Auch das Unvollkommene annehmen

4. September 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
Abgelegt unter Wort zur Woche

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Psalm 103, Vers 2

Pfarrerin Jutta Noetzel, Assistentin beim Kirchlichen Fernunterricht.

Pfarrerin Jutta Noetzel, Assistentin beim Kirchlichen Fernunterricht.

Mit diesem Psalmvers rahmte der Dichter Joachim Neander (1650–1680) das Lied, das ihn weltberühmt machte und das heute weltweit in unzähligen Gesangbüchern zu finden ist: »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren« (EG 317).

In unserer Familie ist es das Festlied an allen biografischen Schwellen. An Geburtstagen, zu Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten, auch Beerdigungen wird es gesungen. Es hebt mich empor wie kaum ein anderes. Manchmal aber schnürt es mir die Kehle zu, dass ich kaum weitersingen kann. Weil ich mich gerade nicht auf Adlerflügeln sicher geführt fühle. Oder jemanden krank sehe, der jetzt nicht empfindet, dass er so erhalten wird, wie es ihm selber gefällt. Auch die Ströme der Liebe spüre ich manchmal nur tröpfchenweise.

Dieses Lied aber stellt meine Sicht auf das Leben radikal infrage. Es legt mir eine Selbstaufforderung in den Mund: »Lobe den Herrn, meine Seele!« Es ruft mich, das alles zu finden, was mein Leben wertvoll und schön macht.

Dabei spricht es alle kritischen Punkte des gelingenden Lebens haarscharf an – das Gefühl von Liebe und Geborgenheit, Gesundheit, gesellschaftliches Ansehen. Es lässt mich auf das Unvollkommene und Unerfüllte blicken. Und dann fordert es mich selbst auf, in den großen Lobgesang einzustimmen, der den Schöpfer der Welt preist. »Seele, vergiss es ja nicht!« Mit allem, was in dir ist, lobe! Unausgesprochen – auch alles Unvollkommene, nimm es an … und lobe!

Ursprünglich gehörte die Melodie einem filigran gereimten Liebeslied. Sie bringt die Innigkeit und das Unbedingte einer Liebesbeziehung zum Klingen. »Vielleicht darf man sagen, dass Er, der über den Lobgesängen thront, die flüchtige Blume des Liebesliedes zu sich heraufgeholt und der singenden Gemeinde in den Mund gelegt hat, so dass sie nun fortblüht mit einem Glanz, den sie vorher nicht erreichen konnte.« (Johannes Kulp)

Jutta Noetzel

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