Wer baut, ist nie fertig

10. September 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Mitteldeutschland

Seit 1990 legten viele Kirchen im mitteldeutschen Raum ihr graues Kleid ab. Anlässlich des Denkmaltages bat »Glaube+Heimat« Kirchenoberbaurat Bernd Rüttinger, Leiter der Bauabteilung im Landeskirchenamt, um eine Bilanz.

Bernd Rüttinger, Leiter der Bauabteilung im Landeskirchenamt

Bernd Rüttinger, Leiter der Bauabteilung im Landeskirchenamt

Herr Rüttinger, in den letzten 20  Jahren ist in Mitteldeutschland so viel an Kirchen gebaut worden wie wohl nie zuvor. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Rüttinger: Es ist tatsächlich enorm viel gebaut worden in den vergangenen Jahren. Wir hatten einen riesigen Sanierungsstau, der selbst in 20 Jahren nicht aufgearbeitet werden konnte. Mit 3980 Kirchen ist die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zudem eine der kirchenreichsten Landeskirchen.

Darüber hinaus existiert ein Nord-Süd-Gefälle. In Thüringen fällt die Sanierungsbilanz besser aus als etwa in Sachsen-Anhalt.

Aber vom Verfall bedrohte Kirchen gibt es doch kaum noch. Ist in der EKM also baulich alles in Ordnung?
Rüttinger: Nein, in Ordnung ist es natürlich nicht. Wir haben noch 2,5 Prozent Kirchen, die nicht genutzt werden. Aber auch an anderer Stelle ist der Sanierungsbedarf weiterhin hoch. Wir rechnen insgesamt mit zwei Dritteln unserer Kirchen, an denen weiter gearbeitet werden müsste.

Erscheint es Ihnen vorstellbar, eine Kirche aufzugeben, wenn sie nicht mehr gebraucht wird?
Rüttinger: Es wird Kirchen geben, die nicht saniert werden, weil es keinen Sinn mehr macht. Ich schät­ze, dass dies derzeit etwa die Hälfte der nicht genutzten ­Kirchen betrifft. Wir werden den Gemeinden zwar empfehlen, die Gebäude zu verkaufen, doch in der Regel gibt es dafür keine Interessenten. Da stellt sich mancherorts zum Abriss keine Alternative. Das hat es übrigens immer in der Geschichte gegeben.

Heute kümmern sich verstärkt auch Kirchbauvereine um den Erhalt der Gebäude. Danach steht vielfach die Frage: Was soll mit den sanierten Kirchen passieren?
Rüttinger: Es ist tatsächlich erstaunlich, wie viele Vereine sich hier engagieren. Als wir zum Treffen der Kirchbauvereine eingeladen hatten, waren es 170 Vereine in Thüringen und 360 im nördlichen Bereich der EKM, die uns bekannt waren. Die Kirchbauvereine spielen auch bei der Frage der Nutzung eine große Rolle. Natürlich sind wir für eine Mehrfachnutzung und es gibt einige Beispiele, wo das bereits gut funktioniert. Aber hier liegt natürlich auch ein Konfliktpotential.

Experten empfehlen, Kirchengebäude nicht nur als religiöse, sondern auch als öffentliche Räume aufzufassen. Ist die Nutzung mit der Kommune ein Ausweg?
Rüttinger: In den kleinen Dörfern verfügen die politischen Gemeinden oft über keine eigenen Räume  und sind froh, die Kirche mit nutzen zu können. Ich denke beispielsweise an Rödigen bei Jena. In der kleinen Dorfkirche halten es Kirchengemeinde, Sportverein, Bürgerversammlung oder Familienfeiern seit 15 Jahren sehr gut miteinander aus. Oder Stedten bei Weimar, Rannstedt bei Apolda und die Neumarktkirche in Merseburg, wo neben der Gemeinde auch Pilger eine einfache Herberge finden.

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