Luther für junge Leute heute

Tagung im Lutherpark Erfurt suchte nach neuen Zugängen zum Reformator.

Im Erfurter Augustinerkloster wandelten die Schüler des Martin-Luther-Gymnasiums Eisenach auf Luthers Spuren. Die Büste des Reformators ertrug geduldig eine kleine Spaßeinlage.	Foto: Susanne Kay

Im Erfurter Augustinerkloster wandelten die Schüler des Martin-Luther-Gymnasiums Eisenach auf Luthers Spuren. Die Büste des Reformators ertrug geduldig eine kleine Spaßeinlage. Foto: Susanne Kay

»Wir müssen uns noch um unser Symposium kümmern.« – Der Satz geistert in diesen Tagen immer wieder durch die Gänge der Tagungsstätte »Lutherpark« in Erfurt, wo die Projektwoche »Denkwege zu Luther« läuft. Aber nicht Wissenschaftler sind es, die sich damit gegenseitig an ihre Pflichten erinnern, sondern 17-jährige Schüler. »Die Jugendlichen stehen unter einem unheimlichen Leistungs- und Anpassungsdruck«, hat Pfarrerin Dorothea Höck beobachtet. Der komme teils von ehrgeizigen Eltern, teils aber auch von ihnen selbst.

Die Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Thüringen leitet gemeinsam mit ihrem Wittenberger Kollegen Carsten Passin die Projektwoche. Beide wollen die offenbar sehr auf Leistung und Erfolg eingeengte Lebenssicht der Jugendlichen hinterfragen – und zwar mit Zitaten von Luther sowie anderen Theologen und Philosophen. »Wir wollen damit Luther aufbereiten für junge Leute von heute. Das ist bundesweit ein einzigartiges Konzept«, ist sich Passin sicher, der als konfessionsloser Philosoph die »Sicht von außen« auf Luthers reformatorische Gedanken mitbringt.

Und dass die hochaktuell sind, zeige sich zum Beispiel bei der Frage »Warum wollen Menschen arbeiten?« Passin hat bei den Schülern festgestellt: »Da werden regelrechte Heilserwartungen geäußert.« Ähnlich sei dies auch bei der Frage nach dem Wohlstand: »Ohne den ist für viele das Leben gar nicht lebenswert.« Doch gerade das mache den Menschen erpressbar und anfällig für Druck, unterstreicht Dorothea Höck. »Die Frage ist doch: Lebst du oder wirst du gelebt?«

»Da werden regelrechte Heilserwartungen geäußert«

Doch den knapp 30 Schülern des Martin-Luther-Gymnasiums Eisenach wird in der Projektwoche weit mehr geboten als Philosophieren: Mit einer ganztägigen Exkursion ins Erfurter Augustinerkloster soll den Schülern die Lebenswelt Luthers auch ganz praktisch nahe gebracht werden. »Das erste Gebet fand damals 2 Uhr nachts statt, das letzte 21 Uhr abends«, schildert Klosterführer Helmut Finke das Mönchsleben im Orden der Augustiner-Eremiten, der für seine ausgesprochene Strenge bekannt war. »Beinahe sechs Monate im Jahr fasteten die Mönche.«

Und diese Mischung aus Disput und Lebenspraxis scheint anzukommen bei den Jugendlichen: »In der Schule bleibt kaum Zeit für tiefgründige, lehrplanfremde Themen«, meint Bernhard, einer der Gymnasiasten. Und Sarah ergänzt: »Wir sind hier sehr frei, ohne Verpflichtungen, merken aber auch: Ohne Engagement läuft nix.« Die Woche habe sie ins Nachdenken über sich selbst gebracht und helfe ihr dabei, ihren eigenen Lebensweg zu suchen und zu finden.

Positive Resonanz hat die Projektwoche, die es in abgewandelter Form seit 2005 gibt, inzwischen auch auf Seiten der Politik gefunden: Das Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur fördert das Projekt mit einem – wenn auch bescheidenen – Beitrag von vierzig Euro pro Schüler und Woche. »In Sachsen-Anhalt kämpfen wir noch darum«, unterstreicht Carsten Passin die Situation im benachbarten Bundesland. Und er weiß, warum sich das lohnt: »Nach einer Woche merkt man bei den Jugendlichen: Da ist innerlich was passiert.«

Rainer Borsdorf

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