Verrannt

3. September 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Kommentar

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Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass der frühere Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin bewusst provoziert. Schon in der Vergangenheit gefiel sich der heutige Bundesbank-Vorstand in Ausfällen gegen Hartz-IV-Bezieher und Migranten. Doch mit den jetzigen Äußerungen im Umfeld der Präsentation seines Buches »Deutschland schafft sich ab« hat er eine Grenze überschritten. Spätestens mit der These von der genetischen Identität von Völkern (»Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen.«) ist klar, dass sich der ehemalige Politiker verrannt hat. Jetzt muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, er schrecke auch vor Rassismus nicht zurück.

Seinem Anliegen schadet er damit selbst am meisten. Denn natürlich muss man über die Probleme bei der Integration reden. Natürlich gibt es Zuwanderer, die dem Sozialstaat auf der Tasche liegen und in Parallelgesellschaften leben. Aber wer das ändern will, darf nicht jedes Gespräch von vornherein unmöglich machen.

Wer Muslime ziemlich pauschal als bildungsfern abstempelt, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Anfragen im allgemeinen Aufschrei untergehen. Wenn ihm wirklich an der Integration gelegen wäre, hätte er eine andere Form wählen müssen als die blanke Lust an der Provokation. Schließlich sollte es selbstverständlich sein, die Probleme so anzusprechen, dass am Ende nicht Fremdenfeindlichkeit mit rassistischem Unterton steht.

Mit dem christlichen Menschenbild sind die Thesen ohnehin nicht vereinbar. Wer Zuwanderer allein nach ihrem Nutzwert beurteilt, kann sich nicht auf die Bibel berufen.

Aber auch die Kirchen und Christen müssen den Streit als Anfrage an sich selbst verstehen. Sind ihre Türen wirklich offen für Fremde oder gibt es unterschwellig Vorbehalte?

Was können Gemeinden tun, um einer latenten Fremdenfeindlichkeit und der verbreiteten Angst vor dem Islam entgegenzuwirken? Hier besteht Handlungsbedarf. Denn die Gefahr geht nicht von einem Buch aus, das Vorbehalte untermauert, sondern von der schweigenden Zustimmung dazu.

Martin Hanusch

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Verrannt”
  1. wolf buchner sagt:

    Zu Sarrazin:
    Dass zwischen Angehörigen der gleichen Ethnie bzw.Volksstammes ( z.B. zwischen ethnischen Japanern, Basken oder Deutschen) eine größere genetische Identität besteht als zwischen Angehörigen verschiedener Ethnien, ist weder These noch rassistische Wahnvorstelung, sondern einfach eine empirische Tatsache.Auf dieser Tatsache beruht z.B.der Vaterschaftstest, mittels dessen eindeutig eine genetische Identität zwischen Vater und Kind nachgewiesen werden kann.- Und was in der Regel einen hohen familiären, aber auch emotionalen Beziehungswert nach sich zieht.Rassistisch wird die Feststellung genetischer Identität erst dann, wenn damit eine Wertung ausgesprochen wird, z.B. eine Aufwertung der eigenen Ethnie mit gleichzeitiger Abwertung der fremden Ethnie.Das hat Sarrazin nicht getan. Ohnehin bildet genetische Identität nur einen, wenngleich wichtigen Teilaspekt personaler Identität, und bildet gemeinsam und untrennbar mit sexueller, sowie mit sprachlicher, kultureller, beruflicher und religiöser Identität die multipolare,nicht selten heterogene Identität des modernen Menschen.Auch bleibt nach wie vor die Bestimmung der Kräfteverhältnisse zwischen diesen Teilidentitäten schwierig, wie die anhaltende Diskussion zwischen Humangenetik und Sozialpsychologie beweist.
    Was die Problematik der Einwanderung in alte, historisch gewachsene, bevölkerungsreiche und dichte Kulturräume betrifft: Nur selten geschieht die Einwanderung aus Liebe zum Gastland , sondern oft der Verdienstmöglichkeiten und in Aussicht gestellten Sozialleistungen wegen. Also des bloßen Nutzwertes wegen, der aus dem sogenannten Gastland gezogen werden kann. Das sollte auch gutgläubigen Christenmenschen zu denken geben. w.b.