»Diese Arbeit wird mich nicht so schnell loslassen«

Nach 20 Jahren wird Gefängnisseelsorgerin Hanna Haupt in Halle verabschiedet

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat Hanna Haupt in der JVA Halle wichtige Projekte angestoßen. Foto: Martin Hanusch

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat Hanna Haupt in der JVA Halle wichtige Projekte angestoßen. Foto: Martin Hanusch

Dass ich im Gefängnis gelandet bin, ist blanker Zufall und der Wende geschuldet.« Hanna Haupt kann sich noch genau an ihre Anfangszeit als Gefängnisseelsorgerin im »Roten Ochsen« in Halle erinnern.

Dort, wo zu DDR-Zeiten die Stasi eine Untersuchungshaftanstalt unterhielt, hat sie nach der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung ein neues Arbeitsfeld aufgebaut. Am Anfang habe es auf beiden Seiten große Unsicherheiten gegeben. Heute, erzählt die Pfarrerin mit der Kurzhaarfrisur, gehöre Kirche in der Justizvollzugsanstalt (JVA) ganz selbstverständlich dazu. Am 30. Juli wird die Gefängnisseelsorgerin nach 20 Dienstjahren aus ihrem Amt verabschiedet – natürlich im »Roten Ochsen«.

Dabei ist ihr Lebensweg keineswegs in dieser Richtung vorgezeichnet. Als drittes von acht Kindern wächst Hanna Haupt in Erfurt auf, der Vater ist Garten- und Landschaftsarchitekt. »Eigentlich«, sagt sie, »hätte ich gerne Jura studiert.« Doch weil sie aus einem »frommen Elternhaus« stammt, weder bei den Pionieren ist noch in die FDJ eintritt, kommt das kaum infrage. Stattdessen studiert sie nach dem Abitur Bibliothekswissenschaften in Leipzig.

Danach nimmt sie 1969 ein Theologiestudium an der Kirchlichen Hochschule auf, geht anschließend nach Erfurt und Blankenhain. 1989 folgt der Wechsel nach Halle. Hanna Haupt wird Katechetin an der Paulusgemeinde und ab 1990 ehrenamtliche Gefängnisseelsorgerin. 1994 legt sie das zweite Theologische Examen ab – im Alter von 46 Jahren – und übernimmt nun hauptamtlich die Gefängnis- und Ausländerseelsorge.

Vor allem in der JVA durchlebt sie spannende Zeiten und zahlreiche Veränderungen. Von den »Wendewirren« mit gerade einmal elf inhaftierten Frauen bis zu riesigen Haftzahlen habe sie alles mitgemacht, erzählt sie. Erst im vergangenen Jahr sind die Umstrukturierungen zu Ende gegangen. »Auch deshalb ist es ein guter Zeitpunkt, jetzt aufzuhören«, ist Hanna Haupt überzeugt.

Trotzdem hat sie allen Grund, dankbar auf die vergangenen 20 Jahre zurückzublicken. »Ich konnte viele Menschen für die Arbeit im Gefängnis sensibilisieren.« Aber auch in der JVA hinterlässt sie Spuren. Sie hat hier einige wichtige Projekte angestoßen – die Konzertreihe »Musik hinter Gittern« etwa, Theaterprojekte und Malgruppen. Dass der Kirchsaal im »Roten Ochsen« wieder zum Kirchsaal geworden ist, nennt sie selbst einen schönen Erfolg. Jetzt sei er wieder die »Seele der Anstalt«.

Das gilt möglicherweise noch viel mehr für ihr Wirken in der Justizvollzugsanstalt selbst. Denn besonders die Gespräche mit den Inhaftierten und den Bediensteten liegen ihr in all den Jahren am Herzen. Gerade bei familiären Problemen und bei Schwierigkeiten im Knastalltag sei sie gerne in Anspruch genommen worden. »Diese Arbeit hat mir Spaß gemacht und wird mich wohl nicht so schnell loslassen«, schätzt Hanna Haupt.

Doch jetzt freut sie sich erst einmal auf mehr Zeit für sich sowie die vier Kinder und fünf Enkelkinder. Zudem will sie mit ihrer Stadtratsarbeit weitermachen, solange es ihr gut geht. Hier engagiert sich die Pfarrerin ebenso wie in der Bürgerinitiative Paulusviertel, deren Vorsitzende sie seit 1990 ist. »Schließlich«, sagt sie mit einem Lächeln, »besteht das Leben ja nicht nur aus dem Knast.«

Martin Hanusch

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