Fromm sein heißt, für Gerechtigkeit einzutreten

24. September 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Bleibe fromm und halte dich recht; denn einem solchen wird es zuletzt gut gehen.
Psalm 37, Vers 37

Sind Sie fromm? Eine Frage, bei der ich erst einmal nachdenken muss. In meinem Heimatdorf war eine Zuschreibung wie »Das ist ein Frömmler« kein Kompliment. Man vermutete eine äußerlich zur Schau getragene »Frömmigkeit«, die nicht im alltäglichen Verhalten sichtbar wurde. Ganz im ­Gegensatz zur vom Pietismus intendierten praxis pietatis, des geistlich und in der alltäglichen ­Lebensführung gelebten Glaubens.

Auch beim »Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei« des deutschen Turnerwesens habe ich erst einmal ­verhaltene Gefühle, wenn fromm hier im Sinne von unkritisch, national-treu etc. gemeint ist. Aber eigentlich geht es im Psalm 37 gar nicht ums Frommsein. Jedenfalls nicht vordergründig. Es geht um ­Gerechtigkeit. Und eigentlich ist Psalm 37 auch gar kein Psalm.

Doch der Reihe nach. Der Psalm 37 hat keine ­Anrede. Er richtet sich nicht an Gott, ist insofern also auch kein Psalmgebet. Er ist ein Bibelwort, das Weisheit sammelt und weitergibt.

Michael Haspel, Direktor der Evangelischen Akademie Thüringen

Michael Haspel, Direktor der Evangelischen Akademie Thüringen

In diesem Fall geht es um die Frage, warum es denen, die Gottes Gebot missachten, äußerlich oft besser geht als denen, die Gerechtigkeit üben oder es zumindest versuchen. Denen ist dieses Bibelwort gesagt: »Denn der Gottlosen Arm wird zerbrechen, aber der Herr erhält die Gerechten.« (V. 17) oder »Denn der Herr hat das Recht lieb und verlässt seine Heiligen nicht. Die Gerechten werden das Land ererben und darin wohnen allezeit.« (V. 28 f.) Es ist der Anspruch, dass die, die auf Gott vertrauen, gerecht leben, für Gerechtigkeit einstehen. Und es ist der Zuspruch, dass die, die der Gerechtigkeit nachjagen, Anteil haben an der Gerechtigkeit des Reiches Gottes, so wie es im Psalm gesagt ist: »Bleibe fromm und halte dich recht; denn einem solchen wird es zuletzt gut gehen.« (V. 37)

Dann heißt fromm sein: im Vertrauen auf Gott und in Liebe zu den Menschen für die Gerechtigkeit einzutreten. So möchte ich auch gerne fromm sein!

Michael Haspel, Direktor der Evangelischen Akademie Thüringen

Notwendig

24. September 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Der Streit um die Thesen des früheren Bundesbank-Vorstandes Thilo Sarrazin zur mangelnden Integrationsbereitschaft von Muslimen ist zwar aus den Schlagzeilen verschwunden. Erledigt hat sich das Thema jedoch keineswegs. Insofern kommt die Woche der ausländischen Mitbürger unter dem Motto »Zusammenhalten – Zukunft gewinnen« (26. 9. bis 2. 10.) genau zur rechten Zeit. Die mitteldeutsche Bischöfin Ilse Junkermann hat nicht zuletzt deshalb zu einer stärkeren Integration von Zuwanderern aufgerufen. Eine wirkliche ­Gemeinschaft müsse auch Zuge­zogene unabhängig von Herkunft, Religion oder Hautfarbe einschließen, so die Bischöfin in ihrem Grußwort. Nur daraus könne »Zukunft erwachsen«.

Für die Kirchengemeinden ist die Interkulturelle Woche zugleich aber auch eine gute Gelegenheit zu Information und Begegnung mit den ausländischen Nachbarn. Hier kann gezeigt werden, wo es seit Jahren eine funktionierendes Miteinander gibt. Beispiele finden sich genug, ob beim Tag der Begegnung in Sondershausen oder beim Fest »Magdeburg trifft die Welt«. Probleme im Zusammenleben und bei der Integration müssen deshalb nicht ausgeklammert werden. Sie gehören ebenso mit auf den Tisch. Das setzt allerdings voraus, dass sich nicht nur die Engagierten auf einen Dialog einlassen. Nur im Gespräch lassen sich bestehende Vorurteile ausräumen. Das gilt erst recht in einer Region, die mit rund zwei Prozent den niedrigsten Ausländeranteil bundesweit aufweist.

Ein Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen und verschiedener Kulturen kann nur gelingen, wenn sich beide Seiten mit Respekt begegnen. Wer sich dafür einsetzt, ist auch nicht weltfremd, wie manche Zeitgenossen meinen, sondern handelt durchaus weitsichtig. Schließlich gibt es zur Vision eines friedlichen Miteinanders keine Alternative. Das ist nicht nur das Gebot der Stunde. Es deckt sich auch mit der biblischen Botschaft, für die der Schutz von Fremden und Flüchtlingen ein zentrales Anliegen ist.

Martin Hanusch

Mutig über den Glauben reden

24. September 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Die neue Laienakademie der anhaltischen Kirche ist am Johann-Arndt-Haus in Ballenstedt angesiedelt. Foto: Jürgen Meusel.

Die neue Laienakademie der anhaltischen Kirche ist am Johann-Arndt-Haus in Ballenstedt angesiedelt. Foto: Jürgen Meusel.


Laienakademie soll die Sprachfähigkeit der Christen in Anhalt stärken.

Die anhaltische Landeskirche hat eine Laienakademie im Johann-Arndt-Haus in Ballenstedt gegründet. Ziel dieser Bildungseinrichtung ist es nicht etwa – wie der Name vermuten lässt –, den Pfarrern ihren Job streitig zu machen und »Laien zu Hilfspredigern auszubilden,« sagt Theodor Hering, Pfarrer in Ballenstedt und seit  dem 1. August auch Leiter der Laienakademie. In der in vier Phasen gegliederten Ausbildung, die sich in erster Linie an Gemeindekirchenräte als Leitungspersonen und Multiplikatoren der Kirchengemeinden richtet, geht es vielmehr darum, Christen in ihrem alltäglichen Umfeld von Arbeit, Nachbarschaft oder Verein zu stärken. Vor allem aber sollen sie ermutigt werden,  über den eigenen Glauben zu sprechen, so der promovierte Theologe.

Entstanden ist die Laienakademie im Zuge der Missionsdekade der Landeskirche, die genau diese Sprachfähigkeit fördern will. »Sie (die Sprachfähigkeit) gilt es, auf möglichst umfassende Weise einzuüben … und zu stärken«, heißt es in den Perspektiven für die Arbeit der Landeskirche.

Gerade in den ostdeutschen Bundesländern, in denen die Christen in der Minderheit sind, sei es wichtig über den Glauben selbstbewusst und mutig zu reden und zu erklären, warum man glaubt, sagt Theodor Hering. Selbstbewusstsein ja, Überheblichkeit nein, betont der Pfarrer, der in diesem Zusammenhang das Wort Freimut gebraucht: »Mit freiem Mut auf die Menschen zugehen.« Die erste Fortbildung der Laienakademie beginnt im Herbst und ist über mehrere Wochen angelegt. Dem Einstieg in den eigenen Gemeinden folgt ein Wochenendseminar im Johann-Arndt-Haus in Ballenstedt, ein Abendseminar in den Gemeinden und als Abschluss ein weiteres Tagesseminar in Ballenstedt.

Gespräche in der Gemeinschaft gehören zu den zentralen Säulen der Fortbildung, denn, so Theodor Hering: »Erst wenn ich selbst über den Glauben spreche, wird mir klar, wer ich bin, was ich glaube und was ich meine.« Und: »Gemeinschaft gehört unbedingt zum Glauben dazu.« Christsein sei zwar eine persönliche, aber keine Privatsache, betont Pfarrer Hering. Im Alltag gebe es genug Gelegenheit, über den Glauben zu reden. Zum Beispiel, wenn jemand einen Aufenthalt im Krankenhaus ankündigt. Einem solchen Menschen könne man dann sagen »Ich werde für dich beten« statt »toi toi toi«.

Dass die Akademie im Johann-Arndt-Haus in Ballenstedt angesiedelt ist, hat auch mit dem in Edderitz bei Köthen geborenen und  in Ballenstedt aufgewachsenen Pfarrerssohn zu tun, der ebenfalls Pfarrer wurde. Arndt (1555–1621) habe mit seinen vier Büchern vom wahren Christentum insbesondere Laien angesprochen und zum praktischen Christentum angeleitet, erklärt Theodor Hering. So könnten Impulse von Johann Arndt und der nachfolgenden Erneuerungsbewegung aufgenommen werden und nicht zuletzt der Schatz der 15.000 Bände umfassenden Herzog-Joachim-Ernst-Bibliothek genutzt werden.

Thorsten Keßler

Für einen guten Zweck

24. September 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Zum zweiten Stiftungstag der EKM am 18. September in Halle trafen sich rund 50 Vertreterinnen und Vertreter. Dietlind Steinhöfel sprach mit Kirchenrätin Sabine Schulze von der Kirchlichen Stiftungsaufsicht der EKM.

Frau Schulze, wie viele Stiftungen gibt es in der EKM und welche Zwecke verfolgen sie?
Schulze: Die Stiftungen in der Landeskirche sind gemeinnützig und unterstützen beispielsweise Einrichtungen für Behinderte, Senioren, die Jugendarbeit oder fördern die evangelischen Bildungsakademien, Schulen und Kindergärten, wie die Stiftung »Senfkorn« in Thüringen. Die »Stiftung für Kunst und Kulturgut« in Sachsen-Anhalt unterstützt den Denkmalschutz. Wir haben zurzeit 143 aktive Stiftungen mit einem geschätzten Vermögen von über 120 Millionen Euro. Die Erträge aus dem Stiftungsvermögen müssen den in der Satzung festgelegten Zwecken dienen. Als Stiftungsaufsicht der Landeskirche haben wir zu überprüfen, dass der Umgang mit dem Vermögen innerhalb der satzungsgemäßen, stiftungsrechtlichen und steuerrechtlichen Vorgaben verläuft.

Woher kommt das Stiftungsvermögen?
Schulze: Das Stiftungsvermögen besteht zum großen Teil aus Grundvermögen (Grundstücke, Gebäude), aber auch aus Geldanlagen. Es gibt Stiftungen, die ihr Vermögen aus Nachlässen haben, es gibt Familienstiftungen, aber auch die Kirche selbst beteiligt sich, wie zum Beispiel bei der Evangelischen Schulstiftung. Hier hat die EKM sowohl Gebäude als auch Finanzen zur Verfügung gestellt.

Wie kann das Kapital erhöht werden?
Schulze: Zustiften kann im Prinzip jeder. Gemeinnützige Stiftungen haben meist keine Ausschüttungen an die Stifter oder nur sehr geringe. Da gibt es ganz klare steuerrecht­liche Bestimmungen.
Wir haben beim Stiftungstag auch über Fundraising (Wie schreibe ich einen Spendenbrief?) gesprochen, um für die Arbeit der Stiftungen Gelder zu generieren. Hier in Ostdeutschland gibt es nicht die großen Spender oder Stifter, die mal eben eine Million übrig haben und die gern einem guten Zweck zur Verfügung stellen wollen. Das sieht in Frankfurt am Main oder Hamburg anders aus. In un-
serer Kirche wird vor allem Zeit ­gespendet, was sich auch in der ­hohen Anzahl von Ehrenamtlichen widerspiegelt, die in unseren Kirchengemeinden und eben auch in kirchlichen Stiftungen großes Engagement zeigen.

Hat sich die Finanzkrise auf das Stiftungsvermögen ausgewirkt?
Schulze: Weniger, da ja das Grundvermögen zunächst einmal davon nicht betroffen ist. Zudem dürfen bei der Anlage von Stiftungsgeldern keine Risikoanlagen getätigt oder spekuliert werden. Eher schlägt zurzeit der niedrige Zinssatz zu Buche. Wo weniger Geld einkommt, kann auch weniger ausgegeben werden. Denn es darf nur mit dem Ertrag gearbeitet werden. Das Grundstockvermögen der Stiftung selbst wird nicht angetastet.

Historischer Schatz geborgen

24. September 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Ulrich Schoetensack (links) und Hans-Georg Reuter durchforschen die alten Kirchenbücher von Großbodungen. Foto: Otto Roth

Ulrich Schoetensack (links) und Hans-Georg Reuter durchforschen die alten Kirchenbücher von Großbodungen. Foto: Otto Roth


In ehrenamtlicher Arbeit entsteht ein Ortsfamilienbuch Großbodungen.

Immer wieder hat Pfarrerin Christine Austel-Haas in der Vergangenheit Anfragen zur Familiengeschichte bekommen. Die Interessenten, die ­einen Einblick in die Kirchenbücher der evangelischen Gemeinde von Großbodungen bei Nordhausen nehmen wollten, waren nicht nur alteingesessene oder ehemalige Großbodunger. Die Anfragen kamen aus ganz Deutschland und darüber hinaus ins 1400-Seelen-Dorf. Mit einem Ortsfamilienbuch, das im kommenden Jahr erscheinen soll, könnte die Arbeit erleichtert werden.

Die Idee, ein Familienbuch herauszugeben, stammt von Benedikt Ostmann (Berlin), dem Bremer Arzt Ulrich Schoetensack und Hans-Georg Reuter (Trier). Vor zehn Jahren begannen Schoetensack und Reuter mit der Auswertung der 13 Kirchenbücher von 1595 bis 1875. In unterschiedlicher Weise fühlen sie sich ihrem Heimatort verbunden, sind an Familienforschung interessiert und haben gemeinsame Vorfahren. »Benedikt Ostmann konnte ich bei der Suche nach seinen Vorfahren ­behilflich sein. Er war begeistert von den handschriftlichen Karteikarten der ersten 200 Jahre der Großbodunger Kirchenbücher, die mein Vater angelegt hatte«, sagt Hans-Georg Reuter. Ostmann machte den Vorschlag, ein Familienbuch zu erstellen. »Wir wussten nicht, worauf wir uns da einließen«, bekennt er.

Das ehrenamtliche Engagement der gebürtigen Großbodunger, die die DDR in den 1940er und 1950er Jahren verlassen haben, nötigt Respekt ab und förderte Interessantes zutage: Die Grafen von Hohnstein – und damit Großbodungen – traten am 27. März 1556 zum protestantischen Glauben über. Als erster evangelischer Pfarrer trat Johannes Lendewigk 1560 seinen Dienst im Marktflecken an.

Das erste Kirchenbuch wurde 1595 von Pfarrer Petrus Rudolphi angelegt. Bis zur Einführung der Standesämter in Preußen 1875 führten die Pfarrer die Kirchenbücher in Großbodungen. Das sind fast 300 Jahre Ortsgeschichte, die Ulrich Schoetensack und Hans-Georg Reuter in mühevoller Kleinarbeit ans Tageslicht gefördert haben – in vier bis acht Stunden ehrenamtlicher Arbeit pro Tag! »Die 13 Bücher mit unterschiedlicher Lesbarkeit zu entziffern war eine mühsame Arbeit«, sagt Ulrich Schoetensack, der sich mit einem kaum lesbaren Kirchenbuch aus den Jahren 1749 bis 1756 den dicksten Brocken vorgenommen hatte. Wie er die alte Schrift und das mit Tintenklecksen übersäte Werk entziffert hat, bleibt sein Geheimnis.

Ansonsten waren die Bücher gut lesbar, versichert Hans-Georg Reuter. Die drei Familienforscher erfassten alle handschriftlichen Daten in Exel-Dateien, glichen sie mit den Kirchenbüchern ab und fügten die fehlenden Patenbeziehungen und die Namen der Ortsfremden hinzu. In einem speziellen Familienforschungsprogramm sind inzwischen 10685 Namen und 3394 Familien sowie 458 Orte und 4129 Texte erfasst. Damit seien alle Personen genannt, die zwischen 1595 und 1875 in Großbodungen gelebt ­haben.

Nach zehn Jahren intensiver Forschung sind Ulrich Schoetensack und Hans-Georg Reuter im Jahr 1840 angekommen. Bleiben also noch 35 Jahre Geschichte zur Bearbeitung. Die wollen sie bis Ende des Jahres geschafft haben. »Das Buch mit Momentaufnahmen aus fast 300 Jahren ist ein Schatz«, ist sich Pfarrerin Austel-Haas sicher. Neben den Familienzusammenhängen könne man Berufe, Herkunftsorte, aber auch Seuchen, Naturkatastrophen und Kriege aus dem Buch herauslesen. Die letzten Daten werden jetzt ins Familienforschungsprogramm übertragen. »Da sind wir noch dran. Und es macht uns immer noch Freude!«, ­versichert Hans-Georg Reuter.

Otto Roth

Thora, Bibel und Koran

24. September 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Um andere Kulturen zu verstehen, ist ­zuerst Zuhören ­angesagt. Das ­praktizieren Frauen aus Halle seit ­einigen Jahren ­regelmäßig. So ist ­ihnen auch klar, dass ein Verbot der Burka keines der Probleme muslimischer Frauen löst. Foto: Gina Snaders/ Fotolia.com

Um andere Kulturen zu verstehen, ist ­zuerst Zuhören ­angesagt. Das ­praktizieren Frauen aus Halle seit ­einigen Jahren ­regelmäßig. So ist ­ihnen auch klar, dass ein Verbot der Burka keines der Probleme muslimischer Frauen löst. Foto: Gina Snaders/ Fotolia.com


In Halle treffen sich christliche, muslimische und jüdische Frauen regelmäßig zum Dialog.

Sie kommen aus Rumänien, dem Irak, aus Russland oder Armenien – und aus Halle. Und sie treffen sich, um über ihre Erfahrungen und ihren Glauben zu sprechen. Rund 20 evangelische, katholische, muslimische und jüdische Frauen kommen alle zwei Monate in der Saalestadt zum »Interreligiösen Frauendialog« zusammen. »Es ist wichtig, voneinander zu hören und einander zuzuhören«, benennt Petra Lehner, stellvertretende Leiterin der Evangelischen Frauen in Halle, den Dreh- und Angelpunkt der Treffen.

Bereits seit 2008 existiert die Runde, die mit einem halben Dutzend Teilnehmerinnen startete. Man traf sich in Privatwohnungen, um darüber zu reden, was anders ist und was gleich, was der Koran, die Bibel oder die Thora den Gläubigen auf den Weg gibt. Ihren gemeinsamen Weg hatte die Gruppe nach einem Frauensonntag in der Friedensdekade 2008 gefunden, bei der interkulturelle Themen im Mittelpunkt standen.

»Viele haben einen Aha-Effekt nach unseren Gesprächen«, sagt die Islamwissenschafts-Studentin Grit Weiß. Beispielsweise beim Thema Kopfbedeckungen in den unterschiedlichen Religionen. Warum tragen Nonnen eine Kopfbedeckung, aber Christinnen – anders als viele muslimische Frauen – nicht? Weil bei der klöster­lichen Tracht die Tradition aus Palästina, nach der verheiratete Frauen ihr Haupt bedeckten, weitergelebt wird, erklärt Petra Lehner.

Themen anderer Treffen waren beispielsweise die Rolle der Frau im religiösen Leben oder die unterschiedlichen Speisegebote. Für die Frauen war es indes nicht schwer, gemeinsam eine Tafel zusammenzustellen. »Jede hat etwas mitgebracht. Wir haben alle tierischen Zutaten einfach weggelassen«, so Grit Weiß. Abwechselnd werden Räume der halleschen Superintendentur, dem islamischen Zentrum in Halle-Neustadt oder des Seminars für Judaistik an der Martin-Luther-Universität genutzt.

Einige der Teilnehmerinnen, so Petra Lehner, haben neben dem privaten Interesse am Thema sogar ein beruf­liches: Eine Ethik-Lehrerin sieht in den Veranstaltungen einen wichtigen Input für ihre Schulstunden; eine Deutsch-Lehrerin, die Migranten unterrichtet, erfährt hier vieles über die Kultur ihrer Schüler. Auch die Sprache ist kein Hindernis. Die Gespräche werden in Deutsch geführt, doch bei Bedarf kann ein sprachbegabtes Mitglied der Runde auch ins Armenische, Türkische, Kurdische oder ins Englische übersetzen.

Denn schließlich soll niemand ausgeschlossen werden – so wie in Frankreich durch das Burka-Verbot: Durch die neue Gesetzeslage dürften Frauen, die von ihren Männern zum Tragen der Burka gezwungen werden, nun überhaupt nicht mehr aus dem Haus, kritisiert Grit Weiß. Dadurch würde diesen Frauen durch ein Gesetz in einer demokratischen Gesellschaft die Freiheit genommen. »So ist keine Integration möglich«, sagt die gebürtige Thüringerin. Kulturelle und religiöse Vielfalt – dafür ist es immer auch notwendig, voneinander zu hören und einander zuzuhören.

Silvia Zöller

Rettung in der größten Not

24. September 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Unter dem Schutz des Herrn: Nach der Ablehnung ihres Asylantrages fand diese kurdische Familie vor einigen Jahren Aufnahme in einer evangelischen Kirchengemeinde. Foto: Gustavo Alabiso/epd-bild

Unter dem Schutz des Herrn: Nach der Ablehnung ihres Asylantrages fand diese kurdische Familie vor einigen Jahren Aufnahme in einer evangelischen Kirchengemeinde. Foto: Gustavo Alabiso/epd-bild


Kirchenasyl: Immer wieder suchen Menschen am Altar Schutz vor der Abschiebung

Endstation oder Anfang? Rechtsbruch oder Chance zur Korrektur falscher Entscheidungen? Für von Abschiebung bedrohte Flüchtlinge ist ein Kirchenasyl der letzte Ausweg. Für die Gemeinden ein Prüfstein des Glaubens.

Die Leute standen einfach da. Der Tag ihrer Abschiebung war verstrichen, und sie hielten sich schon illegal in Deutschland auf«, sagt Gabriele Herbst. Da habe sie die Tür geöffnet. »Das Kirchenasyl war wirklich der letzte Weg!« Die langjährige Magdeburger Pfarrerin öffnete im Laufe der Jahre seit 1995 immer wieder Türen, wenn es darauf ankam. Oft sei es die Auslegung der Gesetze, die Flüchtlinge ins Kirchenasyl trieben, sagt sie.

Für den katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige ist Kirchenasyl eine Antwort auf die Frage, wie Menschen mit ihrem Nächsten »in einer existenzbedrohenden Lage« umgehen. Zwar gebe es in der Bundesrepublik keinen rechtsfreien Raum, habe die moderne Rechtsetzung die Aufgabe übernommen, für gerechten Ausgleich zu sorgen. »Aber der Rechtsstaat ist nicht der Himmel auf Erden. Es werden Fehler gemacht.« Mit dem Kirchenasyl könne mahnend eingegriffen werden, um Zeit zu gewinnen, Fehler zu korrigieren. Kirchengemeinden seien »Anwältinnen für Verfolgte«. Den Rechtsstaat stellten sie durch ihr Handeln jedoch nicht infrage. Im Übrigen sei Beistand und Hilfe für Flüchtlinge eine weltweite Herausforderung.

Für die Ausländerbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Petra Albert, schwingt im Begriff »Kirchenasyl« die Vorstellung mit, dass die Kirchen ein eigenes Asylrecht hätten. Dies sei missverständlich. Die Hürden für ein Kirchenasyl seien hoch, es sei eher die Ausnahme, denn der Regelfall. »Die Gemeinden wollen den Rechtsstaat nicht aushebeln, sondern ihm zur Geltung verhelfen«, stellt sie klar. »Durch die erneute Überprüfung des Asylantrages durch die Behörden in der Gesamtschau wollen sie verhindern, dass Unrecht geschieht.«

Die Idee des Kirchenasyls stammt aus den USA (»sanctuary movement«). In Deutschland gab es 1983 in Berlin das erste Kirchenasyl für drei palästinensische Familien. In Sachsen-Anhalt und Thüringen sind es, ab 2002 gezählt, insgesamt 15 Fälle gewesen. »Beim Kirchenasyl«, so Albert, »geht es nicht um riesige Zahlen, sondern um  ein zeichenhaftes Handeln.« Das hätte mit dazu beigetragen, dass Härtefallkommissionen eingerichtet wurden. »Ich hoffe, dass Kirchenasyle eines Tages überflüssig werden. Leider sehe ich das gegenwärtig noch nicht.«

Die Vorsitzende der Härtefallkommission in Sachsen-Anhalt, Monika Schwenke, unterstreicht, dass »Kirchengemeinden keine Fachleute für juristische und aufenthaltsrechtliche Fragen« sind. Ihr Gremium biete die reale Chance, Flüchtlingen zu helfen. Von 2005 bis 2009 habe es insgesamt 109 Anträge an die Kommission gegeben, die insgesamt 387 Personen betrafen (179 davon Minderjährige). Schwenke verweist auf die gute Beratungsstruktur für Flüchtlinge und viele Akteure auf diesem Gebiet.

Um die Probleme weiß auch Fanny Dethloff. Die Pastorin und Flüchtlingsbeauftragte der Nordelbischen Kirche sieht im Kirchenasyl keine Endstation. Endstation für Flüchtlinge sei die Abschiebehaft. Die hohe Kirchenasyl-Zahl (2009: 27, 2008: 36) bundesweit zeige, dass »etwas an unserem System nicht stimmt«, so die Vorsitzende der seit 1994 bestehenden Bundesarbeitsgemeinschaft »Asyl in der Kirche«. Der Staat müsse Transparenz in die Asylverfahren bringen. Das Kirchenasyl sei die »einzige unabhängige Evaluation solcher Verfahren«, betont die Theologin. »Es bringt die Probleme der Migranten direkt vor den Altar und es ist Prüfstein des Glaubens für Gemeinden.« Sie würden als Zeugen für Menschenrechte auftreten. »Wenn das nicht demokratiefördernd ist, was dann?«

Zu ihren Erfahrungen mit dem Kirchenasyl befragt, scheut sich Gabriele Herbst nicht, auch die Probleme zu benennen. Es könne, »sehr viel kosten, und da ist Geld noch das Wenigste«. Es habe Bedrohungen gegeben, und sie sei inzwischen sehr froh, Polizisten zu kennen, denen sie vertrauen könne. Viele Gemeinden wüssten das und scheuten deshalb das Risiko. Für sich selbst sagt sie: »Ich habe in den Jahren so viel über das Leben, die Welt und meinen Glauben gelernt, wie ich das niemals sonst erfahren hätte.«

Angela Stoye

Einer, der von Gott erzählen kann

24. September 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Der  bekannte Jenaer Theologe Klaus-Peter Hertzsch feiert am 23. September seinen 80. Geburtstag.

»Ich hatte nie vor, kirchenleitend oder kirchenprägend zu sein oder Dichter zu werden oder theologischer Fachgelehrter. Ich wollte Pfarrer werden.« Dies ist er geworden und das andere auch. Als Mitglied der Thüringer und der Bundessynode hat Klaus-Peter Hertzsch den Weg der Kirche in der DDR mitbestimmt, als Studentenpfarrer in Jena junge Akademiker geprägt, als Professor für Praktische Theologie 25 Jahrgänge von Pfarrerinnen und Pfarrern ausgebildet. Und was den Dichter angeht: Seine Texte sind Bestseller geworden. Pfarrer und Prediger ist er immer geblieben, als Professor ein Gast-, Fest- und Kirchentagsprediger. »Es scheint mir wichtig, dass ein Theologieprofessor immer wieder feststellt, ob er noch durch die schmale Pforte der kirchlichen Praxis durchpasst oder zu wirklichkeitsfremd geworden ist«, betont der Theologe. Großen Wert legte er darauf, die angehenden Gemeindepfarrer in intensiven Praktikumswochen mit ihrer späteren Arbeit vertraut zu machen.

Klaus-Peter Hertzsch, Professor für Praktische Theologie in Jena, prägte Generatioen von Pfarrerinnen und Pfarrern. Foto: Rolf Zöllner

Klaus-Peter Hertzsch, Professor für Praktische Theologie in Jena, prägte Generatioen von Pfarrerinnen und Pfarrern. Foto: Rolf Zöllner

»Praktische Theologie als Erzählkunst«, heißt seine Antrittsvorlesung 1969. Damit »die große biblische Erzähltradition keine verkopfte Erklärtradition wird«, führt er Erzählkurse für seine Studenten ein. »Die Bibel redet ja von Gott nicht, indem sie ihn zu definieren versucht, sondern indem sie Geschichten erzählt.« Mit seinen biblischen Balladen setzt er schon als Studentenpfarrer diese Tradition fort. »Hier ist einer, der erzählen kann, das ist doch Gold wert«, findet Johannes Bobrowski, damals Lektor beim Unionverlag. So erscheinen die Texte über Elia, Bileam, Micha Ben Jimla, Jona und Daniel 1967 in der DDR unter der Überschrift »Wie schön war die Stadt Ninive«. Später auch im westdeutschen Radius Verlag aufgelegt, werden die Büchlein über eine Viertelmillion Mal verkauft, vertont, mit Puppen- und Schattenspielen in Szene gesetzt, illustriert und getanzt – vorgelesen in Familien und den Gemeinden.

»Lieber Klaus-Peter, ich brauche in drei Wochen ein Krippenspiel«, schreibt ein Studienfreund 1957. Seitdem ist das Thüringer Krippenspiel fester Bestandteil unzähliger Christvespern. »Kannst du nicht ein Lied mitbringen?«, heißt es zur Hochzeit eines Patenkindes 1989 in Eisenach. Am Vorabend geschrieben und hektografiert, wird das heutige Gesangbuchlied »Vertrau den neuen Wegen« ein Hit, weil es nicht nur dem Trautext entspricht, sondern dem Lebens- und Zeitgefühl dieses Wendejahres. Die Gebrauchstexte haben sich als brauchbar erwiesen, kommentiert Klaus-Peter Hertzsch bescheiden ihren überraschenden Erfolg.

Zu den Vorlesungen über Johannes Bobrowski oder Heinrich Böll, Christa Wolf, Bertolt Brecht oder Tschingis Aitmatow drängen sich auch Hörer anderer Fakultäten. Der schwer sehbehinderte Professor hat kein Manuskript und zitiert doch ­seitenweise auswendig und spricht druckreif. Klaus-Peter Hertzsch hat sich regelmäßig vorlesen lassen, vor allem von seiner Frau Sigrid, einer promovierten Germanistin, mit der er seit 52 Jahren verheiratet ist.

Klaus-Peter Hertzsch ist ein Mann des gesprochenen Wortes. Dabei kommt ihm sein Handikap zugute, das keine komplizierte Schriftsprache zulässt. Auch seine Bücher und Beiträge sind nicht an der Schreibmaschine entstanden, sondern wurden mitgeschnitten und dann zu Papier gebracht. Die Weihnachtsmeditationen zum Beispiel, die fast 30 Jahre lang in der Jenaer Friedenskirche gehalten und dann in »Glaube+Heimat« abgedruckt wurden. Im Ruhestand ist eine Reihe von Büchern erschienen: Nachdenken über den Fisch (1994), Sag meinen Kindern, dass sie weiterziehn (2002), Lass uns vorwärts in die Weite sehn (2004), Alle Jahre neu (2005), Chancen des Alters (2008).

Bis heute ist Klaus-Peter Hertzsch ein gefragter Referent und Autor. 2008 wurde ihm als Erstem die Martin-Luther-Medaille des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland verliehen. In der Lautdatio heißt es, er habe mit seinen Predigten und Bibelarbeiten, seinen Vorträgen und Vorlesungen, seinen Balladen, Gedichten und Liedern und nicht zuletzt durch seine Person Christen in Ost und West die Schönheit, Wahrheit und Klarheit des Evangelium erschlossen.

Christine Lässig

Abwarten allein reicht nicht

18. September 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen.
Psalm 37, Vers 5

Annette von Biela, Schulbeauftragte für den Bereich Magdeburg

Annette von Biela, Schulbeauftragte für den Bereich Magdeburg

Ein Mädchen, 12 Jahre alt, fährt allein mit dem Zug zu den Großeltern. Auf einem Unterwegsbahnhof macht sie die Augen auf, die sie beim ­Musikhören geschlossen hatte und sieht nur noch die zweite Hälfte des Ortsschildes.

»Oh, ich hab’s fast verpasst, schnell aussteigen!«

Als sie draußen steht, merkt sie, dass sie einige Stationen zu früh ausgestiegen ist, die Ortsnamen waren sich zu ähnlich. Was tun? »Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen.« Sich hinsetzen, auf Gott vertrauen und auf den nächsten Zug warten? Nur abwarten reicht nicht, weil die Großeltern sie schon erwarten. Über Telefon, zwei hilfsbereite Zugbegleiter, einen verständnisvollen Taxifahrer und praktisch veranlagte Großeltern haben sich alle drei, mit einiger Verspätung, wiedergefunden.

Enkelin und Großeltern waren aktiv und haben ihre Wege dem Herrn anbefohlen. Der eine Psalmvers, für sich allein gelesen, scheint eine Passivität nahezulegen. So verstehen viele Menschen die Bibel und die Kirche, gerade wenn sie beides eher vom Hörensagen als aus eigenem Erleben kennen.

Auf Gott zu vertrauen und selber aktiv werden scheint ein Widerspruch zu sein. Es ist aber keine Entweder-Oder-Entscheidung, sondern hier gilt: Das eine tun und das andere nicht lassen. In konkreten Situationen ergeben sich viele Dinge von allein. Was ist aber mit den großen Entscheidungen eines Lebens? »Befiehl dem Herrn deine Wege …« heißt auch, zu beten und auf den ­eigenen Wegen zusammen mit Gott unterwegs zu sein.

Seine Nähe bewahrt nicht vor Fehlentscheidungen. Aber ein Lebensweg mit ihm schenkt Geborgenheit und eröffnet Möglichkeiten. Gott lebt nicht unser Leben, diese Aufgabe überlässt er uns; im Großen und im Kleinen. Aber er ist für uns da. Dieses Grundvertrauen hatte auch meine Tochter, als sie falsch ausgestiegen war.

Annette von Biela

Drohende Abberufung ist vom Tisch

17. September 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

Giselher Quast bläst derzeit ein scharfer Wind ins Gesicht (Foto: Klaus-Peter Voigt)

Giselher Quast bläst derzeit ein scharfer Wind ins Gesicht (Foto: Klaus-Peter Voigt)

Magdeburger Domprediger Giselher Quast kann weiter am Dom bleiben.


Der Magdeburger Domprediger Giselher Quast bleibt weiter im Amt, wird aber seine bisherigen geschäftsführenden Aufgaben abgeben. Um die »schwierige Situation in der Domgemeinde zu entspannen«, werde der 59-jährige Theologe laut Beschluss des Landeskirchenamtes für die nächsten fünf Jahre eine neu einzurichtende landeskirchliche Pfarrstelle im Dom übernehmen, teilte die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland am 17. September in Magdeburg mit.

Mit der Entscheidung, die den Angaben zufolge »im Einvernehmen« getroffen wurde, ist die drohende Abberufung Quasts vom Tisch, über die seit Tagen aufgrund schwerer Konflikte mit der Gemeinde spekuliert worden war. Die mit den geschäftsführenden Aufgaben verbundene Pfarrstelle soll neu besetzt werden. Die zusätzliche Stelle für Quast wird von der Landeskirche finanziert. Die Probleme in der Domgemeinde seien damit nicht gelöst, vielmehr müssten sie in der kommenden Zeit »weiter bearbeitet« werden, so Personaldezernent Christian Frühwald..

Der Entscheidung des Kollegiums war ein seit Monaten schwelender Konflikt zwischen Quast und Teilen der Domgemeinde über inhaltliche Fragen vorausgegangen, der sich in jüngster Zeit noch verschärft hatte. Noch am Montag hatte es am Dom eine Demonstration für Quast gegeben.

»Ich kenne Giselher Quast seit seinem zehnten Lebensjahr«, sagte Rotraud Bense. Die frühere Leiterin der Domsingschule hatte ihn vor Jahrzehnten für den Magdeburger Domchor geworben. »Er hat noch sechs Jahre bis zum Ruhestand. Ich hoffe, dass er bis dahin an seinem geliebten Dom, in dem er aufgewachsen ist, bleiben darf.« Nicht nur ihre Worte für den bekannten Domprediger fanden den Beifall der rund 350 Zuhörer, die am Montagabend auf dem Domplatz protestierten.

Arbeiter und Biker, Gemeindenachwuchs, Professoren, Ruheständler, Umweltschützer und Weggefährten aus Wendezeiten sagten ihre Meinung ins Megafon: Giselher Quast (59) muss bleiben. Zur Demonstration aufgerufen hatte die Bürgerinitiative »Pro Elbe«, deren Schirmherr Quast ist. Angela Stephan von »Pro Elbe« betonte, dass er Engagement und Nächstenliebe nicht nur gepredigt, sondern vorgelebt und dadurch viele Menschen erreicht habe. »Seine Suspendierung wäre ein verheerendes Signal für die Öffentlichkeit.«

Am 8. September hatte die »Volksstimme« darüber berichtet, dass Domprediger Giselher Quast die Abberufung drohe. Das Kollegium der Landeskirche wollte am 14. September »ergebnisoffen« über einen lange im Verborgenen schwelenden »Konflikt« zwischen ihm und Teilen der Domgemeinde beraten.

Im März hatte es eine Visitation unter der Leitung von Propst Christoph Hackbeil gegeben. Wie Hackbeil sagt, habe sich seit dem Jahr 2009 ein »Problemstau« gebildet. Das Kollegium befasse sich mit dem Thema, weil Wege zu  einer Konfliktlösung zwischen Quast und der Domgemeinde nicht zum Erfolg geführt hätten. Personaldezernent Frühwald erklärte, die Probleme lägen in unterschiedlichen Auffassungen über die künftige Struktur und die Arbeitsschwerpunkte der Gemeinde, deren Pfarrer Quast seit 1979 ist. Zudem gebe es Auseinandersetzungen über Fragen des Leitungsverhaltens und der Amtsführung Giselher Quasts.

Am vergangenen Dienstag war dann bekanntgeworden, dass die Entscheidung über eine mögliche Abberufung auf den 17. September vertagt ist. Bis dahin sollte der Personaldezernent Gespräche mit dem Gemeindekirchenrat und dem Pfarrer führen.

(mkz/epd)

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