Die Aldi-DDR

11. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Foto: Jelle Weidema, sxc.hu

Foto: Jelle Weidema, sxc.hu

Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Seit der Mensch über sich nachdenkt, seit er Religionen hat, zieht sich die Phase des bewussten Verzichts durch nahezu alle Kulturen. Warum eigentlich, wo doch alles zur Verfügung steht? Gerade deswegen!

Eines Tages hatte Homo sapiens es mit Ackerbau und Viehzucht geschafft, seine Ernährung auf eine planbare Grundlage zu stellen. Jetzt war er nicht länger nur ein zotteliger Primat, der Beeren, Nüsse und Früchte klaubend durch die Wälder zog, Tag für Tag auf die Gnade der Natur angewiesen. Doch auf Wohlstand und Überfluss ist sein biologisches Programm nicht eingestellt, sondern auf den Wechsel von guten und schlechten Zeiten. Gibt es reichlich zu essen, langt der Mensch zu und legt sich Polster an für Hunger und Not. Dieses Muster hat alles Verhalten des Menschen geprägt: Zugreifen, wenn die Gelegenheit günstig ist, morgen könnte sie vorüber sein. Die Mangelwirtschaft der DDR wurde auch dadurch in den Ruin getrieben. Lag eine begehrte Ware endlich in den Regalen, war sie sofort ausverkauft.

Der Handel macht sich das seit jeher zunutze. Täglich wird eine neue günstige Gelegenheit hinausposaunt. Niemand spielt auf dieser Klaviatur des Unbewussten so virtuos wie der Discounter Aldi. Dort wird jede Woche aufs Neue die DDR inszeniert. Konsumartikel werden künstlich verknappt. Nur ein- oder zweimal im Jahr gibt es dort, was andere Märkte ständig bereithalten. Aldi ist indes nur ein Beispiel. Oft hält jedoch der niedrige Preis näherer Überprüfung nicht stand. Und andere kommt er teuer zu stehen. Wenn ein Kilo ­Apfelsinen bei Aldi nur 70 Cent kostet, kann für den marokkanischen Orangenpflücker nur ein Hungerlohn herausspringen.

Ohne Scheu – so lautet in diesem Jahr das Motto der Fastenaktion »7 Wochen ohne«. Vielleicht sollte man das mal versuchen: Ohne Scheu ein Geschäft voller Schnäppchen betreten – und mit leeren Händen wieder rausgehen.

Wolfgang Weissgerber

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Reaktionen unserer Leser

3 Lesermeinungen zu “Die Aldi-DDR”
  1. Wolfram Steinacker sagt:

    “Ohne Scheu – so lautet in diesem Jahr das Motto der Fastenaktion »7 Wochen ohne«.” Ohne Scheu, so kann man sagen, feiern viele Gruppen und Vereine im Osten noch heute den Karneval selbst in der Fastenzeit, gedankenlos und so als lebten wir in der alten DDR. Ohne Scheu hatte ich mich soeben daran gesetzt, einen ungescheuten Appell zur Mäßigung zu veröffentlichen. Ich bin meiner obersten Dienstherrin Frau Bischöfin Käßmann dankbar, dass Sie ihre Fahrt unter Alkoholeinfluss ohne Scheu an den Auftakt der Fastenzeit gelegt hat. So ziehe ich meinen Appell noch schnell zurück. Jetzt scheue ich mich doch. Was siehst du den Splitter im Auge des Nächsten…

  2. Marcel sagt:

    Ich stelle ohne Scheu diese Frage an einen Chemiker. Ist es theoretisch möglich ein geschmackloses Pulver herzustellen, was den Alkoholwert um den doppelten oder dreifachen Wert erhöht?

  3. Michael H. sagt:

    Lieber Marcel,
    also es ist auch theoretisch nicht möglich mit Pulver den Alkohlwert im Blut zu erhöhen.
    Was da bei Frau Käßmann passiert ist, hat wohl eher persönliche Ursachen ,private aber auch berufliche.
    Es ist passiert und Sie hat die Konsequenz gezogen. Keiner kann ihr Fehlverhalten verstehen, Für diese Kirche hat sie große Leistungen erbracht und wird auch nicht bestritten.Jedoch ist diese Fehlverhalten nicht mit dem Amt der Bischöfin vereinbar.In wieweit eine Pastorin diese darf, das muß im Kirchengericht entschieden werden.
    Es geht nicht nur um Frau Käßmann, es geht um die “Glaubwürdigkeit ” dieser Kirche , das ist hier das Problem, welche diese persönliche Entscheidung fiehlen ließ.

    Bitte habe Verständis und keiner möchte Frau Käßmann vorverurteilen, es ist eine Schwierige Situation.

    Viele Grüße

    Michael H.