholischen Geistlichen theologisch Sinn macht, sei dahingestellt. In jedem Fall dürfte der weitaus größte Teil der mehr als 2000 Verbrecher, die im vergangenen Jahr in Deutschland wegen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen verurteilt wurden, nicht im Zölibat gelebt haben. Auch in der evangelischen Kirche gibt es immer wieder entsprechende Fälle, so zuletzt in Geesthacht, wo ein Kantor wegen des angeblichen Missbrauchs einer Konfirmandin vom Dienst suspendiert wurde. Deswegen ist Wachsamkeit in puncto Kindesmissbrauch eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Dass die Täter des ­Canisius-Kollegs nicht angeklagt werden können, weil die Straftaten verjährt sind, bleibt ein Skandal, der fast so groß ist, wie der Missbrauch selbst.

Benjamin Lassiwe

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