Ein guter Kompass für die Seele

Foto: Pawel Kryj, sxc.hu

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Herr, du erforschst mich und kennst mich.
Psalm 139, Vers 1

Sigmund Freud erforschte im letzten Jahrhundert mit großer Ernsthaftigkeit die Untiefen der menschlichen Seele. Des Menschen Lebensschnittmuster müsste doch in ihm selbst zu finden sein. Das Rätsel seiner Existenz muss sich aus den Landschaften seiner Psyche erklären. Und so wird die Hoffnung groß, endlich Licht in das Tiefendunkel der Seele bringen zu können. Aber das Jahrhundert Freuds ist eines der finstersten und seelenlosesten in der Geschichte der Menschheit geworden.

Die Dichter der Psalmen benutzen einen anderen Kompass für ihre ausgedehnten Wanderungen durch die Landschaft der Psyche. In Psalm 42 begegnet uns eine Seele, die nach Gott dürstet und schließlich fragt: »Was betrübst du dich, meine Seele?«

Die große Poesie der Psalmen nimmt das schwere Dunkel in den Blick. Allerdings fehlt ihr die permanente Selbstbezogenheit. Die Sehnsucht der Seele richtet sich nach Gott aus. Und so kann der Beter des 139. Psalms unbeschwert sagen: »Herr, du erforschst mich und kennst mich.« Dieses Wissen steht am Anfang eines grandiosen Gebetes. Es ist der Text einer nach Gott hin weit geöffneten Seele. Nur Gott kennt mich wirklich, ganz und tief. Nur der mich geschaffen hat, kann erforschen, was in mir wohnt.

Reichtum und Gelassenheit dieses wunderbaren Psalms verdanken sich einer unerschütterlichen Gottbezogenheit der Seele. In großen Bildern öffnet sie sich auf die Nähe Gottes hin und lernt ein Staunen, aus dem die Seele ohne die gefährliche Verkrümmung in sich selbst leben kann. Und immer hört man den ersten Vers wie eine Grundmelodie heraus: »Herr, du erforschst mich und kennst mich.«

In einem weiten Bogen wandert der Beter durch diesen wunderbaren Text. Und mittendrin, in Vers 14, stimmt er den Lobruf seines gottbegeisterten Lebens an: »Wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.«

Thomas Perlick, Pfarrer in Römhild

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