Erster Neubau nach 800 Jahren

15. Oktober 2010 von redaktionguh  
Abgelegt unter Sachsen-Anhalt (Archiv)

Eigentlich sollte der Neubau schon im letzten Herbst eingeweiht werden. »Aber allein die Steinarbeiten am Porphyr haben vier Wochen gedauert«, sagt Architekt Reinhard Moczko. Am vergangenen Sonntag wirft die strahlende Herbstsonne ein warmes, mildes Licht auf den Petersberg nahe Halle, der seit alters her die Menschen anzieht. Und die Menschen kommen. Rund 50.000 Tagesbesucher jedes Jahr, dazu die Gäste, die für einige Tage Einkehr nehmen in den Räumen des evangelischen Klosters. Bruder Lukas, Prior des kleinen Männer-Konventes der Christusbruderschaft, ist nun froh und erleichtert, dass die Bauarbeiten weitgehend abgeschlossen sind: »Jetzt ist Erntezeit!«

Propst Martin Herche weihte den Neubau mit Gästezimmern, Seminarraum und Teeküche ein (Foto: Jan Möbius)

Propst Martin Herche weihte den Neubau mit Gästezimmern, Seminarraum und Teeküche ein (Foto: Jan Möbius)

Der Weg bis zur Einweihung durch Propst Martin Herche und rund 200 Gäste war mehr als steinig und schwer. Der harte Winter behinderte die Bauarbeiten, machte die Straße zeitweise unpassierbar, kalter Wind schob die Schneemassen meterhoch in den Rohbau. Archäologen entdeckten bis dahin unbekannte Klosterabschnitte und hatten über Monate den Vortritt.

Seit zehn Jahren sorgen vier Brüder wieder für klösterliches Leben in dem alten Augustiner-Chorherrenstift. Nach der Reformation dominierten Ruinen. Bis heute verleihen zerbrochene Porphyr-Mauern dem Ort eine besondere Aura. Die romanische Basilika wurde bereits im 19. Jahrhundert denkmalgerecht wieder aufgebaut. Die majestätische Kirche ist Grablege der Wettiner, jenes Grafengeschlechts von der Saale, welches das sächsische Königshaus gründete.

Mit der Einweihung am Sonntag wurde erstmals nach 800 Jahren wieder ein Neubau auf dem Berg in Besitz genommen. Sechs Gästezimmer bietet der flache und betont schlichte Bau, dazu einen Seminarraum und eine Teeküche. Zur Stiftskirche und zum alten Pfarrhaus, seit zehn Jahren Konvents- und Gästehaus in einem, öffnet sich der Neubau mit einer fast durchgehenden Glasfassade. Unter dem Innenhof, der im nächsten Jahr gepflastert und begrünt werden soll, verbirgt sich eine kleine Sensation. Im Zuge der Bauarbeiten wurde ein acht Meter langes Gewölbe entdeckt, das mal ein Raum der Stille werden könnte. Neubau und Gewölbe sind durch eine Treppe verbunden, die für Besucher allerdings noch gesperrt ist.

1,6 Millionen Euro wurden in zwei Jahren verbaut – deutlich mehr, als geplant. Die Evangelische Kirche Mitteldeutschland und das Land haben das Vorhaben unterstützt. Die kirchliche Stiftung Petersberg konnte den Neubau aber nicht wie geplant zu Ende finanzieren und musste Kredit aufnehmen. Jetzt hoffen die Brüder und die Stiftungsleitung auf weitere Spenden. Dabei stehen nicht nur Restarbeiten um den Neubau aus, sondern auch eine drängende Schwammsanierung am Längsschiff der Basilika.

Mit der Einweihung des Neubaus und dem Platzgewinn im Konventsgebäude verbinden die Brüder auf dem Petersberg auch die Hoffnung auf Nachwuchs in der Gemeinschaft. Bruder Lukas: »Wir haben im Augenblick drei feste Kandidaten, die sich bewerben und die wir ernst nehmen und auch ernst nehmen können.«

Frieder Weigmann

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