Im Visier von Neonazis

4. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Titelseite

Viele Christen und Gemeinden engagieren sich gegen die Aufmärsche rechtsextremer Gruppen – wie hier in Altenburg. Aber es gibt auch die Kehrseite, dass rechte Parolen in der Kirche auf Zustimmung stoßen. Foto: dpa/Jan-Peter Kasper

Viele Christen und Gemeinden engagieren sich gegen die Aufmärsche rechtsextremer Gruppen – wie hier in Altenburg. Aber es gibt auch die Kehrseite, dass rechte Parolen in der Kirche auf Zustimmung stoßen. Foto: dpa/Jan-Peter Kasper

Initiative: Eine bundesweite kirchliche Arbeitsgemeinschaft gegen Rechtsextremismus wird am 12. Februar gegründet

Angriffe mit rechtsextremem Hintergrund auf christliche Einrichtungen nehmen zu. Aber auch Christen sind nicht gefeit gegen rechte Einstellungen.

Es dürfte ein Novum in der Geschichte der christlichen Kirchen in Deutschland sein: Am 12. Februar 2010 wird in Dresden die Bundesarbeitsgemeinschaft »Kirche für Demokratie – gegen Rechtsextremismus« gegründet. Sie will »ein Forum schaffen, das den Austausch und die Zusammenarbeit ermöglicht und als Basis gemeinsamer politischer Interventionen dienen kann«, wie es im Gründungsaufruf heißt. Den hat unter anderem die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) initiiert. Schon jetzt haben ihn zahlreiche Vertreter verschiedener evangelischer Landeskirchen und Einrichtungen aus ganz Deutschland unterzeichnet, darunter auch die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Anhalt.

»Kirche kann in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus nicht abseits stehen und muss hier stärker als bisher präsent sein«, betont aus diesem Anlass ASF-Geschäftsführer Christian Staffa, denn: »Zunehmend geraten kirchliche Jugendgruppen und engagierte Pfarrer ins Visier von Neonazis.«

Dafür gibt es handfeste Beispiele: In Wernigerode demonstrierten die »Jungen Nationaldemokraten« vor dem Haus eines Pfarrers, der sich seit Jahren gegen Neonazis engagiert. Dem Weltladen »Schrankenlos« in Nordhausen wurden zu Jahresbeginn die Scheiben eingeworfen. Zuvor hatten Neonazis mehrfach vor dem Haus provoziert. In Pretzien bei Schönebeck wurde im vergangenen Jahr der Pfarrer von betrunkenen Rechtsradikalen tätlich angegriffen. Drei Jahre zuvor hatten dort Neonazis das »Tagebuch der Anne Frank« öffentlich verbrannt. Der Pfarrer war anschließend einer der wenigen, die eine offene Auseinandersetzung mit den Tätern forderten. Und der Superintendent von Hildburghausen wurde 2009 in Gegenwart einer Konfirmandengruppe von drei »Sieg Heil!« brüllenden Neonazis zusammengeschlagen.

Doch nicht nur deshalb habe es »schon lange ein klares Bedürfnis von den Gemeinden an der Basis« nach einer Bundesarbeitsgemeinschaft gegeben, wie Heike Kleffner, ASF-Pressesprecherin, betont. Gleich mehrere Studien hätten teils deutliche rechtsextreme Einstellungen auch bei Kirchenmitgliedern ermittelt. Eine Beobachtung, die auch die EKD auf ihrer Herbstsynode 2009 bestätigte – ebenso wie Christian Liebchen, Referent im Kinder- und Jugendpfarramt der EKM in Magdeburg: »Bestimmte fragwürdige Einstellungen sind im Kirchenchor genauso anzutreffen wie im Karnevalsverein.« Aufgabe der Kirche müsse es deshalb sein, den Leuten die – gerade im ländlichen Raum weit verbreitete – Angst vor der pluralen Lebenswelt zu nehmen, jedoch: »Welche Vokabeln wähle ich da, ohne jemanden zu verprellen?«

Auf einen weiteren Aspekt weist Albrecht Steinhäuser, Beauftragter der Evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung in Sachsen-Anhalt, hin: Gerade konservativ eingestellte Gemeindeglieder seien anfällig für rechtsextreme Parolen. Hier müsse Kirche in gebotener Feinfühligkeit fragen: »Was ist gut konservativ, was gleitet ins Rechtsextreme ab?« Denn die rechte Szene wisse ihre demagogischen Losungen immer besser zu verpacken und trete zugleich »immer offensiver und gut abgestimmt« auf.

Diese Beobachtung hat auch Pfarrer Peter Kube (Nordhausen) gemacht. »Die rechtsextremen Populisten sind die größte Gefahr für die Demokratie.« Gute Aufklärungsarbeit sei gefragt, gerade auch im konservativen Lager, denn: »Eine sich selbst absichernde politische Mitte existiert nicht.« Er sei schon froh, dass CDU und FDP in Nordhausen das »Bürgerbündnis gegen Rechts« mittrügen; in anderen Orten sei nicht einmal das der Fall.

Gerade in solchen Initiativen bestehe eine einmalige Chance für Kirche, wie auch Reinhard Hotop aus dem südthüringischen Schleusingen bestätigt, der sich seit Jahren im »Bürgerbündnis gegen Rechts« engagiert. Nach seinen Erfahrungen wird die Kirche vom gesamten demokratischen Parteienspektrum als Moderator akzeptiert und geschätzt: »An dieser Stelle haben wir eine Riesenverantwortung.« Von der zu gründenden  Bundesarbeitsgemeinschaft erhofft er sich einen Vernetzungs- und Lerneffekt bei den einzelnen Initiativen. Der scheint auch dringend geboten, denn die Rechtsextremen sind da offenbar schon weiter. Dem sollte Kirche nicht tatenlos zusehen.

Rainer Borsdorf

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