Erholung vom Alltag
13. Mai 2010 von redaktionguh
Abgelegt unter Mitteldeutschland
In diesem Jahr geht die Aktion »Kindern Urlaub schenken« der Diakonie Mitteldeutschland in die fünfte Runde. G+H befragte dazu den Jenaer Armutsforscher Prof. Roland Merten, Sprecher des Spenderrates der Aktion und seit einem halben Jahr Staatssekretär im Thüringer Kultusministerium:
Herr Prof. Merten, Deutschland ist ein reiches Land, trotzdem gibt es immer mehr arme Kinder. Ist das nicht ein Widerspruch an sich?
Merten: Nein, das ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck einer höchst ungleichen Verteilung des Reichtums in unserem Land. Und genau darin liegt das Gerechtigkeitsproblem, dass viele Kinder von diesem Reichtum ausgeschlossen sind, während andere im Überfluss leben.
Die Diakonie Mitteldeutschland wirbt seit Jahren um Spenden, damit auch bedürftige Kinder ein paar unbeschwerte Urlaubstage verbringen können. Warum bleibt das weiterhin wichtig?
Merten: Das Aufwachsen in Armut ist eine andauernde Belastung für diese Kinder. Gerade sie brauchen deshalb die Möglichkeit anderer Erfahrungen. Für viele Kinder sind diese Urlaubstage die einzige Chance, neue Eindrücke zu gewinnen. Man kann das mit einer Kur vergleichen, in der neue Kräfte gesammelt werden können. Wir wollen mit unserer Spendenaktion einen Beitrag dazu leisten, dass diese Erholung vom Alltag für möglichst viele arme Kinder Wirklichkeit wird.
Wie wichtig das ist, zeigen die vielen kleinen Beispiele: Da fährt ein zehnjähriges Mädchen das erste Mal mit dem Zug. Eine Neunjährige übernachtet erstmals außerhalb des Elternhauses, während ein 12 Jahre alter Junge noch nie zuvor im Zoo war. Es geht also nicht um Spektakuläres, sondern um kleine Entdeckungen, die für arme Kinder große Bedeutung haben.
Aber ist das nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Müsste hier nicht die Politik Abhilfe schaffen?
Merten: Jede Spende ist eine willkommene Hilfe. Und wenn viele einen kleinen Beitrag leisten, kann daraus etwas Großes entstehen. Unsere Spendenaktion zeigt doch gerade, dass das möglich ist. Zudem ist es mir zu einfach, von anderen Lösungen zu fordern. Natürlich ist die Politik in der Pflicht, armen Kindern einen angemessenen Unterhalt zu garantieren, wenn die Eltern dazu nicht in der Lage sind. Aber Politik ist nicht das Allheilmittel für die Probleme unserer Gesellschaft. In einer Bürgergesellschaft – zumal in einer so reichen wie Deutschland – ist es meines Erachtens eine moralische Pflicht jedes einzelnen Mitbürgers, seinen Beitrag zu leisten.
Der Zustand einer Gesellschaft ermisst sich am Umgang mit den Schwächsten. Dazu trägt Politik bei, aber eben auch jeder einzelne Mitbürger. Und zu den Schwächsten in dieser Gesellschaft gehören arme Kinder, deshalb ist jeder Einzelne gefordert.
Weshalb sollten die Leute also spenden?
Merten: Weil das eine direkte Möglichkeit zwischenmenschlicher Solidarität ist, weil auf diese Weise der Einzelne unmittelbar Gutes tun kann. Insofern gilt Erich Kästners Weisheit unverändert: »Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!«






