Sehnsucht nach einem heiligen Ort

28. August 2010 von redaktionguh  
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Dein Wort ist wahrhaftig und gewiss; Heiligkeit ist die Zierde deines Hauses, Herr, für alle Zeit.
Psalm 93, Vers 5

Neben Auto- und Haustürschlüssel und einigen, von denen ich nicht mehr weiß, zu welchem Schloss sie gehören, hängt bei uns ein Schlüssel zum Heiligen. Es ist der Schlüssel meiner Kindheitskirche. Er ermöglicht mir den Zugang zu einem seitdem vertrauten heiligen Ort.

Babet Lehmann ist Klinikseelsorgerin in Weimar.

Babet Lehmann ist Klinikseelsorgerin in Weimar.

Damals schienen nur wenige Menschen Sehnsucht nach diesem Gebäude zu verspüren. Zu den regelmäßigen Gottesdienstbesuchern zählten vor allem die im Turm ansässigen Fledermäuse, Vögel, die sich verflogen hatten, manchmal unser Hund – froh seine Familie gefunden zu haben. Auf diese dann doch sehr lebendigen Gottesdienste blickte vom Altarfenster her ein Jesus mit Löchern – Jugendliche aus der Nachbarschaft hatten ihn als Zielscheibe fürs Luftgewehrschießen benutzt.

Inzwischen ist die Kirche saniert und die Gottesdienste werden von wesentlich mehr Zweibeinern besucht. Ein besonderer Ort war sie aber schon immer. Für mich als Kind ein heiliger Ort, an dem ich auch irgendwann unter der Woche sein konnte und Gott das sagen, was mir besonders Kummer machte oder übergroße Freude.

Natürlich können wir Gott an jedem noch so banalen, profanen Ort begegnen, aber wir brauchen dennoch die besonderen Plätze, die geschützten Räume, nicht nur Mehrzweckhallen ohne eigene Atmosphäre. Seit in unserer Dorfkirche gut besuchte Konzerte stattfinden, nennen manche sie Kulturzentrum. Mich stört das, obwohl ich meine, dass Kultur in die Kirche gehört. Aber sie ist zuallererst Gottes Haus.

In Zeiten, in denen Einkaufszentren und Banken sich architektonisch an Kirchen anlehnen, haben selbst Menschen ohne konfessionelle Bindung ein Bedürfnis nach Plätzen, die anders sind als alle anderen. Nicht zuletzt deshalb verzeichnen Offene Kirchen einen großen Zulauf. Manchem Menschen erschließt sich hier eher, was es heißt, dass Gottes Wort wahrhaftig und zuverlässig ist.

Babet Lehmann

Licht, Cello, Orgel und »Bach pur«

27. August 2010 von redaktionguh  
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Zweite Magdeburger Domfestspiele starten im September.

Die Magdeburger Domgemeinde und der Marketingverein »Pro Magdeburg« laden vom 17. bis 19. September zu den zweiten »Domfestspielen« ein. Schirmherr ist Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD). Den Auftakt des Programms bildet am 17. September eine »Licht- und Musiknacht« mit Illumination, Musik sowie Meditation. »Vorbild ist die ›Nacht der Lichter‹ im Dom«, sagte Domprediger Giselher Quast am 17. August bei der Vorstellung des Programms. Man setze jedoch auf stärkere Lichteffekte.

Bei den Magdeburger Domfestspielen soll wieder mit besonderen Lichteffekten gearbeitet werden. (Foto: Archiv)

Bei den Magdeburger Domfestspielen soll wieder mit besonderen Lichteffekten gearbeitet werden. (Foto: Archiv)

So sollen die Bewegungen der Musiker des Konzerts für Orgel und Schlagzeug als riesige Licht- und Schattenspiele an die Innenwände der Kathedrale gestrahlt werden. Zum Abschluss der »Licht und Musiknacht« seien die Gäste aufgerufen, 5000 zuvor im gesamten Dom verteilte Kerzen anzuzünden, kündigte Quast an. Die »Mischung aus Musik, Raum, Meditation und Illumination« spreche auch der Kirche fern stehende Menschen in »offener Weise« an, über Fragen des Lebens und des christlichen Glaubens nachzudenken. Wegen der aktuellen archäologischen Grabungen im Dom müsse die Anzahl der Besucher jedoch auf 600 begrenzt werden, räumte der Pfarrer ein.

Erstmals hatte es im vergangenen Jahr als ein Höhepunkt des 800-jährigen Domjubiläums Festspiele gegeben. Die mehrtägige Kulturreihe soll künftig immer im September stattfinden. Zum weiteren Programm gehört am 18. September ein Konzert des Kammerorchesters des Magdeburger Konservatoriums Georg Philipp Telemann unter dem Motto »Bach pur«.

Zudem ist eine Aufführung in der bundesweiten Reihe »Das Goldene Konzert« der Internationalen Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation vorgesehen, die eher unbekannte Kompositionen vorstellt. Hier steht Musik für Violincello solo im Mittelpunkt, die Professor Guido Schiefen aus Luzern interpretiert.

Das Programm des Sonntags beginnt mit einem Festgottesdienst. Zudem erinnert die Gemeinde mit ihrem traditionellen »Mauritiusfest« im Kreuzgang an einen der Schutzpatrone des Domes, den heiligen Mauritius. Die »Domfestspiele« schließen mit einem Konzert des Organisten Ulrich Walther, der unter anderem Werke von Reger, Schönberg oder Duruflé interpretiert.

(epd/mkz)

Preise: 30 Euro für die Festivalkarte, 20 Euro für die Tageskarte am 18. September,
Einzelpreise je nach Konzert von 8 bis 18 Euro.

Weitere Informationen und Kartenverkauf am Kartentisch im Dom täglich von 10 bis 18 Uhr.


www.magdeburgerdom.de

Von Heuschrecken und Entdeckern

26. August 2010 von redaktionguh  
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Kirchenkreis Merseburg feierte mit auf dem Sachsen-Anhalt-Tag in Weißenfels.

Was haben Küchensiebe und Flaschenkorken mit der Bibel zu tun? Oder gar mit Heuschrecken? Die Antwort auf diese Frage lieferten die Gemeindepädagoginnen am vergangenen Sonnabend im Kirchendorf des Sachsen-Anhalt-Tages in Weißenfels (Kirchenkreis Merseburg). Sie luden beim Kreiskirchentag, der unter dem Motto »Suchet der Stadt Bestes«, stand, zur Bibelolympiade ein, bei der sich die Kinder mit verschiedenen biblischen Geschichten auseinander- setzten. »So auch mit der Heuschreckenplage«, erklärte Anja Becker, die den Stand mitbetreute. Nachdem die Kinder von der Geschichte hörten, sollten sie mit den Sieben die Korken fangen, die die Heuschrecken symbolisierten. »Wer die meisten hat, gewinnt«, fasste es Becker zusammen.

Mit dem ungewöhnlichen Spiel wollten die Gemeindepädagoginnen  den Kindern auf heitere Art Wissen vermitteln und sie animieren, sich zu bewegen. Gleichzeitig aber auch auf Entdeckungsreise mit den Kindern durch die Bibel gehen, fügte Gudrun Wisch an und machte zugleich auf das Familiencafé aufmerksam. Ein Zelt, in dem zu Kaffee und Kuchen eingeladen wurde und wo die Besucher vor allem ein wenig entspannen konnten von all dem Festtagstrubel. Das ließen sich viele nicht zweimal sagen und nahmen gerne Platz, tranken einen Kaffee, während die Kinder im Sandkasten spielten oder bastelten, bevor es weiterging durchs Kirchendorf.

Und zu sehen gab es eine Menge an den Ständen, die an der Kirche und in der Marienstraße aufgebaut waren. In der Marienkirche zum Beispiel gab es zwei Ausstellungen. In der einen informierte die Hospizbewegung Burgenlandkreis über ihre Arbeit. In der zweiten wurde die Entwurzelung des Menschen in der Gesellschaft thematisiert. Viele Blicke zog auch ein Kirchenmodell an, das in der Gemeinde Zorbau entstanden ist. Ehrenamtliche bauten zusammen mit Kindern die Kirche im eigenen Ort nach, das Projekt nannte sich »Kirche selbst gestalten«. In einer Art Gästebuch hinterließen die Besucher lobende Worte für ihre tolle Arbeit, ihr buntes Modell und wünschten viel Glück und Elan, sich weiter zu engagieren.

Ganz vielfältig zeigte sich der Kirchenkreis zum Sachsen-Anhalt-Tag, gab einen Einblick in die Arbeit verschiedener Gemeindegruppen und machte es den Besuchern leicht, das Beste in der Stadt zu entdecken. Superintendentin Christiane Kellner zeigte sich denn auch zufrieden mit der Resonanz. »Unser Konzept, einen eigenen Kirchentag beim Sachsen-Anhalt-Tag zu feiern, ist voll aufgegangen.«

Auch musikalisch waren viele vom sehr regional geprägten Programm angetan. »Bei all den anderen Bühnen ist es doch irgendwie gleich. Hier wird einfach was anderes geboten, da bleibe ich gerne stehen und höre zu«, sagte Maria Hötzel an der Kirchenbühne. Sie wollte das Familienprogramm mit Gerhard Schöne verfolgen und am Abend noch zum Ensemble »Blaues Einhorn«, das Lieder, Chansons und Folklore mitbrachte.

Claudia Petasch

Gut gemeint

26. August 2010 von redaktionguh  
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Ursula-von-der-Leyen_Chip-KarteWie kann der Bildungsbedarf von Kindern aus Hartz-IV-Familien nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes künftig besser abgedeckt werden? Soll das über Sachleistungen oder über höhere Geldzahlungen erfolgen? Über diese Fragen streiten derzeit Politik und Sozialverbände, wobei die Fronten quer durch Parteien und Verbände verlaufen. Ausgangspunkt ist der Vorstoß von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), bis Mitte nächsten Jahres in einigen Regionen Bildungs-Chipkarten für Hartz-IV-Kinder einzuführen. Diese könnten für Schulmaterialien, Nachhilfe oder Vereine eingesetzt werden.

Ganz sicher ist das Vorhaben der Ministerin aller Ehren wert. Schließlich gibt es landauf und landab die Klage, dass im deutschen Bildungssystem die Chancen ungleich verteilt sind. Wenn es mit der Chipkarte gelingt, auch Kinder aus sozial schwachen Familien zu fördern und ihnen neue Chancen zu eröffnen, wäre viel gewonnen. Damit greift Ursula von der Leyen letztlich auch eine Forderung der Kirchen auf, mehr für die Benachteiligten und am Rande der Gesellschaft Stehenden zu tun.

Natürlich gibt es Unwägbarkeiten und eine Menge ungeklärter Fragen. Doch ein Aspekt wird in der Debatte bislang zu wenig berücksichtigt. Selbst wenn die Ministerin will, dass die Förderung »unmittelbar bei den Kindern« ankommt, ist es noch keineswegs gesagt, dass diese davon Gebrauch machen können. Denn die Auswahl bei der Freizeitgestaltung liegt in der Regel bei den Familien. In welchen Sportverein die Kinder gehen, ob sie die Bibliothek nutzen oder die Musikschule besuchen, entscheiden die Eltern.

Der Staat kann das weder vorschreiben noch erzwingen. Genau hier liegt die Crux mit dem Vorschlag. Manchen Eltern ist es schlicht egal, was aus ihrem Nachwuchs wird. Schon jetzt scheitert der Zugang zur Bildung nicht allein am Geldmangel. Eine solche Verweigerungshaltung kann auch die gut gemeinte Chipkarte nicht abstellen. Dafür braucht es mehr als Geld und gute Worte.

Martin Hanusch

»Diese Diskussion ist ein Geschenk des Himmels«

26. August 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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In Eisenach wurde zu einem Podiumsgespräch zum Luther-Schauspiel eingeladen.

Darf Luther mit einem Teufel zusammenarbeiten? Darf über seine Schwächen spekuliert werden? Darf er Hauptfigur eines Theaterstücks sein? Über solche Fragen wurde 2009 nach der Premiere des Schauspiels »Luthers Teufel« bei den Festspielen »Luther – Das Fest« in ­Eisenach heftig gestritten.

In diesem Jahr kam das Stück geändert und ­unter dem Titel »Der Reformator ­zwischen Liebe und Hass« auf die Bühne sowie in der Annenkirche für den 21. August eine Podiumsdiskussion aufs Programm. Hier, wo erstmals zum Lutherfest in ein »Geistliches Zentrum« eingeladen wurde, diskutierten Vertreter von Kirche und Stadt mit Jethro D. Gründer, Regisseur und Autor des Schauspiels.

Auf der einen Seite gab es viel Lob. Zum Beispiel von Katrin Göring-Eckardt (Präses der Synode der EKD): Im Vergleich der Lutherstädte habe Eisenach klar gewonnen, denn über das Stück zu diskutieren, finde sie viel wichtiger als Lutherzwerge anzuschauen. Zudem werde Luther endlich mal nicht nur als historische Figur gesehen, die gut für den Tourismus sei und uns die übersetzte Bibel gebracht habe, sondern hier werde ein wichtiges Problem angesprochen: Dass mit bestem Gewissen gefällte Entscheidungen zerstörerische Folgen haben können.

Im Schauspiel »Der Reformator zwischen Liebe und Hass« segnet ­Luther (Marcus Coenen) die kleine ­Sophie. Das Stück war in Eisenach zu »Luther – Das Fest« am letzten Wochenende zu sehen.	(Foto: Susanne Sobko)

Im Schauspiel »Der Reformator zwischen Liebe und Hass« segnet ­Luther (Marcus Coenen) die kleine ­Sophie. Das Stück war in Eisenach zu »Luther – Das Fest« am letzten Wochenende zu sehen. (Foto: Susanne Sobko)

Christoph Martin Neumann (Vorsitzender des Luthervereins) hob ebenfalls diesen Aspekt hervor: Es habe ihn zutiefst berührt, als Luther in dem Stück seine Abgründe erkennt und seine Schuld bekennt. »Das ist unglaublich wichtig«, so der Pfarrer im Ruhestand. Das Schauspiel sei ein wertvolles Gesprächsangebot für Christen und Nichtchristen. Thomas A. Seidel (designierter Lutherbeauftragter der Landesregierung) sieht ­einen Gewinn in der »frischen Inszenierung« allein schon darin, dass sie offen legt, »wie viel Reibungsfläche Religion und Kirche bieten«. Eisenachs Superintendentin Martina Berlich lobte die Idee, die Wartburg mit dem Pkw Wartburg zu verquicken. Ohne Luther hätte Eisenach nicht die weltweite Popularität, hier wäre dann nicht der Wartburg gebaut und die Wartburg saniert worden.

Es gab aber auch die andere Seite, wonach Luther im Stück »zu dualistisch dargestellt« werde, obwohl »beide Seiten ineinander laufen«, so Berlich. Seidel fand das DDR-Geschichtsbild wieder, beispielsweise wenn »Luther als konservativer Fürstenknecht und Müntzer als Revolutionär« gezeigt werden. Von einem differenzierteren Vergleich der beiden erwartet er wichtige Denkanstöße für die heutige Zeit, insbesondere Politikmodelle betreffend.

Zudem fand Seidel zu plakativ, Luther für den Tod ­eines kleinen Mädchens infolge des Bauernkrieges verantwortlich zu machen, und ihm fehlte das genauere Darstellen von Luthers Gottesbild. Göring-Eckardt hätte das Thema Freiheit gern noch näher beleuchtet gesehen, verdienstvoll aber sah sie: »Dass sich hier Christen und Nichtchristen über einen Text streiten, ähnelt der Zeit der Reformation.« Das hob auch eine Besucherin lobend hervor: »Diese Diskussion ist ein Geschenk des Himmels.«

Mehrfach kritisiert wurde der Autor für den Schluss des Stückes – er ließ es mit dem Verweis auf sinkende Mitgliederzahlen der Kirchen enden. »Eine Tatsache«, so Gründer, und die wolle er unkommentiert lassen.

Susanne Sobko

Glocken in Laucha läuteten gegen rechte Gewalt

26. August 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Mit einem »Tag der Mitmenschlichkeit« protestierte ein Bündnis aus Kirche und Vereinen gegen NPD-Kundgebung.

Die Glocken läuteten am 18. August eindringlich in Laucha (Kirchenkreis Naumburg-Zeitz). Das war wohl das deutlichste  Zeichen, mit dem auf den ersten »Tag der Mitmenschlichkeit« aufmerksam gemacht wurde. In und vor der Kirche waren Stände aufgebaut. 14 ortsansässige Vereine beteiligten sich. Der Karnevalisten- und der Heimatverein präsentierten sich ebenso wie der Schützenverein. In der Kirche wurde das Programm mit Liedern, Musik, einer Andacht und Gesprächsrunden gestaltet.

»Laucha ist bunt und nicht braun«, stand auf einem Transparent geschrieben. Der Tag sollte den Protest gegen die angekündigte NPD-Aktion in Laucha zeigen. Der Ort war in den vergangenen Wochen in die Negativschlagzeilen geraten. Wirbel hatte es um den entlassenen Fußballtrainer und Bezirksschornsteinfeger Lutz Battke (NPD) gegeben. Verschärft wurde es durch einen Überfall auf einen jugendlichen Israeli im April. NPD-Stadtratsmitglied und Kreistagsmitglied Battke hatte trotz Kritik bis vor kurzem die F-Jugend beim BSC 99 Laucha trainiert. Dem Verein gehört auch der mutmaßliche Täter des Überfalles an.

Der Angriff, der Trainer, aber auch die mediale Außenwirkung seien Anlass gewesen, intensiver über das Thema nachzudenken, erklärte Bürgermeisterin  Jana Grandi. »Heute ist ein Tag, um kritisch mit der Vergangenheit umzugehen«, sagte David Begrich, Rechtsextremimus-Experte vom Verein »Miteinander«. Laucha müsse sich seiner Verantwortung stellen, auch dann, wenn das Medieninteresse abgeflaut sei.

Großes Medieninteresse: »Tag der Mitmenschlichkeit« kontra NPD-Aktion. (Foto: Andrea Hamann)

Großes Medieninteresse: »Tag der Mitmenschlichkeit« kontra NPD-Aktion. (Foto: Andrea Hamann)

Es gäbe mittlerweile eine Spannung zwischen Laucha und seiner Außenwelt, sagte Pfarrerin Anne-Christina Wegner. Sie selber sei entsetzt gewesen, als sie bemerkt habe, dass die Leute des Ortes plötzlich alle wie braune Bestien erscheinen. Daraufhin habe sie bei den Menschen Frust bemerkt und dann aber die Erkenntnis, dass gezeigt werden müsse, dass es anders ist. »Auch Jugendliche wollen heute nach der Schule herkommen und zeigen, dass sie gegen Rechts sind«, sagte sie. Der Druck von außen und die Dynamik der Ereignisse hätten dazu geführt, dass in Laucha die Erkenntnis zu reifen beginnt, dass Politik und Lebenswelt, Politik und Sport sich nicht trennen lassen. »Man muss den Finger in die Wunde legen, den Menschen zeigen, mit wem sie es zu tun haben«, so Begrich.

Aber es wurde nicht nur geredet auf dem »Tag der Mitmenschlichkeit«. Insgesamt 2000 Euro sammelten Vereine und Kirchengemeinde für die Flutopfer in Pakistan. Am 25. August übergab Gemeindekirchenrat Günter Röder den Scheck an Detlef Harland, Regionalchef für die Diakonie Katastrophenhilfe.

Andrea Hamann

Wie trauern Kinder?

26. August 2010 von redaktionguh  
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Ausstellung in Bad Berka zeigt Bilderbücher zu einem verdrängten Thema.

»Ich finde die Ausstellung sehr gelungen, denn es ist unheimlich schwer, einem Kind den Verlust eines geliebten Menschen begreiflich zu machen, man steht hilflos vor dem Problem. Hier werden einem Wege ­gezeigt, die man allein schwer findet.« Diese Worte stehen im Gästebuch einer Buchausstellung in der Stadtkirche St. Marien Bad Berka, die sich dem Thema »Kind und Tod – Wie trauern Kinder?« in besonderer Weise widmet. Über 50 Kinderbücher werden nicht nur präsentiert, sondern laden auch zum Durchblättern und Lesen ein.

Was geht eigentlich in einem Kind vor, wenn Großeltern, Geschwister, Elternteile oder Freunde sterben? Welche Vorstellungen haben Kinder vom Tod? Wie äußern und verarbeiten sie ihre Trauer?

Pastorin Friederike Spengler mit den Kindern einer 6. Klasse. Aufmerksam schauen sich die jungen Besucher die Bücher zum Thema Trauer an. (Foto: Ulrich Matthias Spengler)

Pastorin Friederike Spengler mit den Kindern einer 6. Klasse. Aufmerksam schauen sich die jungen Besucher die Bücher zum Thema Trauer an. (Foto: Ulrich Matthias Spengler)

Die Beschäftigung mit all diesen Fragen habe vor zehn Jahren begonnen, berichtet das Pfarrerehepaar Friederike und Ulrich Matthias Spengler, als es eine Familie seelsorgerlich zu begleiten hatte, deren älteste Tochter im Krankenhaus verstorben war. Die Reaktion der beiden jüngeren Geschwister auf den plötzlichen Tod sei höchst unterschiedlich gewesen. Auf der einen Seite große Emotionalität, auf der anderen Seite Distanz, die erst nach einem halben Jahr im Wahrhaben des Geschehenen mündete.

Dieses Schlüsselerlebnis habe deutlich gemacht: »Wir müssen als Pfarrer nach ­Familien in solchen Trauersituationen ­fragen!« In ihrer Doktorarbeit über das theologische Menschenbild des Kindes beleuchtete Friederike Spengler die Trauer­arbeit mit Kindern unter Berücksichtigung von Kinderbüchern. Zu den Pionieren habe »Astrid Lindgren« mit ihrem Buch »Die Brüder ­Löwenherz« (1973) gehört. Inzwischen gebe es über 100 Titel zum Thema, ist von ihr zu erfahren.

In der übersichtlich gegliederten Ausstellung in Bad Berka ist auch ein Koffer für die »letzte Reise« zu sehen – verbunden mit der Frage, was man auf diese mitnehmen würde. »Bilder meiner Lieben brauche ich nicht mitnehmen; die habe ich im Herzen, aber Dinge wie mein NSU-Moped, Baujahr 1957, … oder Aufnahmen der Matthäuspassion von Bach, des Messias von Händel oder des Requiems von Mozart«, ist da auf einem Zettel zu lesen, auf dem noch steht: »Ich bin jetzt fast 70 Jahre alt. Wann beginnt meine letzte Reise? Nur Gott weiß es!«

Michael von Hintzenstern

Die Ausstellung in Bad Berka ist bis 13. September,
dienstags bis freitags von 9 bis 12 Uhr und von 14 bis 18 Uhr,
samstags von 9 bis 12 Uhr zu sehen.

Immer im Rhythmus bleiben

26. August 2010 von redaktionguh  
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In Aktion: Philipp Zimmermann (21) und Sebastian Schmidt (20) bei der ­öffentlichen Präsentation mit ihren ­Instrumenten (Foto: Maik Schuck)

In Aktion: Philipp Zimmermann (21) und Sebastian Schmidt (20) bei der ­öffentlichen Präsentation mit ihren ­Instrumenten (Foto: Maik Schuck)

Insassen der Jugendarrestanstalt Weimar übten sich in »Schrott-Percussion«.

Spannung erfüllt den Raum – sechs Jugendliche bringen Einkaufswagen, Plastiktonnen und Bleche als Instrumente für ihren wohl ersten musikalischen Auftritt. Es beginnt ein gleichmäßiges Trommeln, konzentriert bleiben alle im Rhythmus der Gruppe. Ständiger Blickwechsel als Kommunikation – zeitweise schlägt jeder auf andere Weise mit Holzstöcken auf sein Sammelsurium von Schrott, doch der Grundton bleibt im Einklang mit den anderen. Der Boden bebt förmlich und die Luft vibriert, bis sich am Ende alle im Gleichtakt wiederfinden. Ein verlegenes, stolzes Lächeln steht den Jungen ins Gesicht.

Bei den angehenden Musikern handelt es sich um Arrestanten, die für vier Wochen als Verwarnung im Gefängnis sind. Am 13. August zeigten sie nach nur drei Einstudierungstagen im Sozialkaufhaus »Möbilé« in Weimar das Ergebnis eines Workshops, der auf Initiative des Erfurter Vereins CGE (Culture Goes Europe) unter der Leitung des erfolgreichen Stepptänzers und Musikers Bernhard Prodoehl stattfand. In Zusammenarbeit mit dem Weimarer Verein »Die Boje«, der straffällig gewordene Jugendliche unterstützt, nahm die kreative Idee für ein musikalisches Pilot-Projekt Form an.

Der Umgang mit Aggressionen, aber auch die Kommunikation mit anderen sind das, was die jungen Menschen durch die Percussion-­Musik lernen können. In dem gleichmäßigen, beständigen Rhythmus befinden sie sich in einer kleinen Gemeinschaft, in der jeder einen wichtigen Teil des Gesamten ausmacht.

Bleibt die Frage: Und wie geht es weiter? Der Workshop war der erste seiner Art; ein paar Stunden Trommeln können wohl auch kaum das ­Leben eines Menschen ändern. »Unsere Aufgabe ist es, Samen zu säen«, sagt Pfarrer Bernd Eichert, Vorsitzender der »Boje«. Bei den Initiatoren ist die Lust auf mehr geweckt, man will in Kontakt bleiben. Ist der Boden gut, keimt das Samenkorn auf. Eine originelle Idee, aber große Aufgabe – dabei scheint es so einfach, mit einem bisschen Schrott und Begeisterung anderen Menschen zu helfen.

Verena Schaller

Friede statt Sicherheit

26. August 2010 von redaktionguh  
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»Christus ist unser Friede«, heißt es in der Bibel.  Doch wo bleibt heute die Deutlichkeit des kirchlichen Friedenszeugnisses?

»Nur das Eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss und dass die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt.« (Dietrich Bonhoeffer, 1934) Dieses uneingeschränkte »Wort vom Frieden« als die klare Botschaft der Kirchen steht noch immer aus.

Weltfriedenstag: Die Kirche muss sich wieder stärker friedensethischen Fragen zuwenden.

Foto: epd-bild

Foto: epd-bild

Es ist aufgegriffen worden 1985 im konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Die Verpflichtung zu diesem konziliaren Prozess ist in die Verfassung der mitteldeutschen Kirche (EKM) aufgenommen worden. Und das ist gut so! Aber wie kommt der geschriebene Buchstabe in die lebendige Wirkkraft durch die Kirche? Es ist still geworden um diesen Prozess.

Der »Hausener Friedenskreis«, der Friedensgruppen innerhalb und außerhalb der EKM sammelt, ist mehr eine Ausnahme. Auch gibt es einzelne, mutige Stimmen. Aber wir brauchen mehr von ihnen. Wir brauchen den Geist von Wittenberg, in dem das Schwert zum Pflug geschmiedet wurde – in aller Öffentlichkeit. Es steht viel geschrieben zum gerechten Frieden. Es gibt umfassendes Argumentationsmaterial, dass Krieg die ultima ratio ist, um die Sicherheit eines Landes zu gewährleisten. Aber es gibt keine ultima ratio, es wird immer eine ultima irratio sein. Friede wird nicht durch Sicherheit erlangt. »Denn Friede muss gewagt werden. (…) Friede heißt, sich gänzlich ausliefern dem Gebot Gottes. Kämpfe werden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott, sie werden auch da noch gewonnen, wo der Weg zum Kreuz führt.« (D. Bonhoeffer)

Der als Symbol in die Friedensarbeit der Kirche eingegangene Text Micha 4 erzählt davon: Erst Schwerter umschmieden zu Pflugscharen, dann wird Sicherheit unter dem Feigenbaum sein. Was bringt uns als Kirche dazu, militärpolitischen Verlautbarungen mehr zu trauen als der biblischen Friedensvision? Woran soll Kirche erkannt werden, wenn nicht daran, dass sie diese Verheißungen immer wieder neu zu leben versucht? Wir sind vor 20 Jahren Zeugen geworden, dass gerade diese Verheißung politische Dimension angenommen hat und zu gesellschaftlicher Veränderung führte. Was sich einmal ereignete, kann sich immer wiederholen, auch in Afghanistan.

Infolge der biblischen Verheißung,  die ja auch das Verlernen des Kriegshandwerkes einschließt, kann evangelische Friedensethik heute nur Bonhoeffer folgen: im Namen Christi jedem Sohn und jeder Tochter die Waffe aus der Hand zu nehmen. Dabei ist sekundär, ob die Waffen innerhalb einer Berufsarmee oder im Rahmen der Wehrpflicht ausgegeben werden. Friede kann nur durch Friede und Entfeindung vorbereitet werden, niemals um vermeintliche Sicherheiten zu verteidigen. Demzufolge wird Kirche nicht noch einmal Soldaten segnen. Es steht nicht geschrieben: Wenn es dein Land fordert, dann töte und lass’ dich töten. Es steht nur geschrieben: Du sollst nicht töten. Weniger ist mehr, ist alles.

Der größte Einbruch in die friedensethische Position unserer Kirche war die Übernahme des Militärseelsorgevertrages, der Pfarrer zu Militärbeamten macht, die junge Menschen betend in den Krieg begleiten, statt sie zur Umkehr zum Leben, in das Haus ihrer Familie und aus den Stiefeln in die Sandalen zu ermutigen. Ich halte eben dies für den biblisch begründeten Auftrag eines Seelsorgers an Soldaten. »Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.« (Jes 9)

»Als feindliche Schüsse dröhnten, erhielt ich den Befehl, die Abschüsse zu orten. Auf die Kompassangabe hin schlugen wir zu. Doch wir trafen keine Aufständischen, sondern ein kleines Dorf. Es wurde ausgelöscht.« Afghanistan 2008.

Am 21. November 2009 hat die EKM-Synode einen Beschluss gefasst, in dem die Bundesregierung aufgefordert wird, »die deutschen Truppen so bald wie möglich aus Afghanistan zurückzuziehen«. Das ist weit weniger als die meisten Politiker und Experten schon längst fordern. Wo ist die Deutlichkeit des Friedensauftrages in unserer Kirche geblieben, wenn die Formulierung »noch in dieser Legislaturperiode« aus besagtem Beschluss herausgenommen werden musste? Wovor haben wir Angst?

»Christus ist unser Friede.« Wer seinen Bruder, welcher Nation, Religion  auch immer, mit der Waffe bedroht, bedroht Christus. Wer ihn tötet – auch aus »Versehen« oder im »falschen Krieg« –, tötet Christus. Er spricht zu uns: »Selig sind die Friedensstifter.« Das eine Wort, unter dem sich die Welt verändern wird, das sie aufmerken und umkehren lässt, dieses Wort steht immer noch aus. Wir werden als Kirche gut daran tun, uns an dieses Wort »Friede statt Sicherheit« heranzuwagen.

Elfriede Begrich

Die Autorin war Pröpstin in Erfurt.

Den Nächsten mit im Blick behalten

21. August 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Marin Quellmalz. Pfarrer in Dingelstedt

Marin Quellmalz. Pfarrer in Dingelstedt


Wohl dem, der sich der Schwachen annimmt.
Psalm 41, Vers 2

Mit einer Büchse in der Hand startete ich eine Sammelaktion zur Unterstützung unseres Kindergartens. Ich hatte zwar ein paar Bedenken, einfach mir unbekannte Menschen um eine Spende zu bitten. Aber dann sagte ich mir: »Es ist für einen guten Zweck.« Eine Gruppe Senioren, die ich angesprochen hatte, reagierte ziemlich unfreundlich mit den Worten: »Was soll das? Uns schenkt auch niemand etwas.«

Ihre harsche Reaktion verwunderte mich schon. Aber ein bisschen verstand ich die Senioren, die nur ihre Lebenseinstellung darlegten. »Bekomme ich etwas von dir, dann bekommst du auch etwas von mir.« Diese Einstellung ist heute leider weit verbreitet. Sie zeugt von einem Egoismus, der wenig Platz für andere Menschen kennt. Und er macht krank.

Aus Sorge darüber, im Leben zu kurz zu kommen, konzentriert sich alles darauf, die eigenen Bedürfnisse mit allen gebotenen Mitteln zu befriedigen. Gleichzeitig wächst die Angst, die Anstrengungen könnten für die eigenen Erwartungen nicht ausreichen. Ein Teufelskreis, aus dem man sich kaum befreien kann.

Dabei weiß doch selbst die moderne Psychologie: »Wer anderen hilft, findet seine Ruhe, seine Ausgeglichenheit, sein Stimmungshoch wieder, indem er seine Glückshormone freisetzt.« Und bereits vor mehr als 3000 Jahren riet König David, wie es im Wochenpsalm (Psalm 41) nachzulesen ist: »Wohl dem, der sich der Schwachen annimmt. Den wird der Herr erretten zur bösen Zeit.«

Gottes Segen liegt auf dem Blickwechsel von uns weg auf andere hin. Jede gute Tat, die darin besteht, Zeit und Geld zu opfern, sich für andere einzusetzen, bringt immer auch Gewinn. Heißt es doch im Volksmund: Liebe ist das Einzige, was wächst, wenn man sie verschenkt. Schon Jesus kannte das Problem der Ich-Bezogenheit und gab uns vor: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.«

Damit retten wir die Welt sicher nicht, aber wir verändern uns selbst. Und das ist schon viel.

Martin Quellmalz

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