»buch_haltung« aus vier Jahrhunderten
20. Juli 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Neue Literatur über Halle und die Marienbibliothek können Besucher erwerben - am Besten nach einer der montäglichen Führungen. Foto: Frieder Weigmann
Halle: Kabinettausstellung gewährt Einblicke in älteste evangelische Kirchenbibliothek
Was kennzeichnet eigentlich laut Ausstellungstext die »Lebenswelt einer evangelischen Kirchenbibliothek«? Zumal, wenn es die älteste historisch-wissenschaftliche Kirchenbibliothek in Deutschland ist, 1552 in Halle gegründet? Erst einmal handelt es sich um eine ziemliche leblose Sammlung von mehrheitlich sehr alten und meist wertvollen Büchern. Natürlich hat jedes Buch eine Geschichte, die mal durch den Inhalt lebendig wird, manchmal aber mehr noch durch frühere Eigentümer, Gebrauchsspuren oder Randnotizen. Jedes Buch, jede Handschrift, Urkunde oder jedes Register gibt Einblicke und entfaltet eine eigene Lebenswelt. Und mit der Aufbewahrung, Sammlung und Ordnung der Bestände – in der Marienbibliothek in Halle sind es reichlich 30000 Bände – entsteht so eine eigene Lebenswelt, die eine mehr als 450 Jahre alte Kirchenbibliothek von jedem anderen Ort der Buchsammlung unterscheidet.
»buch_haltung« heißt die kleine Kabinettausstellung, die Shirley Brückner zusammengestellt hat. Die junge Historikerin ist seit gut einem halben Jahr Bibliothekarin in der Marienbibliothek. Sie bietet inzwischen immer montags um 18 Uhr Führungen durch die Kirchenbibliothek an. »Früher gab es die Führungen einmal im Monat. Das ließ sich aber schwer kommunizieren. Wöchentliche Führungen lassen sich leichter weitersagen«, sagt Brückner. Zwar gibt es deshalb noch keine Besucheranstürme, dennoch ist die Bibliothekarin mit der Resonanz zufrieden. Mit der Ausstellung setzt sie den Anfangspunkt für künftige thematische Ausstellungen, die sich aus den verschiedenen Sammlungen im Bestand erarbeiten lassen. Künftig soll Besuchern also regelmäßig mehr als der häufig nachgefragte Taufeintrag von Georg Friedrich Händel im Kirchenregister der Marktgemeinde gezeigt werden. Unter Familienforschern ist die umfangreiche Kirchenbuchsammlung aus der Region schon lange ein Geheimtipp. »Familienforschung als Schwerpunkt wird dieser Bibliothek aber überhaupt nicht gerecht.« Jetzt will Shirley Brückner stärker ein wissenschaftliches und historisch interessiertes Publikum ansprechen. Einige Sammlungen, die vor Jahren in die Marienbibliothek aufgenommen wurden, sind noch gar nicht richtig erschlossen. Andere Bestände wurden in den letzten Jahren in die elektronische Datenbank der Uni-Bibliotheken aufgenommen. Auch hier gibt es noch viel zu tun.
Die Ausstellung »buch_haltung« gibt unter dem doppeldeutigen Titel nicht nur Einblick in die Bibliothekskultur, sondern knüpft auch an die Anfänge des Schreibens überhaupt an: die ersten Schriftzeugnisse früher Zivilisationen waren Abrechnungen und kaufmännische Listen. Deshalb zeigt die Kabinettausstellung, die noch bis 31. Oktober zu sehen ist, auch Kataloge, Register, Verzeichnisse und Listen aus vier Jahrhunderten kirchlicher Verwaltung.
Frieder Weigmann






