Hilfen ausbauen

23. April 2010 von redaktionguh  
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Landessynode Anhalts  befasste sich mit dem Thema Armut

Referierte zum Thema Armut: Gerhard Wegner, Foto: Johannes Killyen

Referierte zum Thema Armut: Gerhard Wegner, Foto: Johannes Killyen

Zwar sollte es sie im reichen Deutschland nicht geben. Jedoch: »Die Armut hat zugenommen, und die Bedrohung von Menschen durch Armut auch.« Professor Gerhard Wegner, Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, hielt am 16. April in Dessau das Hauptreferat zum Thema »Armut« bei der Landessynode Anhalts. Auch die Folgen, wenn Menschen nicht in der Lage seien, ihre eigenen und fremde Ressourcen für sich zu nutzen, verdeutlichte der Theologe: Verwahrlosung, Stigmatisierung und Diskriminierung. In ganz »elementaren Bereichen« seien arme Menschen vernachlässigt. Gesundheitsvorsorge erreiche sie nicht. Und das Bildungssystem sei nicht in der Lage, »Menschen aus armen Familien zu befähigen, Kompetenzen zu entwickeln«.

»Kein Land«, so Wegner, weise »eine so große Zahl an ›funktionalen Analphabeten‹ wie Deutschland auf.« Oft antworteten Jugendliche auf die Frage nach ihrem Berufsziel nur noch »Hartz IV«.

Er rief die Kirchengemeinden auf, arme Menschen stärker zu ­integrieren. »Dazu müssen wir eigentlich nichts außerordentlich Neues tun, sondern uns einfach darum bemühen, bedürftige Menschen entsprechend ihrer Fähigkeiten zu fördern und zu ermutigen«, sagte er. »Nur wenn uns das gelingt, kann sich kirchliches Gemeindeleben wirklich ernst nehmen.« Dieses Integrieren müsse bei Kindern beginnen. Sie sollten lernen, ihre individuellen Gaben »auszuwickeln« und zu entwickeln. »Wenn Potenziale nicht frühzeitig gefördert werden, verkümmern sie später«, so der Theologe. Zur Bildung gehöre Sport ebenso wie »die Anleitung dazu, wie Kinder verantwortlich mit dem eigenen Körper umgehen können«. Als Herausforderung für die evangelische Kirche bezeichnete Wegner die geistliche Begleitung und damit einhergehend die religiöse Bildung. »Lernen, laufen, lieben – diese drei ­Begriffe beschreiben in Kürze, dass wir uns ein Leben lang bilden und dabei beziehungs- und bewegungsfähig bleiben sollten.«

Die Synodalen riefen die Gemeinden in Anhalt auf, bedürftige Menschen mit praktischen Angeboten stärker als bisher schon zu unterstützen. Nachbarschaftshilfe, Bekleidungsbörsen, Tauschringe, soziale Patenschaften oder auch Schülerhilfen sollten ausgebaut werden. Zugleich wiesen sie auf die vielfältigen Angebote hin, die es in Kirche und Diakonie bereits gibt. Für Kinder empfahlen sie verbindliche Bildungs- und Erziehungspläne, um die Teilhabe an Bildung und gesellschaftlichen Aktivitäten zu sichern. »Armut beherzt entgegenzutreten ist bleibender Ausdruck unseres Glaubens«, betonten die Synodalen.

Angela Stoye

Notkirche kein Notbehelf

23. April 2010 von redaktionguh  
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Justus-Jonas-Kirche in Nordhausen feiert 60 Jahre des Bestehens

Die »Notkirche« Justus Jonas in Nordhausen wurde am 9. Juli 1950 eingeweiht. Foto: Marcus Wiethoff

Die »Notkirche« Justus Jonas in Nordhausen wurde am 9. Juli 1950 eingeweiht. Foto: Marcus Wiethoff

Vor dem Zweiten Weltkrieg galt Nordhausen als Stadt der Kirchen. Nach den Angriffen vom 3. und 4. April 1945 waren sie alle zerstört oder stark beschädigt. Nur in der Altendorfer Kirche und der ­Cyriakikapelle konnte noch Gottesdienst gefeiert werden. Der Weltrat der Kirchen hatte das Problem schon vor dem Ende des Krieges erkannt, sodass bereits 1942 im Geheimen über ein Notprogramm nachgedacht wurde. Darüber berichtet Immo Wittig von der Otto Bartning-Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau. Ein Zeugnis dieser zum großen Teil aus der Schweiz und den USA geleisteten Hilfe steht in der Südharzstadt: die Justus-Jonas-Kirche. Sie wird im Sommer 60 Jahre alt.

Zimmermann Manfred Streichert, einer der letzten lebenden Zeitzeugen, erinnert sich genau, wie er als Lehrling die tragenden Holzkonstruktionen fertigte. »Ich hätte nie gedacht, dass meine Arbeit von damals so lange hält.« Der 79-Jährige freut sich, noch einmal in Nordhausen zu sein und die in gutem Zustand befindliche Kirche zu sehen.

Superintendent Fritz Führ sorgte nach dem Krieg dafür, dass eine der von Otto Bartning entworfenen Fertigteilkirchen in die zu drei viertel zerstörte Stadt kommen konnte. 1947 stellte er in Magdeburg einen Antrag, der nach gut einem Jahr von der ­Kirchenleitung bewilligt wurde. Im Frühjahr 1949 erwarb die Kirchengemeinde ein 3984 Quadratmeter großes Grundstück am Hüpedenweg. Der Platz schien genau richtig, denn in der Nähe sollte ein großes Neubaugebiet entstehen, berichtet Oberbürgermeisterin Barbara Rinke. Dazu kam es ­jedoch nicht. Nun steht die Kirche zwischen Einfamilienhäusern, Industrieansiedlungen, einem Wohnheim der Lebenshilfe und Kleingärten.

Bemerkenswert ist die Bauzeit von kaum mehr als einem halben Jahr. Am 9. Dezember 1949 erfolgte die Grundsteinlegung. Am selben Tag wurde der Gemeinde der Name »Justus Jonas« verliehen. Jonas war ein Bürger Nordhausens und Weggefährte Martin Luthers. Am 17. Juni 1950 stand der Rohbau. Einen Tag zuvor kam die in Erfurt restaurierte ehemalige Stundenglocke der im Krieg zerstörten Petrikirche ­zurück. Obwohl es keinen großen ­Glockenturm gab – die Förderer des Notprogramms hatten um Bescheidenheit gebeten –, läutete sie fortan in einem Giebel an der Westseite. Ludolf Müller, der erste Bischof der Kirchenprovinz, konnte die Kirche bereits am 9. Juli 1950 einweihen. Sie steht noch heute, genau wie 41 weitere zwischen 1946 und 1951 gebauten Notkirchen in den Besatzungszonen.

In Thüringen gibt es eine weitere Kirche des Architekten Otto Bartning: die Cyriakkapelle in Erfurt. Sie war Teil eines zweiten Notprogramms, in dessen Rahmen Gemeindesäle und kleinere Kirchen entstanden. Eine Baugenehmigung gab es nicht, selbst innerkirchlich existieren kaum Dokumente. Man vermutet, dass die Cyriakkapelle zu Demonstrationszwecken errichtet wurde. Stefan Börner aus Erfurt stellte die Spurensuche des Arbeitskreises der Predigerkirche vor. Im Dezember 1950 wurde sie eingeweiht. Anders als ihre Schwester in Nordhausen erfuhr sie aber in den 1960er Jahren einige Umbauten. Nur dank vieler engagierter Menschen entging sie dem Schicksal, als Lagerhalle der Kirchenbauverwaltung zu dienen oder in Garagen umgebaut zu werden.

Die Zusammenarbeit der Otto-Bartning-Freunde in beiden Städten soll fortgesetzt werden. Die diesjährige »Nacht der Kirchen« am 14. August in Nordhausen wird in der Justus-Jonas-Kirche eröffnet mit einen Vortrag über den Architekten Otto Bartning sowie einer Fotoschau aller 150 von ­Bartning errichteten Notbauten. Trotz ihrer Ähnlichkeit hat jede ein ­individuelles Gesicht bekommen.

Marcus Wiethoff

Ein Ort besonderer Kraft

23. April 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Verlässlich geöffnete Kirchen brauchen verlässliche Ehrenamtliche

Am 14. September 2003 wurde die ­Kirche in Elende »verlässlich ­geöffnet«. Foto: Eduard Seifert

Am 14. September 2003 wurde die ­Kirche in Elende »verlässlich ­geöffnet«. Foto: Eduard Seifert

Die Rosenkirche in Elende im Kirchenkreis Südharz gehört zu den rund 120 verlässlich geöffneten Kirchen in Mitteldeutschland (EKM). Einst soll ein Relief von 365 steinernen Rosen die Fassade der Kirche St. Marien in Elende geziert haben. Mit der Umgestaltung und dem teilweisen Abriss im Jahr 1804 wurden es weniger. Doch ihren Namen »Rosenkirche« trägt die ehemalige Wallfahrts- und Stiftskirche weiterhin.

Die Rosen gehen auf eine alte Sage zurück, nach der ein Fuhrmann in tiefstem Winter mit seinem Wagen im Schnee steckenblieb. Er rief die Gottesmutter Maria an, die plötzlich vor ihm stand und um einen Schluck Wein aus seinen Fässern bat. Da der Fuhrmann keinen Becher hatte, nahm Maria ein Rosenblatt von einem blühenden Dornbusch. Er solle es als Gefäß benutzen. Der Fuhrmann füllte das Blatt, doch als er sich umdrehte, war die junge Frau verschwunden. Er aber kam mit seinem Gefährt wieder vorwärts. So half Maria auf wundertätige Weise dem Fuhrmann. Wunder sollen hier auch später noch geschehen sein.

Lange Zeit war die kleine Dorfkirche deshalb Wallfahrtskirche, erzählt Regina Englert. Die Kirchenälteste gehört mit ihrem Mann Magnus zu den engagierten Christen, die die Kirche offen halten. Die Idee dazu hätten ­Ingrid Schneider und ihr Ehemann Joachim gehabt, die schon länger im Gemeindevorstand waren. Doch erst als Englerts nach Elende kamen, fanden Schneiders in ihnen Mitstreiter.

Seit September 2003 nun trägt die Rosenkirche das Signet »Verlässlich geöffnete Kirche«. Es wurde eine Dauerausstellung konzipiert. Sie zeigt einen Grundriss der 1419 gebauten Kirche – vor und nach dem Rückbau, ein Foto der Marienstatue, die inzwischen in St. Marien in Heiligenstadt zu finden ist. Es wird über die Geschichte der Glocken berichtet sowie über die Turmuhr, die nur einen Zeiger besitzt. »Damals reichte es noch, die ungefähre Uhrzeit zu wissen.« Eine besondere Entdeckung sei das Pilgerzeichen, das man bis nach Norwegen finden könne, informiert Regina Englert. Auf einer Glocke in Ellrich hätten sie es wiederentdeckt. »Wir wollen das Pilgerzeichen herstellen lassen und hoffen, es zum ökumenischen Gemeindefest am 14. August präsentieren zu können«, so die Kirchenälteste.

Die Kirche ist von April bis Oktober täglich von 9 bis 19 Uhr geöffnet. Es sei nicht ständig jemand vor Ort, aber ihre Telefonnummer und die von Schneiders seien in der Kirche zu finden, dazu eine Wegbeschreibung zu ihren nahe gelegenen Wohnungen. »Wenn jemand möchte, kommen wir und erläutern die Kirche.«

Dass sich das ehrenamtliche Engagement lohnt, zeigen die Eintragungen im Gästebuch. »Mir ist diese schöne kleine Kirche eine Zufluchtsstätte, schon seit einiger Zeit, besonders aber jetzt im Moment, wo ich sehr viele Sorgen und Probleme habe«, schrieb jemand 2009. Und ein anderer Eintrag beginnt: »Diese Kirche ist ein Ort besonderer Kraft …«

Dietlind Steinhöfel

www.kirchenlandkarte.de

Bessere Bildung gefordert

23. April 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Das zweite »Gemeinsame Soziale Wort« wurde im Thüringer Landtag übergeben

Am 14. April überreichte der Vorsitzende des Landesjugendringes Thüringen, Robert Fischer, Sozialministerin Heike  ­Taubert das »Gemeinsame Soziale Wort« der zweiten Armutskonferenz, das Bildung als einen Schlüssel zur Überwindung von Kinderarmut thematisiert. Foto: Katharina Gerlach

Am 14. April überreichte der Vorsitzende des Landesjugendringes Thüringen, Robert Fischer, Sozialministerin Heike ­Taubert das »Gemeinsame Soziale Wort« der zweiten Armutskonferenz, das Bildung als einen Schlüssel zur Überwindung von Kinderarmut thematisiert. Foto: Katharina Gerlach

Dass so viele beteiligt sind und das Papier mittragen, verleihe ihm gegenüber Politikern besonderen Nachdruck, ist sich Roland Hoffmann sicher. Der ehemalige Thüringer Landesbischof ist einer der Moderatoren im Prozess der Armutskonferenz. Hoffmann und Monsignore Karl-Heinz Ducke von der katholischen Kirche begleiten seit 2008 die Initiative zur Überwindung der Kinderarmut in Thüringen.

Angestoßen wurde die Erarbeitung eines »Gemeinsamen Sozialen Wortes« durch die evangelische Jugend. Ein breites Bündnis von Gewerkschaften, Landesjugendring, der Jüdischen Landesgemeinde, Caritas, Diakonie und anderer Sozialverbände erarbeitete vor zwei Jahren das erste Papier, das am 1. Oktober 2008 im Thüringer Landtag übergeben worden war.

Nun wurde am 14. April eine zweite Armutskonferenz in Thüringen einberufen, bei der die Initiativen auf
27 Seiten eine spürbare Verbesserung der Bildungslandschaft des Freistaates anmahnten. Es seien ganz konkrete Schritte benannt, wie Kinderarmut durch Bildung überwunden werden könne, informiert Matthias Sengewald vom Bund Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland (bejm). Allerdings, so Altbischof Hoffmann, habe man Kompromisse schließen müssen. Hierbei waren die beiden Moderatoren maßgebend. Ein Knackpunkt sei zum Beispiel die Gemeinschaftsschule, die nicht alle mittragen. Aber ein gemeinsames längeres Lernen war konsensfähig.

Desweiteren wird eine frühzeitige individuelle Förderung der Kinder über eine Öffnung aller Bildungs-
einrichtungen für das gemeinsame Lernen mit Behinderten und einem Ausbau der Schulsozialarbeit gefordert. »Lehrer und Erzieher brauchen eine hohe soziale Kompetenz«, unterstreicht Roland Hoffmann. Sie müssten in die Lage versetzt werden, »familiäre Gefährdungslagen« durch Armut zu erkennen, damit sie entsprechend reagieren können. Die Kinder müssten nicht schulfähig, sondern die Schulen kindfähig werden.

Nachhaltige Armutsbekämpfung sei nur durch eine umfassende Bildungsförderung möglich, heißt es im Vorwort. Das ginge einher mit der Frühförderung von Kindern, der Stärkung der Erziehungskompetenz der Eltern sowie durch eine enge Zusammenarbeit der verschiedenen Bildungsträger.

Die Konsultationsgruppe arbeitete mehrere Monate am Papier »Gemeinsames Soziales Wort zur Bildung als ein Schlüssel zur Überwindung der Kinderarmut in Thüringen«. Dass sich ein Altbischof hier einbinden lässt, begründet Roland Hoffmann so: »Dafür lohnt es sich zu engagieren.« Nun ist die Politik an der Reihe, die Voraussetzungen zu schaffen.

(mkz)

Mohrenhirse und Paradiesgerste

22. April 2010 von redaktionguh  
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Landesgartenschau: Die Kirchen plädieren in ihren Angeboten in Aschersleben für den Erhalt der Artenvielfalt

Christina Weigel ist die Projektleiterin des Kirchengartens.

Christina Weigel ist die Projektleiterin des Kirchengartens.

Unter dem Motto »Natur findet Stadt« wird am Sonnabend in Aschersleben die Landesgartenschau von Sachsen-Anhalt eröffnet. An den 170 Tagen sind die Kirchen mit eigenem Programm und eigenem Profil vertreten.

Lange Zeit schien es so, als ob der Frühling gar nicht kommen wollte. Auf dem Gelände der Landesgartenschau von Sachsen-Anhalt in Aschersleben zeigten sich bei vielen Pflanzen Knospen und Blätter nur zögerlich. Manch uralter Getreidesorte im Ökumenischen Kirchengarten dagegen macht kaltes Wetter nichts aus. »Eine große Widerstandskraft bei tiefen Temperaturen hat unter anderem der Tiroler Bergweizen, den wir hier angepflanzt haben«, sagt Landschaftsarchitektin Christine von Mertens. An diesem Wochenende öffnet die Landesgartenschau und damit auch der Kirchengarten für 170 Tage die Pforten.

Mertens hat den Kirchengarten mit dem sogenannten Ressourcengarten gestaltet, in dem fast in Vergessenheit geratene Gemüse-, Kräuter- und Getreidesorten zu bestaunen sind. Thematisch geht es dabei vor allem um den Erhalt der Artenvielfalt. Oft sind alte Sorten widerstandsfähiger als in der Region angebaute Gattungen. »Ökologische Vielfalt anstatt besitzergreifende Einfalt« sei gefordert, sagt die Projektleiterin des Kirchengartens, Christina Weigel.

Für das Hauptgebäude des Kirchengartens, der unter dem Motto »Leben teilen« steht, war ein denkmalgeschütztes Gebäude renoviert und nach ökologischen Maßgaben modernisiert worden. Der rund 300 Jahre alte Feldsteinbau wurde ursprünglich als Färberhaus errichtet. Ihre Stoffe spannten die Färber wohl auch auf den angrenzenden Grünflächen zum Trocknen auf. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Gelände erst Friedhof und zu DDR-Zeiten der Thälmannpark. Das »Gärtnerhaus« genannte Gebäude wird für Ausstellungen – zum Beispiel von »Brot für die Welt« – genutzt. Der Eine-Welt-Laden öffnet hier, und bei Regen werden die täglichen Andachten in das Haus verlegt.

Eigentümer ist der Berliner Architekt Gernot Lindemann, der auch als Bauherr bei der Renovierung fungierte.
Der Kirchengarten nimmt 600 Quadratmeter im nördlichen Teil des Stadtparkes ein. In den Beeten des Ressourcengartens wachsen etwa 40 Gemüsesorten, Kräuter sowie rund 30 Sorten Getreide – überwiegend ­verschiedene Formen des Weizens. Es finden sich so skurrile Bezeichnungen wie etwa Mohrenhirse, Nackteinkorn, Jordanischer Wildemmer und Paradiesgerste. Vermutlich mit dem Weizen genetisch verwandt sind Gänsefußgras, Ziegenaugengras und etliche Wildgräser. Die alten Weizenarten stammen überwiegend aus dem Vorderen Orient. »Die Sorten müssen jetzt angebaut werden, damit sie Zeit und die Möglichkeit haben, sich an die Klimaveränderungen anzupassen. Sie dürfen nicht einfach nur in Samenbanken lagern«, betont Mertens. So eigne sich Wildeinkorn besonders zum Anbau in trockenen Gebieten.

Der Ressourcengarten soll dazu anregen, die Vielfalt und den Wert der gemeinsamen Wurzeln im wörtlichen wie im übertragenden Sinn zu erkennen, sagt Gemeindepädagogin Weigel. Dieser Fundus müsse mit allen Völkern geteilt werden, anstatt den Entwicklungsländern genveränderte Pfanzen aufzudrängen. »Gentechnik in der Landwirtschaft löst nicht das Ernährungsproblem in der Welt«, pflichtet ihr Mertens bei. Für den ­Kirchengarten wurde auch ein »Lebenskreuz« angefertigt, das vor dem Haus steht. Hier hängt als Leihgabe im eigenen Glockenstuhl die Glocke, die von der Bundesgartenschau 2009 in Schwerin stammt. In zwei »Gebets-Stelen« können Gäste entweder »Dank-Zettel« oder Notizen mit Klagen einwerfen. Die Briefkästen werden täglich geleert und die Anliegen in die Mittagsgebete aufgenommen.

Das täglich wechselnde Programm gestalten Gemeinden und Einrichtungen aus den Kirchenkreisen Egeln und Ballenstadt, katholische und freikirchliche Gemeinden – in der Regel im Freien, bei schlechtem Wetter im »Gärtnerhaus«. Die Landesgartenschau »Natur ­findet Stadt« in Aschersleben ist bis 10. Oktober geöffnet.

Karsten Wiedener

»Ich bin froh, dass wir anfangen konnten«

16. April 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Die über 500 Jahre alte Vorhalle der Salzwedeler Katharinenkirche ist vom Einsturz bedroht

Dieser gerissene Anker im Westvorbau zeigt, dass es höchste Zeit für die Bauarbeiten ist. Foto: Torsten Adam

Dieser gerissene Anker im Westvorbau zeigt, dass es höchste Zeit für die Bauarbeiten ist. Foto: Torsten Adam

Frieder Oßwald ist die Erleichterung anzumerken. »Ich bin froh, dass wir anfangen konnten, bevor etwas eingestürzt ist«, sagt der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates von Sankt Katharinen in Salzwedel. »Ich hoffe«, fährt der Tierarzt fort, »dass wir zügig weiterarbeiten können.«

Das Problem, das der Gemeinde so große Sorgen bereitet, entdeckte Pfarrer Hans-Christian Beutel im Januar vergangenen Jahres nach einer eisig kalten Nacht. In der Westvorhalle der Katharinenkirche war einer der Stahl-anker unterm Gewölbe gerissen. Der Gebäudeteil, der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts an die gotische Basilika angebaut worden war, wurde gesperrt. Außen sichert ein Zaun das Gelände, über das die Schüler auf ihrem Weg zum benachbarten Jahn-Gymnasium gerne gehen.

Schon zur Erbauungszeit der so genannten Fronleichnamskapelle muss es Probleme gegeben haben. Darauf weisen nicht nur die Stahlanker hin, die damals mit eingebaut wurden. Das zeigen die Säulen in der Vorhalle, die mit dicken Schäften verstärkt sind und dennoch schief stehen. Deutlich ist das auch außen an der Westwand zu erkennen, die sich aus der Lotrechten neigt. Auch dieses Problem ist Jahrhunderte alt. Schürfungen ergaben, dass sich die Mauer in winzigen Schritten über das Fundament hin-ausschiebt. Zwar geht das schon lange so, doch ist jetzt ein kritischer Punkt erreicht. Das zeigen die Risse, die sich im weiß getünchten Gewölbe und außen im Backstein aufgetan haben.

Aus einem Baugrundgutachten geht hervor, dass die an sich stabilen Fundamente der Vorhalle erstens auf zu lockerem Boden und zweitens nicht frostsicher gegründet sind. Da wird jede Schwankung der Temperatur und des Grundwassers (der Fluss Jeetze mit dem ehemaligen Hafen liegt nicht weit entfernt) zum Problem. Glück im Unglück: Bohrungen im Baugrund des Kircheninneren, an der alten Westwand, zeigen, dass die Katharinenkirche selber auf festem Boden steht. Erbaut wurde sie ab der  Mitte des 13. Jahrhunderts. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfiel sie immer stärker und schien nicht mehr zu retten. Doch Privatleute schafften es mit fachlicher Unterstüzung der DDR-Denkmalpflege und des Kirchlichen Bauamtes,  sie zu erhalten. Weihnachten 1975 gab es den ersten Gottesdienst nach vielen Jahren.

Heute sind die Kosten für die Notsicherung und die Bauarbeiten an der Vorhalle auf 268000 Euro veranschlagt. Eigenmittel der Gemeinde und Fördermittel der Stadt Salzwedel stehen bereit. Noch kein Förderbescheid für das Baudenkmal liegt bislang vom Land Sachsen-Anhalt vor. Aber ein »vorzeitiger Maßnahmebeginn« sei vom Landesverwaltungsamt genehmigt worden, so der Pfarrer.

Was Hans-Christian Beutel sehr freut, ist die Spendenbereitschaft. Knapp 18000 Euro sind bislang eingegangen. Dass die Kirche 1989 Ort der Friedensgebete und Ausgangspunkt von Demonstrationen war, könnte dazu beigetragen haben, mutmaßt der Pfarrer. Und dass sie seit langem ein Zentrum der Kirchenmusik ist. Seit die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in ihrer Zeitschrift »Monumente« die Backsteinkirche vorstellte, ist ihr auch deutschlandweite Aufmerksamkeit sicher. Und so hoffen alle, dass die »späte Blüte von hanseatischem Bürgerstolz« für weitere 500 Jahre erhalten bleibt.  

Angela Stoye

Das Drama am Hindukusch

16. April 2010 von redaktionguh  
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Es fällt einem nicht mehr viel ein zu Afghanistan – den Politikern nicht, den meisten Bürgern nicht und auch den Journalisten nicht. Es herrscht Ratlosigkeit.

Aber es muss über Afghanistan nachgedacht werden. Denn der Schmerz ist tief bei den Menschen, die um die vor zwei Wochen getöteten Bundeswehrsoldaten trauern – und auch bei jenen, die um die fünf afghanischen Soldaten weinen, die ebenfalls am Karfreitag von Deutschen getötet wurden. Ein großes Drama, das man nun laut deutschem Verteidigungsminister »umgangssprachlich als Krieg« bezeichnen darf.

So unerträglich es ist: Die Augen dürfen wir davor nicht verschließen. Wir Bundesbürger haben deutsche Soldaten an den Hindukusch geschickt. Warum eigentlich? Weil den Terroristen von al-Qaida nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die Heimatbasis verbaut werden sollte – und Deutschland seinem angegriffenen Verbündeten USA zur Seite stehen wollte. Erst später wurde dies mit dem Motiv ummäntelt, den Afghanen ein besseres und ­demokratisches Leben zu bescheren.

Heute hat sich al-Qaida längst in den Jemen oder nach Somalia verzogen. Von einer Demokratie ist das Land der korrupten Kriegsherren und armen Drogenbauern weit entfernt. Die Taliban gelten wieder als gar nicht so üble Gesprächspartner, und die Gewalt nimmt zu. Das spüren die Soldaten vor Ort ­zuallererst. Und was alles noch viel schlimmer macht: Es gibt keine einfache Lösung. Ein schneller Abzug der internationalen Truppen wäre ein Sieg der Taliban und eine Katastrophe für viele Afghanen. Aber zugleich wird deutlich, dass ein Militäreinsatz keinen Frieden bringen kann. Aus dem Dilemma am Hindukusch führt diese Erkenntnis nicht heraus. Aber sie kann eine Lehre für die Zukunft sein. Dies nicht zu vergessen – das sind wir den Toten dieses Krieges schuldig.

Andreas Roth

Gegenwart des Unsichtbaren

16. April 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Dialog zum Verhältnis von Kunst und Religion in den »Farbwelten« der Erfurter Kunsthalle

Im Galerie- gespräch in der Kunsthalle Erfurt diskutierten Kai Uwe Schierz (li.), Leiter der Kunsthalle, und der ­Professor für ­Fundamental- theologie,  Michael Gabel, über die Gegenwart des Unsichtbaren am Beispiel des Gemäldes  »Die Familie« von Ernst Ludwig Kirchner aus den Jahren 1927/1928. Foto: Susanne Kay

Im Galerie- gespräch in der Kunsthalle Erfurt diskutierten Kai Uwe Schierz (li.), Leiter der Kunsthalle, und der ­Professor für ­Fundamental- theologie, Michael Gabel, über die Gegenwart des Unsichtbaren am Beispiel des Gemäldes »Die Familie« von Ernst Ludwig Kirchner aus den Jahren 1927/1928. Foto: Susanne Kay

Es gibt Bilder, in die kann man ­hineingehen wie in wundervolle Gärten: Immer Neues sieht man entlang verschlungener Wege. Was erst nur farbige Fläche scheint, verwandelt sich, am Himmel ziehenden Wolken gleich, in Mensch-, Tier- oder Engelsgestalt. Ein solches Bild ist Wassily Kandinskys »Sintflut«.

Es ist das Titelbild der derzeitigen Ausstellung »Farbwelten« in der Kunsthalle Erfurt. Und es ist kein ­Zufall, dass Kunsthallen-Direktor Kai Uwe Schierz und der katholische Theologie-Professor Michael Gabel vor diesem Bild geradezu ins Schwärmen kommen. »Die Gegenwart des Unsichtbaren« hatte das Katholische Forum als ­Veranstalter das Galeriegespräch am 8. April überschrieben, bei dem Schierz und Gabel anhand von Werken der klassischen Moderne dem Verhältnis von Religion und Kunst auf die Spur zu kommen suchten.

Eine »Sinfonie farbiger Gedankenformen« charakterisiert Kai Uwe Schierz Kandinskys 1912 entstandenes Gemälde, mit dem der russische Künstler als einer der ersten die Grenzen eines eng verstandenen malerischen Realismus hinter sich ließ. Erscheinungen sind für ihn nur Hüllen für innere Welten und Wahrheiten. Das Gute, so vermeint er, ist das Transzendente im Menschen. Das Böse hingegen seine Vergötzung des Materiellen. Es waren die Künstler, die vor gut hundert Jahren ahnten, dass technologischer Fortschritt mitnichten zugleich menschlichen Fortschritt bedeutet. »Solch gegenläufige Kräfte kamen auch aus der religiösen Bewegung«, griff Michael Gabel diesen Gedanken auf. Und spann ihn weiter: Ist Kandinskys »Sintflut« Untergang oder neuer Anfang? Steht am Ende der Sintflut nicht die Erneuerung von Gottes Bund mit den Menschen?

Erneuerung wollte auch der Expressionist Ernst Ludwig Kirchner. Zum Beispiel mit seinem Bild »Die Familie«. Ein Vater, der sich in bergender Geste zu seiner sitzenden Frau beugt, die ihr Kind stillt. »Das Heilige an dieser Familie«, sagt Schierz, »ist das Ideale. Als Gegenteil zum Lebendigen ist das Ideale dazu verurteilt, nicht in dieser Welt zu sein – und verbindet sich so mit dem Heiligen.« Jenes Heilige aber gab Menschen lange Zeit ebenso Orientierung wie später Ideale. Gabel und Schierz spannen in der Kunsthalle philosophische wie theologische Bögen, und so nahmen sie ihre Zuhörer nicht nur mit von Bild zu Bild, sondern auch von Erkenntnis zu Erkenntnis. Nicht zuletzt vor Yves Kleins »Monochrom blau« (1957): einer Fläche in einem ungeheuer tiefen Blau. Einem Bild, bei dem sich das eigent­liche Geschehen nicht mehr auf der Leinwand, sondern zwischen dem Betrachter und dem Kunstwerk abspielt.

Schließlich die weiße Leinwand von Lucio Fontana, gemalt 1962. Die Darstellung des Absoluten, das letzte Bild. Ein langer Schlitz durchbricht diese Dimension. »Man braucht das Konkrete, um das Absolute wahrzunehmen«, erklärt Michael Gabel und vollendet diese Reise in die Welt des Über-Sinnlichen mit einem Ausflug in die italienische Sprache: Offenbarung heiße auf Italienisch »revelatio« – wörtlich Wiederverhüllung. »Gott zeigt sich«, formuliert der Theologe Gabel, »indem er sich zugleich wieder verhüllt.«

Kathrin Schanze

»Farbwelten – Von Monet bis Yves Klein. Werke der klassischen Moderne aus den Kunstmuseen Krefeld« sind in der Kunsthalle Erfurt bis zum 2. Mai zu sehen.

www.kunsthalle-erfurt.de

Der Pfarrer im Kampfanzug

16. April 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Für Kaltennordheims Pfarrer Lars Ophagen gehört Aikido zur Jugendarbeit

Pfarrer Lars Ophagen zeigt Schülern Techniken der Kampfsportart Aikido. Foto: Rhönsachs

Pfarrer Lars Ophagen zeigt Schülern Techniken der Kampfsportart Aikido. Foto: Rhönsachs

Eine besondere Deutschstunde an der Kaltennordheimer Regelschule: Heft und Buch werden nicht benötigt, stattdessen Sportsachen. Die Realschüler der 9. Klasse treffen sich in der Turnhalle. In der Mitte sind Matten ausgelegt. Darauf steht Lars Ophagen, evangelischer Pfarrer der Rhönstadt, im Kampfanzug. Ophagen trainiert in seiner Freizeit die japanische Kampfkunst Aikido.

Im Deutschunterricht beschäftigen sich die Realschüler unter anderem mit Fachtexten. Mehrere Seiten im Buch widmen sich dem Thema Selbstverteidigung. Geschichte, ethische Aspekte und Techniken sind beschrieben. Unter anderem wird auch die Kampfsportart Aikido erklärt – mit vielen fremdsprachigen Fachbegriffen. »Die Texte sind schwer zu verstehen, da hatte sogar ich zum Teil Mühe«, sagt Deutschlehrerin Angelika Dolch. Im vergangenen Jahr hatte sie die Idee, sich zusätzliche Informationen zu beschaffen. Pfarrer Ophagen, der an Kaltennordheims Regelschule Religion unterrichtet, kennt sie aus dem Lehrerzimmer, weiß auch von dessen Kampfsport-Hobby.

Lars Ophagen beginnt mit einigen Aufwärmübungen und einem Schnellkurs zum richtigen Fallen. Schließlich soll niemand verletzt werden. Dann folgen Würfe. Der Pfarrer erzählt dabei von der japanischen Kampfkunst, welche ausschließlich der Selbstverteidigung dient. »Sie beginnt im Kopf, ist mit viel Theorie verbunden«, sagt er. Die Neuntklässler sind begeistert dabei, probieren das Gezeigte sofort aus. »Der beste Kampf ist der, der nicht stattfindet«, schärft Lars Ophagen ihnen ein. Beim Aikido gehe es nicht darum, den Angreifer zu verletzen, sondern ihn von der Sinnlosigkeit seines Angriffs zu überzeugen. »Selbstverteidigung funktioniert zu 90 Prozent mit Entschlossenheit, die restlichen zehn Prozent sind Technik«, sagt der Pfarrer und animiert die Schüler, stets aufrecht zu gehen, einen Angreifer zunächst bestimmt zu warnen. Wenn das nichts nützt, bietet ­Aikido Abwehrtechniken wie Würfe und Kicks. Ophagen demonstriert ­eindrucksvoll, wie man einen Schlag oder gar einen Angriff mit Messer und Elektroschocker abwehrt oder wie man sich aus einem Festhaltegriff ­befreit.

Lars Ophagen trainiert jeden Donnerstag Erwachsene und fortgeschrittene Schüler in der von ihm gegründeten Aikido-Abteilung des Kaltennordheimer Sportvereins »RSV Fortuna«. Freitags gibt es die Kampfsportart als Schul-Arbeitsgemeinschaft für Kinder.
»Weich aus, wenn du gestoßen wirst, und trete ein, wenn du gezogen wirst« – so lautet das Grundprinzip von Aikido. Dies sei in fast allen ­Lebenssituationen anwendbar, aber stets ausschließlich zur Verteidigung. Christlicher Glaube und Aikido seien ethisch sehr gut vereinbar. Er betrachtet seine ehrenamtliche Trainer-Tätigkeit auch als Jugendarbeit, Prävention und ein Stück Mission.

»Ich sehe, dass besonders bei Jungen häufig ein Ausgleich fehlt. Das ist ein Mangel unserer Gesellschaft. Diesen Ausgleich suchen sie dann oft in verbotenen Bereichen«, sagt Lars Ophagen. Hier zu helfen, sieht der Pfarrer als Aufgabe für ihn. Er hilft mit Aikido – »das kann ich eben« – und bietet Jugendlichen einen sinnvollen Ausgleich, lehrt sie zudem, Gewalt zu begegnen, mit ihr umzugehen, gesundes Selbstbewusstsein auszuprägen. »Aikido ist eine Möglichkeit, Gewalt zu begegnen, ohne Gegengewalt auszulösen.«

Stefan Sachs

Bildung und Glaube sind Geschwister

16. April 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Religionspädagogischer Studientag in Eisfeld erinnerte an die Bildungsoffensive der Reformation

Etwa 9000 Bücher und 450 Originalhandschriften gehören zum Bestand des Melanchthonhauses in Bretten. Zwischen 1897 und 1903 wurde das Museum an der Stelle des Geburtshauses von Melanchthon erbaut. Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Etwa 9000 Bücher und 450 Originalhandschriften gehören zum Bestand des Melanchthonhauses in Bretten. Zwischen 1897 und 1903 wurde das Museum an der Stelle des Geburtshauses von Melanchthon erbaut. Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Nur zehn Prozent der Jugendlichen können alle fünf ­Weltreligionen nennen, ­fünfzehn Prozent gar keine und Sodom und Gomorra wird für ein Ehepaar ­gehalten. Diese Bildungsdefizite zeitigte eine Studie in den USA. Aber so weit muss gar nicht geschaut werden.

Warum engagieren sich die Kirchen so in der Bildungslandschaft der Schulen, wo doch Kirche und Staat eigentlich getrennt sind?« Die etwas provokante Frage von Pfarrer Andreas Koch brachte unlängst gleich zu Beginn des religionspädagogischen Studientages im Justus-Jonas-Saal der evangelischen Kirchengemeinde Eisfeld genügend Zündstoff in die Runde. Als Schulbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) hatte er Lehrerinnen und Lehrer der Fächer Religion, Ethik und Geschich­te, Gemeindepädagoginnen und Gemeindepädagogen, Pfarrerinnen und Pfarrer sowie interessierte Gemeindeglieder eingeladen.

Und das an historischer Stätte: Justus Jonas, ein enger Vertrauter Martin Luthers, hatte einst in Eisfeld gewirkt. Der Tag fügt sich als ein Mosaikstein in die vielfältigen Bemühungen ein, das Reformationsjubiläum nicht erst im Jahr 2017 mit ­einem großen Festakt zu begehen, sondern den Geist der Reformation auf breiter Basis für die Gegenwart zu nutzen.

Prälat Stephan Dorgerloh aus Wittenberg, der Beauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum 2017, bot mit seinem Referat Denkanstöße zum Thema »Reformation und Bildung«. Die Einladung zum Studientag hatte Albert Schweitzer zitiert: »Nach reformatorischem Verständnis kann sich eine evangelische Kirche und ­Gemeinde ohne Bildung nicht entwickeln. Ganz zu Recht hat man die Reformation als ein Bildungsereignis beschrieben. Bildung und Glaube sind reformatorisch gesprochen Geschwister, die man nicht trennen darf noch soll.«

Mit der (Schul-)Bildung stehe es derzeit, was den Glauben betreffe, nicht zum Besten, konstatierte Stephan Dorgerloh. Aktuelle Umfragen malten ein düsteres Bild. In der Martin-Luther-Schule in Eisleben – immerhin nennt sich Eisleben Martin-Luther-Stadt – besuchen nur zehn der 120 Schüler den Religionsunterricht. Sie können weder die Anspielungen von Bertolt Brecht in seinem »Kaukasischen Kreidekreis« deuten, noch kennen sie die Bedeutung des Osterfestes, das sie mit dem Frühlingsanfang gleichsetzen.

Es sei wieder an der Zeit, sich mit den Impulsen zu ­beschäftigen, die damals von der »Bildungsinitiative« der Reformation ausgegangen waren. »Kernanliegen der Evangelischen Kirche heute ist ein ­gebildeter Glaube, der weiß, wovon er redet. Auch das Anliegen einer guten Allgemeinbildung, die allgemeine Schulpflicht und unsere Vorstellungen einer demokratischen Gesellschaft sind Folgen des reformatorischen Aufbruchs«, so Stephan Dorgerloh. Dabei seien die Ansichten eines Philipp Melanchthon, dessen 450. Todestag gerade gedacht wird, von großer Aktualität. Die Kenntnisse der ­Antike, der Bibel, der Musik seien genauso wichtig wie Mathematik und Physik, hatte der »Praeceptor Germaniae«, der »Lehrer Deutschlands«, schon damals formuliert. Eine gerade erschienene EKD-Broschüre über Philipp Melanchthon gibt dazu umfassendes Informationsmaterial.

Was muss man heute von der Religion wissen? Es sei notwendig, bei den Kindern anzufangen, im evangelischen Kindergarten, bei Krippenspielen und anderen Angeboten, forderte Dorgerloh. »Wenn nicht mal mehr die Großmutter getauft ist, kann Kirche nicht traditionell in der Familie weitergegeben werden.« Protestantismus ist eine Bildungsbewegung: »Wer die Bibel lesen will, muss erst einmal lesen können. Und wer die Bibel nicht liest, kann sich an der Religion nicht reiben.«

Das Reformationsjubiläum 2017 sei ein Ereignis, mit dem Thüringen international auf sich aufmerksam machen könne, ist in einer Verlautbarung des Thüringer Bildungsministeriums zu lesen. Doch zum Glück sieht man hier nicht nur Möglichkeiten der touristischen Vermarktung. Auch schulische Projekte sind im Fokus. Dazu gibt es eine Kooperationsvereinbarung mit der Evangelischen Akademie Thüringen über unterrichtsbegleitende und außerunterrichtliche Vorhaben. Bei dem Projekt »Denkwege zu Luther« sollen beispielsweise Schülerinnen und Schülern Reformation und Humanismus nähergebracht werden. Kürzlich wurde in Erfurt die multimediale Wanderausstellung »Martin Luther und der kulturelle Wandel im konfessionellen Zeitalter« präsentiert, die nun allen Schulen in Thüringen zur Verfügung steht.

Wolfgang Swietek

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