»Es darf in der Kirche kein Klima des Vertuschens geben«

26. Februar 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

EKM-Personaldezernent Christian Frühwald über den Umgang mit Missbrauchsfällen

9-fruehwald-christianHerr Frühwald, die katholische Kirche wird derzeit durch das Bekanntwerden immer neuer Missbrauchsfälle erschüttert. Sind Sie überrascht, wie viel da jetzt an die Öffentlichkeit gelangt?
Frühwald:
Erst mal bin ich froh, dass es überhaupt ans Licht kommt. Bei aller ökumenischen Verbundenheit, darf es keine Räume in unserer Schwesterkirche geben, in denen dieses schwere Verbrechen geduldet wird. Sexueller Missbrauch ist ein Verbrechen.
Zweitens zeigt die große Anzahl von Fällen, dass nicht nur Aufklärung, sondern vor allem eine offene Debatte in der Römisch-Katholischen Kirche Not tut. Die Ausbildung, die Rolle und die Lebensweise der Priester muss ebenso zur Diskussion gestellt werden wie das scheinbar in bestimmten katholischen Einrichtungen herrschende Klima der Angst, Fehler und Nöte zu offenbaren.

Gab oder gibt es aktuell in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) Missbrauchsfälle? Wie viele sind Ihnen bekannt?
Frühwald:
Es gab in der Vergangenheit vereinzelte Fälle in der EKM, allerdings sind mir aus den letzten sieben Jahren nur zwei bekannt. In diesen Fällen haben wir klar und konsequent gehandelt und die Täter aus dem kirchlichen Dienst entfernt. Häufiger sind leider in den letzten Jahren Straftaten im Kontext der Kinderpornografie entdeckt worden, die ich für genauso menschenverachtend und bestrafenswert halte.

Ist die evangelische Kirche eher vor sexuellen Übergriffen auf Schutzbefohlene gefeit?
Frühwald:
Auch wir sind nur ein Querschnitt der Gesellschaft, das heißt es kann auch uns passieren. Gerade in den Bereichen, wo Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen gemeinsam leben und arbeiten, müssen wir aufmerksam sein und für Aufklärung und Stärkung der Kinder sorgen. Unsere Konferenz der Mitarbeitenden in der Jugendarbeit hat dazu gerade eine Handreichung beschlossen, die wir als Kirchenamt in den nächsten Monaten jetzt in Handlungen, also Fortbildungen und Schulungen umsetzen werden.

In der katholischen Kirche sind in der Vergangenheit die Fälle unter Ausschluss der Öffentlichkeit behandelt worden. Jetzt versucht der Jesuitenorden dem Verdacht entgegenzuwirken, hier werde etwas vertuscht. Wie muss Kirche angemessen reagieren, wenn ein Verdacht aufkommt?
Frühwald:
Da gibt es nur eine Antwort: in Klarheit und Konsequenz. Die Beschuldigten müssen sofort suspendiert werden, um auch sie und ihre Familien zu schützen. Denn auch in diesem Bereich gilt die Unschuldsvermutung bis zum Beweis der Schuld. Es muss alles getan werden, um den Opfern den Raum zu eröffnen, den sie brauchen. Vor allem aber müssen kompetente und geschulte Juristen, wenn nötig sogar der Staatsanwalt, die Untersuchungen durchführen. Es darf kein Klima des Vertuschens durch die Führungskräfte erzeugt werden.

Die Opfer geraten bei der Diskussion schnell aus dem Blick. Was kann die Kirche für sie tun?
Frühwald:
Wir müssen Ansprechpartner benennen. Mit unserer Gleichstellungsbeauftragten Katja Albrecht haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Sie öffnet Männern wie Frauen einen geschützten Raum, in dem sie erzählen können. Sie kann sie gezielt unterstützen, die Vorwürfe überprüfen zu lassen. Durch ihre Stellung außerhalb der kirchlichen Hierarchie ist diese Funktion der Gleichstellungsbeauftragten unersetzlich für ein offenes und vertrauensvolles Klima in unserer Kirche. Darüber hinaus müssen auch die Leitenden aus Kirchenamt und Bischofskonvent offen sein für Gespräche mit den Betroffenen. Ihre Geschichte und die Bearbeitung muss uns ein Anliegen sein und von uns unterstützt werden.

Die Fragen stellte Martin Hanusch.

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Reaktionen unserer Leser

3 Lesermeinungen zu “»Es darf in der Kirche kein Klima des Vertuschens geben«”
  1. Peter Brause sagt:

    Wohl kein gesunder Verstand wird den Aussagen von Herrn Frühwald zu den menschlichen Abgründen sexueller Gewalt, insbesondere gegenüber Schutzbefohlenen, widersprechen.

    Von “Schwesterkirche” zu sprechen und zugleich die Hetzjagd auf das katholische Verständnis des Priesteramtes zu eröffnen, finde ich unerträglich. Jeder, der die Berufung für ein geistliches Amt mit all ihren Kosequenzen annimmt, tut dies aus freien Stücken. Auch wenn das gerade wegen des Zölibats für mich persönlich kein Weg ist, respektiere ich die “Freiheit von Christenmenschen”, sich dafür zu entscheiden. Herr Frühwald hingegen tritt völlig unnötig als Besserwisser auf. Damit stärkt er nicht die Gemeinsamkeiten zwischen unseren beiden Konfessionen und den Unterschieden wird er damit ganz gewiss nicht gerecht.

  2. Tanja Schwenk sagt:

    In Bezug auf den Kommentar von P.Brause zu den Äußerungen von C. Frühwald:

    Die Frage nach dem “warum” passiert Kindesmißbrauch auch in der Kirche, evangelisch wie katholisch, sollte doch zulassen, kritisch eben auch die unterschieldichen Lebensauffassungen zu bennen.
    Diese Darstellung einer möglichen konstruktiven Auseinandersetzung mit diesem Thema sollte nicht in einem persönlichen Angriff enden.
    Damit ist den Opfern von gestern und heute sicherlich nicht geholfen und der
    Reputation der Kirche ebenfalls nicht.

  3. Linda Wright sagt:

    Well, my observation is that Mr. Fruehwald has something of a tendency to be rather selective concerning what he proclaims should “come to light”.
    This observation of mine is neither a “persönlicher Angriff” (though Mr. Fruehwald, himself, is not above making a personal attack, it seems) nor does it have any potential to lead to a “konstruktive Auseinandersetzung” (unless Mr. Fruehwald chooses to spend some time in deep self reflection)
    Naturally, obviously, everything- particularly child abuse in a church- should come to light and all of us would do better to come closer to the Light.
    What I wonder: What is motivating Mr. Fruewald to emphasize areas of contention in the church?
    Mr. Fruewald, do you understand that when you call the way of life of priests in general into question, you are fueling anger and misunderstanding between Christians? Does it matter to you that I am saying this to you as a Protestant? (It shouldn’t.) Can you think of any other ways in which you may have been fueling anger and misunderstanding between Christians? Are you clear with yourself and before God as to your reasons for doing this?
    I am a bit angry about the anger and splits within the church that you have been facilitating. This sort of thing hurts us, even as far away as the USA. Still, you are my brother, and if I were in Magdeburg I would want to take Communion with you and I think doing so would help me to more honestly ask God to help me know how to love you better as a sister.