Besser koordienieren

29. Oktober 2010 von redaktionguh  
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Der Kulturausschuss des Bundestages befasste sich Anfang Oktober mit der Lutherdekade. Patrick Kurth, FDP-Abgeordneter aus dem Kyffhäuserkreis, kritisierte die zu nationale Ausrichtung. Benjamin Lassiwe fragte nach.
 

patrick-kurthHerr Kurth, was erwarten Sie von der Lutherdekade?
Kurth: Ich würde mir einige unmittelbare und dringend nötige Schritte wünschen, um die Lutherdekade zu optimieren. Erstens ­bedarf es aus meiner Sicht einer verbesserten Koordination und Bündelung der einzelnen Akteure sowie deren Kompetenzen.
Zweitens müssen sich die Beteiligten breiter aufstellen, wobei die Aktivitäten Wittenbergs als Vorbild dienen sollten. Bisher weitgehend unberücksichtigt ist die weltumspannende Bedeutung und das damit verbundene touristische und wirtschaftliche Potenzial. Ich wünsche mir zudem, das Bewusstsein für das Jubiläum im Ausland zu stärken und die Öffentlichkeitsarbeit internationaler auszurichten.

Im Kulturausschuss haben Sie kritisiert, dass die Dekade zu akademisch und zu theologisch daherkomme. Was heißt das konkret?
Kurth: Das Thema Reformation ist aus wissenschaftlicher Sicht höchst bedeutsam und anspruchsvoll. Die theologische Bedeutung wird richtigerweise auf höchstem Niveau aufgearbeitet und präsentiert. Insgesamt fehlt aber eine ausreichende Berücksichtigung der wirtschaftlichen Aspekte und die enormen Chancen für die beteiligten Regionen. Es muss gerade auch um das Interesse von Personen und vor allem Jugendliche geworben werden, die bislang nicht tief in der Thematik verwurzelt sind.
Die Lutherdekade kann zudem für die Region als Signal der Einheit fungieren. Sie verbindet die drei Bundesländer Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Diese Verbundenheit gilt es, auch in Zukunft zu bewahren.

Wie steht die FDP zu den staatlichen Investitionen in die Dekade?
Kurth: Grundsätzlich begrüßt die FDP, dass die christlich-liberale Koalition es der Bundesregierung ermöglicht, nun in die Förderung von Projekten einzusteigen.
Natürlich darf es nicht bei dem Engagement des Bundes bleiben, vielmehr sind die beteiligten Länder, Kommunen und vor allem auch die Verbände, Kirchen sowie weitere beteiligte Institutionen und Personen gefordert, ihren Beitrag zum Gelingen der Lutherdekade zu leisten, nicht nur rein finanziell.

Welche Rolle soll Wittenberg in der Dekade spielen, und was erwarten Sie für die übrigen Lutherstätten?
Kurth: Die Lutherstadt Wittenberg ist ein herausragender Ort des Wirkens Martin Luthers. Augenscheinlich ist jedoch die Konzentration auf einen Ort nicht das Ergebnis einer entsprechenden Planung, sondern ist eher der Aktivität vor Ort zu verdanken. Eine solche aus Zufälligkeit und Sprunghaftigkeit entstehende Konzentration hilft nicht und ist Beleg für eine bisher mangelnde Gesamtkoordination.

»Königin mit Migrationshintergrund«

29. Oktober 2010 von redaktionguh  
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Der Direktor der sachsen-anhaltischen Dom- und Schlösserstiftung, Boje Schmuhl, begrüßte die im Magdeburger Dom zum Festakt versammelten Besucher – rechts von ihm stand der neue Metallsarg mit den Gebeinen der Königin Editha. Der Steinsarkophag im Chorumgang des Domes blieb nach der Wiederbeisetzung noch für zwei Stunden geöffnet. (Foto: Klaus-Peter Voigt)

Der Direktor der sachsen-anhaltischen Dom- und Schlösserstiftung, Boje Schmuhl, begrüßte die im Magdeburger Dom zum Festakt versammelten Besucher – rechts von ihm stand der neue Metallsarg mit den Gebeinen der Königin Editha. Der Steinsarkophag im Chorumgang des Domes blieb nach der Wiederbeisetzung noch für zwei Stunden geöffnet. (Foto: Klaus-Peter Voigt)


Edithas Überreste im Magdeburger Dom wieder beigesetzt.

Dass sich die britische Botschaft um in Deutschland lebende Landsleute kümmern müsse, sei normal. »Die konsularische Betreuung einer Frau aber, die vor über 1000 Jahren hier lebte, ist schon ungewöhnlich.« Mit diesen Worten begann der britische Botschafter in Deutschland, Andrew James Noble, am 22. Oktober im Magdeburger Dom sein Grußwort vor mehr als 400 geladenen Gästen. Anlass war die Wiederbeisetzung der sterblichen Überreste der Königin Editha (910–946), die seit 929 Gemahlin König Otto I. war. Sie entstammte dem angelsächsischen Königshaus Wessex.

Begraben im Magdeburger Mauritiuskloster wurde sie mehrfach umgebettet. Als bei Grabungen im Dom 2008 auch ein steinernes Grabdenkmal von 1510 untersucht wurde, fanden die Archäologen darin einen korrodierten Bleikasten. Die Aufschrift besagte, dass in dem brüchigen Behältnis die »geborgenen Reste« Edithas ruhten.

Das Denkmal, das lange Zeit für ein Scheingrab gehalten worden war, erwies sich als Sarkophag. Andrew James Noble betonte, dass mit dem Fund ein Fenster in vergangene Zeiten geöffnet worden sei. Die Naturwissenschaftler hätten den Briten die eigene Geschichte nähergebracht: Editha, Enkelin Alfreds des Großen, und ihr Gemahl Otto gehörten zu einem gemeinsamen Kulturraum.

»Ist dort, wo Editha draufsteht, auch wirklich Editha drin?« Diese Frage habe Wissenschaftler in 15 Instituten in den vergangenen zwei Jahren beschäftigt, sagte Landesarchäologe Harald Meller in seinem Festvortrag. Die Analysen der Knochen und Zähne habe ergeben, dass 1510 die Überreste einer Frau wiederbestattet wurden, die 30 bis 40 Jahre alt geworden und 1,57 Meter groß war, die sich »hochwertig« ernährte, oft zu Pferd unterwegs und die nicht chronisch krank war, sondern plötzlich, vermutlich an einer Infektion, verstarb. Die gut erhaltenen Zähne, deren Zusammensetzung in der Kindheit angelegt wird und die sich später nicht mehr ändert, habe ergeben, dass sie aus Wessex stammte. Die Ergebnisse passten zu Lebensumständen und Alter Edithas.

Im ökumenischen Gottesdienst im Anschluss sagte der katholische Bischof Gerhard Feige, dass die europäische Kultur »von Anfang an multiethnisch« gewesen sei. Einer Gesellschaft, die angesichts der Einwanderung von Millionen Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen »epochal herausgefordert« sei, stehe in Editha eine »Königin mit Migrationshintergrund« vor Augen. Im Gedächtnis geblieben seien ihre Frömmigkeit sowie ihre Wohltätigkeit gegenüber Armen und Kranken. Die Liturgie leitete Bischöfin Ilse Junkermann.

Am Ende der Feier blieb das Grabmal im Chorumgang zwei Stunden geöffnet. Magdeburger standen Schlange, um sich den Sarg Edithas, der nach einem Entwurf der Dresdner Bildhauerin Kornelia Thümmel aus Titan und Silber angefertigt worden war, anzusehen. Seit dem Abend versperrt die schwere Steinplatte mit der Reliefdarstellung der Königin dauerhaft den Blick darauf.

Angela Stoye

Spaß mit Zirkus »ZappZarap«

29. Oktober 2010 von redaktionguh  
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Südthüringer Kirchengemeinden luden Kinder zum Mitmach-Zirkus ein.

 Während der ­täglichen ­Manegeproben zeigten die ­jungen Hobby-Artisten im Alter zwischen fünf und 14 Jahren ­Kostproben von dem, was dann später die Eltern in Staunen ­versetzen sollte. (Foto: Annett Recknagel)

Während der ­täglichen ­Manegeproben zeigten die ­jungen Hobby-Artisten im Alter zwischen fünf und 14 Jahren ­Kostproben von dem, was dann später die Eltern in Staunen ­versetzen sollte. (Foto: Annett Recknagel)

Hepp – mit einem Satz springt die neunjährige Margarete auf den großen Plastikball. Pfarrerin Silke Sauer hält sie gut fest. Da oben sicher zu stehen ist nicht einfach. Jetzt bekommt das Mädchen einen Reifen.

Ein kurzer Wackler. Lächeln.

Reifen ab.

Hepp – die Übung ist beendet.

»Das macht schon Spaß«, sagt Margarete. Ein bisschen ist sie außer Puste. Aber das gehört dazu. Konzentration braucht man auch beim Diabolo. Ben ist in Zella-Mehlis zu Hause – beim Zirkus will er etwas lernen. Jede Menge neuer Freunde hat der Zehnjährige ebenso wie Bruno, Paul und Janek schon gefunden. Außerdem hat sich Ben in der Fakir-Gruppe eingeschrieben. »Das ist cool«, finden auch die Mädchen. »Da kann man Mut zeigen«, meinen Tabea und Luise. Gemeinsam mit insgesamt 100 Kindern aus dem Haseltal und der Dolmar­region standen sie in der vorigen ­Woche im Kinder-Mitmach-Zirkus »ZappZarap« im Rampenlicht.

Dabei interessierte nicht, ob man ein Rechenkünstler ist, gut schwimmen kann oder immer alle Wörter richtig schreibt. Im Zirkuszelt bestimmen Mut, Sich-Trauen und Spaß. Hier kommen auch solche Kinder zum Zug, die sonst in der zweiten Reihe stehen, sagt die Steinbach-Hallenbergerin Christa Usbeck. Sie ist eine von über 20 freiwilligen Helferinnen, die die Probenarbeiten für die große Aufführung vor der Elternschar unterstützt. Und Christa Usbeck bemerkt, wie diese Aufgabe den Kindern guttat, sie motivierte und als Team zusammenschweißte.

Genau das ist das Anliegen des Kinder-Mitmach-Zirkus aus Leverkusen. »Nicht trauen war gestern – Zirkus ist heute« steht es in Großbuch­staben auf den Wagen. Für das Projekt hat sich der Gemeindekirchenrat bereits vor längerer Zeit entschieden.

Pfarrerin Silke Sauer aus Viernau wollte damit ein sinnvolles Angebot für Kinder in den Ferien schaffen. Und traf prompt ins Schwarze. Rund um das Zelt und im Gemeindehaus herrschte während der Probenwoche buntes Treiben.

Die Tage begannen am Morgen mit einer Andacht in der Kirche und endeten am Nachmittag in der Manege, wo Einstudiertes begutachtet wurde. Mit großen Augen saßen die Kinder da. Die Stimmung war grandios. Es wurde geklatscht, gejubelt, getrampelt und gepfiffen.

Träger des Projektes ist die Kirchengemeinde Viernau – ohne die ­Finanzspritze der Landeskirche von 7.500 Euro wäre es aber nicht möglich gewesen. Außerdem freute sich Pfarrerin Sauer über die Unterstützung des Kirchenkreises Henneberger Land, des Dekanates Schmalkalden der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck sowie vieler Helfer und einheimischer Sponsoren. Sie alle können gewiss sein, mit ihrem Tun ein Strahlen in 100 Paar Kinderaugen gezaubert zu haben.

Annett Recknagel

»Sie gehören zu uns!«

29. Oktober 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

Pfarrerin Elisabeth Strube ist seit über einem Jahr als Seelsorgerin für gehörlose und schwerhörige Menschen da. Die Händepaare auf dem Bild im Hintergrund stehen für gehörlose Menschen, die sich unterhalten.  (Foto: Jürgen Meusel)

Pfarrerin Elisabeth Strube ist seit über einem Jahr als Seelsorgerin für gehörlose und schwerhörige Menschen da. Die Händepaare auf dem Bild im Hintergrund stehen für gehörlose Menschen, die sich unterhalten. (Foto: Jürgen Meusel)



 
Gehörlosen-Seelsorgerin Elisabeth Strube wirbt für »Inklusive Veranstaltungen«.

Der Reformationstag bringt für die Lutherstadt Wittenberg ein Novum. Zum ersten Mal übersetzt eine Gebärdendolmetscherin Liturgie und Predigt im Gottesdienst in der Stadtkirche Sankt Marien. Gehörlose Menschen aus der Region und auch eine Gruppe aus Halle werden ihn mitfeiern. Initiiert hat das Elisabeth Strube, die seit August 2009 Seelsorgerin für Gehörlose und schwerhörige Menschen in der mitteldeutschen Kirche ist.

Zuständig ist sie für die Kirchenkreise des Propstsprengels Stendal-Magdeburg und für den nördlichen Teil des Propstsprengels Halle-Wittenberg. Ihr Büro befindet sich in Halberstadt. »Inklusive Veranstaltungen« lautet das Konzept, welches die Pfarrerin seit Beginn ihres Dienstes in den Kirchenkreisen vorstellt. »Denn«, sagt sie, »Gehörlose und schwerhörige Menschen sind Gemeindeglieder einer hörenden Gemeinde, keine eigene ›Gehörlosengemeinde‹. Sie gehören zu uns!« Inklusive Gottesdienste gab es zum Beispiel beim Altmarkkirchentag in Tangermünde, beim Diakoniegottesdienst auf der Landesgartenschau in Aschersleben oder zur Eröffnung der Interkulturellen Woche in Burg.

Dass Elisabeth Strube, die von 1991 bis 2003 Pfarrerin im Kirchspiel am Hakel und danach Seelsorgerin in den Johanniter-Altenheimen Gardelegen und Stendal war, diese Aufgabe übernommen hat, liegt in ihrer Familie begründet. Weil ihr Vater sehr schwerhörig war, wurde sie schon früh mit Problemen der Menschen konfrontiert, die entweder von Geburt an taub oder stark schwerhörig sind oder die es im Lauf ihres Lebens werden. Später trat sie mit dem Gehörlosenseelsorger und Pfarrer Martin Kunze in Ditfurt in Kontakt. »Er war mein erster Lehrer«, erzählt die Pfarrerin. Ihre Kenntnisse der Gebärdensprache wird sie ab 2011 in einem berufsbegleitenden Masterstudiengang für Gebärdendolmetscher an der Hochschule Fresenius in Idstein im Taunus  erweitern.

Der Umgang Hörender mit schwerhörigen oder gehörlosen Menschen sei immer voller Spannungen gewesen, erzählt Pfarrerin Strube. In den so genannten Taubstummenschulen, die es ab dem 19. Jahrhundert gab, wurde großer Wert darauf gelegt, dass die Schüler das Ablesen von den Lippen und das Sprechen lernten. Sie mussten sich der Welt der Hörenden anpassen. Untereinander kommunizierten sie natürlich in ihrer Muttersprache – der Gebärdensprache. Für die Anerkennung ihrer Sprache haben sie mit Erfolg gekämpft. Die deutsche Gebärdensprache (DGS) besitzt eine eigene Syntax und Grammatik. Hörende müssen sie wirklich erlernen. Mit guter Gebärdenkenntnis kann man sich aber auch in LBG (lautsprachbegleitende Gebärde) verständigen.


»Schwer hörende Gemeindeglieder kommen nicht mehr: nicht in Gottesdienste, nicht in Bibelkreise«


Das gilt auch für die andere Gruppe von Menschen, für die Elisabeth Strube da sein will: die schwerhörigen Gemeindeglieder – eine Gruppe, die größer wird, auch wenn es kaum einer zu merken scheint. Denn viele von ihnen geben ihr Leiden nicht zu und ziehen sich zurück. »Diese Menschen kommen nicht mehr: nicht in Gottesdienste, nicht zu den Treffen der Frauenhilfe, nicht in Bibelkreise.« Hier brauche es mehr als Induktionsschleifen oder Mikrofone.

»Die Menschen haben es verdient, dass man auf sie zugeht.« In vier, fünf Jahren, hofft die Pfarrerin, sollte jeder Kirchenkreis soweit sein, zwei bis drei größere Veranstaltungen im Jahr mit Gebärdendolmetscher anzubieten und auch Geld dafür in den Haushalt einzustellen. Dann weiß sie auch, wo sich größere Gruppen von Menschen mit Hörschäden in den Kirchengemeiden sammeln – zu den bisher bestehenden – und zusätzliche Angebote nötig sind.

Wie viele es sein werden, die von Angeboten profitieren, ist schwer zu sagen. Denn die Zahl der als schwerbehindert anerkannten Hörgeschädigten sagt nichts über die tatsächliche Anzahl Betroffener aus. Die auf der Website des Deutschen Schwerhörigenbundes veröffentlichten Zahlen basieren auf einer Hörscreening-Studie aus dem Jahr 2001. Demnach liegt bei der deutschen Bevölkerung vom vollendeten 14. Lebensjahr aufwärts (rund 70 Millionen Menschen) bei etwa 19 Prozent eine Hörschädigung vor. Hochgradig schwerhörig sind rund 958.000 Menschen, an Taubheit grenzend schwerhörig rund 213.000. Der Schwerhörigenbund geht davon aus, dass viele Betroffene – aus Scham, aus Unkenntnis oder weil sie Nachteile am Arbeitsplatz fürchten – keinen Antrag auf einen Schwerbehindertenausweis stellen.

Wenn Elisabeth Stube mit gehörlosen oder schwerhörigen Menschen und deren Angehörigen Gottesdienste feiert, nimmt sie einen besonderen Aufsteller mit. Auf ihm sind unter anderem zwei Hände abgebildet, deren Daumen und Zeigefinger jeweils zu Ringen geschlossen sind, die ineinander greifen – in Gebärdensprache bedeutet dies Verbundenheit.

Angela Stoye

Kontakt unter Fax (0 39 41) 56 89 10 oder E-Mail elisabeth.strube@ekmd.de

Das Jubiläum als Chance

29. Oktober 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Thüringen (Archiv)

Blick auf den Eisenacher Lutherplatz mit Lutherhaus. In der Baulücke rechts wird nun der Erweiterungsbau  entstehen, in dem auch das Lutherhaus ein Domizil erhält. Hier sollen Funktionen realisiert werden, die das historische Gebäude nicht fassen kann. Mit dem Lutherhaus und dem Evangelischen Augustinerkloster zu Erfurt befinden sich zwei Luthergedenkstätten direkt im Besitz der mitteldeutschen Kirche. (Foto: Norman Meißner)

Blick auf den Eisenacher Lutherplatz mit Lutherhaus. In der Baulücke rechts wird nun der Erweiterungsbau entstehen, in dem auch das Lutherhaus ein Domizil erhält. Hier sollen Funktionen realisiert werden, die das historische Gebäude nicht fassen kann. Mit dem Lutherhaus und dem Evangelischen Augustinerkloster zu Erfurt befinden sich zwei Luthergedenkstätten direkt im Besitz der mitteldeutschen Kirche. (Foto: Norman Meißner)

 
 
Das Eisenacher Lutherhaus soll ein modernes Museum werden.
 

Luther auf der Wartburg, in die Übersetzung der Heiligen Schrift vertieft – dieses Bild bestimmt landläufig die Vorstellung vom Aufenthalt des Reformators in Eisenach. Luther als Schüler an der hiesigen Lateinschule St. Georgen und dort in der Kurrende mitsingend? Wer das Historiengemälde kennt, hat zumindest ein Bild vor Augen, wie es sich zwischen 1498 und 1501 zugetragen haben könnte, als der 14-jährige Luther von der Magdeburger Lateinschule nach Eisenach wechselte. Mit der Patrizierfamilie Cotta, die mit Luthers Mutter verwandt war, hatte er engen Kontakt.

Das stattliche Cottaische Renaissancehaus unweit der Georgenkirche überdauerte die Jahrhunderte. 1956 wurde es von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen erworben und als dauerhafte Luther- und Reformationsgedenkstätte eingerichtet. Seit 2006 fungiert der Wartburg Verlag als Betreiber. Von Anfang an versuchte das Lutherhaus, sich als ­authentischer Ort zu etablieren und ebenso wie die Wartburg ein Stück Reformationsgeschichte zu vermitteln. Die Ideen und Aktivitäten lassen das uralte Haus an die Grenzen seiner Belastbarkeit kommen. Die kleinen verwinkelten Räume entfalten zwar eine besondere Aura, doch zeitgemäße Ausstellungskonzepte und Besucheransprüche lassen sich allein in diesem Ambiente nicht realisieren.

Im Rahmen der Lutherdekade, jener langfristigen Vorbereitung des ­Reformationsjubiläums im Jahre 2017, ergab sich nun für das Lutherhaus in Eisenach die einmalige Chance, durch eine räumliche Erweiterung die bauliche Zwangsjacke abzustreifen, zumal sich für die direkt anschließende Brache in Günther Höpfner ein aufgeschlossener Investor fand. Er wird auf dem benachbarten Grundstück ein Wohn- und Geschäftshaus errichten, in dessen Erdgeschoss das Lutherhaus seinen Gästen zukünftig Komfort bieten kann: ein geräumiger Vortragssaal, Flächen für Sonderausstellungen, Museumsladen und Kaffeebar. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland erwirbt einen kleinen Teil des Grundstücks direkt am Lutherhaus, um den Altbau durch ein modernes Treppenhaus mit Fahrstuhl, Empfangsbereich, Garderoben und Sanitäranlagen zu ergänzen.

Das eigene Profil schärfen, mit interessanten Angeboten die Besucher hereinlocken und Themen im Haus verankern, die im Kontext der Reformations- und der Stadtgeschichte unterrepräsentiert sind – viel hat sich das Lutherhaus zukünftig vorgenommen. Im Mittelpunkt der neuen Dauerausstellung werde aber die Bibelübersetzung mit ihrer Vor- und Wirkungs­geschichte stehen, deren Eröffnung im »Jahr der Bibel 2015« geplant ist, informiert Barbara Harnisch, Geschäftsführerin des Wartburg Verlages. Zusammen mit Kirchenrat Torsten Bolduan zeichnet sie für das Vorhaben verantwortlich. Neben 600.000 Euro von der Landeskirche und Spenden des Fördervereins unterstützen das 2,4 Millionen-Projekt der Freistaat Thüringen und die Stadt Eisenach mit Mitteln der Städtebauförderung und des Denkmalschutzes.

Martina Berlich, Eisenachs Superintendentin und Vorsitzende des Kuratoriums Lutherhaus, ist gespannt auf die Realisierung der Aufgabe: Wie kann die Bibel aktuell den Menschen nahegebracht werden?

Uta Schäfer

Ausweg aus dem Perfektionswahn

29. Oktober 2010 von redaktionguh  
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Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen, denn du bist mein Gott; dein guter Geist führe mich auf ebner Bahn.
Psalm 143, Vers 10

Sebastian Zebe, Pfarrer in Eilenburg

Sebastian Zebe, Pfarrer in Eilenburg

Am 31. Oktober feiern wir Protestanten den Tag der Reformation. »Denn wir sind überzeugt, dass der Mensch gerecht wird ohne die Werke des Gesetzes, allein durch den Glauben.« Der Mensch wird gerecht ohne ständiges Beten und Fasten, ohne Pilgerfahrt nach Rom oder Santiago de Compostela. Vermutlich erscheint Ihnen dies alles mehr oder weniger gleichgültig.

Zwar pilgern oder fasten Menschen bis zum heutigen Tag, auch evangelische Kirchen pflegen ganz bewusst Spiritualität. Aber die wenigsten dieser »Frommen« wollen durch ihr Wandern oder Fasten Gott gnädig stimmen. Sie sehen sich auf dem Weg zu sich selbst, zu Gott, zu ihren Mitmenschen.

Luthers biblische Einsicht trifft uns an einer anderen Stelle: Wir wollen perfekt sein. Auf vielen von uns lastet ein ungeheurer Druck zur Vollkommenheit. Der Körper soll bis ins hohe Alter perfekt bleiben. Welche Qualen nehmen Menschen auf sich, bloß um schlank zu bleiben! Der Sache nach ähneln Diäten oder bestimmte Übungen in Fitness-Studios durchaus den Kasteiungen, die der junge Luther im Kloster gepflegt hat. Der Perfektionswahn lastet auf dem alltäglichen Leben. Gut organisiert und aufgeräumt müssen wir sein. Diese Illusion treibt uns dazu, wie Akrobaten auf einem Hochseil zu agieren.

Perfektion ist im heutigen Alltag vielfach unerreichbar. Wer’s dennoch versucht, erlebt Fehler als eigenes Versagen. Die Folgen sind bekannt: Angst, Depressionen und Schlaflosigkeit. An dieser Stelle hat der Glaube uns etwas zu sagen: Niemand von uns ist perfekt, so sehr sich jemand auch aufplustert. Das Lebensglück lässt sich nicht herbeizwingen.

»Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen, denn du bist mein Gott; dein guter Geist führe mich auf ebner Bahn.« Getragen vom Vertrauen auf den, der mit den Blumen auf dem Felde und den Vögeln unterm Himmel das Lebensglück beschrieb, wäre diese Lebenshaltung Reform.

Sebastian Zebe, Pfarrer in Eilenburg

Zielgerichtet

29. Oktober 2010 von redaktionguh  
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Angesichts dieses Traditionsabbruches wird es immer schwieriger, den Kindern und Jugendlichen überhaupt nahezubringen, was es mit der Reformation auf sich hat und wo deren Bedeutung liegt. Solange sie mit dem 31. Oktober eher das Gruselfest Halloween verbinden, bleibt hier noch viel zu tun. (Foto: Paul Bodea/SCX)

Angesichts dieses Traditionsabbruches wird es immer schwieriger, den Kindern und Jugendlichen überhaupt nahezubringen, was es mit der Reformation auf sich hat und wo deren Bedeutung liegt. Solange sie mit dem 31. Oktober eher das Gruselfest Halloween verbinden, bleibt hier noch viel zu tun. (Foto: Paul Bodea/SCX)

Dekaden hat es zuletzt einige gegeben, mit teils mäßigem Erfolg wie im Falle der Dekade zur Überwindung von Gewalt. Bei der Lutherdekade soll das nun anders werden. Hier erwarten die Kirchen eine deutlich größere Resonanz, auch weil das Vorhaben mit dem Reformationsjubiläum 2017 ein klares Ziel hat. Ein Selbstläufer ist die Lutherdekade indes nicht.

Derzeit geht es vor allem um bauliche Fragen und die touristische Vermarktung des Jubiläums. Die sind zweifellos auch wichtig, aber nicht allein ausschlaggebend. Was nützen sanierte Lutherstätten, wenn sich niemand mehr für den Reformator und die bleibende Bedeutung seiner Erkenntnisse interessiert?

Zu Recht mehren sich deshalb die Stimmen derer, die fordern, dass das Reformationsjubiläum und die vorangehende Lutherdekade mehr sein sollten als reine Geschichtspflege. Die Erinnerung an die Reformation müsse eine geistige und geistliche Bewegung sein, die Kultur und Gesellschaft erfasst, forderte jüngst die EKD-Kulturbeauftragte Petra Bahr. Denn die Freiheit des Gewissens und der Vorrang des Einzelnen seien keineswegs Themen von gestern.

Im Gegenteil.

Auch der Einspruch gegenüber einer Gesellschaft, in der das Geld dominiert, ist hochaktuell. Doch um diese Bedeutung hervorzuheben, bedarf es einer gemeinsamen Anstrengung aller. Die Lutherdekade ist eben nicht nur ­etwas für Spezialisten.

Die Herausforderungen liegen jedenfalls auf der Hand. Gerade im Stammland der Reformation steckt nicht nur die evangelische Kirche in einer schwierigen Situation. Wenn in Städten wie Halle oder Magdeburg die Zahl der Christen unter zehn Prozent gerutscht ist, müssten eigentlich alle Alarmglocken schrillen.

Angesichts dieses Traditionsabbruches wird es immer schwieriger, den Kindern und Jugendlichen überhaupt nahezubringen, was es mit der Reformation auf sich hat und wo deren Bedeutung liegt. Solange sie mit dem 31. Oktober eher das Gruselfest Halloween verbinden, bleibt hier noch viel zu tun.

Martin Hanusch

Ohne Druck von oben

29. Oktober 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Zwischenbilanz: Es sollte ein Aufbruchsignal sein, als die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) vor vier Jahren ihr Reformpapier »Kirche der Freiheit« veröffentlichte. Doch inzwischen ist es still geworden um den Zukunftsprozess.
 
Nur nicht wanken! Die Kirche braucht für ihre Zukunft stetige Reformation. (Foto: Jakob Kamender/Fotolia.com )

Nur nicht wanken! Die Kirche braucht für ihre Zukunft stetige Reformation. (Foto: Jakob Kamender/Fotolia.com)

Plötzlich redete die ganze Welt von Leuchttürmen und kirchlichen Strukturen. Als im Sommer 2006 das EKD-Reformpapier »Kirche der Freiheit« erschien, waren die Zeitungen voll davon.

Selbst große überregionale Blätter wie die FAZ oder die »Welt« beschäftigten sich
mit der Zukunftsfähigkeit von Kirche. Auch als sich Engagierte aus allen 22 Landeskirchen 2007 zu einem Zukunftskongress in Wittenberg und dann im Herbst 2009 zur Zukunftswerkstatt in Kassel trafen, war das Thema in aller Munde. Doch mittlerweile ist es ruhiger geworden um den EKD-Reformprozess.

»Wir haben schon viel geschafft«, sagt Oberkirchenrat Thies Gundlach, Leiter der Abteilung kirchliche Handlungsfelder im Kirchenamt der EKD. Drei bundesweite Zentren seien errichtet worden: für Predigtkultur, für Qualität im Gottesdienst und für Mission in der Region. Dort liefen seitdem Fortbildungen und Workshops für Interessierte aus den Landeskirchen. »Aber es ist wie beim Fußball – wir können nicht dauernd Pressing spielen«, sagt Gundlach. »Wir können als EKD keinen Druck auf die Gemeinden an der Basis machen. Das wäre fatal.« Die EKD könne Themen setzen und zum Beispiel sagen: »Die Qualität ist ein wichtiges Thema«. »Aber wir wollten mit dem Impulspapier zunächst einmal erreichen, dass die Menschen in den Gemeinden selbst überlegen: Was können wir denn tun«, sagt Gundlach.

Dabei helfen könnten dann die »Beispiele guter Praxis«, die die EKD etwa auf dem Internetportal »geistreich.de« zusammengefasst habe. Selbst will das Reformbüro als nächstes eine große Konferenz für Pröpste, Superintendenten und Dekane durchführen, die voraussichtlich 2013 stattfinden soll. »Wir wollen damit die mittlere kirchliche Leitungsebene ermutigen, weil wir denken, dass sie im Moment die schwerste Aufgabe hat und zwischen den Erwartungen der Gemeinden und der Landeskirchen zerrieben wird.«

Eine erfolgreiche Bilanz zieht auch der Leiter des Zentrums für Predigtkultur in Wittenberg, Alexander Deeg. »Wir haben die Pastoralkollegs, Predigerseminare und Gottesdienstinstitute der Landeskirchen sowie die ­Homiletik-Lehrstühle der Universitäten erfolgreich miteinander vernetzt«, sagt Deeg. In vielen Kirchenkreisen und Pfarrkonventen habe man bereits Fortbildungen zur Predigtkultur angeboten. Auch mehrere leitende Geistliche hätten sich bereits von den Experten in Wittenberg schulen lassen, sagt Deeg. »Wir können uns vor Anfragen kaum retten.«

Nur die eigenen Veranstaltungen in Wittenberg könnten besser besucht sein, findet der Leiter des Predigtzentrums. »Zu einer Tagung über die politische Predigt in der Gegenwart kamen gerade einmal 15 Teilnehmer.« Und die vom Zentrum veranstaltete »Woche der Predigtkultur« sei von lediglich 20 Personen besucht worden. »Wir werden in der EKD wahrgenommen – aber es ist wirklich schwer, Menschen zu Veranstaltungen nach Wittenberg zu locken.«

In den Landeskirchen äußert man sich zurückhaltender. »Für uns ist der EKD-Reformprozess im Moment keine wirklich entscheidende Fragestellung«, sagt der leitende Geistliche der kleinsten deutschen Landeskirche, Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig. Die vom Reformprozess aufgeworfenen Fragestellungen habe man beantwortet. »Aber wir profitieren von den Kompetenzzentren«, sagt Liebig. Im Zentrum für Predigtkultur in Wittenberg hätten schon eine ganze Reihe anhaltische Pfarrer Fortbildungen besucht. Für Theologen sei es nicht immer leicht, die eigene Predigtkultur einer kritischen Reflexion zu unterziehen. Dennoch sei das in der unmittelbaren Nachbarschaft gelegene EKD-Kompetenzzentrum für die anhaltische Kirche eine Bereicherung: »Daran haben wir Anteil und freuen uns darüber.«

Außerdem beschäftige sich die EKD zunehmend auch mit der Situation des ländlichen Raumes in der Kirche. »Da Anhalt eine überwiegend ländlich geprägte Kirche ist, nehmen wir das natürlich mit Interesse wahr«, sagt Joachim Liebig. »Wir sind gespannt, ob wir als Landeskirche an dieser Stelle neue Impulse erhalten können.«

Benjamin Lassiwe

Wie vor zwei Jahrhunderten

22. Oktober 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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In Eishausen wurde die Ankunft des »Dunkelgrafenpaares« nachgestaltet.

Es ist der 30. September, 18 Uhr. Die Glocken der Eishäuser Kirche ­läuten. Doch sie zeigen nicht den ­Feierabend an oder rufen zum Gottesdienst. Eine Kutsche mit einem ­geheimnisvollen Paar nähert sich von Hildburghausen kommend. – So oder so ähnlich soll es sich auf den Tag genau vor 200 Jahren abgespielt haben, als das geheimnisvolle Paar in ihrem zukünftigen Exil-Ort Eishausen einst eintraf. Und so gestalteten es Mitglieder vom Heimatverein und von der evangelischen Kirchengemeinde Eishausen, der kleinen Gemeinde vor den Toren der Kreisstadt Hildburghausen, noch einmal nach.

Die vom Heimatverein Eishausen gestaltete Zeremonie am 30. September 2010 war nicht nur der Ankunft des »Dunkelgrafenpaares« vor genau 200 Jahren ­geschuldet, sie war auch stimmungsvoller Auftakt einer Buchlesung. Clemens Richter stellte seinen Roman »Die Erbin der Dunkelgräfin« erstmals an authentischem Ort einem interessierten Publikum vor.  Foto: Wolfgang Swietek

Die vom Heimatverein Eishausen gestaltete Zeremonie am 30. September 2010 war nicht nur der Ankunft des »Dunkelgrafenpaares« vor genau 200 Jahren ­geschuldet, sie war auch stimmungsvoller Auftakt einer Buchlesung. Clemens Richter stellte seinen Roman »Die Erbin der Dunkelgräfin« erstmals an authentischem Ort einem interessierten Publikum vor. Foto: Wolfgang Swietek

Ob es nun so war oder anders, lässt Raum für Spekulationen. Richtig ist, dass die Mieter des Schlosses von Eishausen das besagte »Dunkelgrafenpaar« waren und 35 Jahre lang die Geschichte des Dorfes mitgeschrieben haben. Noch heute gibt es in Eishausen Familien, die aus den Erzäh­lungen ihrer Großeltern wissen, dass deren Groß- oder Urgroßeltern im Dienste des Paares standen. Die Geschichten haben die Eishäuser in ihrer Erinnerung wachgehalten.

Historiker aller Zeiten haben sich seither mit der Frage beschäftigt, ob jenes Paar nun legitime Nachfahren des französischen Königshauses waren oder nicht, und haben darüber viele Bücher geschrieben – ohne den letzten Schleier des Geheimnisses ­gelüftet zu haben. Auch wurden die Bemühungen um eine Öffnung der Gräber – der »Dunkelgraf« liegt in Eishausen begraben, das Grab der »Dunkelgräfin« befindet sich in Hildburghausen – zum Zwecke einer nachträglichen DNA-Bestimmung bisher erfolgreich abgewehrt.

Denn mit einem Geheimnis zu leben, auch wenn die Tatsachen eigentlich eine deutliche Sprache sprechen, ist den Verehrern des »Dunkelgrafenpaares« wichtig. Jedes neue Buch – und deren gibt es inzwischen viele – wird mit Spannung erwartet und stößt auf ­großes Interesse, nicht nur in der ­Kirchengemeinde ­Eishausen, sondern deutschlandweit und darüber hinaus. Vor allem natürlich auch in Frankreich.

Wolfgang Swietek

Glaskubus in Luthers Rücken

22. Oktober 2010 von Redaktion GLAUBE+HEIMAT  
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Bau für die Zukunft: Zwischen Lutherdenkmal und der evangelischen Kaufmannskirche zu Erfurt soll ein Glaskubus – im Modell weiß – als Wirtschaftsgebäude entstehen. Die »Kirche am Markt« will offen sein für Menschen unterschiedlicher Prägung. 	Modell und Foto: Architekturbüro Smits & Partner, Erfurt

Bau für die Zukunft: Zwischen Lutherdenkmal und der evangelischen Kaufmannskirche zu Erfurt soll ein Glaskubus – im Modell weiß – als Wirtschaftsgebäude entstehen. Die »Kirche am Markt« will offen sein für Menschen unterschiedlicher Prägung. Modell und Foto: Architekturbüro Smits & Partner, Erfurt


Markt, Geschichte und Zukunft zugewandt: Erfurter Kaufmannskirche schrieb Masterplan.

Stolz erhebt sie sich an der nördlichen Seite des Erfurter Angers, vielleicht sogar ein wenig trutzig. Immerhin ist sie das älteste Bauwerk am Platze: die Erfurter Kaufmannskirche. Luther bereits sah sie und predigte hier 1522. Die Eltern des großen Johann Sebastian Bachs traten in ebendieser Kirche 1668 vor den Traualtar. Jahrhunderte später war sie Schauplatz eines Gottesdienstes, der wegen des großen Andrangs gleich zweimal gehalten werden musste: Man schrieb den 7. Oktober 1989. Geschichte auf Schritt und Tritt. Und Zukunft? Wie ­eigentlich sieht so eine Kirche mitten in der Stadt im Jahr 2050 Jahren aus? Wozu wird sie dienen?

Nach der Sanierung vor fünf Jahren, erzählt der langjährige Kaufmannskirchen-Pfarrer Thomas M. Austel, stand die Frage, wie es weitergehen soll. »Zu vollgepackt« sei die Kirche heute, konstatiert der erst kürzlich in den Ruhstand verabschiedete Austel. Erstrebenswert wäre, »sakralen Raum in seiner Originalität« wiederzugewinnen. Was genau das bedeutet, beschreibt ein Masterplan mit dem ehrgeizigen Zielpunkt 2017. Vertreter aus Kirche und Verwaltung brachten ihn jetzt nach zweijährigen Beratungen gemeinsam mit dem Erfurter Architekturbüro Smits und Partner auf den Weg. Konkrete Vorhaben des anvisierten Sieben-Millionen-Projekts: Nachdem Wände und Fußboden saniert sind, sollen der wunderbare Holzaltar und die Kanzel mit ihrem mannigfaltigen Schnitzwerk restauriert werden. Die Orgel kehrt wieder zurück an ihren ursprüng­lichen Platz, die derzeitigen grauen Kirchenbänke weichen einer flexiblen Bestuhlung.

Differenziertes Echo
Als größten Eingriff aber empfinden sicher nicht nur die rund 2200 Gemeindeglieder den Rückbau der seit-
lichen Emporen. Vor 150 Jahren erst waren sie eingezogen worden, um des damaligen Besucheransturms Herr zu werden.
»Wir werden 2050 andere Menschen haben«, blickt Thomas M. Austel in die Zukunft. »Menschen in der Säkularisierung, die ihre Religion leben.« Für genau die wolle man die Kaufmannskirche öffnen. Immer schon war sie Gemeinde- wie auch Stadtkirche und hatte ergo »Aufgaben am Markte« wahrzunehmen. Hier treffen Kontraste aufeinander: Gläubige, Bildungsreisende und Alkoholiker, die sich rund um die Kirche treffen. Keiner solle vertrieben werden. Man wolle ein Gegengewicht zur »schicken Konsummeile« sein, so Austel. Von einem »differenzierten Echo in der Gemeinde« sprechen sowohl der derzeitige Vakanzvertreter, Johannes Haak, wie auch Ursula Bretschneider.

»Gerade die älteren Gemeindeglieder sind sehr mit ihrer Kirche verwachsen«, sagt die Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, »die können sich manches nicht vorstellen.« Andererseits freut nicht nur sie sich auf eine absehbar ganzjährige Nutzung des Gotteshauses. Für »sehr gewöhnungsbedürftig« hält sie allerdings, was der Masterplan auf der heutigen Wiese an der Südseite der Kirche vorsieht: Ein modernes rechteckiges Gebäude aus durchscheinendem Glas soll im Rücken des Lutherdenkmals als Wirtschaftsgebäude dienen. Lagerräume, Teeküche und sanitäre Anlagen quasi als hinterer Bühnenraum für kulturelle Höhepunkte im Gotteshaus nebenan.

Wie zügig das Entworfene umgesetzt werden kann, wird regelmäßigen Besuchern nicht verborgen bleiben. Denn die Kaufmannskirche will ihrer Rolle als »verlässlich geöffnete Kirche« treu bleiben: Auch während des Um- und Neubaus soll hier musiziert und gebetet, getauft, gesungen und getröstet werden.

Kathrin Schanze

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