Bei Anruf Kirchenführung
3. September 2010 von redaktionguh
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Geschichtskreis und Marionettenbühne Wulkow/Wust halten sechs Kirchen offen.

Die um 1665 eingebaute Kassettendecke der um 1200 aus Backsteinen erbauten Kirche Wust im Elb-Havel-Winkel zeigt als zentrales Motiv die Heilige Dreifaltigkeit. (Foto: Kerstin Kinszorra)
»Dass dieses extrem seltene Schmuckstück ausgerechnet in der Dorfkirche Wust zu sehen ist, hängt zusammen mit Hans von Katte, einem frühen Vertreter der bekannten Wuster Familie aus dem 17. Jahrhundert«, erklärt Sabine Schönfeld. »Er und seine Frau beteten viele Jahre für einen männlichen Erben. Als dann der lange ersehnte Sohn geboren wurde, nahm man ihn als Gottesgeschenk an.« Aus Dankbarkeit habe die Familie für ihre Kirche gestiftet.
Die Geschichte der Kassettendecke ist eine von dreien, die sie und ihre 25 ehrenamtlichen Kolleginnen und Kollegen Besuchern in Wust erzählen. Natürlich spielen hier die Ereignisse um Hans Hermann von Katte und den preußischen Kronprinzen Friedrich eine weitere, große Rolle. Aber auch, wie zwischen 1978 und 1981 die Kirche durch Privatleute aus Wust und Umgebung vorm Verfall gerettet wurde.

Kirchenführerin Sabine Schönfeld (re.) und Pfarrer i.R. Karlheinz Stephan am Portal der Kirche in Wust (Foto: Kerstin Kinszorra)
»Die Touristen orientieren sich an den Sternen, weil sie denken, es ist ein Ranking wie bei Hotels«
Seitdem gibt es in Wust und den umliegenden Orten Menschen, die sich für die romanischen Dorfkirchen von Wust, Groß- und Kleinwulkow, Briest, Melkow und Sydow interessieren und sich zu Kirchenführern haben ausbilden lassen.
Weil die ehrenamtlichen Geschichtsexperten nicht rund um die Uhr in den Kirchen sitzen und auf Besucher warten können, gibt es für alle eine telefonische Rufbereitschaft: An den sechs Pforten hängt ein Schild mit der Telefonnummer des gerade diensthabenden Kirchenführers. Wer dort anruft, kann sich sicher sein, dass spätestens nach zehn Minuten einer kommt, das Gotteshaus aufsperrt und Erläuterungen dazu anbietet.
Doch seitdem das sachsen-anhaltische Wirtschaftsministerium vor drei Jahren beschlossen hatte, alle 80 Kirchen an der »Straße der Romanik« in Kategorien einzuteilen, haben die Kirchenführer des Geschichtskreises und der Marionettenbühne Wulkow/Wust (GuM) weniger zu tun. Denn Melkow und Wust haben als Dorfkirchen nur einen Stern erreicht und »die Touristen orientieren sich an den Sternen, weil sie denken, es ist ein Ranking wie bei Hotels – das beste Hotel hat die meisten Sterne, das schlechteste hat keine mehr«, so Karlheinz Stephan, Pfarrer im Ruhestand und Vorsitzender des GuM.
Vor der Kategorisierung haben die Mitglieder des GuM rund 8000 Besucher durch ihre Kirchen geführt. In diesem Jahr sind mindestens 40 Prozent weniger Besucher gekommen. Umso mehr Wert wird auf die Weiterbildung der Kirchenführer gelegt, die sich alle 14 Tage treffen.
Dazu Pfarrer Stephan: »Wir haben einen hohen Anspruch an unsere Führungen.« Ein Kloster Jerichow brauche sich keine Sorgen zu machen. Selbst wenn es dort mal eine schlechte Führung gäbe, würden die Besucher in Scharen kommen. »Wer hier auf den Dörfern einmal schlecht behandelt wurde, den sehen wir nie wieder.«
Und das wäre schade, bei all den Schätzen und Geschichten, die der GuM zeigen und erzählen kann.
Kerstin Kinszorra






