Satirische Luftschlachten
6. August 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT
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Jutta Krauß, wissenschaftliche Leiterin der Wartburg-Stiftung und Kuratorin der Sonderausstellung, präsentiert den Druck »Eine Frage an einen Müntzer«. Im Hintergrund das Gemälde von Paul Thumann »Luther verbrennt die Bannandrohungsbulle«. Foto: Norman Meißner
Lutherdekade: Eine Ausstellung auf der Eisenacher Wartburg zeigt Flugschriften der Reformation.
Je gemeiner und schärfer, desto größer die Aufmerksamkeit. Das war vor 500 Jahren nicht anders als heute. Für Polemik zählt der Erfolg. Bis zu ökumenischer Offenheit und Achtung mussten leider Jahrhunderte ins Land gehen.
Oh nein, Behutsamkeit gehörte nicht zu den Waffen, mit denen man zu reformatorischer Zeit gegeneinander antrat. Es ging um den publizistischen Erfolg, die Meinungsvorherrschaft. Und dazu waren nahezu alle Mittel recht. Wer heute so ungeschützt in die Öffentlichkeit ginge, der wäre ein willkommener Fall für die eifrige Zunft der Verleumdungskläger. Damals ließ sich noch ungestraft öffentlich fechten.
Gutenberg hatte es möglich gemacht: Überzeugung ließ sich plötzlich vervielfältigen, als Text und als Bild. Und damit haben wir die beiden Meinungsmacher einer sich ankündigenden Medienepoche: Die Flugschrift, textorientiert, eher für die Gebildeten, denn es gab ja nur etwa 15 Prozent Alphabeten. Und das Flugblatt, bildorientiert, wirksam unter den kleinen Leuten, die plötzlich groß wurden, weil man gezielt auf ihre Meinung einwirken konnte. Also trat die Karikatur ihren ersten Triumphzug an. Der Papst als Esel, mit Brüsten und blödem Angesicht, und die Gegenseite nahm sich Luther vor, dessen breites Gesicht sich so gut für den Saustall eignete. Was sich heute wie eine wüste Orgie von Beleidigungen liest, war damals wohl kalkuliert. Es ging um Wirkung, um publizistischen Landgewinn in großem Stil. Und die fliegenden Schriften der Reformationszeit haben den Erfolg wesentlich beeinflusst. Luther vermochte auf der Klaviatur beißender Satire trefflich zu spielen. Seine Flugschriften waren publizistische Besteller.
Besonders gern nutzte man damals das Schwarzpulver der Schmähschriften und Satireblätter, hochbeliebt im Volk, mit deftigen Texten und Bildern ausgerüstet. Da sieht man auf dem Flugblatt Luthers »Wider Hans Worst« die Papstkirche als zügellosen Teufel am siedenden Kessel hocken und die armen Gläubigen kochen. Dazu heißt es, die Papstkirche sei eine »abtrünnige und läufige Ehehure, eine Haushure, eine Betthure, eine Schlüsselhure … so böse, dass dagegen die gewöhnlichen freien Huren, Buschhuren, Feldhuren, Landhuren und Heerhuren fast noch heilig sind.« Na, das hat dann ja wohl gesessen! Abgesehen von der kleinen Unterweisung über die Farbpalette damaliger Prostitution, klingt das wie starker Tobak, ist aber keineswegs aus der Norm. So keck wurde gefochten, und wer austeilte, musste auch einstecken können, besonders Luther natürlich.
Zimperlich war man auf beiden Seiten nicht und Mimosen völlig ungeeignet für die satirischen Luftschlachten der Zeit, wenn da zu lesen ist: »… das wilde Eberschwein (Luther) hat den Weingarten (Kirche) verdorben und die (sture) eigenhirnige Bestie ihn abgeweidet und verwüstet.«
Von solcherlei Schlägen musste man sich schnell erholen, wollte man das Feld gewinnen. Luther konnte man mit Schmähungen nicht beeindrucken. Seine Gegenangriffe waren wohl überlegt und genau platziert: So schreibt er genüsslich: »… wie der Papst ein so meisterlicher Gaukler ist, der den albernen Leuten Goldstücke ins Maul gaukelt, aber wenn sie es auftun, so haben sie Pferdedreck drin.« Daneben sieht man eine Karikatur des Papstes, auf einer Sau reitend. »Dem Volk aufs Maul schauen und es fleißig füttern«, so hieß die Formel zum öffentlichen Erfolg. Die Satire der Reformationszeit hatte durchaus großen Geist. Nur war sie eben auf breite Öffentlichkeit hin berechnet und damit dicht an den Quotenschlachten unserer Tage.
Dankenswerter Weise nimmt sich in diesem Jahr die Wartburg in Eisenach des brisanten Themas in einer Sonderausstellung an. Den Großteil des Materials schöpft sie aus dem eigenen Fundus. Die Ausstellung bietet einen vielfältigen Einblick in die Streitkultur der Reformationszeit. Sie dürfte nicht nur für Theologen, sondern auch für Journalisten von großem Interesse sein. Und alle, die an scharfer Zunge und geistreichem Humor ihre helle Freude haben, kommen ohnehin auf ihre Kosten.
Thomas Perlick
Die Ausstellung »Beißig sein ist nutz und not« ist vom 6. August bis zum 31. Oktober jeweils von 8.30 Uhr bis 17.30 Uhr geöffnet.






