Künftig ohne Kastanien?
28. Juli 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Neugestaltung des Schlossplatzes in Wittenberg wirft Fragen auf

Blick auf den Schlossplatz der Lutherstadt Wittenberg. Kurz vor Redaktionsschluss am Dienstag erfuhr die Redaktion, dass die erste Kastanie bereits gefällt wurde. Foto: Achim Kuhn
Die jüngste Grabung steht im Zusammenhang mit geplanten baulichen Aktivitäten in Wittenberg bis zum Reformationsjubiläum 2017. Laut Oberbürgermeister Eckhard Naumann (SPD) belaufe sich das Investitionsvolumen auf etwa 50 Millionen Euro. Davon müssen die EU-Mittel bis 2015 verbaut sein. Was die Sanierung des Schlossensembles und dessen künftige Nutzung betrifft, so sei im Erdgeschoss ein Empfang für die Schlosskirche vorgesehen, in der ersten Etage eine reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek.
Und in einen noch zu errichtenden Südflügel wird das Evangelische Predigerseminar einziehen. Im Gegenzug erhält die Stiftung Luthergedenkstätten mit dem Augusteum als bisherigem Sitz des Seminars dringend benötigte Flächen etwa für eigene Sonderausstellungen. Die Baulast trage sie schon.
Vorigen Monat hatte das Land Sachsen-Anhalt eine Million Euro für Planungsarbeiten und die Grabungen für dieses Jahr bereitgestellt. Seit dem 28. Juni koordiniert die sachsen-anhaltische Landesentwicklungsgesellschaft (Saleg) die Untersuchungen. Bereits Anfang Juli, so Saleg-Mann Frank Herfurth, waren etwa 2000 Tonnen Aushub abtransportiert worden, inzwischen dürfte es erheblich mehr sein. Nun ist klar, dass, wo gehobelt wird, Späne fallen.
Im Fall des Schlossplatzes werden es allerdings ganze Bäume sein. Konkret handelt es sich um stattliche Kastanien, die der Zukunft im Weg stehen. Die Bäume spenden nicht nur Schatten und prägen das Bild des Platzes zum Teil seit fast 150 Jahren. Sie bieten auch Lebensraum. Buchfinken sind es gegenwärtig, deren Drang zur Arterhaltung zumindest eine Galgenfrist für zwei der fünf grünen Riesen zur Folge hat: Solange die Piepmätze brüten, darf nicht gefällt werden. Nicht gegraben werde auch an zwei weiteren Kastanien, deren Wurzeln über Versorgungsleitungen liegen.
Bäume in die Planung einbeziehen und nicht fällen
Mit ihrem »Talk am Turm« wollten Akademiedirektor Friedrich Kramer und die für Umweltmanagement zuständige Studienleiterin Siegrun Höh-ne den zahlreich erschienenen Besuchern die Möglichkeit geben, sich Informationen aus erster Hand zu holen. Denn genau daran hat es dem Anschein nach in der Vergangenheit gehapert.
Von einem Kommunikationsdesaster sprach ein Besucher. Wichtig sei nicht, was er (Naumann) gesagt habe, sondern was bei den Menschen ankommt. Nicht zerstreuen ließen sich Zweifel an der Notwendigkeit des Anbaus, zumal die Direktorin des Predigerseminars, Hanna Kasparick, einräumte, dass ihre Einrichtung im Augusteum gut aufgehoben sei.
Allerdings gehe es um eine »Gesamtlösung für Wittenberg, wo alle gewinnen«. Inwieweit die Natur dabei verliert (und mit ihr der Mensch?), ließ sich erahnen, als Siegrun Höhne vom Wert der Bäume sprach. Abgesehen vom emotionalen Wert haben sie auch einen messbaren: Je nach Art und Alter speichern sie pro Jahr einige Tausend Tonnen Kohlendioxid und filtern ebenso viel Staub aus der Luft. Höhne, die sich grundsätzlich darüber freue, dass der »hässliche Schlossplatz ästhetisch gestaltet werden soll«, bat die Verantwortlichen, entweder einen Teil des Altbaumbestandes in die Bauplanungen mit einzubeziehen. Oder, falls dies nicht geht, Neupflanzungen wegen des Klimaschutzes im Stadtgebiet vorzunehmen.
Nach dem jetzigen Stand sind offensichtlich 23 Ersatzbäume vorgesehen. Das ist, nicht nur nach Höhnes Auffassung, zu wenig.
Corinna Nitz




